Die Lunte am Pulverfass: Uns geht’s doch gut!

Während in den USA das politisch etablierte Ostküstenestablishment zum Teufel gejagt und durch einen Rabauken aus der Baubranche ersetzt wurde, während in Großbritannien zur gleichen Zeit eine Volksabstimmung darüber beschied, die Europäische Union zu verlassen, während kurz darauf in Frankreich das gesamte Parteiensystem eine Abfuhr erlitt und ein Mann aus dem Nichts zum Präsidenten gewählt wurde, und während wiederum kurz darauf derselbe Mann allen Kredit verspielt hatte, weil er so weiter machte wie die von ihm kritisierten Parteien, wird in den herrschenden Kreisen Germanistans so getan, als sei die Welt bestens in Ordnung.

There is no alternative!

Wir reden hier nicht über die Kriege in vielen Teilen der Welt, an denen der Westen direkt oder indirekt beteiligt ist. Das würde zu komplex und es ist ein eigenes Thema. Aber es hat die gleichen Wurzeln. Der Tenor, der das Geschehen bestimmt, ist einfach beschrieben. Er lautet: Wir sind die Guten und Weiter so!

Gestern, wieder einmal in einer Diskussion, die dem Leitgedanken folgte, wie verblödet eigentlich die Briten wären, wurde ausnahmsweise einmal eine intelligente Frage an jemanden gestellt, der direkt in der politischen Verantwortung für das steht, was die deutsche Position zu Europa genannt werden muss.

Wenn es, so die Frage, in allen Teilen Europas so heftige Reaktionen auf die offizielle Politik und Entwicklung der EU gebe, was wäre es denn, dass sich ändern müsste? Die Antwort war bestechend symptomatisch. Sie lautete nämlich, es gäbe zu Europa keine Alternative.

Das war nichts anderes als der Satz, der seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts dazu geführt hat, das die geschäftsführenden Ausschüsse der Politik mit den Lebensbedingungen der Mehrheiten nichts mehr anfangen können: There is no alternative.

Die Lunte am Pulverfass

In Germanistan, wo das Narrativ, dass es uns doch allen gut geht, immer noch bei denen zieht, auf die die Aussage zutrifft, aber schon lange nicht mehr bei jenen und in Zahl immer mehr anwachsenden Menschen, denen es schlecht geht, fundamentalen Zorn hervorruft, sind sich die wenigsten bewusst, dass die Lunte, die zum Pulverfass führt, schon längst den nötigen Funken gefangen hat.

Was, so fragen sich vor allem letztere, muss eigentlich noch alles passieren, damit die Verantwortlichen das machen, was jedes Vernunft begabte Wesen tut, wenn es scheitert oder Misserfolge zu verbuchen hat?

Es wäre geraten, sich die Kritik noch einmal genau anzuhören und die Themenkomplexe aufzulisten. Und es wäre geraten, sie abzuarbeiten in dem Sinne, dass auf die Kritik eine Antwort gegeben werden kann. Und Themen gibt es genug. Das, was die meisten Europäer bewegt, beginnt mit einer nur wenigen nützenden Finanzpolitik, es geht weiter über eine überbordende, intransparente Bürokratie, die zentralisiert, was das Zeug hält, es richtet sich gegen die mangelnde demokratische Legitimation für gravierende Aktionen wie bei der Bankenrettung et cetera.

An die Freunde

Nichts von dem ist bis heute Gegenstand der Diskussionen, denen sich die Verantwortlichen stellen. Stattdessen protegieren sie Bewegungen, die am Wochenende Europafähnchen schwingen und das Lied an die Freude [1] singen. Weltentrückter geht es kaum. Aber vielleicht ist es auch nur die Arroganz derer, die glauben, ihnen könne nichts passieren und es würde sich schon alles richten. Es ist ein Phlegma, das ins Auge gehen wird. Wer nicht antwortet, wenn man ihn etwas fragt, der sitzt bald nicht mehr am Tisch. So einfach ist das.


Quellen und Anmerkungen

[1] An die Freude ist ein Gedicht von Friedrich Schiller. Mit Pathos wird das klassische Ideal einer Gesellschaft gleichberechtigter Männer beschrieben, die verbunden sind durch das Band der Freude und der Freundschaft. Das Gedicht wurde unter anderem von Ludwig van Beethoven vertont.


Foto: Cheep (eigenes Werk; Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International; CC BY-SA 4.0; Wikimedia Commons; cropped)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

5 thoughts on “Die Lunte am Pulverfass: Uns geht’s doch gut!

  1. Da steht die Welt vor riesigen Klimaproblemen und die Regierungen stört das überhaupt nicht. Es ist ja so wichtig, ob das Ausscheiden Großbrittaniens aus der EU für die eine oder andere Seite Vorteile bringt. Das ist Dekadenz in höchster Potenz. Und alle öffentlichen Medien haben nichts Anderes zu tun, als diese Gesichtspunkte von vorn oder noch einmal von hinten zu diskutieren. Wenn der Klimaschaden nicht auch davon unabhängige Länder beeinträchtigt, hätten es diese Länder nicht besser verdient. Da gehen heute schon international Schüler auf die Strasse, um zu protestieren und das ist nicht einmal einer Erwähnung wert.

  2. Mein Spruch klingt zynisch, aber doch passt er immer wieder zu allen möglichen ehrlichen Analysen wie dieser hier: “Die Menschheit lügt sich aus der Welt hinaus”. In vorderster Front die Deutschen.

  3. Zum Thema
    Warum haben wir Trump ?
    Weil die Vertreter dieser Gier erkannt haben das die etablierte Gier mit all ihrer Macht, den hörigen Medien ect. das ganze mit zunehmender Geschwindigkeit gegen die Wand fährt. Beide Vertreter entstammen Mutter Gier die übrigens in uns allen innewohnt.
    Und es ist ein Lehrbeispiel warum eine Revolution nie ohne Gewalt und Blutvergießen abgeht.
    Die Aufstände der Gelbwesten in Frankreich sehe ich als Bilder- bzw. Maschinenstürmerei, Siehe damaliges England etc., wo die etablierte Macht in Vertretung von Macron einem Faschisten im neoliberalen Mantel versucht den Aufstand nieder zu Halten und zu Spalten.
    Sie werden mit Blut und Schweiß das Lernen müssen was ihre Vorfahren schon mit Blut und Schweiß lernen mussten. Und das nur weil sie aus der Geschichte nichts gelernt und auch nichts ihren Nachfahren beibrachten. Das man Dinge die man hart erkämpft hat nicht preisgibt für die Gier einiger wenige.
    In Deutschland dauert es selbstverständlich länger, weil die Ellenbogengesellschaft viel besser und viel mehr gespalten wurde. Siehe ganz nach dem indischem Spruch ” Teile und Herrsche ” .

    1. Sie schrieben: “Beide Vertreter entstammen Mutter Gier die übrigens in uns allen innewohnt.” Das würde ich so nicht sagen. Die Gier ist kein gesunder, natürlicher Trieb im Menschen, sondern eine ungesunde Reaktion wie etwa die ungezügelte Wut, Angst, Aggression in jeder Form. Es besteht die MÖGLICHKEIT bei jedem und jeder von uns, dass solche ungesunden Reaktionen von uns Besitz ergreifen. Aber jede(r) hat auch die theoretisch Möglichkeit, sich dessen bewusst zu werden und reinigende Selbstreflexion zu betreiben. Dafür sind wir Menschen geworden.

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