Do what you like!

Hurra! Die deutsche Politikdebatte hat ein neues Symbol! Kurz vor Jahresende haben es die Käuze des imaginären Streits über den politisch richtigen Weg erspäht. Es sind die Chinaböller und Feuerwerkskracher.

Wie schön, endlich etwas gefunden zu haben, an dem sich die Argumentationsketten abbrennen lassen wie in einem großen Gesellschaftsspiel.

Da diejenigen, die schon lange die Nase voll haben von staatlicher Reglementierung und Bevormundung, denen es gerade noch gefehlt hat, dass jetzt auch noch die Knallerei zu Silvester reglementiert oder verboten wird, übrigens wieder einmal zeitversetzt zu den USA, wo das schon lange so ist. Und dort die anderen, denen die ganze Knallerei schon seit Jahren im wahrsten Sinne des Wortes stinkt und die mal eben ausgerechnet haben, wie das Gestinke und Getöse neben den Nerven auch noch die Umwelt belastet. Emissionen; 15 Prozent des jährlich durch Autos freigesetzten Gifts. Sie plädieren für ein generelles Verbot.

Lebten wir nicht in einem Land, in dem die Symbolpolitik seit Jahren jegliche Form der notwendigen Veränderung erfolgreich verhindert und lebten wir in einem Land, in dem jeder Mensch sich als ein vernunftbegabtes Wesen betrachtete, dann wäre die richtige Antwort:

Do what you like!

Aber halt mal! Das geht doch nicht! Da ist jetzt erst einmal der Gesetzgeber gefragt! Und mit diesem Ruf derer, die einer Gesellschaft keine selbstbestimmte Steuerung zutrauen, wird das politische System in Gänze zerstört. Und, damit keine Illusionen aufkommen, an diesem Irrsinn beteiligen sich alle, auch die, die sich so gerne als Reformer und Erneuerer titulieren.

Der ständige Ruf nach dem Gesetzgeber forciert den Prozess der allgemeinen Entmündigung. Dieser Kurs geht einer zunehmenden Zahl an Bürgerinnen und Bürgern mächtig auf den politischen Nerv.

Es ist zu bequem, dieses durchaus berechtigte Aufbegehren gegen die erst legislative und dann bürokratische Regulierungsdichte als plumpen Populismus zu verunglimpfen. Wer bei einem durchaus in der eigenen Politik begründeten Unmut nichts anderes erblickt als Dummheit, den wird der Protest in den Gully spülen. Das war schon immer so, das haben aber viele der selbst ernannten Polit-Profis noch nicht so ganz begriffen.

Bleiben wir bei den Chinaböllern. Trotz eines generellen Verbotes führen die kapitalen Kreuzfahrtstinker weiter über die Meere, als sei nichts geschehen, trotz eines solchen Verbotes würden alle hiesigen Dieselkäufer nach wie vor hinters Licht geführt und die ausgemusterte Flotte weiterhin in Länder wie Rumänien exportiert, wo sie bekanntlich nicht nur rumsteht, sondern zum Einsatz kommt.

Die Botschaft ist schlicht und einfach: Streitet euch weiter über eine Episode, die wenige Stunden dauert und dann vorbei ist, alles andere an Betrug, und davon muss gesprochen werden, wenn es sich darum handelt, alles andere von diesem Betrug geht weiter.

Da wäre es verständlich, wenn die dicksten Böller Richtung … flögen? Nein, eine Lösung wäre es nicht!

Die Koinzidenz [1] dieser Textverfassung mit dem Ende des Jahres ist zufällig, aber gut. Denn so kann es einfach nicht mehr weiter gehen. Die Dinge müssen beim Namen genannt werden. Und es muss um die Dinge gehen, die tatsächlich den Nerv der Gesellschaft treffen.

Wer sich gut fühlt, wenn er jetzt Hundefutter statt Chinaböller kauft, dem sei das gegönnt. Und wer es richtig knallen lässt, dem sei es auch zugestanden. Ändern wird beides nichts.

Die lächerliche Symbolpolitik muss aufhören. Es muss um das Wesentliche gehen. Die Entmündigung muss aufhören. Und die Entmündigten müssen aufstehen!


Quellen und Anmerkungen

[1] Koinzidenz ist ein zeitliches und/oder räumliches Zusammenfallen von Ereignissen oder Zusammentreffen von Objekten. [1]


Foto: Kayla Harris (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

2 Comments

  • Zitat:
    „Und die Entmündigten müssen aufstehen!“

    Wie soll das denn funktionieren? Sie haben sich doch selbst entmündigt und fühlen sich noch wohl dabei. Der (deutsche) Depp als Untertan schreit doch förmlich nach Symbolpolitik und lässt sich noch freiwillig zu den (Wahl)Urnen führen. Die nötige Stimme als Legitimation für’s politische Marionettentheater, die aber immer nur ein „Mäh“ für ein weiter so ist.

  • Wenn wir Franzosen wären, wüßten wir, wie es geht. Wir sind von Beginn an ans Folgen gewöhnt worden. Schon in der Schule werden die gelobt, die folgsam dem Unterricht folgen. So lange wir so folgsam sind, so lange müssen wir uns mit dem zufrieden geben, was uns vorgesetzt wird. Täglich wird die Kontrolle verbessert, so lassen sich Aufmüpfige frühzeitig entdecken.

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