Die Welt wird reicher – und lässt die Armen zurück

Während die Reichen immer reicher werden, steigt parallel dazu die Zahl der Hilfsbedürftigen: Mehr als ein Prozent der Menschheit leidet aktuell unter existenzbedrohenden Schwierigkeiten und einer von 70 Menschen lebt inmitten ausgeprägter humanitärer Krisen.

Armut und Bevölkerungswachstum sowie der Klimawandel machen mehr Menschen als je zuvor anfällig für die verheerenden Auswirkungen von immer länger andauernden Konflikten und Katastrophen.

2019 werden rund 132 Millionen Menschen in 42 Ländern der Welt humanitäre Hilfe brauchen, wie der Global Humanitarian Overview 2019 (GHO) der Vereinten Nationen aufzeigt [1].

Im letzten Jahrzehnt hat die Welt tief greifende Entwicklungsfortschritte gemacht: Zwischen 2008 und 2015 ist die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen von 1,2 Milliarden auf 736 Millionen gesunken. Und die Welt ist auch reicher als je zuvor: Das weltweite BIP stieg von rund 54 Billionen Euro im Jahr 2008 auf 69 Billionen Euro im Jahr 2017.

2018 könnte das globale Bruttoinlandsprodukt sogar 75 Billionen überschreiten. Gleichzeitig leiden wir jedoch unter einer nach wie vor hohen Armutsrate und der Bedarf an humanitärer Hilfe nimmt weiter zu.

Zwischen 2005 und 2017 verdoppelte sich demnach die Zahl der Krisen mit international-humanitärem Response von 16 auf 30. Allein im Jahr 2017 wurden 16,2 Millionen Menschen durch Konflikte und Gewalt vertrieben – täglich wurden rund 44.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Außerdem wurden 18,8 Millionen Menschen wurden durch Naturkatastrophen vertrieben. Derzeit sind weltweit fast 70 Millionen Menschen auf der Flucht.

Jährlich brauchen mehr als 120 Millionen Menschen dringend humanitäre Hilfe und Schutz, denn es gibt heute mehr Krisen, die mehr Menschen betreffen und länger andauern, als vor einem Jahrzehnt. Die durchschnittliche humanitäre Krise dauert derzeit mehr als 9 Jahre, wie die Analyse der World Humanitarian Data and Trends 2018 von OCHA zeigt [2]. Dies ist eine deutliche Zunahme gegenüber der durchschnittlichen Dauer von 5,2 Jahren laut Stand 2014.

Fast drei Viertel der Menschen, die 2018 Unterstützung erhielten, leben in Ländern, die seit 7 Jahren oder länger in andauernden Krisen stecken. Seit 2014 erforderten beispielsweise nur vier Krisen – Somalia, Südsudan, Sudan und Syrien – rund 55 Prozent aller UN-Finanzmittel.

Schlüsselfaktoren für den hohen Bedarf an humanitärer Hilfe

Die meisten humanitären Krisen lassen sich nicht auf einzelne Faktoren zurückführen, sondern entstehen in einer Wechselwirkung aus Naturgefahren, bewaffneten Konflikten und menschlicher Verwundbarkeit.

Die Anfälligkeit der Menschen für Krisen besteht nicht nur darin, wo sie leben, sondern auch, wie sie leben. Armut, Ungleichheit, Bevölkerungswachstum, Verstädterung und Klimawandel untergraben die Widerstandsfähigkeit der Menschheit und machen sie anfälliger, im Katastrophenfall zu scheitern.

Immer mehr Menschen werden durch bewaffnete Konflikte vertrieben. Die Zahl der Zwangsvertriebenen stieg von 59,5 Millionen im Jahr 2014 auf 68,5 Millionen im Jahr 2017. Krisen verschärfen aber auch die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern – in Konfliktherden bleiben Mädchen 2,5-mal häufiger der Schule fern als Jungen, rund 60 Prozent der weltweiten Müttersterblichkeit ist auf mangelnde medizinische Grundversorgung in Krisenregionen zurückzuführen und mindestens eine von fünf Frauen auf der Flucht erleidet sexuellen Missbrauch.

Klimawandel und Naturkatastrophen sind mit hohen, auch menschlichen Kosten verbunden – jährlich leiden durchschnittlich 350 Millionen Menschen an den Auswirkungen der Erderwärmung, an Stürmen, Dürren, Fluten und weiteren Naturkatastrophen. Hungersnöte und Ernährungsunsicherheit auf Krisenniveau stiegen dadurch in nur zwei Jahren von 80 auf 124 Millionen betroffene Menschen im Jahr 2017.

Weltgemeinschaft versagt beim Schutz von Kindern

In einer gesonderten Aussendung [3] beklagt UNICEF, dass vor allem Kinder zu den Leidtragenden zählen: Kinder, die in Krisenländern leben, litten auch 2018 unter extremer Gewalt, sie wurden als menschliche Schutzschilde eingesetzt, getötet, verstümmelt oder zwangsrekrutiert. Vergewaltigung, Zwangsehe und Entführung seien in Konflikten von Syrien bis Jemen, von der Demokratischen Republik Kongo bis Nigeria, Südsudan und Myanmar zur Standardtaktik geworden. Auch 89 Prozent der zivilen Opfer von Minen und Blindgängern seien Kinder – ihre Rechte seien es, die am wenigsten garantiert werden.

Die Zukunft von Millionen Kindern, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind, ist gefährdet, da die kriegsführenden Parteien weiterhin schwere Verstöße gegen Kinder- und Menschenrechte begehen und die Verantwortlichen der Welt die Täter nach wie vor nicht zur Verantwortung ziehen würden.

“Zu lange haben Konfliktparteien Gräueltaten beinahe gänzlich ungestraft begangen, und es wird nur noch schlimmer”, appelliert Manuel Fontaine, Leiter der UNICEF Nothilfeprogramme, an die internationale Politik.

2019 markiert das 30-jährige Bestehen der Konvention über die Rechte des Kindes und den 70. Jahrestag der Genfer Konventionen. UNICEF ruft daher alle Konfliktparteien dazu auf, ihren Verpflichtungen gemäß internationalem Recht nachzukommen, Gewalttaten gegen Kinder sofort zu stoppen und Angriffe auf zivile Infrastruktur wie Schulen, Krankenhäuser und Wasserversorgung zu unterlassen. Darüber hinaus appelliert das Hilfswerk an alle Staaten mit Einfluss auf Konfliktparteien, diesen zum Schutz der Kinder zu nutzen.

Ausblick 2019: Politische Lösungen und 21,5 Milliarden Euro sind gefragt

Einer von 70 Menschen weltweit ist auch im kommenden Jahr in einer existenzbedrohenden Krise gefangen. Da die Dauer humanitärer Krisen ansteigt, werden fast 132 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen – ihnen fehlt es an Nahrungsmitteln, Unterkünften, Gesundheitsfürsorge, rechtlichem und faktischem Schutz und anderer Grundversorgung, wozu etwa auch Bildung zählt.

Laut UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock wird der Finanzierungsbedarf für 2019 und für 42 Länder rund 21,5 Milliarden Euro betragen – und das, obwohl das humanitäre System der UN heute effektiver als je zuvor arbeitet.

In Jemen bleibt die aktuell schlimmste humanitäre Krise der Welt voraussichtlich auch im kommenden Jahr bestehen, während die humanitären Bedürfnisse in Syrien, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien, Nigeria und im Südsudan auf außergewöhnlich hohem Niveau bleiben werden.

In Afghanistan hat sich der humanitäre Bedarf aufgrund von Dürre, politischer Instabilität und dem Zustrom wiederkehrender Flüchtlinge erheblich verschlechtert, ebenso wie in Kamerun und der Zentralafrikanischen Republik aufgrund von Konflikten und Gewalt.

Humanitäre Organisationen sind zwar immer erfolgreicher dabei, Leben zu retten und Leiden zu reduzieren, doch viele Bedürfnisse bleiben – mangels Beseitigung der Ursachen und wegen fehlender ausreichender Budgetierung – ungelöst.

Es ist von größter Bedeutung, dass politische Lösungen für 2019 ganz oben auf der Agenda der Vereinten Nationen stehen – mit Fokus auf die extrem Schwachen unserer Gesellschaften, so der Appell von OCHA. Die Weltgemeinschaft ist gefordert, von vielerorts kurzfristiger Symptombekämpfung auf nachhaltige Ursachenbekämpfung umzusteigen und umzudenken. Und dies sogar um weniger Kosten, als derzeit oftmals in sinnloses “Mauern” investiert wird.


Quellen und Anmerkungen

[1] Global Humanitarian Overview 2019: https://www.unocha.org/sites/unocha/files/GHO2019.pdf (abgerufen am 28.12.2018).

[2] World Humanitarian Data and Trends 2018: http://interactive.unocha.org/publication/datatrends2018 (abgerufen am 28.12.2018).

[3] World has failed to protect children in conflict in 2018: www.unicef.org/press-releases/world-has-failed-protect-children-conflict-2018-unicef (abgerufen am 28.12.2018).


Foto: Florencia Viadana (Unsplash.com)

Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Österreich. Er engagiert sich ehrenamtlich für zahlreiche Bürgerinitiativen und NGO’s und berichtet regelmäßig über die Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent und die weltweiten Auswirkungen des Klimawandels. Er lebt in Wien.

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