Vor der Schmerzgrenze

Eine Treppe in Pink. (Foto: Max Ostrozhinskiy, Unsplash.com)

Seit Wochen warte ich darauf, dass meine Palme gegen die Zimmerdecke stößt. Es ist acht Jahre her, dass ein Freund sie mir zum Geschenk gemacht hatte. Damals war sie gerade fünfzig Zentimeter hoch.

Obwohl ich von Pflanzenpflege keine Ahnung habe, gedieh sie zu jenem Prachtexemplar, das meine Besucher immer wieder in Erstaunen versetzt. Niemand mag glauben, dass dies ausschließlich mit verkalktem Leitungswasser möglich war.

Ganze zwei Mal habe ich bisher die Erde gewechselt und die Lichtverhältnisse in einer Hamburger Mietwohnung dürften auch nicht nach dem Geschmack einer Tropenpflanze sein.

Oft werde ich gefragt, wie häufig ich die Palme gieße. Ich antworte: je nach Gefühl. Es ist in der Tat so, dass ich keinen Gießplan für meine Pflanzen habe, die unter der Schirmherrschaft der Yucca alle prächtig gedeihen. Ich mache mir noch nicht einmal Gedanken über die Pflege. Ich weiß, wann sie Wasser brauchen, ich folge einfach ihrem Ruf.

Unsere Kommunikation ist aber nicht aufs »Essenfassen« beschränkt. Wenn ich mit einer Idee schwanger gehe, die es zu formulieren gilt, wenn ich dabei bis in die letzten Winkel meiner Wohnung laufe, um meinen Kopf zu kühlen, dann ertappe ich mich gelegentlich dabei, wie ich eine Pflanze berühre, ihre Blätter auf Schadstellen untersuche, ihr den Staub abwische, sie ins rechte Licht rücke.

Die Pflege meiner Pflanzen geschieht unbewusst, ohne dass ich dabei nachlässig wäre. Im Gegenteil: In diesen meditativen Augenblicken bin ich ihnen sehr nah.

Ich erkenne ihre Bedürfnisse und gehe auf sie ein. Als Dank saugen sie jeden gedanklichen Ballast aus mir, sodass ich mit einem klaren Ergebnis an die Schreibmaschine zurückkehre. Ich benutze keine Worte, wenn ich mit ihnen spreche, ich richte nicht einmal formulierte Gedanken an sie. Unser Verständnis funktioniert auf einer anderen Ebene, es liegt jenseits aller Missverständnisse.

Ich vertraue den Pflanzen. Sie richten sich ausschließlich nach dem Licht, dem inneren wie dem äußeren. Ich spüre ihre Seele. Nur die Felsen wissen mehr als sie. Seit Wochen warte ich darauf, dass meine Palme an die Zimmerdecke stößt. Sie tut es nicht, sie hat aufgehört zu wachsen.

Einen Zentimeter vor der Schmerzgrenze.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Dirk C. Fleck ist einer von 258 Gedanken aus seinem Buch “La Triviata – Der Duft der Achtziger”. Er schrieb sie vor 33 Jahren auf und veröffentlichte sie erst 2018 im Verlag p.machinery. Mehr Informationen zum Buch und über den Autor gibt es auf der Webseite von Dirk C. Fleck.


Foto: Max Ostrozhinskiy (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).