Eifersucht im Heiligenschein

Ein früherer Kollege pflegte eine bestimmte Disposition immer sehr präzise auf den Punkt zu bringen. „Moralische Entrüstung“, so seine Worte, „ist Eifersucht mit Heiligenschein.“

Empörung und Eifersucht

So ganz wollte ich dem nie folgen, vielleicht auch deshalb, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass unser Lebensraum so stark von Eifersuchtsgefühlen durchdrungen ist. Etwas, was einen nicht andauernd beschäftigt und eigentlich fern liegt, wird selten als ein starkes, vieles bestimmendes Motiv erkannt.

Wäre es wirklich so, dass die moralische Empörung aus dem missgünstigen Argwohn entspränge, dann wäre es sehr schlecht um uns bestellt. Denn eines ist klar: nirgendwo sonst feiert die moralische Entrüstung derartige Feste wie in unserem schwulmigen Kulturraum.

Und es sind nicht unbedingt nur die Alten, denen in der Regel das Schicksal gemein ist, dass sie vieles, was sie der Jugend als verwerflich anhängen, nur deshalb so vehement tun, weil sie es selbst nicht mehr können oder vertragen.

Wenn die eigene Konsummaschine nicht mehr reibungslos funktioniert und die Reparaturanfälligkeit dramatisch steigt, ist es durchaus üblich, den Verzicht und die Askese zu predigen. Dass aber ausgerechnet viele Junge mit dem Gefühl der moralischen Empörung durch das Dasein schreiten, das ist eine nicht übliche Erscheinung.

Vielleicht ist es die erfolgreiche Indoktrination mit dem Bewusstsein der moralischen Überlegenheit per se, die dazu geführt hat, dass sich vor allem die Generation zu etwas Besserem berufen fühlt, die aufgrund der Reichtümer aufwuchs, die verantwortlich sind für die systematische und zügellose Ausbeutung von Mensch und Natur. Dann, als die Maslowsche Bedürfnispyramide [1] abgearbeitet war, kamen die Nachkommen auf die Idee, die Frevelhaftigkeit der Vorgänger auf die ganze Menschheit zu übertragen und allen, die so leben wollten, die Zerstörung in toto [2] vorzuwerfen.

Zigaretten, Alkohol und Fleisch

Und was so wunderbar gut gegenüber Chinesen und Asiaten im Allgemeinen, gegenüber Russen sowieso und den „Südländern“ generell so wunderbar klappt, das geht natürlich auch in der Binnenwirkung. Allen, die noch Rauchen, Alkohol trinken, Auto fahren, Fleisch essen, Pelze tragen, Kaviar essen oder Kopi Luwak trinken et cetera, wird die moralische Entrüstung entgegengeschleudert, verkennend, wie die eigene Position der vermeintlichen Überlegenheit hat zustande kommen können.

Wer im Glashaus sitzt, so sagt das Volk, soll nicht mit Steinen werfen. Das aber wird getan. Der Wertekodex wird immer dann bemüht, wenn die eigenen Fehlleistungen zu offensichtlich werden.

Die einzige Hoffnung, die in dem beschriebenen Überlegenheitsgefühl liegt, wäre die, dass sich der ganze moralische Überlegenheitswahn entpuppen könnte als eine riesige Enttäuschung über die selbst proklamierte Tugendhaftigkeit, die nicht die entzogene Lust kompensiert, sondern nichts als Kleinmut, Hass und Lebensüberdruss hervorbringt.

Wie schön wäre es, wenn sich die Menschen in diesem Land wieder befreien könnten von dieser ekelhaften weltlichen Theologie der Enthaltsamkeit und Selbstkasteiung. Wie schön wäre es, wenn der Genuss und seine Produktion wieder als Kunst gelte, die nur unter einem zu leiden hätte, nämlich dem Anspruch auf radikale Demokratisierung.

Was Spaß macht, kann auch sozial verträglich und ökologisch nicht destruktiv sein. Das, was schadet, ist die Ideologie der Askese. Unter dem Strich nährt sie Neid und Missgunst. Moralisch hin oder her, eine bessere Alternative ist das nicht.


Quellen und Anmerkungen

[1] Die Maslowsche Bedürfnishierarchie (Bedürfnispyramide), ist eine sozialpsychologische Theorie des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908-1970). In seinem Modell beschreibt Maslow menschliche Bedürfnisse und Motivationen in einer hierarchischen Struktur.

[2] In toto ist ein lateinischer Ausdruck der„im Ganzen“ oder „vollständig“ bedeutet.


Foto: Marion Michele (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 Comment

  • lach – ich bin moralisch sehr entrüstet über diesen obigen artikel …
    WEIL ER TRIFFT !
    aber auch das erwähnte ist leider „typisch mensch“, er macht die größten sauereien und agiert dabei völlig entgrenzt, frisst wie der mythische heuschreckenschwarm diesen planeten leer, vernichtet, was immer er in die finger bekommt, sieht die gesamte welt als selbstbedienungsladen im ausverkauf, und bemäntelt sich dabei mit wohlfeilen sprüchen, ist gutmensch, apostel in sachen moralen und wohlfeilen ethiken, usw.
    wir alle sind biologisch aasfresser und kannibalen, früher materielle kannibalen (zb sklaverei), heute psychische und soziale kannibalen (kinderficker, ellbogengesellschaft, vulgärste kapitalismen), und „nach uns die sintflut“ …
    immer im hinterkopf haben: das vordergründig freundliche lachen eines menschen ist im hintergrund mit planetarem atomarem, biowaffen, chemiewaffen overkill abgesichert,
    und bist du nicht willig, dann brauche ich direkte oder indirekte, strukturelle gewalt, wer aus der reihe tanzt, wird vernichtet, und wenn wir dich nicht mit küssen kriegen, dann kriegen wir dich mit direkten schlägen, oder mit schlägen in die gedanken,
    die zur schau getragenen moralen, ethiken sind die nebelwerfer, hinter denen die artillerie aus allen rohren feuert, die armen dieser welt, seit 500 jahren ununterbrochen ausgebeutet, damit es uns westlern gutgeht, wissen ihr lied davon zu singen, aber muss man zweiseitig sehen, würden wir Sie nicht ausbeuten und „auffressen“, würden sie es mit UNS tun, denn mensch ist mensch …
    ich ekele mich davor und schäme mich, menschtier zu sein …

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