Der Soziologe Dirk Baecker sagt: “Der Wandel spaltet und bindet uns.”

Obwohl viele Menschen glauben, sie würden die digitalen Technologien verstehen, kann kaum jemand die Auswirkungen auf die Gesellschaft einschätzen. Trotzdem surfen alle wie Getriebene auf der digitalen Welle. Wohin wird sie die Menschheit führen? Licht ins dunkel-binäre Meer des Unbekannten bringt der renommierte Soziologieprofessor Dirk Baecker. Deborah Ryszka hat sich mit ihm über die Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung ausgetauscht, aber auch über Gewalteruptionen auf dem Weg in den digitalen Kapitalismus.

Deborah Ryszka: Herr Baecker, die Digitalisierung schreitet voran. Haben Sie Angst um Ihren Job?

Professor Dirk Baecker (Foto: UWH)
Prof. Dirk Baecker

Dirk Baecker: So lange junge Menschen nach Erziehung und Bildung suchen, gehört der Bildungsbereich einschließlich der Hochschule vermutlich zu den am wenigsten gefährdeten Berufen auch in einer „digitalisierten“ Gesellschaft.

Zwar werden auch hier Inhalte und Formate ins Netz wandern, aber irgendeine Moderationsleistung des Lernens, Prüfens und Versetzens wird es geben, solange Ausbildung und Bildung zertifiziert werden müssen. Natürlich weiß niemand, wie lange das noch der Fall ist. Wir haben schon jetzt Substitute für Zertifikate in der Form von Reputationspunkten, die man schlicht dadurch erwirbt, dass man sich mit zunächst kleinen, dann immer größeren Zuarbeiten in den Feldern betätigt, die einen interessieren. Man macht sich bekannt, man erwirbt Kompetenzen und irgendwann ist man dabei. Dann wäre es um meinen Erziehungsjob als Professor an einer Hochschule geschehen und ich müsste mich fragen, wo ich als Forscher eine Anstellung fände.

Vermutlich ginge es mir dann wie meinen Studenten: Ich müsste mich mit kleinen Zuarbeiten bewerben und mir eine Reputation, einen social score, erwerben.

Sie schreiben in Ihrem Aufsatz „Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung“, dass die Digitalisierung aus systemtheoretischer Perspektive einen „Überschusssinn“ produziert. Es entstehen also erweiterte Kommunikationsmöglichkeiten, die ein Kommunikationsmedium, wie etwa das Netz durch Twitter oder Facebook, bereitstellt. Dieser Überschusssinn bedrohe die bisherige Ordnung und könne nur in einer neuen Ordnung aufgefangen werden. Wie wird diese Ordnung nach Ihrer Meinung aussehen und welche Vor- und Nachteile bringt sie mit sich?

Der Überschusssinn entsteht dadurch, dass in einer Gesellschaft dank neuer Kommunikationsmedien mehr Möglichkeiten des Handelns und Erlebens bereitstehen als zuvor. Das gilt für die Schrift, den Buchdruck oder die elektronischen Medien, es gilt aber natürlich auch für die Einführung und Durchsetzung des Geldes, der Macht, der Liebe, der Wahrheit, des Rechts oder der Kunst. Die Gesellschaft muss Strukturen aufbauen, in denen die Kommunikation in diesen Medien sowohl stattfinden als auch ausgehalten werden kann. Gesellschaft besteht ja nicht nur aus Handeln, sondern auch aus Erleben.

“Längst verändern die elektronischen Medien, wie Wissenschaft gemacht wird, wie Wertschöpfungsketten in der Wirtschaft funktionieren, wie man sich Kriegsführung vorzustellen hat, …”
Oft beunruhigt das Erleben von Schrift, von Macht, von Geld, von Liebe mehr als die Möglichkeit, selbst in diesen Medien zu handeln. Die moderne Gesellschaft, so die Thesen von Marshall McLuhan [1] bis Niklas Luhmann [2], hat die Struktur der funktionalen Differenzierung in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Erziehung und so weiter aufgebaut, um mit den Möglichkeiten der Kommunikation fertig zu werden, die der Buchdruck, die massenhafte Versorgung der Gesellschaft mit kritischer Reflexion zu allem und jedem, bereitstellte.

Die feudalen Strukturen der alten Hochkulturen waren damit überfordert. Heute haben wir es mit dem Überschusssinn der elektronischen Medien zu tun. Und ich warne davor, dabei immer nur an Google, Twitter und Facebook zu denken. Längst verändern die elektronischen Medien, wie Wissenschaft gemacht wird, wie Wertschöpfungsketten in der Wirtschaft funktionieren, wie man sich Kriegsführung vorzustellen hat, wie sich die Politik auf Massenmedien und soziale Bewegungen einstellt und auch, wie Intimitätschancen ausgetauscht werden.

Diese Beispiele stammen noch aus den alten Funktionssystemen. Aber hält sich die Dynamik dieser Phänomene an die Grenzen der Funktionssysteme? Im Moment können wir nur erkennen, dass Plattformen, wie sie Benjamin H. Bratton [3] in seinem Buch „The Stack“ (MIT Press, 2015) beschrieben hat, einen wesentlichen Beitrag zu einer neuen Ordnung der Gesellschaft leisten.

Plattformen kombinieren Software, Algorithmen und digitale Apparate auf der einen Seite mit Themen, Projekten, Leuten, Betrieben auf der anderen Seite. Plattformen liefern eine Struktur, die sich laufend verändert, etwa nach dem Muster von threads. Plattformen operieren selbst wie Medien, das heißt, sie sind Möglichkeitsräume für verschiedene Projekte, die in ihnen eine Form gewinnen und dann wieder verschwinden.

“Wenn man Themen und Projekte hat, für die es keine Plattform gibt, hat man das Nachsehen.”
Es ist schwer zu sagen, welche Vor- und Nachteile eine Ordnung der Plattformen hat. Der wichtigste Vorteil ist sicherlich, dass sie digitale und analoge Anschlüsse zu kombinieren vermögen. Man kann auf ihnen ausprobieren, was gesellschaftlich geht und was nicht. Ein Nachteil ist, dass sie einigermaßen exklusiv sind. Man findet Zugang, wenn man mitspielt. Aber wenn man Themen und Projekte hat, für die es keine Plattform gibt, hat man das Nachsehen. Vielleicht kommt an dieser Stelle dann doch wieder Facebook ins Spiel. Chaotisch, wie diese Plattform ist, ist auf ihr nahezu alles möglich.

Ist die gesamte Gesellschaft auf dem Weg, diese neue Ordnung zu ebnen oder erkennen Sie Widerstände?

Eine Gesellschaft ohne Widerstände kann ich mir nicht vorstellen. Widerstände sind wesentlich. Sie beleuchten Sachverhalte negativ und ergänzen damit das positive Licht, das von anderen Seiten auf sie fällt. Die elektronischen Medien und digitalen Apparate sind ein gutes Beispiel für ein gesellschaftliches Lernen, das nur stattfindet, wenn man Neuerungen sowohl ablehnen als auch zögerlich annehmen kann. Immerhin kann man Erfindungen ja nicht eins zu eins in die Gesellschaft einführen. Man muss erst einmal herausfinden, was man mit ihnen machen kann. Die Fantasien der Erfinder sind hierbei oft keine große Hilfe.

In Ihrem aktuellen Buch „4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt“ beschäftigen Sie sich mit dem „Projekt der Digitalisierung“. Sie schreiben, wir, also die Gesellschaft, verfügen über „Lücken“. Gemeint sind Spielräume, innerhalb derer wir operieren können. Was für Lücken meinen Sie genau und was sollte dort passieren?

Die Lücke, die der Rechner lässt, ist die Lücke, in der „die“ Gesellschaft, also wir alle in unseren mannigfachen Formen der Trennung und Verknüpfung, herausfinden müssen und können, was mit den elektronischen Medien und digitalen Apparaten möglich ist und was nicht. Die Rechner werden in eine Gesellschaft eingeführt, in der Politik und Wirtschaft, Erziehung und Wissenschaft, Religion und Massenmedien, Kunst und Familie in vielfältigen Formen ja bereits stattfinden.

“Wir verstehen weder die zugrunde liegenden Technologien noch verstehen wir, was der Gebrauch dieser Technologien aus uns und mit uns macht.”
Hier sind bereits – wir nennen das die „moderne Gesellschaft“ – viele Probleme gelöst worden und viele neue Probleme entstanden. Die Lücke, die der Rechner lässt, ist die Frage, auf die er antwortet. Niemand garantiert, dass die Antwort zur Frage passt. Die Lücke, die der Rechner lässt, ist daher die mal radikale, mal weniger radikale Neuerfindung der Gesellschaft, um neue Probleme entstehen zu lassen, zu denen die Antworten der Rechner besser passen.

Man denke an die Neuerfindung des Managements durch die Philosophie der Agilität oder an die Verdrängung des Sprechtheaters durch das Performancetheater. Man denke an eine angeblich theorielose Big-Data-Forschung oder an polyamouröse Formen der Suche nach Intimität. Manchmal verdrängen die neuen Probleme die alten, manchmal tauchen die alten über die Hintertreppe aber auch wieder auf.

Wie sehen Sie die gesellschaftliche Tendenz? Werden die Möglichkeiten genutzt und erweitert oder wird den digitalen Transformationsprozessen im Sinne einer Selbsterfüllung verfallen?

Sicherlich beides. Die Gesellschaft ist ja immer auch ein Traum, der von vielen geträumt wird. Ihre Kontur gewinnt sie aus Illusionen ebenso wie aus Frustrationen. Im Moment kann man meines Erachtens beobachten, dass wir in unseren gesellschaftlichen Praktiken sehr viel weiter sind als in unserer bewussten Reflexion. Im Umgang mit den Displays unserer Apparate können wir bereits, was wir nach wie vor kaum verstehen. Wir verstehen weder die zugrunde liegenden Technologien noch verstehen wir, was der Gebrauch dieser Technologien aus uns und mit uns macht. Und dennoch wischen, scrollen, posten und liken wir wie die Weltmeister.

Angebot und Nachfrage gelten angeblich auch im digitalen Raum. Je mehr Klicks, desto eher steigt der Marktwert. Zumindest wird dies so dargestellt. Ist es so oder greifen ganz andere Mechanismen?

Ich glaube, man sollte Marketingdiskurse von empirisch überprüften Beschreibungen unterscheiden. Einige dieser großen Plattformen werben mit der Anzahl ihrer Klicks und der Vorhersagekraft ihrer Algorithmen, um mit diesem Argument Nutzer und Werber anzulocken, deren wachsende Zahl erst wirklich werden lässt, was mit diesem Argument erst behauptet wird.

Facebook ist eine unglaubliche self-fulfilling prophecy [4]. Natürlich geht es um Angebot und Nachfrage. Aber es geht auch um Faszination und Langeweile, um Kritik und Affirmation, um Neugier und Interesse und nicht zuletzt um die größte Verführung von allen, die Möglichkeit, dabei zu sein, selbst dann, wenn man dagegen ist.

Gehen die künftigen, aber noch ungeschriebenen Regeln des „digitalen Kapitalismus“ Hand in Hand mit einer Einschränkung der individuellen Freiheit?

Ja und Nein. Jedes kapitalistische Unternehmen schränkt die Freiheit ein, weil Sach-, Human- und Finanzkapital auf bestimmte Verwendungen mehr oder minder kurz- und langfristig festgelegt sind, die andere Verwendungen ausschließen. Zugleich jedoch haben Investoren, Arbeitnehmer und Kunden jederzeit die Möglichkeit, sich an bestimmten Unternehmen durch Geldanlage, Arbeitsverträge und Produktkäufe entweder zu beteiligen oder nicht.

Wir wissen, wie eingeschränkt diese Möglichkeiten sind, wenn man kein Vermögen hat, nicht über die erforderlichen Kompetenzen verfügt oder das eigene Budget nicht reicht. Aber das gilt immer schon für jede individuelle Freiheit. Individuelle Freiheit ist Freiheit zu dem, was geht, und nicht zu dem, was nicht geht.

Entweder beuge ich mich den Regeln des Marktes oder ich fliege aus ihm raus. Ich kann mich dann nicht verwerten, was für den einzelnen Menschen ökonomisch katastrophal ist. Sehen Sie Möglichkeiten, zum Beispiel im Sinne einer Erweiterung der Freiheit außerhalb der Digitalisierung, ökonomische Bereiche zu erschließen, die eine ökonomische Sicherheit bieten können?

Wenn ich das richtig sehe, gibt es bereits in der modernen Gesellschaft zahlreiche Versuche, Tauschwirtschaften aufzubauen, die ohne ein staatlich garantiertes Geld auskommen. Es gibt keinen Grund, den Ausbau nachbarschaftlicher oder genossenschaftlicher Formen des Wirtschaftens im Zuge der Digitalisierung für unmöglich zu halten. Man muss allerdings sehen, dass der Aufwand enorm ist.

Das staatlich garantierte Geld ebenso wie unsere aktuellen digitalen Apparate, allen voran das Smartphone, haben sich ja nicht zuletzt deswegen so flächendeckend durchgesetzt, weil sie so einfach zu bedienen sind und weil so viel gesellschaftlicher Austausch mit ihnen ermöglicht werden kann. Schon die Eigentümergemeinschaft eines Appartementhauses zeigt ja, wie viel Zeit ich investieren muss, um hier für die Regelung der alltäglichsten Fragen zu sorgen. Andererseits liegt genau darin die Attraktivität. Es soll ja sogar Leute geben, die Unternehmen gründen, um etwas mit Leuten zu tun zu haben.

Was bedeutet das für die digitale Gesellschaft als System? Spaltet oder bindet uns der digitale Wandel?

Der Wandel spaltet und bindet uns. Er spaltet uns in Befürworter und Ablehner. Und er bindet uns an die Gesellschaft, die wir befürworten oder ablehnen. Es ist ja ein altes, bereits von Georg Simmel [5] aufgestelltes soziologisches Theorem, das nichts die Gesellschaft intensiver bindet, als ein Konflikt, der niemanden kalt lässt. Jeder weiß, worum es geht. Jeder weiß, wo er und wo der andere steht. Und so wogt der Konflikt hin und her.

Ist zum Beispiel unsere Arbeitswelt den Herausforderungen der Digitalisierung gewachsen oder besteht durch die lange Epoche der Industrialisierung eine Rückständigkeit, die nicht zugegeben wird?

Ohne das Erfahrungswissen, dass in der Industrie gebunden ist, könnten wir die Einführung digitaler Produktionsverfahren vergessen. Wir wüssten gar nicht, worum es geht. Wir könnten keine einzige Maschine automatisieren. Und andererseits steht genau dieses Erfahrungswissen der Digitalisierung im Weg. Denn es ist an Organisationsformen wie die vertikale Integration gebunden, mit denen sich die neuen Formen der Ausbeutung horizontaler Netzwerkeffekte nicht realisieren lassen. Also müssen wir das Erfahrungswissen gegen das Erfahrungswissen ausspielen. Und genau das passiert in vielen Unternehmen gegenwärtig, unterstützt von Beratern, die selbst nicht sehr viel weiter sind.

Welche „Lücken“ beziehungsweise Spielräume sehen Sie als das größte Lösungspotential in der Arbeitswelt an?

Ich muss gestehen, dass ich ein Fan der Agilitätsphilosophie [6] bin. Man muss zwar sehr genau aufpassen, dass man sie dort einsetzt, wo sie hingehört, also vor allem in multidisziplinären und professionellen Teams von einer überschaubaren Größe und nicht in Konzernstrukturen, aber wenn man das tut, ist die Agilität ein spannendes Konzept des Gewinns von Beweglichkeit in Netzwerken.

“Und schon ist man in einem Netzwerk …”
Der einfache Grundsatz der Agilität lautet, nur im Auftrag zu arbeiten. Diese Aufträge müssen von außen kommen, vom viel beschworenen Kunden. Das heißt natürlich nicht, dass der Kunde sich wünschen kann, was er will. Es geht nach wie vor um eine gewinnorientierte Produktion. Aber das Auftragsprinzip verhindert, dass man sich seine Wichtigkeit selbst bestätigt.

Man muss jemanden finden, der etwas mit den Sachen anfangen kann, die man produziert. Und schon ist man in einem Netzwerk, in dem dieser einfache Grundgedanke für jeden gilt. Daraus resultiert eine nicht mehr pyramidale, sondern rhizomatische [7] Organisationsform.

Es scheint eine große Übereinstimmung zu geben, dass der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft sinkt und der eingeschlagene Weg daher zu gravierenden sozialen Krisen führen wird. Decken sich Ihre Forschungsergebnisse mit diesem Bauchgefühl von Politik, Gesellschaft und Teilen der Wirtschaft?

Ich finde diese Sorgen in höchstem Maße berechtigt, kann mich aber auch an Zeiten erinnern, in denen die Möglichkeit der Abschaffung von Routinejobs die größten Hoffnungen auslöste. Wir merken immer wieder, dass wir in einer „Arbeitsgesellschaft“ leben. Gesellschaftliche Partizipation und gesellschaftliche Disziplinierung laufen über die Arbeit, die man entweder hat oder nicht hat. Dass wir zu dieser Arbeit im blinden Fleck der Gesellschaft keine Alternative haben, macht mir mehr Sorgen als der Verlust von Jobs.

Mit der Forderung des Bundesvorsitzenden der Grünen, Robert Habeck, Hartz IV durch eine garantierte Grundsicherung zu ersetzen, wurde die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen neu entfacht. Wie ist Ihre Position? Wäre die Einführung eines „bedingungslosen Grundeinkommens“ ein geeignetes Mittel, um möglichen sozialen Krisen, die durch die digitalen Transformationsprozesse hervorgerufen werden, zu begegnen?

Ich halte diese Diskussion für essenziell, ohne bereits zu glauben, dass mit dem bedingungslosen Grundeinkommen die Lösung bereits gefunden ist. Ich glaube, ich wehre mich geradezu instinktiv gegen die Idee, dass der Staat das Auskommen seiner Bürger sichert.

“Vielleicht müssen wir aber auch nur über die Rolle des Staats noch einmal diskutieren.”
Der Staat ist bereits jetzt in einem viel höheren Maße über Steuern, Transferleistungen und Subventionen in das Leben seiner Bürger verwickelt, als uns liberale Ideologien glauben lassen wollen. Aber mir würden Ideen, diese Verwicklung abzubauen, grundsätzlich besser gefallen, als Ideen, sie auszubauen.

Vielleicht müssen wir aber auch nur über die Rolle des Staats noch einmal diskutieren. Das tun wir ja so oder so laufend. Wir haben den Nachtwächterstaat des 19. Jahrhunderts zum Wohlfahrtsstaat des 20. Jahrhunderts ausgebaut, eine Erfolgsgeschichte erster Güte, erkauft durch eine zuweilen unkontrollierte Staatsgewalt. Was wird sich im 21. Jahrhundert bewähren? Wir wissen es nicht.

Eine abschließende Frage, Herr Baecker. Wird der Übergang in den digitalen Kapitalismus friedlich verlaufen oder erwartet uns noch eine Eruption der Gewalt, so wie es sie in der Vergangenheit bei anderen technologischen Übergängen gegeben hat?

Wir stecken schon mittendrin, im „digitalen Kapitalismus“, und bislang läuft es einigermaßen friedlich, sieht man einmal, was man nicht sollte, davon ab, dass die globalen Wertschöpfungsketten, die dank elektronischer Vernetzung möglich werden, an der Peripherie der industriellen Netzwerke unglaubliche Brutalitäten der Ausbeutung von Arbeitskraft ermöglichen. Man kann nur hoffen, dass diese Effekte an der Peripherie, im Globalen Süden, aufgefangen werden, bevor es dort zu Gewalteruptionen kommt.

Aber mit diesen Gewalteruptionen ist das ja so eine Sache. Auch die Weberaufstände im 19. Jahrhundert waren ja nur deswegen gewalttätig, wenn es sich nicht um reine Hungerrevolten handelte, weil die städtische Wirtschaft bereits andere Produktionsverhältnisse zu bieten hatte, als sie von Verlegern und Zunftherren eingeräumt wurden. An der Peripherie unserer Gesellschaft handelt es sich bei den brutalsten Formen von Ausbeutung paradoxerweise zugleich immer auch um Formen der Ermöglichung gesellschaftlicher Mobilität. Das klingt zynisch und es ist zynisch.

“Wir können die großen Themen der Menschheit nicht einzelnen NGOs und Stiftungen überlassen.”
Man kann nur wünschen, dass sich die Fair-Trade-Bewegung allerorten durchsetzt und dass die Nachhaltigkeitsbewegung ihre Hausaufgaben auch in Sachen Schutz der Humanressourcen macht. Aber die eigentliche Aufgabe ist die Aufgabe der politischen Rahmensetzung auch für die Digitalisierung. Es macht wenig Sinn, diese Rahmensetzung national oder auch nur international, etwa im Rahmen der EU, zu denken. Sie muss global gedacht werden; und genau das macht sie zu einer endlosen Aufgabe.

Wir brauchen wissenschaftliche Netzwerke der Überwachung der Zustände unseres Blauen Planeten nicht nur im Klimabereich, sondern auch im globalen Umgang mit den Menschenrechten, von ethischen Fragen der Gesundheitspolitik, KI-Forschung [8] und Industriepolitik ganz abgesehen. Der Weltklimarat IPCC [9] ist eine bemerkenswerte zivilisatorische Leistung. Wir können die großen Themen der Menschheit nicht einzelnen NGOs und Stiftungen überlassen. Wir brauchen eine Wissenschaftspolitik, die mehr solcher Räte einrichtet.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Baecker.


Quellen und Anmerkungen

[1] Herbert Marshall McLuhan (1911-1980) war ein kanadischer Philosoph, Literaturkritiker, Rhetoriker, Geisteswissenschaftler und Kommunikationstheoretiker. Außerdem Professor für englische Literatur. McLuhans Werk gilt als ein Grundstein der Medientheorie. Seine zentrale These lautet: Das Medium ist die Botschaft. McLuhan formulierte den Begriff „Globales Dorf“ und prägte die Diskussion über Medien von den späten 1960er Jahren bis zu seinem Tod.

[2] Niklas Luhmann (1927-1998) war ein deutscher Soziologe und Gesellschaftstheoretiker. Luhmann gilt als wichtigster deutschsprachiger Vertreter der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik.

[3] Benjamin H. Bratton (Jahrgang 1968) ist ein amerikanischer Soziologe, Architektur- und Designtheoretiker. Bekannt wurde er für eine Mischung aus philosophischer und ästhetischer Forschung, Organisationsplanung und Strategie sowie für seine Schriften über die kulturellen Implikationen von Computer und Globalisierung. Bratton ist derzeit Professor für Bildende Kunst an der University of California in San Diego und Direktor des Center for Design and Geopolitics Think-Tanks Calit2 (The California Institute of Telecommunications and Information Technology).

[4] Self-fulfilling prophecy: „sich selbst erfüllende Prophezeiung“; eine spezifische Erwartungshaltung gegenüber einer Person oder sozialen Gruppe.

[5] Georg Simmel (1858-1918) war ein deutscher Philosoph und Soziologe. Er war Begründer der „formalen Soziologie“, einer Stadtsoziologie und der Konfliktsoziologie und leistete Beiträge zur Kulturphilosophie. Simmel stand in der Tradition der Lebensphilosophie und des Neukantianismus.

[6] Genaueres zur Agilitätsphilosophie auf https://catjects.files.wordpress.com/2017/03/agilitaet_hierarchie_management1.pdf (abgerufen am 20.02.2019).

[7] Rhizom ist ein Begriff aus der Botanik. Er beschreibt einen Wurzelstock, der aus einem Achsensystem von Sprossen besteht, die dicht über dem Boden oder unterirdisch wachsen.

[8] KI-Forschung meint die Erforschung künstlicher Intelligenz.

[9] Der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) ist eine Institution der Vereinten Nationen mit dem Auftrag den aktuellen Stand der Klimaforschung wissenschaftlich zusammenzufassen und zu bewerten.


Professor Dirk Baecker (Foto: UWH)Zur Person: Dirk Baecker (Jahrgang 1955) ist Lehrstuhlinhaber für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Er gehört zu den renommiertesten Soziologen der Gegenwart. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört unter anderem eine (systemtheoretische) Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Auswirkungen des digitalen Transformationsprozesses.

Zudem ist er Autor zahlreicher Schriften wie zum Beispiel „Studien zur nächsten Gesellschaft“ (Suhrkamp 2007), „Beobachter unter sich: Eine Kulturtheorie“ (Suhrkamp 2013) und „Kulturkalkül“ (Merve 2014). Baecker ist Mitherausgeber der Zeitschriften Soziale Systeme, eine Fachzeitschrift, die die Schnittstelle von Systemtheorie und soziologischer Theorie in den Blick nimmt, und er war Mitherausgeber des 2014 eingestellten Gesellschaftsmagazins Revue – Magazine for the Next Society. Außerdem ist er Herausgeber der Buchreihe copyrights im Berliner Kulturverlag Kadmos.

Nebenher betreibt Dirk Baecker den Blog The Catjects Project, auf dem er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse vorstellt und Themenbereiche wie Stadt 4.0, Medien und Komplexität diskutiert.


Fotos: Rawpixel (Unsplash.com) und Dirk Baecker (Universität Witten/Herdecke).

Deborah Ryszka (Jahrgang 1989), M. Sc. Psychologie. Nach universitär-berufspsychologischen Irrwegen in den Neurowissenschaften und Erziehungswissenschaften nun mit aktuellem Lager in der universitären Philosophie. Sie versucht sich so weit wie möglich der gesellschaftlichen Direktive einer hemmungslosen öffentlichen Selbstdarstellung bis hin zur Selbstaufgabe zu entziehen. Mit Epikur ausgedrückt: „Lebe im Verborgenen. Entziehe dich den Vergewaltigungen durch die Gesellschaft – ihrer Bewunderung, wie ihrer Verurteilung. Lass ihre Irrtümer und Dummheiten und gemeinen Lügen nicht einmal in der Form von Büchern zu dir dringen.“

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