Die Welt als Poster. (Illustration: Geralt, Pixabay.com, Creative Commons CC0)
Wenn es in Zeiten der Globalisierung eine Personifizierung für die Privatisierung des Weltgeschehens gibt, dann ist es der US-Amerikaner George Soros.

Es gibt Zufälle, die sind gar keine. Sie sind Bestandteile einer klug ausgedachten und mit Umsicht ausgestalteten Strategie. Und es gibt Menschen, die verfügen über die Macht, Dritte so über sich schreiben zu lassen, wie sie sich selbst sehen.

Zufälle, die keine sind und Bezeichnungen, die nur dem Bezeichneten gefallen, solche Fälle hingegen gib es wiederum selten, weil wir eigentlich in Zeiten leben, in denen vieles öffentlich wird und die Öffentlichkeit selbst auch so manch lichten Moment genießt.

Das Phänomen, über das hier räsoniert wird, nennt sich George Soros. In den meisten Netz-Notizen ist hinter dem Namen noch zu lesen, dass es sich um einen US-Amerikaner mit ungarischen Wurzeln handelt und um einen überaus erfolgreichen Börsenspekulanten.

Manchmal steht auch noch da, dass Soros gegen ganze Nationen und ihre Währungen spekuliert und in einigen Fällen sogar schwächere Länder wirtschaftlich ruiniert hat. Er selbst ging immer mit Billionen Dollar schweren Gewinnen aus den Manövern. Ach ja, und zumeist ist noch zu lesen, dass dieser George Soros ein Philanthrop sei, einer, der die Menschen liebt.

Jenseits des unter sozialen Gesichtspunkten durchaus als pervers zu bezeichnenden Triebes, es an der Börse mit ganzen Volkswirtschaften zu treiben, glänzt Soros mit Aktivitäten seiner von ihm gegründeten und gelenkten Stiftungen. Das Interessante dabei ist, dass Soros immer dort aktiv wird, wo einst Samuel Huntington[1] in seinem heiß diskutierten Buch The Clash of Civilizations die Grenzen ausgemacht hatte, an denen unterschiedliche Zivilisationen aufeinanderprallen.

Das waren bis dato zumeist Länder in Osteuropa und auf dem Balkan, was nicht davon abhielt, auch einmal in Hongkong oder in der arabischen Welt tätig zu werden.

Und was macht das Netzwerk des Philanthropen? Es geht an die Börse und spekuliert mit den jeweiligen Landesanleihen, es kauft Zeitungen und Radiostationen und es gründet Schulen und Hochschulen. Es bedeutet, dass das Land auf die Bahn der Schuldknechtschaft gebracht werden soll, dass Meinungen gemacht werden für willfährige politische Alternativen und dass die Jugend des Landes im Sinne der wirtschaftsliberalen Doktrin des Stifters erzogen wird.

Und dass der einstige Ungar nun das Spiel im Land seiner Eltern wieder spielen wollte, ist nicht verwunderlich, aber genauso wenig dem Land Ungarn wie anderen Ländern zu wünschen. Nun wird die Universität, die er dort gegründet hat, geschlossen, weil Ungarn sich eine derartige Einmischung in die inneren Angelegenheiten verbittet. Dass ausgerechnet das im Westen, und ausgerechnet in der Bundesrepublik für Empörung sorgt, spricht für die eigene Krise.

Ausgerechnet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Mann, der mit dem Koalitionszwang die eigene politische Mutter verspeiste, ohne auch nur zu rülpsen, ausgerechnet dieser Präsident krakeelt nun seit einiger Zeit, mit den Sanktionen gegen die von Soros finanzierte Universität in Budapest sei die Freiheit der Wissenschaften und des Westens an sich bedroht.

Meint er es ernst, so ist er ein Scharlatan. Spielt er die Rolle nur, so ist er auch ein Scharlatan. Denn wenn es eine Personifizierung für die Privatisierung des Weltgeschehens in Zeiten der Globalisierung gibt, dann ist es George Soros.

Seine Figur symbolisiert wie kaum eine andere, dass die Finanzspekulation momentan über allen anderen Werten der Zivilisation steht. Und so schnell kann es gehen, da ist der verhasste Viktor Orban weitsichtiger als der Präsident der Werterepublik.


Quellen und Anmerkungen

[1] Samuel Phillips Huntington (1927-2008) war ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler. Er lehrte am John M. Olin Institute for Strategic Studies der Harvard-Universität in Cambridge und war Berater des US-Außenministeriums. In seinem 1996 veröffentlichten Buch The Clash of Civilizations (Kampf der Kulturen) wendet sich Huntington gegen die Vorstellung einer universellen Weltkultur. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges war diese Position ab Ende der 1980er vertreten worden. Huntingtons Thesen wurden 1993 in der Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik „Foreign Affairs“ des Council on Foreign Relations erstmals veröffentlicht. Huntington geht davon aus, dass es zu einer Verlagerung des Konfliktes zwischen Ideologien, welche die nationalstaatlich verfassten Bündnisse geprägt hätten, kommen wird. Diese würden zu einem Konflikt zwischen acht bis neun Zivilisationen (verstanden als globale Kulturräume) werden, weil diese bei der Eindämmung der westlichen Dominanz mit ihrer Geschichte, ihren Sprachen, ihren Wertvorstellungen und ihren Religionen die höchste sinnstiftende Einheit geworden seien. Insbesondere die Kulturräume der Hindu, Sini und des Islam seien aufstrebend. Die Geopolitik würde dadurch multipolar und eine Herausforderung für die westliche Zivilisation, da diese zu lange die Auffassung vertreten habe, die ökonomische Modernisierung führe zum Durchbruch westlicher Werte. Huntington fordert aus diesem Grund eine Geopolitik der Macht und die Stärkung der westlichen Identität nach außen und innen. Mehr Informationen auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Phillips_Huntington (abgerufen am 12.12.2018).  


Illustration: Geralt (Pixabay.com, Creative Commons CC0).

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Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.