Frau im Spiegel. (Foto: Jayson Hinrichsen, Unsplash.com)
In dieser Kurzgeschichte stecken Fantasie und Hollywood. Es geht um Kaninchen, ein Grabtuch und einen prominenten Untoten.

Als die Mutter in die Küche kam, schrieb ihre Tochter Ira mit soviel Begeisterung und Konzentration in ihr Heft, dass sie die Mutter zuerst gar nicht bemerkte. Die Mutter lächelte.
Ihre Tochter Ira ging in die fünfte Klasse. Sie hatte sich für die Hausarbeiten in die Küche gesetzt.
Die Mutter machte sich bemerkbar. „Hallo, mein Schatz.“ Dann sah sie Ira über die Schulter. „Na, was habt Ihr aufbekommen? Du bist ja fleißig.“

Ira hob den Kopf. „Hallo Mama, wir sollen die Geschichte von diesem Adligen, der angeblich aus dem Grab zurückgekommen ist, in eine eigene Geschichte umschreiben.“
Die Mutter war etwas verwundert. „Was für ein Adliger?“
Ira hatte sich schon wieder über ihr Heft gebeugt. „Na dieser Dingsda von Nazareth.“
Die Mutter musste leicht lächeln. „Der war nicht adlig. Der wurde nur so genannt, weil der in Nazareth geboren wurde.
Du meinst Jesus von Nazareth?“
Ihre Tochter nickte.
Die Mutter packte die Einkäufe aus. „Und, was schreibst Du?“

„Na ja, Tote stehen nicht wieder auf. Also war das sicher ein Kriminalfall, eine Verschwörung.
Und in die werden drei Kinder, Uri, Maja und Lars verwickelt und ihr Kaninchen. Und die lösen das dann.“
Die Mutter vergaß für den Moment die Einkäufe. „Ein Kaninchen?“
„Ja, wie bei den fünf Freunden der Hund. Das Kaninchen heißt Ari und hilft Uri, Maja und Lars, wenn sie in Schwierigkeiten sind.“
Die Mutter wiederholte verwirrt. „Das Kaninchen?“
„Ja, das kann Kung Fu. Und als die drei Kinder die Leiche dieses von Nazareth in der Kanalisation entdecken, es gibt da nämlich einen Geheimgang in der Grabkammer, rettet das Kaninchen die Kinder in letzter Minute vor den Verschwörern. Die haben die Leiche da versteckt, um sich an Stelle dieses von Nazareth zu setzen.
Die Ratten fressen schon an der Leiche und es ist alles ganz schrecklich, aber …“

Die Mutter legte ihrer Tochter die Hand auf die Schulter. „Ich glaube Eure Lehrerin hat das anders gemeint.“ Sie dachte an ihr letztes Gespräch mit Frau Dunker, der Religionslehrerin – ‚Ihre Tochter ist intelligent, aber eine religiöse Erziehung hat sie nicht bekommen.‘ – ‚Ich bin Agnostikerin.‘ – ‚Ach so.‘ – Ihre Tochter wollte aber gerade deshalb zum Religionsunterricht.
Sie strich ihrer Tochter über den Kopf. „Hast Du noch andere Ideen?“

Ira zuckte mit den Schultern. „Schon, zuerst wollte ich eine Gruselgeschichte daraus machen. Dann hätte ich auch schon einen Titel – Die Jesusmumie kehrt zurück -.
Das hört sich doch gut an?
Ich war mir nur nicht sicher, ob dieser von Nazareth als Mumie beerdigt wurde.“

Die Mutter sah vor ihren Augen schon das zusammengezogene Gesicht von Frau Dunker, dass sie bei einem solchen Text aufsetzen würde – als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
Sie umarmte ihre Tochter. „Ach, weißt Du, dieser Jesus hatte doch besondere Fähigkeiten und hat gegen das Böse gekämpft.
Nimm doch das als Grundlage.“

Ira dachte einen Augenblick nach. Dann blickte sie zu ihrer Mutter. „Vielleicht eine Kampfszene in der Grabgrotte zwischen Jesus und dem teuflischen Bösen?
Das Böse hat sich mit in der Grotte einschließen lassen, weil es weiß, dass Jesus noch lebt, um ihn endgültig zu töten. Und es greift Jesus mit seinen teuflischen magischen Fähigkeiten an, aber Jesus wehrt sich mit seinem magischem Grabtuch, das die bösen Kräfte ablenkt.
Und dann kommt es zu einer Explosion, das Böse wird in Stücke gerissen und der Stein vor der Grotte wird weggesprengt.“
Die Mutter setzte sich seufzend an den Küchentisch. „Aber davon stand nichts in der ursprünglichen Geschichte?“
Ira sah sie beleidigt an. „Aber den Kampf hat ja auch niemand gesehen, das war ja, als die Grotte zu war. Da waren doch mehrere Stunden Zeit, in denen niemand in der Grotte war.
Und wir sollten doch unsere Phantasie benutzen.“

Die Mutter lächelte vorsichtig ihre Tochter an. Wieder erschien ihr der zusammengezogene Mund von Frau Dunker vor Augen. „Weißt Du, ich glaube so ganz ist das trotzdem immer noch nicht das, was Eure Lehrerin erwartet.
Könntest Du Dich nicht zumindest für den Anfang Deiner Geschichte enger an die ursprüngliche Version der Geschichte halten?“
Ira strich genervt den Text im Heft durch. „Na gut.“

Nach einer Weile gab sie ihrer Mutter die neue Geschichte. „Ich habe jetzt den Anfang so übernommen, wie ihn uns die Lehrerin erzählt hat.
Dieser Jesus von Nazareth kommt aus der Grotte und erst mal halten ihn alle für lebendig. Sie bemerken nicht, dass sie es mit einem Untoten zu tun haben, einem Zombie, und essen mit ihm zusammen.
Erst als Jesus Maria Magdalena beißt, begreifen die Jünger ihren Fehler. Aber da ist es schon zu spät. Maria Magdalena verwandelt sich auch in einen Zombie und beißt die Jünger. Und die werden dann auch zu Zombies, und dann …“

Iras Mutter sah immer noch Frau Dunkers gesäuerten Blick. Sie hatte irgendwie den Eindruck, dass das immer noch nicht das war, was die Lehrerin von ihrer Tochter erwartete.

Aber sie freute sich über die Phantasie ihrer Tochter.

FIN


Foto: Jayson Hinrichsen (Unsplash.com).

Yuriko Yushimata Foto SW Foto Tianshu Liu, Unsplash.com

Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach nur witzig. Sie befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche (www.irrliche.org). Spiegelung und Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!