Zeugnis für die deutsche Regie

Manchmal ist es hilfreich, mit der Zeitmaschine zurück in die Vergangenheit zu fahren und einen Blick auf die Situationen zu werfen, in denen Entscheidungen getroffen wurden, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind.

Das wird auch hierzulande hinsichtlich der deutschen Einheit und der Rolle des vereinigten Deutschland in der Europäischen Union gemacht. Dabei fällt auf, dass die Gewissheit, in der Vergangenheit alles richtig gemacht zu haben, überwiegt.

In diesem Zusammenhang ist eine Bundestagsrede von Gregor Gysi interessant, in der er noch Hans-Dietrich Genscher als Außenminister adressiert und ihm ein furchtbares Szenario einer künftigen EU-Entwicklung entwirft, sollte die damalige Bundesregierung bei der Vorstellung bleiben, der Euro, also eine Währung, sei exklusiv in der Lage, die vorhandenen nationalen Identitäten hinter sich zu lassen und eine neue europäische Gemeinsamkeit zu schaffen.

Seine Prognosen sind düster, und, das ist das Fatale, es hört sich an, als hätte der Mann seine Rede mit dem Wissen von heute gehalten. Sowohl ökonomisch als auch politisch hat das wiedervereinigte Deutschland das eingelöst, was, auch von außen betrachtet, als große Befürchtung beschrieben worden war.

Der französische Präsident François Mitterrand zitierte einen bereits verstorbenen französischen Romancier, François Mauriac, der das gesagt hatte: „Ich liebe Deutschland. Ich liebe es so sehr, daß ich zufrieden bin, weil es gleich zwei Deutschland gibt.“

Damit brachte er die Skepsis vieler in Bezug auf die Wiedervereinigung auf den Punkt. Selbstverständlich versprachen die deutschen Politiker hoch und heilig, sie würden nicht in die alten Muster zurückfallen, die da hießen Dominanz und Sonderweg.

Nennen wir es beim Namen: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.
Aus heutiger Sicht ist festzustellen, dass viele der Befürchtungen in multidimensionaler Hinsicht untertrieben waren. Denn ökonomisch hat die Politik der Bundesrepublik in Europa alles abgeräumt, was als Ansatz für eine mehrpolare Selbstständigkeit vorhanden war. Mehr und mehr ging es um den deutschen Export, für den Märkte geschaffen wurden.

Waren die potenziellen Käufer nicht liquide, so bekamen sie Kredite, die durch keinerlei Sicherheiten gedeckt waren. Als diese fällig wurden, gingen die Volkswirtschaften vor allem in Südeuropa baden. Als Reaktion aus Deutschland erhielten sie in der Regel den Vorwurf, sie seien nicht so fleißig wie die Deutschen und zudem schlecht organisiert. Dann folgten die letalen Rettungsprogramme des IWF, der seinerseits dafür sorgte, dass die nationalen Assets verramscht wurden wie schales Bier.

Und als reichte es nicht, dass da ein neues Deutschland, nein, nicht mit Panzern, aber mit der Produktivitätspeitsche durch den europäischen Hof schritt, folgte noch das, was für viele europäische Völker wie ein böses Omen am Horizont stand: die moralische Belehrung. Oder, nennen wir es beim Namen, der alte Satz: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

Das, was ökonomisch vollzogen wurde, wurde mit einer moralinsauren Religion verkauft. Hört man sich die heutigen Akteure an, so reden sie viel von Werten und Moral. Sie begreifen nicht, dass das für viele, die alles verloren haben, wie Hohn und Spott klingt.

Die große Verteilungsmaschine EU, in die als Charity eingezahlt wurde, konnte und kann die Schäden nicht kompensieren, die durch den Wirtschaftsimperialismus angerichtet wurden. Diesen Traum hat allenfalls eine in der europäischen Bürokratie sozialisierte Nomenklatura.

Die Völker Europas haben eine andere Realität. Die bevorstehenden Europawahlen werden ein Zeugnis sein, auch und gerade für die deutsche Regie.

Rede von Gregor Gysi vom 23. April 1998 im Bundestag in der Debatte zur Euro-Einführung. Gysi skizzierte, welche Folgen der eingeschlagene Weg für Europa haben werde. (Quelle: YouTube/Fraktion DIE LINKE im Bundestag)

Illustration: Kevin Ku (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

2 Gedanken zu “Zeugnis für die deutsche Regie”

  1. In was für Widersprüche hat sich da gerade die deutsche Regierung verwickelt. Wenn nur Ansätze von nationalem Denken auftauchen, so werden diejenigen gleich als Nazis angeprangert. Wenn es dagegen um wirtschaftliche Fragen geht, so versucht die Regierung alles, diese nationale wirtschaftliche Vormachtstellung beizubehalten oder noch auszubauen. Hier fehlt jegliches europäisches Denken. Hoffen wir auf deutsche Gelbwesten.

  2. tja, was soll man dazu schreiben?

    ich habe schon immer die angst vor der „deutschen regie“ verstanden – doch oft war sie ja auch mit neid und respekt vermischt.

    die deutschen spielen eine der schrecklichsten rollen in der geschichte der menschheit … scheinbar zwanghaft immer wieder … dieser zwangsneurose kann man nur versuchen zu widerstehen … und sie nicht bedienen

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