Verbünden und aktiv werden

Das Positive an Krisen: Es kommt Bewegung ins Spiel. So auch jetzt. Einerseits haben sich die Gesellschaften in Bewegung gesetzt, und zwar nicht nur in Frankreich, sondern auch in Italien. Es sieht so aus, als würden diejenigen, die unter der Krise am meisten zu leiden haben, eine organisierte Form des Widerstandes suchen und sich zu einer gesellschaftlich relevanten Kraft entwickeln. Und das trotz eines offiziell gepflegten Zeitgeistes, der sie als die selbst verschuldeten Loser der Globalisierung abstempelt.

Dekadente Ausschweifungen

Zudem sinnt selbst die in Sachen Wirtschaftsliberalismus am radikalsten aufgestellte Regierung des Kontinents, die Große Koalition in Berlin, darüber nach, wie es weitergehen könnte.

Zum einen, und das ist die Aufgabe der verbliebenen Sozialdemokraten, geht es um die soziale Abfederung der rasanten Privatisierungs- und Internationalisierungsstrategie, und zum anderen, daran schnüffelte der Wirtschaftsminister und das Trüffelschwein der Kanzlerin, sollen die strauchelnden Schlüsselindustrien subventioniert und ein bisschen gesteuert werden.

Die beiden letzten Initiativen werden sehr schnell durch das Tagesgeschehen der Entwicklung ad absurdum geführt werden.

Wenn global der Wert für die menschliche Arbeitskraft sinkt, kann eine einzelne nationale Regierung nichts machen, es sei denn, der Staat würde massiv intervenieren, aber dafür sind Retro-Fritzen wie AKK, Merz und Ziemiak nicht zu haben. Und eine Nationalisierung der Autoindustrie macht nur dann Sinn, wenn es um Aufrüstung und einen neuen Krieg geht. Da sollte sich der Wirtschaftsminister besser direkt beim Volkskonzern VW erkundigen, bei dem alles darüber gelernt werden kann, zu welchen Perversionen und dekadenten Ausschweifungen ein staatliches Volksmonopol in unseren Breitengraden fähig ist.

Allein der öffentlich demonstrierte Versuch über Alternativen zum alten Kurs nachzudenken zeigt jedoch in starkem Maße die anschwellende Furcht vor der Selbstorganisation der “Verlierer“.

Ihr Lager ist größer als offiziell ausgewiesen. Es sind die Arbeitslosen, es sind die Zeitarbeiter und Unterbeschäftigten, es ist immer mehr der Mittelstand.

Der bürokratische Moloch

Das Global Marketing hat nahezu den gesamten Handel monopolisiert. Viele exzellente, hoch spezialisierte Unternehmen, die im Werkzeugmaschinenbau unterwegs sind, wurden längst aufgekauft. Die Zulieferer haben von der Autoindustrie, die selbst bräsig wie ein Pascha den Müßiggang in Sachen Innovation pflegte, die Knute zu spüren bekommen und ein Großteil kann sich die Spezereien, die durch bürokratische EU-Richtlinien gefordert sind, nicht mehr leisten. Es handelt sich um ein Unterfangen, das so nicht lösbar ist.

Eine der Strategien der Vergangenheit war der Versuch, den großen Mächten im Spiel der Globalisierung mit der europäischen Karte begegnen zu wollen. Der Gedanke ist gut, er wurde jedoch pervertiert durch bürokratisches und technokratisches Herangehen.

Heute steht ein bürokratischer Moloch einem agilen internationalen Konsortium gegenüber, die das vermeintliche gegnerische System durch eingepflanzten Lobbyismus empfindlich infiziert hat.

Verbünden und aktiv werden

In einem besteht allerdings ein Konsens: mit Verschwörungstheorien ist niemandem geholfen. Das bezieht sich zum einen auf die Kreise der Globalisierer. Ihr Tun ist offen und bekannt, da braucht es keine ethnische oder religiöse Zuordnung. Denn deren gemeinsamer Nenner ist endlose Gier und der Mangel an sozialer Räson. Zum anderen sind alle, die nach den Möglichkeiten der Koalition von ganz unten suchen auch nicht von Wladimir Putin direkt bezahlt.

Wer das behauptet, verweist nur auf die Abhängigkeit von jenen, denen die Zwietracht neuer Bündnisse nützt. Ein guter Rat zu dieser Stunde ist es, sich zu verbünden und aktiv zu werden, und dann zu überlegen, wie mit den Besitzmonopolen umzugehen ist.


Foto: Nabil Aiman (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

2 Comments

  • Könnte die gesamte Problematik nicht optimistischer gesehen wrden. Sind nicht die regierenden Parteien am Ende ihrer Regentschaft, ihnen fehlt jede echte Lösung. Man muss nur alle zuletzt getroffenen Entscheidungen betrachten, so stellt man fest, dass dort die große Angst vorherrscht, das Volk nicht mehr in den Griff zu bekommen. Allein die Versuche, das Volk täglich mehr unter ihre ihrer Kontrolle zu halten, zeigt sich den letzten erlassenen Gesetzen. indem die Bekämpfung von Antisemiten, von Antidemokraten und Globalisierungsgegnern forciert worden ist. Ist das nicht ein Zeichen der Angst, dass sich diese Art von Miteinander dem Ende nähert.

  • Nochmals der Hinweis: Die Verfassungsbeschwerde von Frau Grimmenstein und 9.400 Mitstreitern wurde angenommen. Die 93 Seiten sind zwar nicht einfach zu lesen. Die 13 gestellten Anträge sind auf den ersten 3 Seiten enthalten. Der Rest ist notwendige Begründung. Nachzulesen auf (HINWEIS ADMIN: Link gelöscht. Lesen Sie bitte die Netiquette und die dortigen Hinweise zu Petitionsseiten. Die Klageschrift ist über diesen Link im Netz abrufbar.)

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