Frankreich am Abgrund

„Entweder stürzen wir das System oder das System wird uns vernichten.“

Im Gegensatz zu allem, was wir gehört haben, ist das Mysterium nicht, dass wir uns erheben, sondern dass wir es vorher nicht schon getan haben. Die Anomalie liegt nicht in dem, was wir jetzt tun, sondern in dem, was wir bisher ertragen haben.

Wer kann leugnen, dass das System in allen Bereichen gescheitert ist. Wer will noch immer geschröpft, ausgeraubt, in das Nichts der Prekarität verdammt vor sich hin leben? Wer will ernsthaft Tränen vergießen über die Tatsache, dass nun die Armen die schicken Viertel von Paris plündern oder dass die Bourgeoisie zusehen musste, wie ihre glänzenden neuen SUVs in Flammen aufgehen? Was Macron betrifft, so sollte er aufhören, sich zu beschweren, da er es doch war, der uns vorschlug, ihn aufzusuchen, wenn es Probleme gäbe. Ein Staat kann nicht behaupten, seine Legitimität aus der Leiche einer „glorreichen Revolution“ zu ziehen, nur um dann über den Vandalismus zu stöhnen, wenn eine Revolution anfängt…

Die Situation ist einfach: Die Menschen wollen den Sturz des Systems. Das System beabsichtigt, weiterzumachen. Damit wird die jetzige Situation als aufständisch definiert, was jetzt selbst die Polizei bestätigt. Die Menschen sind ihrer viele, sie haben Mut, Freude, Intelligenz und die notwendige Unbedarftheit, die eine solche Situation erfordert. Der Staat hat die Armee, die Polizei, die Medien, die List und die Angst der Bourgeoisie. Seit dem 17. November benutzen die Menschen zwei komplementäre Hebel: Die Blockade der Wirtschaft und den Angriff, der jeden Samstag gegen das Verwaltungszentrum von Paris durchgeführt wird.

Diese Hebel ergänzen sich, weil die Wirtschaft die Realität des Systems ist, während die Regierung die symbolische Repräsentanz darstellt. Um dieses System wirklich zu Fall zu bringen, müssen beide Elemente angegriffen werden. Dies gilt ebenso für Paris wie für den Rest des Landes: Eine lokale Präfektur anzuzünden und auf das Zentrum der Macht zu marschieren, sind im Prinzip die gleiche Geste.

Seit dem 17. November werden die Menschen jeden Samstag in Paris von demselben Ziel geradezu magisch angetrieben: Einem Marsch auf die innersten ‚Heiligtümer‘ der Regierung. Von Samstag zu Samstag besteht der Unterschied zum vorhergehenden Samstag darin, das die Bullenkräfte, die zur Verhinderung des Marsches eingesetzt werden, enorm aufgestockt werden und zum anderen in der Umsetzung der Erfahrungen aus dem Scheitern des vergangenen Samstags ans Ziel des Marsches zu gelangen.

Wenn es an diesem Samstag viel mehr Leute mit Gasbrillen und Gasmasken gab, dann lag das nicht daran, dass „Gruppen von organisierten Schlägern“ die Demo „infiltriert“ hätten, sondern einfach daran, das die Leute in den vergangenen Wochen so massiv mit Tränengas angegriffen worden waren, dass sie daraus die Schlussfolgerungen gezogen hatten, die jeder mit Verstand daraus gezogen hätte: Beim nächsten Mal besser ausgerüstet zu sein. Es geht jedenfalls schon lange nicht mehr um eine Demonstration, sondern um einen aufständischen Prozess.

Wenn Zehntausende von Menschen in die Pariser Region Tuileries-Saint Lazare-Étoile-Trocadéro einfielen, dann nicht wegen einer von bestimmten Gruppen beschlossenen Strategie der Einschüchterung, sondern wegen der kollektiven taktischen Intelligenz der Menschen angesichts des Polizeieinsatzes, der sie am Erreichen ihres Ziels hinderte.

Die „Ultra-Linken“ für diesen versuchten Aufstand verantwortlich zu machen, täuscht niemanden: Wenn die „Ultra-Linken“ in der Lage gewesen wären, Baumaschinen aufzutreiben, um die Polizeilinien zu durchbrechen oder Autobahnmautstellen zu zerstören, wüssten wir davon. Wenn sie so zahlreich, so sympathisch, so mutig gewesen wären, hätten wir davon gehört. Mit ihrem im Wesentlichen identitätsfixierten Politikverständnis wird diese „Ultra-Linke“ durch die Diffusität der Bewegung der Gilets Jaunes zutiefst in Verlegenheit gebracht. Die Wahrheit ist, dass sie nicht weiß, wie sie sich verhalten soll, dass sie eine kleinbürgerliche Angst in sich trägt, sich selbst zu kompromittieren, indem sie sich mit diesen Leuten einlässt, die sich ihrer Kategorisierung entziehen.

Und was die „Ultrarechten“ betrifft, so werden sie zwischen ihren vermeintlichen Mitteln und Zielen aufgerieben. Sie fördern die Unordnung, während sie gleichzeitig behaupten, die Ordnung aufrecht erhalten zu wollen, sie werfen Steine auf die französischen Bullen, während sie gleichzeitig ihre Liebe zur Polizei und zur Nation bekunden, sie wollen das Haupt des republikanischen Monarchen aus Liebe zu einem nicht existierenden König fällen. In all diesen Fragen werden wir den Innenminister seinem lächerlichen Geschwätz überlassen. Es sind nicht die Radikalen, die die Bewegung gestalten, es ist die Bewegung, die die Menschen radikalisiert. Wer könnte ernsthaft glauben, dass sie darüber nachdenken, den Ausnahmezustand gegen eine Handvoll Hooligans zu verhängen?

Diejenigen, die nur halbherzig Aufstände machen, schaufeln damit nur ihre eigenen Gräber. An dem Punkt, an dem wir uns heute befinden, stürzen wir angesichts des Levels an Repression entweder das System oder es wird uns zermalmen. Es wäre ein schwerwiegender Irrtum, die Bereitschaft dieser Regierung zur Radikalisierung zu unterschätzen. Jeder, der sich in den nächsten Tagen als Vermittler zwischen den Leuten und der Regierung präsentiert, wird in Stücke gerissen werden: Niemand will mehr vertreten sein, wir sind alle reif genug, um für uns selbst zu sprechen, um zu bemerken, wer uns nur zu beschwichtigen versucht um sich zu erholen. Und selbst wenn die Regierung von ihren Vorhaben abweicht, wird dies nur beweisen, dass wir das, was wir getan haben, richtig gemacht haben und dass unsere Methoden die Richtigen waren und sind.

Die nächste Woche wird daher entscheidend sein: Entweder schaffen es noch mehr von uns, die Wirtschaftsmaschine zu stoppen, indem sie Häfen, Raffinerien, Bahnhöfe, Verteilungszentren usw. blockieren, indem sie wirklich die inneren ‚Heiligtümer‘ der Regierung und auch ihre Regionalbüros am nächsten Samstag übernehmen, oder wir sind verloren. Am kommenden Samstag haben die geplanten Klimamärsche, die von dem Grundsatz ausgehen, dass diejenigen, die uns in diese Katastrophe geführt haben, uns nicht aus ihr wieder rausholen können, keinen Grund, nicht auf die Straße zu gehen. Wir sind eine Haaresbreite vom Zusammenbruch der Regierungsmaschinerie entfernt. Entweder gelingt es uns in den kommenden Monaten, den notwendigen Kurswechsel herbeizuführen, oder die kommende Apokalypse wird umso schwerwiegender daher kommen, in einer Intensität, die in den sozialen Medien bisher nur vage angedeutet wurde.

Die Frage ist daher: Was bedeutet es eigentlich, das System zu stürzen? Es ist klar, dass dies nicht die Wahl neuer Abgeordneter bedeuten kann, da das Scheitern des derzeitigen Regimes auch das Scheitern des repräsentativen Systems ist. Das System zu stürzen bedeutet, nach und nach auf allen lokalen Ebenen, den ganz materiellen und immateriellen Ausdruck dessen, was wir Leben nennen, in die eigenen Hände zu nehmen, denn die gegenwärtige Organisierung unseres Lebens ist die eigentliche Katastrophe.

Wir dürfen keine Angst vor dem Unbekannten haben. Noch niemals haben Millionen von Menschen einfach zugeschaut, wie sie selber verhungert sind. So wie wir alle in der Lage sind, uns horizontal zu organisieren, um Straßen zu blockieren, sind wir auch in der Lage, uns für eine vernünftigere Lebensweise zu organisieren. So wie der Aufstand lokal organisiert ist werden auch lokal die Lösungen gefunden werden. Die „nationale“ Ebene ist nur das Echo der lokalen Initiativen.

Wir haben es satt, jeden Cent zählen zu müssen. Die Regeln der Wirtschaft sind die Regeln des Elends, weil sie die Regeln der Kalkulation sind. Was an den Straßensperren, auf den Straßen und in allem, was wir in den letzten drei Wochen getan haben, so schön ist, ist die Art und Weise, wie wir es getan haben. Und das wir bereits gewonnen haben, da wir nicht mehr zählen, weil wir auf einander zählen. Wenn die Sache um die es geht, eine lokale Lösung ist, wird die Frage des rechtlichen Besitzes der Infrastruktur des Lebens zu einem Detail. Der Unterschied zwischen den Leuten und denen, die sie regieren, ist, dass die Leute keine Wichser sind.

Lundi Matin


Anmerkungen

Dies ist eine sinngemäße Übersetzung eines Artikels der nach den letzten Aktionen und Unruhen in Frankreich am 3. Dezember auf Lundi Matin (1) erschien. Die Übersetzung erfolgte aus der englischen Übersetzung, die auf Winter OAK (2) veröffentlicht wurde.

Sebastian Lotzer, 4. Dezember 2018

(1) https://lundi.am/Prochaine-station-destitution

(2) https://winteroak.org.uk/2018/12/03/france-on-the-brink-either-we-topple-the-system-or-it-will-crush-us/


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag wurde bei unserem Kooperationspartner untergrundblättle, einem Online-Magazin für kritischen Journalismus aus dem Großraum Zürich, veröffentlicht. Das untergrundblättle publiziert analytische und kontroverse Texte zu den Themenschwerpunkten Politik, Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie. Ein besonderes Augenmerk gilt dem kulturellen Teil. Der inhaltliche und redaktionelle Anspruch liegt unter anderem darin, Synergien innerhalb von linken Strömungen herzustellen. Zur besseren Lesbarkeit im Netz, haben wir einzelne Absätze hervorgehoben.


Symbolfoto: Willian West (Unsplash.com)


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  1. Sehr interessant! Danke für den informativen Beitrag! Die Franzosen bewegen sich wenigstens!👍

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  2. Es wäre wünschenswert, wenn die Bewegung einen Systemkollaps auslösen würde und nicht nur wieder eine gesteuerte Farbrevolution ist, die im Sande verlaufen soll.

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  3. danke für diesen emotional intelligenz-anregenden beitrag!!! möge er ansteckend sein und mut und kraft geben.

    und großen dank auch an die redaktion der „neuen debatte“: ihr habt eine wunderbare entwicklung genommen … in die beste der möglichen richtungen!!!

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