Street Basketball in New York Foto John Branch IV, Unsplash.com
An die Stelle von Chancengleichheit wird die Gleichheit von Talenten und Fähigkeiten gesetzt. Darin liegt das Missverständnis von Gleichheit.

Die Augenwischerei der Gleichheit aller Menschen hatte uns die Aufklärung versprochen. Ihre Ideen waren emanzipatorisch angelegt, und durch die Aussicht, mit eigenem, freien Denken zu einem freien, individuellen Individuum sich zu entwickeln, schien nicht nur verlockend, sondern ziemlich real und greifbar nahe.

Bei näherem Hinsehen und Reflektieren allerdings kommt der Pferdefuß aufklärerischen Denkens zum Vorschein: vorurteilsfrei Denken und Handeln, ohne jegliche Autorität.

Dies war die Aussicht des Gelobten Landes. Doch eben dies ist ein neues Vorurteil, welches nicht als solches gesehen wird. Angefangen bei Sprache, Kultur und Religion, werden Hintergründe wie Voraussetzungen unseres Denkens und Handelns offenbar, ohne die wir nicht wären, was wir sind. Aufgeklärt und frei: Wie bitte? – Einmal Nachdenken, bitte!

„So ist denn dem Projekt und der Epoche der Aufklärung ein gehöriges Selbstmissverständnis zu bescheinigen: Sie, die eine Ablehnung jeglicher Autoritäten und Vorurteile postuliert, verkennt diese ihre Haltung als eben ihr ureigenes Vorurteil.“ (siehe: Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie; S. 226ff)

Auch Hans-Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) kann der Anerkennung einer Autorität durchaus Positives abgewinnen:

So ist die Anerkennung von Autorität immer mit dem Gedanken verbunden, daß das, was die Autorität sagt, nicht unvernünftige Willkür ist, sondern im Prinzip eingesehen werden kann.

siehe: Wahrheit und Methode, S. 264

Hoppladihopp! Unbeschwert und frei neu von vorne zu beginnen, das wäre schön. Doch haben wir Rucksäcke, Sprachen, Denkmuster und Traditionen, ohne die wir auch nicht sein wollen, und nicht wären, was wir sind. Schon vergessen?

Besser oder schlechter, talentierter, intelligenter, ästhetischer oder kreativer gibt es nicht, so die Maxime der einheitsbeflissenen linken Ideologie. Alle Menschen sind gleich! Blickt man etwas tiefer, und reflektiert den Begriff, wird klar, dass „Ideologie“ bedeutet, eigene, individuelle und persönliche Interessen als Gemeinwohl und Gerechtigkeit zu verkaufen. Ist das noch gerecht?

Gerecht: Was ist das? Vielleicht, einen Menschen wahrzunehmen mit all seiner Individualität und seinen Talenten?

Komm‘ doch mal auf den Teppich!
Auf Deinen oder auf meinen?

Ein erster Punkt meiner Kritik richtet sich gegen den Utilitarismus, wie ich es nenne. Also Denken und lernen, um zu funktionieren, in welchem System auch immer. Der zweite schimmert durch: Die Menschen sind verschieden, und manche sind stärker oder geschickter oder talentierter.

Von „unten“ kommt dann die Ansage, die Menschen seien doch alle gleich. Dies ist in meinen Augen „Ideologie“. Die Schwächeren (an Körper oder Geist beziehungsweise Intellekt) sagen zu den Begabten: „Du bist doch gar nicht besser als ich, denn die Menschen sind alle gleich!“ Und eben dies finde ich ungerecht. Denn Gerechtigkeit bedeutet, einem Menschen gerecht zu werden, seinen Fähigkeiten und Talenten. Vielleicht einfach einmal zu sagen: „Wow, der kann was, da komme ich nicht mit.“ Das wäre gerecht.

Dazu möchte ich bemerken:

1. „Be- und Abwertung“ menschlicher Talente und Fähigkeiten. Die Frage ist, wer sich das Recht und damit die Macht herausnimmt, zu bewerten. Nichts und niemand hat mehr seinen Wert, sondern nur noch seinen Preis.

Theodor W. Adorno spricht von einem „bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschiedenes toleriert“ (siehe: Negative Dialektik, S. 150). Dies bedeutet, die Erfahrungen und Kompetenzen der durchaus verschiedenen Individuen zählen nichts mehr, nur mehr positivistische Verwertbarkeit im kapitalistischen System zählen und werden bezahlt.

Weiter analysiert Adorno: „Ein Widerspruch etwa wie der zwischen der Bestimmung, die der Einzelne als seine eigene weiß, und der, welche die Gesellschaft ihm aufdrängt, wenn er sein Leben erwerben will, der Rolle, ist ohne Manipulation, ohne Zwischenschaltung armseliger Oberbegriffe, welche die wesentlichen Differenzen verschwinden machen, unter keine Einheit zu bringen; (…)“ (siehe: Negative Dialektik, S. 155).

2. Ich möchte heraus- und klarstellen, dass es auch wohlwollende und individuelle Talente fördernde Herrscher geben kann und gibt: Sie nutzen die ihnen (durch Hierarchie) zur Verfügung stehende Macht, um Freiräume zu schaffen und Entfaltung von Talenten und Persönlichkeiten erst zu ermöglichen und zu fördern.

Diesen Erkenntnisgewinn machte ich durch ein Zitat von Michel Foucault:

„Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur ausschließen, unterdrücken, verdrängen, zensieren, abstrahieren, maskieren, verschleiern würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion“ (siehe: Wahnsinn und Gesellschaft, S. 250; Hervorhebungen durch den Autor).

Diese Einsicht konnte mich überraschen und besänftigen, was meine „revolutionären“ und umstürzlerischen Gefühle gegenüber Mächtigen betraf. Gerade von einem Michel Foucault hätte ich eine derartige Einsicht nicht erwartet.

So manches Mal wurde ich als „autoritätsgläubig“ angefeindet. Denkt man die Gedanken zu Ende – welche ich auch im Kapitel 4. „Kommunikation und Macht“ meiner Dissertation entwickelt und reflektiert habe –, wird klar, dass es sich um ein Missverständnis handelt: Wie bei den Aufklärern. Es ist das Missverständnis von Gleichheit.

An die Stelle von Chancengleichheit wird die Gleichheit von Talenten und Fähigkeiten gesetzt. Ein Beispiel: Zwei Olympioniken werfen denselben Speer durch eine Arena. Einer von ihnen wirft ihn zehn Meter weiter, als der andere. Sind die beiden Sportler nun gleich?


Literatur

Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Frankfurt am Main, Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1966.

Christian Ferch: Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie. Darin: Kapitel 4. „Kommunikation und Macht“. Norderstedt, Books on Demand 2015.

Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1973.

Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. 2. Auflage, Tübingen J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1965.


Foto: John Branch IV (Unsplash.com).

Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik. Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Christian Ferch veröffentlicht zahlreiche philosophische Texte auf seiner Homepage. Im Podcast Philosophie Heros reflektiert er auf gesellschaftliche Aspekte aus dem Blickwinkel der Philosophie und der Kommunikation.