Street Art in Serbien. The World Is Yours. (Foto: Marija Zaric, Unsplash.com)
Bisher waren die Menschen allein in den unendlichen Weiten des Alls. Damit ist Schluss. Zumindest in dieser gruseligen Kurzgeschichte von Yuriko Yushimata über die Begegnung irdischer und außerirdischer Veganer.

Riina hatte die Aufgabe zugewiesen bekommen, die Außerirdischen zu begrüßen. Angstvoll hatte sie sich angenähert.

Das Raumschiff der Außerirdischen war riesig.

Auf diesem Planeten lebte nur eine kleine Gruppe Menschen.
Weit entfernt von der Erde.

Doch es waren nicht die Außerirdischen, vor denen sie Angst hatte. Sie hatte Angst zu versagen.
Bisher waren die Menschen allein gewesen. Allein in diesen unendlichen Weiten.

Sie wusste nicht, ob die Menschheit schon reif war für diese Begegnung. Sie waren noch immer sehr primitiv, manche Menschen aßen sogar noch heimlich Fleisch.
Es ekelte sie allein bei dem Gedanken an das Blut, die Säfte, die Konsistenz.
Krank, diese Menschen waren krank.

Die Außerirdischen waren abseits der Siedlung auf einer Lichtung außer Sichtweite gelandet. Riina näherte sich zu Fuß, sie wollte Missverständnisse vermeiden.
Dann sah sie sie. Sie standen vor ihrem Raumschiff und warteten.
Die Außerirdischen waren riesig. Sie waren fast 10 Meter hoch.

Und doch lösten sie keinerlei Furchtempfinden bei Riina aus.
Sie warteten ruhig auf Riina. Ihre Bewegungen waren mehr ein Fließen im Wind, meistens eher bedächtig, nur ab und zu zuckten ihre langen Gliedmaßen urplötzlich zurück und rollten sich auf.

Ihre Stimmen waren wie ein sanftes Rauschen.

Sie hießen Riina willkommen. Sie hatten die Menschen lange studiert, bevor sie beschlossen Kontakt aufzunehmen. Eine der Außerirdischen sprach sogar Interlingua. Obwohl ihre Betonung ungewohnt klang, wirkte sie auf Riina fast vertraut.
Die Außerirdische begrüßte Riina freundlich und Riina begriff, dass die Außerirdischen es ihr so leicht wie möglich zu machen versuchten.

Schnell verlor sie alle Angst.

Die Außerirdische, die Interlingua sprach, fungierte als Übersetzerin.

Sie kamen aus dem Sternbild der Vega, Riina musste innerlich lächeln, Veganer.
Sie besuchte sie nun täglich. Sie sprach mit Hilfe der Übersetzerin über Philosophie, Geschichte und Alltag. Bald fühlte sich Riina unter ihnen aufgehoben. Sanft und kühl war die Luft in ihrer Nähe. Ihre Stimmen streichelten die Haut.
Und trotz ihrer Größe waren sie unglaublich achtsam.

Riina erzählte ihnen von der Lebensweise der Menschen und brachte kleine Dinge aus dem menschlichen Alltag mit, ein Musikinstrument, Obst, Gemüse und einige Pflanzen.
Sie verließ sich dabei ganz auf ihr Gefühl.
Sie ließ sogar ihre beiden Hundewelpen, die sie gerade aufgenommen hatte, über Nacht bei den Außerirdischen. Sie brachte auch etwas Futter für die beiden mit.
Morgen würde sie sie wieder abholen.
Sie spürte ein Singen in der Luft, als sie die Dinge überbrachte.

Als sie am nächsten Tag kam, war nur die Übersetzerin draußen auf der Lichtung vor dem Raumschiff.
Die Pflanzen waren alle am Rande der Lichtung eingepflanzt. Riina betrachtete sie und sah sich nach den Hunden um. Offensichtlich ging es den beiden zu gut hier, da sie sich nicht einmal meldeten.

Die singende Stimme der Außerirdischen unterbrach Riinas Gedanken. „Sei willkommen, die anderen sind gerade bei der Nahrungsaufnahme. Sie werden bald kommen.“
Riina lachte. „Bei uns bittet man Gäste zu Tisch.“
Die Außerirdische wiegte sich im Lufthauch. „Dann komm. Aber die Nahrungsaufnahme anderer Wesen kann auch als abstoßend empfunden werde.“
Riina lachte, sie war sich sicher, dass dies nicht so sein würde. Sie fühlte den kühlen Lufthauch angenehm auf ihrer Haut.

Die Veganer standen hinter dem Raumschiff im Schatten der Bäume im Kreis, in ihrer Mitte lag wohl das, was ihre Nahrung war. Sie streckten einige ihrer unteren Gliedmaßen zur Nahrung in der Mitte aus und fingen an zu saugen.

Riina gab sich Mühe, nicht zu sehr zu starren.

Doch dann hörte sie das Schreien, das Schreien der Welpen. Erst jetzt begriff sie, was dort als Knäuel in der Mitte lag.
Die Welpen – und sie lebten noch.

Riina spürte, wie sie zu zittern begann, ihr wurde schlecht. Sie musste sich übergeben. Sie rannte zum anderen Ende der Lichtung und hielt sich an einem Baum fest. Sie heulte.
Dann spürte sie hinter sich eine Bewegung und einen kühlen Lufthauch. Die sanfte Stimme der Übersetzerin strich ihr über den Rücken. „Es tut mir leid, wir wollten Dich nicht schockieren.“

Riina zitterte immer noch. „Ihr esst Fleisch?“

Die Außerirdische wirkte sichtlich betrübt. „Für uns sind Tiere, die wir mit unseren Säften auflösen und dann einsaugen, unser wichtigstes Nahrungsmittel.“
Riina sah die Außerirdische an. „Aber sie haben noch gelebt.“
Die Außerirdische schwieg einen Moment, nur das Rauschen des Windes war zu hören. Dann wandte sie sich Riina zu.
„Du isst doch auch Rohkost.“

Riina schüttelte den Kopf, immer noch liefen ihr Tränen herab.
Das Schreien der Welpen würde sie nie vergessen. „Aber keine Tiere, keine empfindungsfähigen Wesen, nur Pflanzen!“
Riina hatte kurz den Eindruck von Trauer und Enttäuschung in der Haltung der Außerirdischen. Und dann hörte sie die sanfte kühle Stimme, die sich ihr voll Trauer zuwandte.

„Wir sind Pflanzen.“

FIN

 


Foto: Marija Zaric (Unsplash.com).

Yuriko Yushimata Foto SW Foto Tianshu Liu, Unsplash.com

Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach nur witzig. Sie befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche (www.irrliche.org). Spiegelung und Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!