Wenn ein Mensch lebt

Wenn ein Mensch lebt, ist er zu Hochleistungen fähig. (Foto: Adrian Naranjo, Unsplash.com)

Das kulturelle Erbe der Menschheit belegt die Fähigkeit zu Kreativität und Schaffenskraft. Von Anbeginn seines Daseins sucht das Subjekt nach Möglichkeiten, wie es sein Leben sinnvoll gestalten kann. Die Menschen brauchen keine Götter und keine Herrscher. Sie können ihre Geschicke selbst lenken, wenn sie sich ihrer Stärken bewusst sind. Wenn ein Mensch lebt, ist er der alleinige Schöpfer.

Ganz leise bläht der Wind sich auf, bis schließlich Stürme wütend schreien. Soll das denn ganz das Ende sein, nimmt so das Schicksal seinen Lauf? Da möchte alles seinen Anfang reuen. Bald schon nehmen wir den Sturm in Kauf. Und bricht der Wind auch durch das Land, zerreißt die Sonne doch das Grau. Bäume können aufrecht sein, die Erde nimmt die Ströme auf und beharrlich hält das Leben stand. So wird der Alltag neu erkannt. Von Blättern tropft ganz leicht der Tau und frisch ist der Natur Gewand. Verträglichkeit muss stets erstritten werden. Vereintes Suchen will erworben sein.

Geister, Götter und Dämonen

Schon aus der Antike sind uns Kulte und Mysterien bekannt. Mit dem Bewusstwerden seiner selbst im Laufe der Evolution glaubte der Mensch zunächst, dass hinter den mit den Sinnesorganen wahrnehmbaren Naturkräften unsichtbare Wesen, Götter und Dämonen, gute und böse Geister walten. Diese Wesen versuchten die Menschen, in Zeremonien und Ritualen günstig für sich zu stimmen.

Die Jäger vollführten Tänze, um eine erfolgreiche Jagd zu beschwören. Die Ackerbauern begrüßten mit Tänzen und Gesängen alljährlich den Frühling, der die schwere Zeit des Winters verscheuchte und die neue Aussaat ermöglichte. Die Fischer wollten auf diese Weise einen reichen Fischfang und die Viehzüchter gesunden Zuwachs für ihre Herden herbeiführen. Gleichzeitig verinnerlichten sie bei solchen Ritualen ihren empfundenen und erkennend wahrgenommenen Erfahrungsschatz und gaben ihre so empfangenen Weisheiten untereinander und von Generation zu Generation weiter.

Die Mitwirkenden bemalten oder maskierten ihre Gesichter und benutzten bestimmte Gegenstände, um ihre Spiele für die Götter und die Menschen besonders eindringlich zu gestalten. In diesen Spielen lagen die Keime für Mythen, Kulte, Mysterien und Religionen, für Brauchtum, Kultur und Zivilisation.

Kult um Isis

Isis ist eine Göttin der ägyptischen Mythologie. Sie war die Göttin der Geburt, der Wiedergeburt und der Magie. Popularität und Ansehen erlangte sie – gemeinsam mit ihrem Gemahl Osiris – durch den sogenannten Osirismythos und den Isishymnus. Isis wurde noch von den in Ägypten lebenden Griechen und Römern bis in die christliche Zeit hinein verehrt.

Die Göttin Isis wird immer als Schutzherrin, Bewacherin und Betreuerin aller Wesen beschrieben, die leiden oder in großer Sorge sind. Aus diesem Grund wurde sie als mütterliche Göttin, als Göttin der Genesung, des Schutzes und der Magie angesehen.

Der Kult von Isis und Osiris beschreibt Isis als Mutter diverser Gottheiten. Die Mutterschaftsfunktion der Isis wird unter anderem eindrucksvoll in dem Papyrus Westcar beschrieben, in dessen Erzählung sie ihre Magie benutzt, um die Geburt von drei künftigen Königen vorauszusagen und zu unterstützen. Isis wurde daher auch als Gottheit der Geburt verehrt.

Schöpferin der Bildung

In der ägyptischen Mythologie spielte das göttliche Geschwister- und Ehepaar Isis und Osiris also die zentrale Rolle. Nach dem Osiris zunächst von seinem Bruder Typhon zerstückelt wurde und er so die Herrschaft über sein Reich verlor, wurde er von seiner Schwester Isis wieder erlöst.

Die Herrschaft aber teilte die göttliche Familie nun untereinander auf. Osiris blieb der transzendente, ferne Gott, dessen Macht sich vor allem in der Herrschaft über das Reich des Todes kundgibt. Diese Welt hier aber übernahm die „Erlöserin Isis“, die sie unter ihren goldenen Flügeln schützend deckte – so hatten sie schon altägyptische Goldstatuetten dargestellt.

Nun beginnt jenes “herrliche Leben” auf der Welt, von dem die Isis-Hymnen nicht genug singen können.

Isis, die Gottesmutter, ist auch die Mutter der Menschen. Sie steht den Frauen in den Nöten der Geburt bei, hilft die Kinder zu ernähren und zu erziehen, sie heilt die Kranken, sie gibt den Menschen die Nahrung, indem sie lehrt, wie man Getreide anbaut und Vieh züchtet; sie hat die Staatsordnung und die Gesetze gegeben, sie ist die Herrin des Meeres und schenkt den Schiffern die Fahrtwinde. Und sie bestraft die Verbrecher, auch wenn sie aus Geduld oft lange zögert.

Sie ist auch die Schöpferin der Bildung. Und vor allem aber ist sie immer da, wo ein Mensch in innerer Not und Verzweiflung ist. Sie gibt der Seele den Frieden und vermag es, alle Stürme des Herzens zu stillen.

Isis ist also im umfassendsten Sinn das aus der Transzendenz kommende und – der im Menschen bewusst reflektierten Immanenz – Weisheit spendende, Stärke gebende und Schönheit vermittelnde göttliche Wesen.

Hier werden die Wurzeln menschlicher Kulturen und Zivilisation erkennbar. Auch Humanität und vor allem die Aufgabenstellung für die Menschen, bei deren Erfüllung die Götter helfend einwirken: nämlich gerecht zu leben und wahrhaftig zu wirken, und dem naturgesetzlichen Untergang des raumzeitlichen Seins selbstbewusst zu begegnen.

Wettkämpfe der Dramatiker

William Shakespeare hat wie kein anderer Dramatiker der Welt die Bühne mit unglaublich vielen unvergänglichen Gestalten, die aus Sagen, Mysterien und natürlich auch aus der schriftlich festgehaltenen Historie stammten, bevölkert.

Im sechsten Jahrhundert vor Christus wurde der Dionysoskult in Athen, der wichtigsten griechischen Stadt, staatlich anerkannt. Seine Festtage wurden zu offiziellen Feiertagen erklärt und der nur „halbgöttliche“ Dionysos selbst gleichberechtigt neben die anderen Gottheiten im griechischen Götterhimmel gestellt. Damit wollte der damalige Herrscher Peisistratos die bäuerliche Bevölkerung für sich gegen die mächtigen Adelsgeschlechter gewinnen.

Im darauffolgenden Jahrhundert wurden die Feste zu Ehren des Gottes Dionysos der Anlass für regelmäßige Theateraufführungen, die ähnlich den sportlichen Wettkämpfen der Athener als Wettkämpfe der Dramatiker ausgefochten wurden.

Die Menschen in Shakespeares Dramen sind Geschöpfe aus Überlieferungen und poetischer Fantasie. Sie gehören seiner Zeit ebenso an, wie sie zeitlos sind. Jede neue Generation nimmt sie neu für sich in Besitz, um mit ihnen zu leben.

Unzählbar sind die Zeichnungen, Grafiken, Gemälde und Plastiken, die nach seinen Bühnenfiguren gefertigt wurden. Die Musik, der Tanz und der Film haben sie gedeutet und immer wieder aus Shakespeares Worten erstehen lassen. Spätere Dichter riefen sie herbei, damit ihr Licht auf die eigene Zeit falle. Und für jeden guten Schauspieler ist es ein Glück, in einem Shakespearestück spielen zu dürfen.

Bürgerliche Avantgarde

Dichter aller Zeiten verband meistens nicht nur geistige Verwandtschaft untereinander, sondern oft auch Freundschaft. Was sich Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller einander bedeuteten, ist nicht mit Worten auszudrücken.

Einer der Theaterdirektoren, der die Ideen des Sturm und Drang aufgriff und die neue Dramatik beim Publikum durchzusetzen versuchte, war der Schauspieler Friedrich Ludwig Schröder. Dieser erhob sein Theater zum Kampfplatz der jungen bürgerlichen Avantgarde. 1775 schrieb er einen Preis für nicht aufgeführte deutsche Originalwerke aus.

Den ersten Preis gewann Maximilian Klinger für sein Trauerspiel „Die Zwillinge“. Ausgangspunkt des Stücks ist das Gesetz, wonach der Erstgeborene alles erbt und der Bruder nichts. Das ist die Ursache des Hasses zwischen den Zwillingsbrüdern und führt bis zum Brudermord. Neben vielen anderen heute vergessenen Dramen spielte Schröder von Goethe Clavigo, Götz von Berlichingen und Stella, von Schiller Die Räuber, Kabale und Liebe, Fiesko und Don Carlos und von Jakob Lenz den Hofmeister. Auch Figuren aus Gotthold Ephraim Lessings Stücken gehörten zu seinen Glanzrollen.

Nach dem Lessing „in Religionssachen“ Veröffentlichungsverbot erhalten hatte, schrieb er:

Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen.Quelle: Tagesspiegel (28.05.2008)

So entstand 1779 das gedankenreichste Schauspiel der deutschen literarischen Aufklärung: Nathan der Weise. Es geht Lessing in diesem Stück um Humanität und Toleranz in Glaubensdingen, um höchste Ideale des um seine Befreiung kämpfenden Bürgertums. In Nathan, dem Vertreter des im achtzehnten Jahrhundert missachteten Judentums, verkörpert Lessing sein Humanitätsideal, mit dem er gegen den religiösen Fanatismus protestiert. Von Saladin nach der wahren Religion befragt, erzählt Nathan die berühmte Ringparabel, die Lessing der Novellensammlung „Das Decamerone“ von Giovanni Boccaccio entnahm.

Im achtzehnten Jahrhundert, das Bürgertum strebte die Herrschaft und die politische und kulturelle Einheit der Nation an, entstand der Gedanke, Nationaltheater zu gründen. Im Gegensatz zum höfischen Theater des Adels sollte es ein Theater für die ganze Nation sein. Viele unterdrückte Länder errichteten nach ihrer Befreiung Nationaltheater, um die oftmals verschütteten eigenen kulturellen Traditionen wiederzubeleben und zu fördern.

Wenn ein Mensch lebt

Heute geht es nicht mehr darum die politische und kulturelle Einheit einer Nation anzustreben, sondern das Menschsein auf dem Planeten Erde vor dem Verfall zu bewahren. In dem Film „Die Legende von Paul und Paula“ nach einem Drehbuch des Autors Ulrich Plenzdorf singt die Rockgruppe „Puhdys“ eine Ballade vom Leben und Sterben der Menschen:

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt, dass er zu früh geht. Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit. Meine Freundin ist schön. Als ich aufstand, ist sie gegangen. Weckt sie nicht, bis sie sich regt. Ich hab’ mich in ihren Schatten gelegt. Jegliches hat seine Zeit, Steine sammeln, Steine zerstreu’n, Bäume pflanzen, Bäume abhau’n, Leben und sterben und Streit. Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt, dass er zu früh geht. Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit, daß er geht. Jegliches hat seine Zeit, Steine sammeln, Steine zerstreu’n, Bäume pflanzen, Bäume abhau’n Leben und sterben und Frieden und Streit. Weckt sie nicht, bis sie selber sich regt. Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.Quelle: Songtext 'Wenn ein Mensch lebt' von den Puhdys

Da wir Menschen heute mehr oder weniger selbstbewusst unsere inneren und äußeren Universen beeinflussen können, agrartechnisch, biochemisch, gentechnologisch und mit vielem anderen alles Seiende zielgerichtet verändern und umgestalten können, wir in Raum und Zeit immer beweglicher werden, und wir sogar aus unendlich vielen mikroelektronisch verschlüsselten Kombinationsmöglichkeiten unvorstellbar mannigfaltige virtuelle Welten entstehen lassen können, obliegt es allein unserem Wollen, entsprechend daseinsorientierter Moralität zu leben oder nicht. Und auch, ob unsere Wirklichkeit Bestand hat, ob wir sie bewahren oder beenden werden.

Unser aus dem Spannungsfeld zwischen Sein und Nichtsein, plus und minus, gut und schlecht, ja und nein (digital) dialektisch hervorgegangenes Bewusstsein ermöglicht es uns Menschen die Einzigartigkeit unserer Wirklichkeit gestalten, erheben und bewahren zu können.


Foto: Adrian Naranjo (Unsplash.com)

 

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.