Einsamkeit

Beziehungen zwischen Menschen versus Individualität. (Foto: Jake Davies, Unsplash.com)

Menschen sind von Geburt an soziale Wesen. Sie lernen sprechen und sich in der Welt zurechtfinden durch die nahen Menschen. Sie lernen denken, indem sie innerlich mit vorgestellten Menschen sprechen. Sie lernen willentliche Handlungen, indem sie sich selbst sagen, was jetzt zu tun ist. Übertragen von den Erwachsenen, die das laut mit ihnen machten: “Vorsicht! Da kommt die Stufe.” “Rechts rüber!” “Warte mal einen Augenblick!” Irgendwann können sie es allein. Ohne noch etwas laut zu sagen.

Wenn man nicht einsam ist, kann man immer wieder Dialoge mit anderen führen, die “trefflich” zu den eigenen Gedanken sind. Die unterstützen oder infrage stellen. Und man kann Tätigkeiten nachgehen, die durch andere ergänzt werden.

Deshalb führt auch das Lesen eines Buches oder Ansehen eines Filmes nicht aus der Einsamkeit, wenn sie nicht zufällig auf das erwidern, was einen gedanklich beschäftigt. Und sogar dann erwidern Buch oder Film oft nicht die weiteren Einwürfe, die man hat.

In der Einsamkeit kann man schon Dialoge führen. Aber sie sind unecht. Die oder der andere erwidern, wie man sie sich zurechtgelegt hat. Das Lernen-Können von anderen hört also nicht auf, wenn man ohne Äußerung mit sich umgehen kann.

Und man gibt den anderen. Nicht Geld oder Arbeit. Man gibt ihnen Aufmerksamkeit, Kommentare, Hinweise, Bestätigungen, Mut. Und je mehr man gibt, desto mehr bekommt man zurück. Ohne Aufrechnung. Ohne Bezahlung.

Es gibt auch Einsamkeit, wenn man unter Menschen ist oder sogar in Gemeinschaft lebt. Wenn die Menschen nicht aufeinander eingehen. Wenn sie sich “eingemauert” haben, nicht mehr berührbar sind.

Zur Erlebnistiefe habe ich hier etwas geschrieben: Wir werden nicht mehr berührt: Die Bedeutung kommt zu kurz!

Die Ergebnisse einer Untersuchung, über die das Magazin scinexxi [1] berichtet, zeigen besonders hohe Zahlen von Einsamkeit Ende 20, Mitte 50 und natürlich im höheren Alter.

Die Steigerungen von Einsamkeitsgefühlen in den genannten Altersbereichen könnte mit typischen Verlusten zu tun haben: Verlust des Elternhauses, der engen Beziehung mit den Kindern und den Verlusten von nahen ähnlich alten Menschen, die immer mehr wegsterben.

Die insgesamt hohe Zahl der gefühlten Vereinsamungen, drei Viertel der Befragten, führe ich aber auf die Vereinzelung der Menschen in unserem System zurück. Jeder muss flexibel sein, was seinen Arbeitsplatz betrifft, auch wenn er dann entstehende zwischenmenschliche Verbindungen abbrechen muss. Natürlich kann man sie auch über die Ferne noch irgendwie pflegen. Aber der Alltag und die Spontaneität sind weg von diesen Beziehungen.

Außerdem hat der angepasste Mensch alles selbst, man braucht die anderen nicht mehr: ein Fahrzeug, Maschinen zum Waschen und so weiter. Vielleicht sogar das eigene Grillgerät. Unabhängig sein ist zu einem der höchsten Güter geworden. Der Massenverbrauch beziehungsweise -kauf hat sich in den Menschen internalisiert. Mein und dein oder seins sind zu den wichtigsten Kennzeichnungen geworden. So lebt jeder in seiner Welt der Gebrauchsgegenstände.

Die Architektur der Häuser fördert die Beziehungslosigkeit und Unabhängigkeit voneinander. Nachbarn ziehen ein und aus, ohne dass man sich kennt. Man weiß nicht, ob sie da sind, verreist oder im Krankenhaus. Man braucht sich nicht, beschwert sich höchstens wegen Lärm, wenn noch nicht die neueste Dämmung eingebaut ist. Auf dem Land trennten schon immer die Grundstücke. Oft grenzen nicht nur Zäune ab, sondern Mauern.

Mir kam schon manchmal der Vergleich mit Gefängnissen, wenn ich durch die Straßen ging. Selbst gebaute Gefängnisse. Natürlich hat man Ausgang. Geht zum Arbeiten, wenn man kein Homeoffice hat. Wenn man “draußen” was zu erledigen hat, setzt man sich in ein Auto, manchmal schon in einen kleinen Panzer (SUV), in dem man kaum noch sichtbar ist. Und natürlich nicht so angreifbar wie in einem kleinen Auto. Oder gar in öffentlichen Verkehrsmitteln, wo einem komische Gestalten zu Leibe rücken können.

Das Individuum ist in unserem System alles. Der höchste Wert. Am besten zu manipulieren, weil schwach genug. Man braucht ihm nur noch vorzumachen, dass es stark ist. Dass es Einfluss hat. Als Verbraucher, als Wähler.

Und dann diese Kehrseite: Es lernt, sich nur noch allein zurechtzufinden. Die anderen stören. Oder auch: Die anderen reden oder machen Schwachsinn. Meinetwegen. Solange sie mir nicht in die Quere kommen. Ich will nichts hören, was mein Weltbild in Frage stellen könnte. Wehre es rasch ab. Und ich will keinen Streit. Der würde mich zu sehr aufregen. Sollen sie machen, was sie wollen: Ich mache meins. Und wenn sie mir zu heftig in die Quere kommen, gibt es Juristen, die den Streit lösen sollen.

Leben und leben lassen. Jeder ist seines Glückes Schmied. Man lernt schon in der Schule, seinem eigenen Ehrgeiz zu dienen. Statt zu kooperieren [2].

Es fehlt eine ganze Welt der Anregung, der Reibung, der Hilfe, des Interesses aneinander. Streiten wird nicht mehr gelernt. Oder es wurde auch nicht von den Vorfahren gelernt. Da wurde auch eher oder sogar brutaler bestimmt und durchgesetzt bis zur Rücksichtslosigkeit. Unterwerfung war auch da für die meisten die Lösung. Also besser als die heutige Abschottung?

Es gäbe eine andere Richtung, sich zusammen zu tun: Sich helfen und sich streiten. Sich nah sein können und die Eigenbrödelei respektieren.

Eine solche Haltung, solche Beziehungen wären immer wieder anregend, befruchtend. Manchmal schön, manchmal anstrengend.

Aber sie wären für das System, in dem wir leben, nicht so einfach oder sogar sprengend, im Vergleich zu den vereinzelten Menschen. Deshalb werden ausschließlich die Unterschiedlichkeiten gepflegt, wenn sie politisch nicht relevant sind. Jedem sein Geschlecht, seine Religion, sein Stil. Letzteres vermehrt auch noch den Verbrauch. Den Absatz.

Jeder soll für sich glücklich werden. So will es die gängige Ideologie. Obwohl das der menschlichen Natur widerspricht.

Jeder für sich. Und schließlich ist man einsam. Besonders dann im Alter. Da sind manche Vertrauten schon tot. Die Kleinfamilienstruktur unserer Gesellschaft macht den Kreis noch kleiner. Die Übrig-Gebliebenen bleiben allein in ihren Wohnungen. Eingeschränkte Mobilität macht sie vollends einsam. Wer hat in unserer hektischen Zeit denn noch Zeit für sie?!

Wenn sie genug vereinzelt waren, sind sie vielleicht dann auch so langweilig, dass man nichts davon hat. Möglichst billige Altenpfleger ohne Zeit für Zuwendung und medikamentöse Zudeckung sollen dafür sorgen, dass sie ruhig sind. Menge ohne Qualität.

Geht es denn anders in diesem kaputten System? Ja: Nicht Merkel, AKK, Nahles, AfD, Trump oder Putin als Gegner bekämpfen, sondern die eigene Vereinzelung.

Nicht ab und zu einen Schrei loslassen, sondern kontinuierlich vor Ort neue, am besten politische Beziehungen aufbauen. In der erweiterten Nachbarschaft Menschen dafür gewinnen. Vielleicht sogar in Richtung von Nachbarschaften, die neue Strukturen des Miteinander aufbauen und den Generationenvertrag ablösen können [3]. Miteinander um den guten Einsatz der Kräfte ringen.


Quellen und Anmerkungen

[1] scinexx – das wissensmagazin: Wann fühlen wir uns einsam? Auf https://www.scinexx.de/news/medizin/wann-fuehlen-wir-uns-einsam (abgerufen am 31.12.2018).

[2] Neue Debatte: Schluss mit Pauken und Noten! – Teil 1: Der gegenwärtige Zustand des Bildungssystems. Auf: https://neue-debatte.com/2017/12/30/schluss-mit-pauken-und-noten-teil-1-der-gegenwaertige-zustand-des-bildungssystems

[3] Rubikon – Magazin für die kritische Masse: Der Generationenvertrag. Auf https://www.rubikon.news/artikel/der-generationenvertrag (abgerufen am 31.12.2018).


Symbolfoto: Jake Davies (Unsplash.com)

Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.

3 thoughts on “Einsamkeit

  1. Die Menschheit hat sich diese Art zu leben, selbst eingebrockt. In der Vergangenheit war die Großfamilie die beste Art, miteinander umzugehen. Kein Mitglied dieser Familie achtete darauf, wie viel Eigenleistung er für diese Familie leistete. Die Kinder- oder Altenbetreuung konnte diese Einheit meistens selbst leisten. Nur dadurch, dass wir heute den Beruf und das Fortkommen so überbewerten, sind viele Schwierigkeiten erst entstanden. Ob man diesen Tausch heute durchziehen würde, ist eben stark von der heutigen Denkweise abhängig. Wahrscheinlich ist die Masse der Bevölkerung heute so fortschrittsgläubig, dass solch ein Denken nur ein Lächeln hervorrufen würde.

    1. Aus den Zeilen spricht die herrschende Resignation. Besser: Die Resignation der Beherrschten. Ich würde ja anders. Doch da wurde ja doch keiner mitmachen. Und so bleibt es, wie es ist. Weil die Wacheren auch nicht ausdauernd genug sind. Oder nur denken und nicht handeln. So herrscht das System auch noch in diesen.
      G.K.

  2. Das sehe ich anders. Wenn uns keine neuen Wege einfallen, wenn es vielleicht auch alte sind, dann hieße das, nicht über Varianten nachgedacht zu haben. Wie will man Menschen sonst aufrütteln.

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