Wahrheit pragmatistisch

Was ist schon wahr, was ist schon wirklich? Sind wir nicht alle eingesperrt in unsere Denkgebäude und Denkmuster? Wenn es regnet oder die Sonne scheint, stimmt man ja meistens noch überein. Wahr und griffig ist auch noch, dass ich ein Dach über dem Kopf und ein Bett zum Schlafen habe. Untereinander strittig ist das meistens noch nicht. Aber wenn es ein wenig komplizierter wird, fangen die Probleme an [1].

Wahrheit

Die Einschätzungen sind verschieden, die Erinnerungen sind verschieden, man hat andere Begrifflichkeiten, man bringt seinen Geschmack, also seine Bewertung in die Beschreibungen ein. Die Wissenschaftler haben zwar härtere Maßstäbe und Regeln, mit der Physik und Chemie kommen sie einigermaßen klar, aber in der Gesellschaft hört es dann weitgehend auf. Da gibt es nur noch „herrschende“ Auffassungen: in den Wirtschaftswissenschaften, in der Geschichtsschreibung oder in der Psychologie.

Ist dann alles strittig, subjektiv und relativ? Kann jeder glauben, was er will?

Alles fließt

Irgendwann habe ich kapiert, dass diese Art der Infragestellung von einer statischen Wahrheit ausgeht. Als wäre die Welt fest und unveränderlich. Und nur wir Fliegen schwirren verloren darin herum. Mühen uns ab, zu erkennen, was abgeht und wollen das Erkennen so festmachen, wie wir die Welt vermuten.

„Panta rhei“, „alles fließt“, soll der altgriechische Philosoph Heraklit gesagt haben.

Doch sie fließt nicht nur an uns vorbei. Wir sind Teil dieser Welt. Wir lassen uns (mit)treiben, sind störrisch oder umtriebig in ihr. Manche meinen, die Festigkeit retten zu können, indem sie glauben, dass die Welt nur in uns etwas Wahres an sich hat. Wahrheit sei dann subjektiv. Jeder darf seine Wahrheit haben und soll den anderen mit seiner Wahrheit und mit dessen Wahrheit in Ruhe lassen.

Diese Sicht ist wieder einmal das Produkt des Individualismus unserer Zeit. Eine Sicht, die leugnet, wie stark wir profitieren und beeinflusst werden von der kulturellen Evolution vor uns und um uns. Wenn wir jedem seine Wahrheiten lassen, an die er glaubt, bringen wir zusammen gar nichts mehr zustande.

Gestalten

Grundlage unseres Fortschritts ist weitergegebene Erfahrung und Forschung. Dort zeigen sich Wahrheiten. Allerdings keine ewigen, sondern immer wieder neu überprüfbare und veränderbare. Manchen ist das nicht genug. Sie wollen auch außerhalb von sich feste Wahrheiten, sie wollen das Wesentliche.

Günter Grzega

Gemeinwohl-Ökonomie

Es gibt genug Alternativen zum Neoliberalismus!

Gemeinwohl-Ökonomie als Vorstufe zum Paradies für uns alle. (Foto: Barbara Alcada, Unsplash.com)

Wo wir etwas verfestigen oder versteinern wollen, fallen wir auch auf die Sprache herein, die wir benutzen, die vieles verdinglicht und damit verfestigt. Oder wir sehen uns längere Zeit Menschen oder gesellschaftliche Prozesse an, die sich verfestigt haben. Oder wir wollen sogar, dass etwas stabil und voraussagbar bleibt, damit wir uns darauf verlassen können.

Doch wenn alles im Fluss ist, haben wir immer wieder die Chance, einzugreifen, mitzumachen, mitzugestalten, wie und wohin es fließt. Voraussagbarkeit bekommen wir am besten, indem wir selbst eingreifen und die Wirkungen mit unseren Voraussagen vergleichen.

Auch die Forschung, etwa in der Elementarphysik, muss eingreifen, um zu erkennen, was passiert, um daraus Theorien über Verläufe und Zusammenhänge zu bilden.

Die Forschung stellt Hypothesen auf. Wir können das ebenfalls, indem wir Vermutungen haben. Forschung wartet dann nicht ab, sondern greift ein, um zu sehen, was passiert. Sie tut das in der Regel in Kooperation. Das können wir auch.

Wirken

Zuerst gibt es uns ohnehin als zusammenwirkende Wesen im Alltag. Aus diesem Zusammenwirken holt sich jeder auf seine Art sogenannte Erkenntnisse. Die sind für die Katz, wenn sie es nicht ermöglichen, dass der Einzelne „besser“ mit den anderen zusammenwirkt.

Die Qualität unseres Zusammenwirkens ist also das Primäre. Wirken und Zusammenwirken greifen natürlich in die Welt um uns ein. Und dann kommt dabei etwas heraus. Das wollten wir oder wir wollten es nicht. Das ist ein laufender Prozess. Wir können nie erschließen, wie die Welt „wirklich“ ist. Vielleicht oder wahrscheinlich ist sie – wie oben schon gesagt – ständig im Fluss, nicht nur unser Zusammenwirken.

Man weiß ja nie, was Sache ist, könnte man sagen. Im Grunde ist es so. Aber wäre das überhaupt sinnvoll? Ist es nicht wichtiger, zu wissen, was gerade abgeht und was mein Teil davon ist? Kann ich nicht vor allem dann vernünftig handeln?

Eingreifen

Nehmen wir ein Beispiel: Jemand hat Stress in seiner Beziehung, wie man so sagt. Schon, wenn derjenige denkt, der oder die macht Stress, greift er ein, indem er auf Abstand zum anderen geht. Der andere bekommt den veränderten Blick mit. Bereits das distanzierte Betrachten ist ein Eingriff. Wenn man seine distanzierte Sicht dann auch noch ausspricht, greift man garantiert ein, schafft noch mehr Stress oder mildert ihn. Wenn man die Milderung aber auf seine eigenen Kosten versucht, steigert man vor allem den eigenen Stress.

Statt des distanzierten Betrachtens kann man gemeinsame Aktivitäten vorschlagen, aber auch offen sein für Gegenvorschläge. So ein Eingreifen kann sich lohnen. Es kann eine zerfahrene Situation verändern.

Ein anderes Beispiel wäre die Vernehmung vor Gericht oder eine Aussage vor der Polizei. Man will die „Wahrheit“ herausbekommen. Schon die Konstellation greift ein, der Ton der Fragen, die Durchsichtigkeit reinzulegen, die implizite Belastung durch die Aussagen. Ein konstruktiver Eingriff berücksichtigt die Lage des Verdächtigen.

Ein weiteres Beispiel: der Eingriff in die Erinnerung. Man will bei sich oder anderen rausbekommen, was dann und dann war. Ich habe das schon einmal mit einem Sack mit viel Kram drin verglichen. Man muss blind mit der Hand nach einem Gegenstand mit bestimmten Konturen fassen. Vielleicht erwische ich nur einen ähnlichen Gegenstand, vielleicht muss ich lange „kruschteln“ (Anm.: Schwäbisch für das Herumwühlen oder Herumstöbern). Hinterher ist im Sack auf jeden Fall manches anders als vor meiner Suche. Teilweise hilft es schon, sich das einzugestehen.

Oder nehmen wir die Zeitung oder die Tagesschau. Die greifen schon von vornherein ein, indem sie die Auswahl treffen, was wichtig scheint. Für wen könnte man fragen. Wenn ich mich auf die Sinnhaftigkeit dieser Auswahl verlasse, vertraue ich denen schon grundsätzlich.

Meistens erzählen sie gar nicht, warum sie gerade das auswählen, was sie bringen. Sie unterstellen einfach, dass mir das wichtig ist. Und auf jeden Fall greifen sie durch die Art des Berichtens ein, nämlich bei mir. Sie formen meine Einstellungen, obwohl ich sie nicht gebeten habe. Hier sollten die „Kooperationspartner“ infrage stehen oder vielleicht durch andere Quellen ersetzt werden.

Ganz schön heftig!

Und die Spitze des Ganzen kommt noch. Sie war im Beispiel der Partnerschaft schon angeklungen: Sogar mit dem Nicht-Eingreifen greife ich in menschliche Abläufe ein. Vor allem, wenn man mich dabei bemerkt. Einfach zu erkennen ist das, wenn jemand beispielsweise sieht, wie sich zwei Menschen gegenseitig blutig schlagen, und er nichts tut, also etwa die Polizei rufen. Wenn hinterher einer stirbt, hat er etwas zu dessen Tod beigetragen.

Man kann natürlich wegsehen und so tun, als würde man nichts bemerken. Vielleicht wird man dabei nicht mal registriert. Aber die meisten Menschen können nicht vergessen, was sie versäumt haben: Das Nichtstun hat die Wirklichkeit verändert.

Ganz schön heftig! Nicht? Oder auch gut so: Unsere allgegenwärtige Verantwortung zeigt unsere Möglichkeiten und unseren Einfluss, sie macht uns zu Menschen mit Einfluss.

Ein alltäglicheres Beispiel für das Nicht-Eingreifen, das Wirkungen hat, ist das sich heraushalten aus der Politik. Jeder Tag, an dem wir uns heraushalten oder nur stammtischartige Reden halten, festigt die Kreise, die das Sagen haben. Die angebliche Wahrheit verfestigt sich, dass das heutige System einfach nicht zu ändern sei.

Gott oder Nirwana

Erkennen und Wissen sind ein Teil unserer gelingenden, versuchten, unterbliebenen oder verweigerten Kooperationen. Mit jedem Erkennen greife ich ein, mit jedem Eingriff wächst mein Erkennen und mit jeder Verweigerung des Kooperierens belasse ich die Welt auch nicht so, wie sie vor meiner Gelegenheit zum Eingriff war.

Was kann ich in Bereichen erkennen, wo ich nicht eingreifen kann? Im Grunde nichts. Wenn die Ereignisse auf der Erde passieren, kann ich mich mehr oder weniger auf die Kooperation mit den Berichtenden verlassen. Ich kann sie vielleicht auch mal prüfen. Aber letztlich ist es ein sich verlassen, sonst müsste ich alles Beurteilen unterlassen oder die Kooperationspartner wechseln. Also die Medien.

Und außerhalb der Erde? Auch da kann ich den Modellen der Wissenschaftler trauen oder nicht trauen. Und außerhalb des Universums? Dort kann ich auf jeden Fall nichts erkennen. Aber wozu sollte ich das müssen? Um an einen Gott zu glauben oder ans Nirwana vielleicht? Wozu? Kann ich mich nicht auch ethisch gut verhalten ohne einen solchen Glauben? Wird dieser nicht sogar fragwürdig, wenn ich dadurch Andersgläubige verächtlich oder wie auch immer behandel? Auf mein Handeln kommt es an, nicht auf meinen Glauben. Wenn ich zerstörerisch handel, ist der Glaube dahinter egal oder sogar schlimm.

Worte als symbolische Prozesse

Damit komme ich wieder aufs zwischenmenschliche Handeln zurück. Erkennen, angebliches Wissen oder ein Glaube, ist nicht das Entscheidende, sondern mein Handeln ist entscheidend.

Aber wenn nun alles fließt, ist dann nicht etwas morgen falsch, was heute wahr ist? Wohl nicht von einem Tag auf den anderen. Doch da sich unsere „Beherrschung“ der Welt ändert, ändert sich auch das, was wir für wahr halten. Und das ist doch gut so. So können wir uns heute mit den Mitmenschen koordinieren, morgen aber wieder anders, wenn sie die veränderte Sicht teilen, wenn uns die gewünschten Effekte unseres Eingreifens „gefallen“, also im Sinne unserer Werte gut tun (s.u.).

Erkenntnisse sind ohnehin „nur“ symbolische Prozesse. Man könnte auch sagen: Worte. Worte dienen der Vorbereitung von Handlungen und Worte stimmen Handlungen mit anderen ab. Worte gibt es, aber worauf sie hinweisen, dass macht der Sprechende mit sich aus oder er weiß aus Erfahrung durch den Austausch mit anderen diese zuzuordnen.

Schon die verschiedenen Sprachen zeigen, dass Worte sehr unterschiedliche Bedeutung haben können. Wenn sie Gleiches bedeuten sollen, muss dies aus der gemeinsamen Erfahrung mit anderen Menschen entspringen. Die Prüfung von Wahrheit, also der Bedeutung von Worten, besteht darin, ob Menschen allein oder zusammen mit anderen dabei Erfolg haben, in die Welt einzugreifen und Ergebnisse zu erzielen, die sie wollten. Das heißt: ob sie die Erfahrung machen, dass Worte wenigstens ähnliche Bedeutung haben.

Ziele, Werte und Visionen

Was man wollte, hängt von Zielen ab. In welchem Dienst Ziele stehen, ist im Licht von Werten und Visionen zu sehen. Aber da diese nicht immer gut koordiniert sind, weichen die Sichtweisen der einzelnen Menschen auf die Welt oft sehr voneinander ab. Dabei wird es wohl immer bleiben.

Ganz beliebig sind Ziele, Werte und Visionen nicht, außer, man vereinsamt damit. Aber das merken viele Menschen dann doch wieder. Es sei denn, sie sind so in ihrer Welt erstarrt, dass sie nicht mehr herausfinden.

An anderer Stelle habe ich die Nicht-Beliebigkeit von Zielen und Werten umrissen [2]. Wenn Ziele, Werte und Visionen nicht beliebig sind, ist es auch die pragmatistisch gefasste Wahrheit nicht. Sie kann, ja, sie sollte uns lebendig und streitbar halten. Korrigierbar, aber nicht von der Macht anderer, sondern durch ihre Fähigkeit, unsere Sicht zu erweitern.

Maßstab ist dann nicht die Erkenntnis einer absoluten Wahrheit, sondern die Qualität der gegenseitigen Angebote und die Weite der zeitlichen und räumlichen Perspektive.

Zum Schluss noch eine Bemerkung zum hier dargelegten Wahrheitsbegriff:

Ist das nun wahr oder ein Dogma, was in diesem Artikel steht? Die Begrifflichkeit ist mir egal. Es ist sicher nicht das Letzte und Absolute, was zur und über Wahrheit geschrieben wurde. Wichtig ist mir, dass es hilfreich und in sich stimmig ist, so über Wahrheit zu reflektieren.


Quellen und Anmerkungen

[1] Die folgenden Darlegungen beruhen auf einer Variante des Pragmatismus, dem funktionalen Kontextualismus der Ralational Frame Theory von Steven C. Hayes. Außerdem profitiere ich vom Ansatz von Richard Rorty: Rorty R., Philosopy and social hope. Penguin Books 2000.

[2] Siehe: https://neue-debatte.com/2018/12/17/lebenssinn-grundzuege-einer-diesseitigen-religion/


Foto: Eric Nopanen (Unsplash.com)

Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.

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13 Responses

  1. Ohne Wahrheit kann es keine Kommunikation geben (communicare=gemeinsam machen/werden). Kommunikation und Wahrheit sind immer im JETZT. Das JETZT ist ein durch unser Wachbewußtsein GESONDERTER ZeitPUNKT in einem gewaltigen Zeitpanorama – welches eben NICHT durch das herkömmliche Bewußtsein überschaut werden kann.
    Könnte man dies, würde man sehen, wie ein JETZT-PUNKT mit allen anderen zusammenhängt und das GANZE ausmacht und gestaltet. Die Wahrheit im Jetzt besteht also darin das Jetzt als solchen Punkt im Gesamtpanorama zu erkennen.
    Auf Grund der mangelnden Sicht auf das Gesamtpanorama, kann dieses subjektiv vom Einzelnen und seinem JETZT hochintegriert – oder absichtlich das JETZT in einen SCHEINzusammenhang gebracht werden. Letzteres nennt man Lüge(n).

    Schafft ein Mensch sich im JETZT mit dem GANZEN zu verbinden, so ist das eine Qualität, welche wiederum in einem anderen Menschen erlebt werden kann. Das geht über die Herzfunktion – das Herz als Ort der Wahrheit, weil hier die Verbindung zu Allem gefunden werden kann (Herz = Altar von Mikro und Makrokosmos).

    Das wiederum kann jeder Mensch in sich selbst finden und ergründen und so der Wahrheit im Erleben des JETZT näher kommen.

  2. Morgentau sagt:

    Ein Mensch kann nicht Nichtstun. Selbst wenn er es wollte, so wäre es bereits wieder ein Tun.
    Wir Menschen verändern „die Welt“, sobald wir geboren werden, auch wenn wir nichts tun (wollen).

    Ist das die Wahrheit? Welche Wahrheit, in einem Universum, in dem alles fliesst und sich ständig alles ändert?
    Wenn nichts Bestand hat, alles sich ändert und vergeht, so kann es sich nur um eine Illusion handeln. Und was sollten wir dann noch tun? – Ausser einfach nur (da) Sein.

    Zeitlich und physikalisch begrenzt sucht der Mensch nach der Wirklichkeit/Ewigkeit, aber wir sind selbst nur ein Traum, gefangen in der eigenen Illusion.
    Ist das jetzt die Wahrheit, oder auch nur eine von Milliarden Interpretationen? Kann es so etwas wie Wahrheit überhaupt geben?

    Ein indischer Mystiker, Sri Nisargadatta Maharaj, sagte einmal:“Was war zuerst da, die Welt oder du? Wo ist die Welt, ohne dich? Woher weisst du, dass DU(nicht der Körper) geboren wurdest?“

    • Gerhard Kugler sagt:

      „Kann es so etwas wie Wahrheit überhaupt geben?“ Genau das habe ich doch in meinem Artikel auszuführen versucht: Dass und warum sie nicht beliebig ist. Warum sie keine Illusion ist.
      G.K.

  3. Morgentau sagt:

    Lieber Herr Kugler,

    Texte transportieren leider keine Emotionen und Gesten. Ich habe Ihren Artikel gelesen und Ihren Standpunkt zur Kenntnis genommen.
    Allerdings teile ich diesen nicht und habe deshalb versucht zum Ausdruck zu bringen, dass Wahrheit immer relativ ist und individuell verschieden, also doch beliebig, reine Illusion.

    Ein Beispiel: Natürlich wissen wir heute, dass die Erde keine Scheibe ist, sondern ein Planet. Sie kann aber auch ein lebender Organismus sein. Ein Energieausdruck? Unsere Wahrheit von den Dingen beruht immer auf unseren Wissens-/Glaubens-/Erfahrungsstand, der sich permanent verändert. In sofern können alle 4 Aussagen in Zukunft „falsch sein“. Was aber ein Widerspruch wäre, da Wahrheit nicht absolut ist. (Lt. meiner Erkenntnis) ;-)

    Wie gesagt, ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich anderer Ansicht bin, was ich versucht habe, im 1. Kommentar zu verdeutlichen. Und natürlich sind ein paar Zeilen zu einem so hochkomplexen, philosophischen Thema nicht ausreichend.

    LG
    Morgentau

    • Gerhard Kugler sagt:

      Lieber Herr Morgentau,

      das Thema ist tatsächlich wohl für einen kleinen Artikel zu komplex. Ich hätte z.B. den Modell-Begriff bringen können. Modelle gestehen ein, dass sie nur relevante Ähnlichkeiten mit dem haben, wofür sie stehen. Wir brauchen sie überall, ihre Verschiedenheit wird toleriert, bis „Experimente“ ein Modell bestätigen und andere Modelle „belasten“. Doch etwa mit der Erde können wir keine Experimente machen, außer man differenziert den Begriff ihrer Lebendigkeit.

      Mit kam es darauf an, dass wir in Feldern, in denen wir Einfluss haben, trotz des Flusses von allem uns einigen können, welche Eingriffe wir versuchen, und damit eine gewisse Stabilität unserer Sicht des Seienden und Beeinflussbaren herstellen. Wenn wir der Beliebigkeit „glauben“, sind wir schlimmstenfalls passiv – und greifen damit auch ein. Denn oft oder meistens reichen individuelle Wahrheiten und Eingriffe nicht aus, um etwas zu ändern, also auch eine Wahrheit zu belegen oder zu widerlegen.
      G.K.

    • »dass Wahrheit immer relativ ist und individuell verschieden, also doch beliebig, reine Illusion«

      Bitte wenden Sie die Aussage Ihres Satzes auf den Satz selbst an.
      Eventuell erkennen sie den Zirkelschluß bzw. die sich selbst ausschließende Tautologie.

      • Morgentau sagt:

        @Jürgen Elsen

        Sie haben natürlich recht, obwohl diese Aussage auch schon wieder fragwürdig ist. ;-) Das Leben ist ein Paradoxon und wir sind alle nur Schauspieler. Aber keine Sorge, niemand kommt da lebend raus…

        • Gerhard Kugler sagt:

          Der feste Grund, die Verankerung von Definitionen liegt darin, dass wir sie in unserer Kooperation erleben. Darauf wollte mein Artikel hinaus. Erleben heißt, dass wir zusammen etwas tun, mit Ergebnis(sen). Noch einfacher: Wenn ich stolpere und ein anderer fängt mich auf, erlebe ich, dass ich nicht allein bin und dass es nicht willkürlich ist, wenn ich denke, da ist noch jemand außer mir.
          G.K.

  4. waldemar hammel sagt:

    lebewesen sind, sobald sie nach der kleinkindphase individuelle immunsysteme entwickelt haben, kybernetisch selbst-referente systeme, die zwischen ich/innenwelt und fremd/aussenwelt unterscheiden, diese dann erlebte polarität ist per immunfunktionen selbsterzeugt, dies nennt man „autopoiese“. bedeutet, die welt, die wir erleben, ist produkt unseres eigenen hirns, einen zugriff auf irgendeine „objektive realität“ haben wir grundsätzlich nicht.
    weil dies so ist, sind auch alle „unsere“ wahrheiten RELATIV in dem sinn, dass sie nur subjektiv sein können.
    ausserdem ist beim nutzen von begriffen wie „wahrheit“, „gerechtigkeit“, „ewigkeit“, usw immer in rechnung zu stellen, dass man dabei im wasser platonischer ideen schwimmt, denn alle solche begriffe sind „leere“ substantivierungen von eigenschaften/adjektiven, die jeweilige gültigkeit von adjektiven, mit denen wir unsere subjektiv erlebten wirklichkeiten belegen, ist stets kontexte-abhängig, es kann also unter einem kontext-1 etwas „wahr“ sein, in einem kontext_2 nur teilwahr, und in einem kontext_3 unwahr usw, dh. „wahrheiten“ sind stets spektral, weil sie kontexte-abhängig + lediglich subjektiv sind, was zusätzlich bewirkt, dass „wahrheiten“ unter multimodalen logiken stattfinden/ sich ereignen.
    der rahmen, warum dies als „komplizierte philosophie“ erscheint (ist garnicht der fall) ist, dass wir uns seit dem ausgang der scholastik auf den sog „nominalismus“ als denkpfad geeinigt hatten, bis heute aber auf diesem pfad immer noch unkritisch/unbemerkt/ oder absichtlich-demagogisch mit platonismen operieren, also mit substantivierten adjektiven, die als begriffe zwar glänzen (zb „gerechtigkeit“), die aber inhalte-leer sind, weil kontextuell-abhängige adjektive/eigenschaften keine statischen still-leben sein können, will man sie dennoch so nutzen, führt dies zu endlosen hypersemiosen, die eine der grundlagen des magischen welterlebens sind. beispiel „die suche nach der schönheit“ ist eine endlose suche nach „el dorado“, die zwangsläufig ins leere führt.
    im politischen als beispiel „die suche nach sozialer gerechtigkeit“, auch da wird ein leerer begriff demagogisch beliebig endlos durch erlebte subjektive wirklichkeiten gejagt = die endlose suche nach einhörnern …

  5. @Waldemar Hammel: einen zugriff auf irgendeine „objektive realität“ haben wir grundsätzlich nicht.

    Folgerung: jeder ausgesprochene Satz spiegelt keine „objektive Realität“ – somit kommt auch der Aussage „kein Zugriff auf Objektive Realtiät“ selbst keine Objektivität zu.
    Wir drehen uns im Kreise; ein Mensch sagt, alle Menschen lügen. Das nennt man eine negative Tautologie. Also ein Zirkelschluß, der sich stets selbst ad absurdum führt.

    Na ein Prost auf den Nihilismus !!! – der verkennt, daß die Verneinung nur auf Grund eines Bestehenden stattfinden kann …

  6. waldemar hammel sagt:

    hallo herr elsen,
    – mit der vermeintlich „negativen tautologie“ sprechen Sie das in der sache selbst unlösbare problem der letztbegründung an, das allerdings rein pragmatisch per setzungen gelöst wird, was im alltag genügt, aber nicht in den naturwissenschaften
    – meine schilderung unseres seins, besser unseres stattfindens in subjektivitäten, die unsere hirne uns sogar selbst erzeugen, ist nicht „nihilismus“ oder ähnlich, sondern neurobiologisch fakt (mittlerweile auch in der philosophie des „konstruktivismus“ angekommen)
    – Ihre obige argumentationsweise nutzt binäre logik, zb „entweder-oder“, was verständlich ist, die welt/ die natur aber findet in form multi-modaler logiken statt (ähnlich, wie man sie bei zukünftigen quantencomputern haben wird, bei denen das q-bit multimodal-logisch funktioniert, einfach ausgedrückt, kann man sagen, multimodale logiken sind spektral (zb funktionieren auch unsere gene so), oder noch anders: multimodale logiken lassen sich als wahrscheinlichkeiten-logiken modellieren
    – ein weiteres problem aller sprachlichen versuche, wirklichkeiten abzubilden, ist das sog „überdefiniertsein“ der sprachlichen grammatiken, das betrifft alle sprachen inkl konventioneller mathematik, und ist seit spätestens wittgenstein wissens-gemeingut, einfach geschildert bewirkt dies, dass man in sprachlich völlig richtigen weisen auch gegenüber maßstab-wirklichkeiten kompletten unsinn erzählen kann, ohne dass man „objektiv“ + grundsätzlich sinn + unsinn 100%sauber differenzieren könnte
    – ein noch viel größeres problem ist unsere methode, die prozessual ablaufende welt begreifen/verstehen zu wollen, dies in form von gedanklichen und/oder sprachlichen statischen schilderungen, die sobald erzeugt, kein referens mehr haben, weil die weltprozesse längst weitergelaufen sind, das ist zu vergleichen mit dem foto eines flusses, das genau dasjenige nicht abbilden kann, was einen fluss ausmacht, das fließen nämlich.
    der weltprozess ist ein immer-nur-weiter-werden, intentionslos, sinn-frei, ziel-frei, und irreversibel ablaufend, alles dabei jeweils erscheinende ist unikatisch, unser alltagsdenken und alltagsfragen geht aber irrigerweise immer gegenteilig „von sein zum werden, vom jetzt richtung zukunft, statt natural-adäquat umgekehrt vom werden zum sein. wieso erlebe ich sein von allem und mir selbst, wo doch natural nur weiter-werden ist? und klar doch, dass diese diskrepanz geradezu „unendliche“ verwerfungen erzeugen muss

  7. waldemar hammel sagt:

    nochmal zum thema, herr elsen,
    dass zb „wahrheiten“ spektral sind und auf dem boden multimodaler logiken stehen, bedeutet keineswegs, das „alles ist relativ“ usw gelten würde, also weder relativismus noch nihilismen, noch irgendwelche anderen …ismen, denn alle solche sind ideologien, die gerade deshalb untauglich sind, weil sie per konstruktion von „absoluten wahrheiten“ ausgehen, kann man treffend auch „dogmen“ nennen (siehe ideologien aus dem magischen welterleben, zb religionen, und siehe politische, soziale usw ideologien aller farben),
    einfach ausgedrückt: man kann eine immer-weiter-werden welt nicht mit tools des seins/so-seins handhaben und dabei sinnvolle/belastbare ergebnisse erwarten

    • Der Mensch ist ein multidimensionales Wesen, wandelt aber in seinem Tagesbewußtsein in einer Zwischen-Matrix (3D) umher. Vereinfacht können wir uns auch das „Hamburger-Modell“ vorstellen: oben die göttliche /Schöpfungsmatrix – in der Mitte die Zwischenmatrix (Abkopplung von der oberen, dadurch Freiheits- und Verantwortungsmoment – die Möglichkeit der Entwicklung der LIebe) und eine „abgefallene Matrix“ – also unterhalb des Menschen.
      Die alten Daoisten (Schamanen) bezeichneten es im „QiGong“ als „Mensch zwischen Himmel und Erde“.

      Das Herz ist nun das Organ, welches die Pforte von der einen zur anderen Welt (also Begegnung multidimesionaler Räume) ermöglicht. In dem wir „vom Verstand“ aus ins Herz gehen und von dort wieder in den Verstand (der die Ingineursleistungen / 3D-Umsetzung bringt), kann dieser auf solche Art Wahrheit leben und gestalten. Beginnt er dies Festzuhalten und wiederum zu projizieren, schafft er andere Realtiäten, die mit der unteren Matrix einhergehen (dieser Energie liefern).

      Das menschliche Bewußtsein ist somit auch ein „Fährmann“, welches von anderen Bewußtseinen angezapft und benutzt werden kann – und zwar genau dann, wenn die Überidentifikation mit dem Verstand gegeben ist.

      Wen dieses Thema interessiert kann im Netz einmal nachschauen unter Achonten, Dieter Broers, Rudolf Steiner (Doppelgänger) oder auf hier:
      https://bumibahagia.com/2019/01/10/die-schluessel-7-siegel-4b/
      https://bumibahagia.com/2019/01/04/die-schluessel-7-siegel-4a/
      In dem obigen Beitrag 4b habe ich kurz auch auf das Tretralemma hingewiesen, was der „Herzlogik“ entstammt.

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