Billigheimer und Plastiktütenimperialismus

Unnamed Road, Punta Cana, Dominikanische Republik. (Foto; Dustan Woodhouse, Unsplash.com)

Es ist Brauch, sich zu Anfang des Jahres Dinge vorzunehmen, die anders werden sollen. In einer Zeit und in einem Umfeld, in der und in dem die Konzeption von Plänen regelrechte Allergien auslöst, kann ein so kleiner Brauch regelrecht als Lichtblick gefeiert werden. Wir kennen die Halbwertzeit solcher Vorhaben jedoch alle.

Es ist nicht immer so leicht, wie geplant. Aber darin besteht ja gerade die Herausforderung. Im Privaten wie im Politischen. Mit den privaten Vorhaben meinerseits möchte ich nun wirklich niemanden langweilen.

Was sich aus meiner Sicht politisch ändern müsste, ist sehr vieles. Aber wie im Privaten ist es auch in der Politik: Sich alles auf einmal in kurzer Zeit zu wünschen ist frustrierend. Meistens geschieht dann nämlich gar nichts. Also sollte priorisiert werden.

Übrigens eine ganz wichtige Tugend, die in einem Biotop, das zunehmend treffend als Add-On-Gesellschaft beschrieben wird, vielleicht die letzte Chance ist, es noch ein bisschen länger zu machen. Aber kommen wir zur Sache. Ich bin bescheiden und wünsche mir als politisch anzustrebende Veränderungen für das neue Jahr 2019 nur zwei Dinge.

Die erste Geschichte dreht sich um die Bezahlung von Arbeit in diesem Land. Zwei Nachrichten haben mir eine krasse Fehlentwicklung noch einmal deutlich vor Augen geführt. Pünktlich zum Jahresende wurden einige Untersuchungen und Bilanzen in den Radionachrichten kommuniziert. Eine davon war die Entwicklung der Bezahlung von Arbeit. Und da lautet die bittere Bilanz tatsächlich, dass mittlerweile nur noch 46 Prozent der Arbeit in Branchen mit Tarifverträgen auch nach den geltenden Tarifen bezahlt wird.

Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten werden also unter Tarif bezahlt. Das ist eine Entwicklung von 20 Jahren, in denen die mit am besten organisierte Arbeitnehmerschaft der Welt über den Tisch gezogen wurde. Eingeleitet von Rot-Grün, fortgesetzt von Schwarz-Rot. Schwarz-Gelb, Schwarz-Rot. Ein Tipp an die SPD: Dieser einzige Grund reicht aus für das Absinken in die Marginalität. So einfach kann die Welt sein.

So ist die einstige Republik der Sozialdemokratie zum europäischen Billigheimer degeneriert. In Frankreich, wo ein Mindestlohn von 12 Euro tatsächlich bezahlt wird, stehen die Schlachthöfe leer und werden die Weinlesen kaum eingefahren, weil niemand ein Dumping duldet und so die Arbeit nach Deutschland exportiert wird, wo rechtlose Osteuropäer für drei bis vier Euro das Messer an den Schweinehals legen.

Fazit: Richtiger Lohn für geleistete Arbeit, gewerkschaftliche Organisation und Kampfbereitschaft. Vielleicht klappt es dann in den großen Branchen auch wieder mit der Innovation.

Der zweite Wunsch bezieht sich auf den systematischen Öko-Betrug. Auch in diesen Tagen waren zwei Informationen erhältlich. Die eine bezog sich auf die Staaten, die als die schlimmsten Verursacher der Vermüllung der Weltmeere mit Plastik gelten. Natürlich waren es meistens asiatische Schwellenländer. Gleichzeitig sah man die Exportsteigerungsraten von Plastikmüll aus der Bundesrepublik in diese Länder: Deutschland – Indonesien, 2017, 6000 Tonnen; 2018, 49.000 Tonnen.

Nur ein Beispiel. Wer noch Fragen hat, siehe sich an, wohin die hier entsorgten Dieselfahrzeuge bewegt werden: Sie werden auf dem osteuropäischen Markt verhökert. Die Emissionen bleiben dem Planeten erhalten, die deutsche Öko-Bilanz wird verbessert. Der Plastiktütenimperialismus hat Hochkonjunktur.

Ich wünsche mir das Ende des Billigheimers und das Ende des Plastiktütenimperialismus. Mehr nicht. Mal sehen, was daraus so alles resultieren kann. Und mal sehen, wer sich diesem Wunsch anschließt.


Foto: Dustan Woodhouse (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

4 thoughts on “Billigheimer und Plastiktütenimperialismus

  1. Wann begreifen wir, dass es sich rundum lohnte, uns endlich ehrlich zu machen und Selbstbild und tatsächliches Tun endlich wieder mehr zur Deckung zu bringen ?
    Es wird hohe Zeit insbesondere für eine gut gebaute Grundeinkommensordnung und Hanf-Pioniere ohne Ende !
    vgl: https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2018/12/31/zeit-fuer-hanf-pioniere/

    Zustimmendes Wünsche-Teilen sollte in eine Entstehungswelle von Bürger/innen-Kreisen überall im Land führen, die gemeinsam erörtern, wie bürgerschaftlich artikuliert den Polit-Akteuren berücksichtigungspflichtige Vorgaben gemacht werden können …!
    vgl: https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2018/10/29/diskurs-blickwechsel/
    Bauen wir uns explizite System-Debattenräume, in denen wir abklären, wie wir unsere Gemeinwesen umgestalten wollen

    … in diesem Sinne viel Schwung für uns alle im Neuen Jahr !

  2. Frohes Neues. Die Wünsche sind wichtig, aber wie wichtig, die Antwort dürfte in Frankreich zu finden sein. Die Gelbwesten stellen die soziale Frage. Ob der Funke springt und in Deutschland etwas entzünden kann, wie die Studentenbewegung in den 60ern oder vielleicht ein paar kleine Gewerkschaften, die sich trauen, sich zu wehren, ist zweifelhaft, aber etwas Hoffnung bleibt. Sind ja nicht alle auf Glotze und Gleichgültigkeit.

  3. Sollte man nicht mit einem ganz anderen Denken beginnen. Festzustellen ist, dass heute alle Macht vom Großkapital ausgeht. Alle AG’s sind so anonyme Geldgeber. Um diese Macht zu brechen, sind sie abzuschaffen. Dafür werden sie alle umgewandelt in Genossenschaften, wobei die Mitarbeiter alle Anteilseigner wären. Die Gier nach Ausbeutung hätte ein Ende. Falls die Einkünfte der Genossenschaft einmal rückläufig wäre, könnten die Mitarbeiter gemeinsam beschließen, das Einkommen aller eben dem anzupassen. Wichtige Entscheidungen werden durch Abstimmung erzielt. Mit was für eine Freude würden die Mitarbeiter wohl zu ihrem Arbeitsplatz gehen.

  4. Zentral gut zu durchdenkendes Politikziel könnte da für schrittweises Vorankommen z.B. wie folgt aussehen:

    Klare DEMOKRATISCHE BETRIEBSVERFASSUNG
    __________________________________________________

    PARITÄTISCHE MITBESTIMMUNG: -Unternehmensziel-Entscheidungen — Lohn-& Gehaltsgefüge — Gewinnverwendung nach Steuern

    GEMEINWOHL- BILANZEN

    Firmen-Anteile ab einem Firmen-Vermögens-Volumern X sind im Erbfall zu X % in genossenschaftlich oder stiftungsrechtlich organisierte Mitarbeitergesellschafts-Anteile zu wandeln und von diesen zu verwalten

    V e r b i n d l i c h e Flächen-TARIF-VERTRÄGE /gleicher Lohn für gleiche Arbeit /Gender, Leiharbeit, keine sachgrundlose Befristung)

    rigide Fusions-Kontrolle – klare erößen-Grenzen

    DIVEST/Entflechtungs -Förderung

    KREISLAUF- WIRTSCHAFT = Pflicht (zunehmend  Anpassungs-Spielräume, vorl. Unmöglichkeits-Nachweise) MINIMAL- SCHÄDLICHKEITS-PRINZIP: /betr.: eingesetzte wie produkteigene Schadstoffe & -Gehalte -Festlegung nicht mehr zugelassener Werte & Mengen (Produkt-Kennzeichnungswerte, zuverlässig rigide Stichkontrollen

    FAIRPLAY-GEBOT NAMENTLICH im Bereich von Auslands-Investments :Lohn-Äquivalenz, Arbeitsplatzsicherheit, keine Kinderarbeit, …!

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