Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand

Unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse in Frankreich, wo die Bewegung der Gelbwesten die soziale, aber auch die politische Machtfrage stellt, und sich nun die ersten Gewerkschaften mit den Gilets Jaunes solidarisch zeigen, veröffentlicht Neue Debatte einen Auszug aus dem Essay Der kommende Aufstand – sicher keine gelungene Analyse des Kapitalismus, aber eine Vorwegnahme der Geschehnisse und vielleicht des Laufs der Dinge.

Das politische Essay „L‘insurrection qui vient“ (Der kommende Aufstand) erschien 2007. Verfasst wurde die Schrift, die zum Beispiel in der Wochenzeitung Die Zeit als linksradikales Manifest bezeichnet wurde, von einem anonymen Autorenkollektiv französischer Intellektueller. Sie nennen sich Comité invisible (Unsichtbares Komitee). Im Frühjahr 2010 wurde das Werk ins Deutsche übersetzt. Der kommende Aufstand fand vor allem über das Internet Verbreitung.

Inhaltlich nimmt das Unsichtbare Komitee Bezug auf Demonstrationen und Aufstände in den Monaten und Jahren vor Veröffentlichung des Essays. Die Unruhen, wie beispielsweise 2005 in den französischen Vorstädten, und Revolten, werden als Symptome des Zerfalls der westlichen Demokratien gedeutet.

Unverblümt wird dargelegt, warum ein organisierter Widerstand, der letztlich zum Aufstand wird, notwendig ist, um die kritisierten gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Als alternatives Modell zur bestehenden Ordnung wird eine dezentral organisierte und kooperative Gesellschaft beschrieben, die aus föderierten Kommunen und selbstverwalteten lokalen Organisationsformen besteht.

Hannes Hohn ging auf Arbeitermacht.de, ein Medium, das sich als Teil des revolutionären Marxismus versteht, hart mit der Schrift ins Gericht. Hohn kritisierte die fehlende theoretische Tiefe. Er schrieb:

„(…) Was ein politischer Text taugt, muss daran gemessen werden, was er zur Weiterentwicklung des Verständnisses von Kapitalismus, Arbeiterklasse, Widerstand und Klassenkampf beiträgt. Er muss v.a. daran gemessen werden, was er konkret vorschlägt, um die vorhandenen Kämpfe, Programme, Führungen, Taktiken usw. zu verbessern. Was „Der kommende Aufstand“ an Analyse, an Theorie, an Empirie bringt, geht gegen Null. Lediglich ein Übermaß an – verständlichem – Abscheu gegen den Kapitalismus kann ihm positiv attestiert werden. Das ist für 80 Seiten jedoch etwas wenig!“

Sein Fazit ist wie ein Tritt gegen das Schienbein:

„(…) Doch jene, die praktisch gegen den Kapitalismus, seine Auswirkungen und seine diversen Agenturen kämpfen – ob in Palästina oder in Afghanistan, in Libyen oder Ägypten, in Athen oder in Madrid – diese Millionen brauchen andere Antworten darauf, wie sie ihre Kämpfe effektiv führen können, welche Taktiken, welche Organisationen, welche Führungen, welche Programme und welche Bündnispartner sie brauchen. Auf die Ratschläge von kleingärtnernden Revoluzzern können sie dabei getrost verzichten!“

Hohn mag mit seiner Rezension ins Schwarze getroffen haben, aber auch das Unsichtbares Komitee, das mit Der kommende Aufstand in erster Linie den Bauch anspricht und dafür den mit Informationen vollgestopften Kopf vernachlässigt, lag nicht neben der Spur. Der Aufstand kam nicht, jetzt manifestiert er sich in Gestalt der Gelbwesten.

Auszug

Der kommende Aufstand

Dritter Kreis

»Das Leben, die Gesundheit und die Liebe sind prekär, wieso sollte sich die Arbeit diesem Gesetz entziehen?«

Es gibt in Frankreich keine verworrenere Frage als die der Arbeit, es gibt keine verdrehtere Beziehung als die der Franzosen zur Arbeit. Geht nach Andalusien, Algerien oder Neapel. Dort verachtet man die Arbeit im Grunde.

Geht nach Deutschland, in die USA oder nach Japan. Dort wird die Arbeit verehrt. Die Dinge ändern sich, das ist wahr. Es gibt sehr wohl auch Otaku in Japan, Glückliche Arbeitslose in Deutschland und Workaholics in Andalusien. Aber die sind zur Zeit nur Kuriositäten.

In Frankreich reißt man sich Arme und Beine aus, um in der Hierarchie aufzusteigen, aber im Privaten rühmt man sich, nichts zu tun. Man bleibt bis um zehn Uhr abends auf der Arbeit, wenn man überfordert ist, aber man hat keine Skrupel, dort Büromaterial zu klauen oder sich bei den Waren im Lager zu bedienen und diese bei Gelegenheit zu verkaufen. Man hasst die Chefs, will aber um jeden Preis Angestellter sein. Eine Arbeit zu haben ist eine Ehre und arbeiten ein Zeichen der Unterwürfigkeit. Kurz: das perfekte Krankheitsbild der Hysterie. Man liebt, indem man hasst, und man hasst, indem man liebt.

Und jeder weiß, welche Verblüffung und Verwirrung den Hysterischen schlägt, wenn er sein Opfer, seinen Herrn verliert. In den meisten Fällen erholt er sich davon nie wieder.

In diesem grundlegend politischen Land, das Frankreich ist, war die industrielle Macht stets der staatlichen unterworfen. Die wirtschaftlichen Aktivitäten waren niemals ohne die argwöhnisch rahmende Betreuung einer kleinlichen Verwaltung. Die großen Chefs, die nicht vom staatlichen Adel à la École Polytechnique oder ENA [13] stammen, sind die Paria der Geschäftswelt, wo zugegeben wird, hinter der Kulisse, dass sie ein bisschen Mitleid erregen. Bernard Tapie [14] ist ihr tragischer Held: an einem Tag vergöttert, am nächsten Tag im Knast, immer unberührbar. Dass er jetzt auf der Bühne steht, hat nichts Erstaunliches.

Indem das französische Publikum ihn bewundert, wie man ein Monster bewundert, hält es sichere Distanz, durch das Spektakel einer so faszinierenden Ruchlosigkeit schützt es sich vor dem Kontakt. Trotz dem grossen Bluff der 1980er Jahre hat in Frankreich der Kult des Unternehmens nie Fuss gefasst.

Wer immer ein Buch schreibt, um ihn zu verunglimpfen, ist sich eines Bestsellers sicher. Die Manager mit ihren Sitten und ihrer Literatur können sich zwar in der Öffentlichkeit präsentieren, es umgibt sie aber ein Sperrgürtel aus Gekicher, ein Ozean aus Verachtung, ein Meer aus Sarkasmus. Der Unternehmer gehört nicht zur Familie. In der Hierarchie des Abscheus wird ihm der Bulle vorgezogen.

Beamter zu sein bleibt, gegen Wind und Wetter, gegen Golden Boys und Privatisierung, nach allgemeinem Verständnis die Definition guter Arbeit. Man kann den Reichtum derjenigen beneiden, die keine sind, um ihre Stellen beneidet man sie nicht.

Vor dem Hintergrund dieser Neurose können die aufeinander folgenden Regierungen noch immer der Arbeitslosigkeit den Krieg erklären und vorgeben, sich die »Schlacht um die Beschäftigung« zu liefern, während Ex-Führungskräfte mit ihren Handies in den Zelten der Médecins du monde [15] am Ufer der Seine campen.

Während es den massiven Streichungen der ANPE [16] und allen statistischen Tricks nicht gelingt, die Zahl der Arbeitslosen unter zwei Millionen zu senken. Während das RMI [17] und die kleinen Gaunereien selbst nach der Meinung der Nachrichtendienste die einzigen Faktoren sind, die vor einer sozialen Explosion schützen, die zu jedem Moment möglich ist. Die psychische Ökonomie der Franzosen genauso wie die politische Stabilität des Landes ist es, welche bei der Aufrechterhaltung dieser arbeiterischen Fiktion auf dem Spiel stehen.

Mit Verlaub, das ist uns scheissegal.

Wir gehören einer Generation an, die sehr gut ohne diese Fiktion lebt. Die noch nie auf die Rente oder das Arbeitsrecht und schon gar nicht auf das Recht auf Arbeit gezählt hat. Die nicht einmal prekär ist, wie es die fortschrittlichsten Fraktionen des linken Aktivismus gerne theoretisieren. Weil prekär sein noch immer heißt, sich in Bezug auf die Sphäre der Arbeit zu definieren, in diesem Fall: in Bezug auf ihren Zerfall.

Wir anerkennen die Notwendigkeit, Geld zu finden, mit welchen Mitteln auch immer, denn es ist zur Zeit unmöglich, darauf zu verzichten. Wir anerkennen nicht die Notwendigkeit der Arbeit. Außerdem arbeiten wir nicht mehr: wir jobben. Das Unternehmen ist kein Ort, an dem wir existieren, es ist ein Ort, den wir durchqueren.

Wir sind nicht zynisch, wir scheuen nur, uns missbrauchen zu lassen. Der Diskurs der Motivation, der Qualität und des persönlichen Einbringens perlt zur großen Verzweiflung aller Verwalter des Humankapitals an uns ab. Man sagt, wir seien von den Unternehmen enttäuscht, dass diese die Loyalität unserer Eltern nicht honoriert hätten, sie hätten sie zu schnell entlassen. Man lügt. Um enttäuscht zu werden, muss man einst gehofft haben. Und wir haben uns von den Unternehmen nie etwas erhofft: wir sehen sie als das, was sie sind und was zu sein sie nie aufgehört haben, ein doppeltes Spiel mit wechselhaftem Komfort.

Wir bedauern vor allem unsere Eltern, dass sie in diese Falle getappt sind, die zwei zumindest, die daran geglaubt haben. (…)


Quellen und Anmerkungen

13 Eliteschulen, die alle wichtigen Staatsfunktionäre, PolitikerInnen und Wirtschaftseliten durchlaufen

14 französischer Geschäftsmann und Schauspieler mit zweifelhaftem Ruf

15 internationale humanitäre Hilfsorganisation

16 »Agence Nationale Pour l‘Emploi«, Agentur für Arbeit

17 »Revenu Minimum d‘Insertion«, Fürsorgezahlungen


Hinweis: Das Essay Der kommende Aufstand kann zum Beispiel hier oder hier als PDF abgerufen werden.


Redaktionelle Anmerkung: Die Publikation Der kommende Aufstand wurde von der französischen Regierung im Zusammenhang mit der Sabotage an einer Eisenbahnstrecke als Beweismittel beschlagnahmt. Über die Trasse sollte im November 2008 ein Castortransport mit radioaktivem Material rollen. Die sogenannte Gruppe Tarnac wurde für den Sabotageakt verantwortlich gemacht und von Polizei und Regierung in den Bereich des Terrorismus verortet. Erst zehn Jahre später kam es zum Prozess. Er endete mit Bewährungsstrafen für die an der Sabotage der Bahnstrecke beteiligten Personen. Eine Terrorgruppe Tarnac hat es allerdings nie gegeben, sie war eine Erfindung der Polizei.

Die Urheberschaft von Der kommende Aufstand ist bis heute nicht geklärt. Im Juni 2015 wurde auf dem Blog quadruppani.blogspot.com unter der Überschrift „Die Stunde der süßen Geständnisse: Ich bin der Autor von „Der kommende Aufstand“ („L’heure des doux aveux: Je suis l’auteur de l „Insurrection qui vient“) ein Brief veröffentlicht, der eine Aufforderung ist, sich zur Urheberschaft zu bekennen.

Zahlreiche Schriftsteller, Philosophen, Medienschaffende, Handwerker und Künstler setzten ihren Namen unter den Brief:

Paul Ariès (Schriftsteller), Miguel Benasayag (Philosoph, Schriftsteller und Psychoanalytiker), Jean-Claude Besson-Girard (Maler und Schriftsteller), Jean-Christophe Brochier (Redakteurin), Jean-Pierre Bouyxou (Journalist und Regisseur), Laurent Cauwet (Redakteurin), François Cusset (Historiker und Schriftsteller), Benoît Delepine, Alessi Dell’Umbria, Alessandro di Giuseppe (Schauspieler), Valerio Evangelisti (Schriftstellerin), Olivier Favier (Übersetzer), René Frégni (Schriftsteller), Noël Godin (Schriftsteller und Schauspieler), Gunter Gorhan (Philosoph), Dominique Grange (Sänger), Thierry Guilabert (Schriftsteller und Kolumnist), Eric Jousse, Francis Juchereau (Pensionär), Alain Jugnon (Philosoph), Stathis Kouvelakis (Philosoph), Bernard Langlois (Journalist), Serge Latouche (Schriftsteller), Michel Lepesant (Philosoph), Jérôme Leroy (Schriftstellerin), Maximilien Lutaud (Töpferin), Stéphane Mercurio (Filmemacher), Fabienne Messica (Beraterin und Soziologin), Jean-Henri Meunier (Direktor), Gérard Mordillat (Schriftsteller und Filmemacher), Flavien Moreau (Zeichner), Frédéric Neyrat (Philosoph), Hélène Oswald (Herausgeberin), Yves Pagès (Schriftsteller und Verleger), Christiane Passevant (Journalistin), Didier Porte (Journalist, Kolumnist und Komiker), Serge Quadruppani (Schriftsteller und Herausgeber), Jean-Marc Raynaud (Schriftsteller), Jean-Jacques Reboux (Schriftsteller und Verleger), Camille Robert (Direktorin), Denis Robert (Journalistin), Jean-Jacques Rue (Journalist), Maud Sinet (Journalistin und Korrektorin), Yannis Stefanis (Zeichner), Grigoris Tsilimantos, Lucio Urtubia (Fliesenleger), Samuel Wahl (Journalist), Dror Warschawski (Forscher), Yannis Youlountas (Schriftsteller).


Symbolfoto: Fabrizio Verrecchia (Unsplash.com)

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3 Comments

  • sehr …. SEHR!! interessant

    dazu eine wahre geschichte meiner kindlichen fantasie: in den 60er jahren an einer ddr-schule hörte ich von meinem lehrer von „lenin und der gruppe der 7″ … also von sieben menschen um lenin als kleiner anfang für das damals z.zt. existierende sozialistische lager von sibirien über china und bis nach ostberlin … es war für mich unfassbar, dass nur acht menschen in einem raum dafür den anfang gemacht haben … soweit meine kindlich-naiven gedanken

    “(…) Was ein politischer Text taugt, muss daran gemessen werden, was er zur Weiterentwicklung des Verständnisses von Kapitalismus, Arbeiterklasse, Widerstand und Klassenkampf beiträgt.“

    konkret habe ich die „neuen programme“ in der praxis erlebt … immer im „vergleich“ zu den unterschieden in der brd … verstanden habe ich nur intuitiv … nicht verstanden habe ich die auswirkungen des marshall-planes auf der einen und der reparationszahlungen an die sowjetunion auf der ANDEREN seite

    „Er muss v.a. daran gemessen werden, was er konkret vorschlägt, um die vorhandenen Kämpfe, Programme, Führungen, Taktiken usw. zu verbessern.“

    das dies UNGLEICH UND UNGERECHT ist, habe ich sehr wohl verstanden … ja, ich war sogar bereit, mit diesem wissen auf einen relativen materiellen wohlstand zu verzichten und konnte dies gut mit einem fast kostenlosen angebot an umfassender kultur und sportlicher förderung kompensieren, DENN die nazis lebten in justiz, bildung und außenministerien der brd mit chicen autos und anzügen in einer kostümierten tradition weiter, die ich in buchenwald besichtigen konnte

    DIESE weltsicht gibt es nicht mehr – aber meine erinnerung daran … viel wurde „experimentiert – verkündet“ – und ist gescheitert …

    etwas WIRKLICH neues sind die gelbwesten (waren es in der allerersten stunde des gedankens vielleicht auch nur 7 oder 8?) … es ist eine sehr hoffnungsvolle bewegung!!!! (natürlich gibt es reichlich kräfte, die je nach eigenen interessen alles mögliche da rein interpretieren – false-flac-agenten sind nur schwer zu enttarnen und die medien sind mehrheitlich im dienste der herrschenden, gegen die diese aktionen gerichtet sind.

    möglicherweise ist entscheidend, ob es konflikte und widersprüche in dem polizeiapparat gibt … darüber weiß ich nichts (nur von minimalen nebenschauplätzen, wo polizisten zu den gelbwesten gewechselt haben – bestimmt ihren job verloren haben … aber auch nicht mehr – was verständlich ist)

    diese BEWEGUNG IST in bewegung … und der verlauf ungewiß … jedoch wird diese bewegung ebenso in unserer dna gespeichert werden … genau wie lenin und die gruppe der sieben …

    bisher gibt es ERKLÄRUNGEN der gelbwesten – wieweit eine TAKTIK existiert ist unbekannt … eine „FÜHRUNG“ wird verweigert – letztendlich ist so JEDER mensch am KAMPF aufgerufen … ob dieser in (general)streiks mündet ist offen … genauso wie die gewalt von beiden seiten …

    es müßte ein forderungsprogramm geben, dass von der regierung sofort erfüllt werden muß … wie groß ist z.zt. die unterstützung der bevölkerung … 80%???

  • Es gibt bereits zwei weitere, aktuelle(re) Texte des Unsichtbaren Komitees, „An unsere Freunde“ und „Jetzt“; sind die dem Autor bekannt?!

    • Vielen Dank für den Hinweis. Ja, die Texte sind bekannt. Wir werden uns darum bemühen, Auszüge dieser Schriften zu veröffentlichen.

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