Shut up and hug me. (Foto: June Liu, Unsplash.com)
Gelächter und Lächerlichkeit mag zwar für den betroffenen Ausgelachten erniedrigend sein, doch ist dies immerhin das Gegenteil von Ignoranz.

Manch einer hat wenig zu lachen, so sagt man landläufig, denn sein Leben erscheint ihm übermäßig beschwerlich, doch wenn er jemandes Missgeschickes Zeuge wird, kann er sich sein Gelächter kaum verkneifen.

„Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier. Man erkennt den Menschen stets daran, dass er zum rechten Zeitpunkt lachen kann“, heißt es im Roman Timm Thaler von James Krüss [1]. Hier hatte ein Jüngling sein menschliches, herzhaftes Lachen an den Baron Lefuet (rückwärts gelesen: „Teufel“!) verkauft gegen die Fähigkeit, jegliche Wetten zu gewinnen, und so zu einem reichen Mann zu werden. Ohne Lachen allerdings. War dies ein gutes Geschäft?

Warum lachen Menschen und was steckt dahinter?

Lachen über ein Missgeschick eines Mitmenschen: Das ist nach Sigmund Freuds psychoanalytischer Interpretation eine Triebabfuhr der Erleichterung. Erleichtert darüber, dass ihm das Missgeschick nicht selber widerfahren ist, lacht ein Mensch.

Auch Philosophen haben über das Lachen nachgedacht. Denn philosophieren bedeutet: alles denken dürfen und müssen, nichts Menschliches gehört ausgeschlossen. Und hier – beim Ausgeschlossenen – sind wir sofort ganz nahe dran an einer philosophischen Interpretation des Lachens. Durch Lachen nämlich wird scheinbar Ausgeschlossenes eben nicht ignoriert, sondern – im Gegenteil – wieder hereingeholt in die Psyche des Lachenden und seine soziale Gruppe, denn diese wurde angesteckt durch seine Fröhlichkeit.

Gelächter und Lächerlichkeit. Dies mag zwar für den betroffenen Ausgelachten erniedrigend sein, doch ist dies immerhin das Gegenteil von Ignoranz: Der Belachte wird wahrgenommen und Mitgefühl ist ihm gewiss, selbst noch durch eine Demütigung. Wäre er ein Stein, käme ihm derartige Empathie nicht zuteil.


Quellen und Anmerkungen

[1] Der Roman Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen des Dichters James Jacob Hinrich Krüss (1926 – 1997) erschien 1962.


Foto: June Liu (Unsplash.com)

Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik. Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Christian Ferch veröffentlicht zahlreiche philosophische Texte auf seiner Homepage. Im Podcast Philosophie Heros reflektiert er auf gesellschaftliche Aspekte aus dem Blickwinkel der Philosophie und der Kommunikation.