Mann schaut vom Hochhaus. (Foto: Nathan Dumlao, Unsplash.com)
Brauchen die Menschen einen Gott, ein Jenseits, um die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten?

Ich will versuchen, die Frage nach dem Sinn des Lebens ohne Verweis auf etwas zu beantworten, woran man glauben muss. Das könnte Auseinandersetzungen zwischen Religionen ihre Schärfe nehmen. Das könnte aber auch Menschen ansprechen, die mangels klarer Weltanschauung meinen, sie könnten ohne eine solche ohnehin besser leben.

Meistens versteht man unter Sinn die Richtung, in die das Leben, das Ganze laufen soll. Kleine Dinge, kleine Handlungen haben natürlich auch mehr oder weniger Sinn. Der bezieht sich aber letztlich auch aufs Ganze.

Wir müssen unsere Handlungen, unser Wirken aufeinander beziehen, damit sie nicht an einem Tag etwas aufbauen und am anderen Tag zerstören.

Die Richtung unseres Wirkens kann auch als Wert oder als Ansammlung von Werten bezeichnet werden. Werte wählen wir mit versuchter Aussicht auf den weiteren Verlauf der Ereignisse, die wir beeinflussen oder mitbeeinflussen möchten.

Entspannung oder Sackgassen

Am wenigsten Sinn haben Sackgassen. Man kennt es von Süchten oder von Anstrengungen in eine Richtung, in der der Misserfolg – aus der Distanz betrachtet – vorprogrammiert ist. Bei letzterem kann man allerdings nie wissen, ob nicht doch irgendetwas daraus genutzt werden kann.

Sinnvoll ist natürlich auch Ausruhen, Entspannung. In ihr sammeln wir Kräfte, machen uns wieder frei von Fixierungen. Doch wenn die Entspannungen nur zum Zeitvertreib da sind, grenzen sie an Sackgassen, schwächen eher, hindern an sinnvollen Tätigkeiten.

Sinnvolles führt ins Offene

Sinnvolles bereichert. Bereichert unsere Fähigkeiten, unsere Beziehungen zu anderen Menschen, unseren Horizont. Sinnvolles führt ins Offene. Ins offene Leben, in die Erweiterung, ins Einbeziehen von weiteren Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Offenes hat kein Ende, ist also unendlich.

Wenn wir sinnvoll gestalten, werden wir nicht nur von Zwängen getrieben. Zwänge gibt es genug. Man muss zu essen und ein Dach über dem Kopf haben. Man muss sich Regeln der Gesellschaft unterwerfen. Doch auch da kann man gestalten, statt sich nur treiben und zwingen zu lassen.

Offenheit blickt immer wieder voraus, versucht die Möglichkeiten des Gestaltens zu erfassen oder neue zu entdecken. Offenheit versucht immer das Ganze ins Auge zu fassen, nicht nur den Erfolg oder die Entwicklungsmöglichkeit in einem Feld oder bei einem Menschen. Offenheit eröffnet für die Zukunft wenigstens eine, oft auch viele Möglichkeiten des Gestaltens. Offenheit geht also in räumliche und zeitliche Unendlichkeit. Offenheit ist damit etwa unverträglich mit Egoismus. Denn der einzelne Mensch hat ein Ende. Diesseits betrachtet natürlich. Offenheit ist auch unverträglich mit Gruppen-Egoismus, also ein Leben auf Kosten der Außenstehenden.

Wenn man stehen bleibt, kann das zum Abwägen gut sein. Wenn man aber glaubt, nun sei doch alles gut, verkennt man den Verlauf, in dem wir uns bewegen müssen. Man bleibt zurück oder wird von den Entwicklungen getreten.

Am besten ist ein Hin und Her zwischen Ausruhen und Ausgreifen. Wie es uns schon die Biologie vorgibt: Schlaf und Tätigsein.

Ich sehe drei Möglichkeiten der Unendlichkeit. Die der Bedeutung, die der Weitergabe und die der Liebe.

Unendlichkeit in Tiefe und Bedeutung

Unsere individuellen und gesellschaftlichen Entdeckungen können die Bedeutungen und die Gestaltbarkeiten der Welt ständig erweitern. Wissenschaftliche Entdeckungen und ihre technischen Umsetzungen zeigen das offensichtlich. Doch schon der kleine Mensch erweitert seine Sicht und das, was er mit der Welt anfangen kann, ständig. Und wenn wir wollen, brauchen wir nie aufhören zu entdecken. Das Entdeckte kann aber auch zu verbesserten Rücksichtnahmen führen. Wir sehen und ahnen also nicht nur immer mehr, sondern können immer mehr berücksichtigen, wenn wir gestalten und in die Welt eingreifen.

Blinder Fleck. (Grafik: Gerhard Kugler)
Grafik 1: Unendlichkeit in der Tiefe.

Erläuterung zur Grafik: Seine Mitte der Welt sieht der Betrachtende dicht und intensiv, das wird nach außen dünner, bis es nur noch vereinzelte Punkte sind. Ein Teil ist zudem verdeckt, weil er dort einen blinden Fleck hat, er diese Sicht meidet.

Die Tiefe des Entdeckens scheint für die Menschheit und die einzelnen Menschen nie aufzuhören, wenn sie die Möglichkeiten nutzt. Die Welt wird also nie ganz erkannt, auch wenn es das Wort „ganz“ und „alles“ oder das „All“ gibt. Wer als einzelner Mensch sein Leben lang (geistig) wächst, gewinnt immer noch Tiefe im Begreifen hinzu.

Unendlichkeit in der Weitergabe

Eine weitere Unendlichkeit (oder Offenheit) gibt es im Weitergeben. Menschen bekommen von ihren Eltern und Vorfahren. Sie bekommen eine ganze Kultur, die sie bereits vorfinden. Sie stehen in einer kulturellen Evolution. Sinnvoll nutzbar ist sie letztlich nur gemeinsam. Man hat sie ja auch von unzähligen Vorfahren bekommen. Da wir nur eine endliche Zeit leben, liegt es nahe, sie weiterzugeben.

Wir geben weiter, was andere von uns abschauen können, was wir sprachlich vermitteln. Unsere Werkzeuge, die wir verfeinern. Aber auch unsere Art, unsere Emotionen, einfach alle Wirkungen, die wir erzeugen können. Das ist unsere Seele. Sie überlebt in den anderen. In ihren bewussten und unterschwelligen Erinnerungen. Mit unserem Namen verknüpft oder nicht. In diesem Sinne sind wir ewig, unendlich, auch wenn unser Körper irgendwann tot ist.

Wenn wir in unserem Leben kooperieren, zusammenwirken, sind wir meistens wirksamer. Und gerade das Zusammenwirken gibt auch am effektivsten weiter.

Weitergabe. (Grafik: Gerhard Kugler)
Grafik 2: Unendlichkeit in der Weitergabe.

In der dritten Art von Offenheit steigert sich das dann.

Unendlichkeit in der Liebe

Wir kooperieren nicht nur, sondern nutzen unsere Fähigkeit, sich in den anderen zu versetzen. Wenn zwei oder mehr Menschen das gegenseitig tun, können sie ganz Besonderes erzeugen oder bewirken, was ein Einzelner nie könnte. Versetzung in die Perspektive (Sichtweise) anderer ermöglicht mehr Erkenntnis und mehr Wirken, also Zusammenwirken. Im zeitlichen Verlauf bilden sich Verbindungen zwischen Menschen, die sich aufeinander einspielen. Unsere gegenseitigen Verbindungen sind verschieden dicht und dauerhaft. Ihre Steigerung ist die Liebe.

Liebe. (Grafik: Gerhard Kugler)
Grafik 3: Unendlichkeit zwischen Menschen.

In die Liebe bringen wir nicht nur unsere Fähigkeiten ein, unsere Verlässlichkeit, sondern auch unsere Gefühle, unsere Sorge für den ganzen Anderen. Liebe kann verschieden eng und dauerhaft sein. Sie versucht aber immer die Ganzheit des anderen zu berücksichtigen. Und natürlich in die Tat umzusetzen.

Liebe kann durchaus Grenzen respektieren, auch die Schwächen und Grenzen des anderen. Und sie ist trotzdem unendlich in der Berücksichtigung, wenn sie beantwortet wird, also gegenseitig ist.

Wenn wir Werte teilen, können wir zusammenwirken.

„Gott“

Was man traditionell als „Gott“ zu einem Wesen gemacht hat, ist die Richtung unseres Zusammenwirkens, das untereinander ausgetauschte Begreifen des Ganzen, wie wir es bis jetzt kennen, die gemeinsame Verantwortung fürs Ganze. Gott ist, was wir mit Hilfe unserer Lageversetzung ineinander gemeinschaftlich tun. Unsere gemeinsamen Werte. So ein Gott ist mitten unter uns. Und ein solcher Gott überlebt uns natürlich auch in diesem Sinne.

Da ein solcher Gott aus der Lage- und Perspektiven-Versetzung in andere, ja ins „Allgemeine Andere“ entsteht, ist es nachvollziehbar, dass dieses personifiziert wird, als gäbe es eine „große Gestalt“, der man dient (oder auch nicht). Problem dieses Vorgangs ist, dass eine solche Gestalt zum Herrscher wird, also unsere Herrschaftsgläubigkeit fördert, statt dass wir uns miteinander ringend zusammentun, um dem allgemeinem Interesse Einfluss zu verschaffen [1].

Wenn wir Ziele anstreben, hinter denen die Unendlichkeit, also Offenheit des Weiter liegt, brauchen wir kein Jenseits, keine Trennung der Menschengruppen oder Völker/Volksgruppen durch die verschiedenen Vorstellungen davon. Wir müssen uns lediglich darauf einigen, dass das Leben ganzheitlich zu sehen ist. Und dazu müsste uns eigentlich die Erfahrung über längere Zeit hinweg von selbst bringen.

Noch einmal zurück zur Klärung von Sackgassen. Offensichtliche Sackgassen sind Vereinsamungen von Menschen. Denn Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen einander materiell, vor allem aber zum Austausch von Erlebnissen und Ideen, die weiterführen. Es gibt auch kollektive Vereinsamung, also Vereinsamung von Gruppen oder größeren sozialen Einheiten. Ihre Isolation schneidet sie von der kulturellen Entwicklung ab, führt zu Stillstand.

Das Ganze

Und hier stellt sich noch einmal die Frage, was das Ganze ist. Denn es kann Menschen geben, die sich von ihrer Gruppe und so weiter zurückziehen, weil sie deren Entwicklung für eine Sackgasse halten. Vor dem Hintergrund der Entwicklung der gesamten Menschheit oder der gesamten Ökologie. Es handelt sich also um verschiedene oder verschieden reflektierte Einschätzungen künftiger Möglichkeiten (Chancen und Gefahren). Hier wird deutlich, dass alle drei genannten „Unendlichkeiten“ eine Rolle spielen können: die Einschätzung in der Tiefe, der Art der Weitergabe und die zugewandte Mitnahme der anderen durch die anderen.

Und wo bleibt in all den Darlegungen die Freude? Dazu brauche ich nur William Blake [2] zitieren:

Wer eine Freude an sich fesseln möchte,
stutzt dem Leben die Flügel;
aber wer die Freude beim Vorbeifliegen küsst,
lebt wie im Sonnenaufgang der Unendlichkeit.

Ich versuche ein Resümee: Der Sinn des Lebens ist eine umfassende Aufgabe. Im Grunde eine doppelte: Im gemeinsamen Wirken seine Besonderheit zu pflegen, aber immer oder immer wieder im Dienste des Ganzen auszubauen. Und das vor dem Hintergrund der Evolution, von der wir ein Teil sind, die nicht stehen bleibt.


Quellen und Anmerkungen

[1] Sprache ist schon entlarvend. Denn ich hätte gerade auch schreiben können: “um dem allgemeinen Interesse zu dienen“.

[2] Der Engländer William Blake (1757-1827) war Dichter, Naturmystiker, Maler und der Erfinder der Reliefradierung. Sein künstlerisches und sein literarisches Werk fanden zu seinen Lebzeiten wenig Anerkennung. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Blakes Arbeiten von den Präraffaeliten entdeckt, fanden allgemeine Beachtung und später in der Popkultur Verbreitung.


Foto und Grafiken: Nathan Dumlao (Unsplash.com) und Gerhard Kugler.

Gerhard Kugler Foto privat

Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.