Eine Apple Story: Im Wendekreis des Zankapfels

Fangen wir am besten an mit einem Blick zurück ins – kurz danach schon verlorene – Paradies. Vor etwa 3000 Jahren hatte Gott einen Mann aus Lehm geknetet und aus einer dessen Rippen eine Frau geformt. Adamah bedeutet im Hebräischen aus Erde, Adam ist der Mensch und Eva die Belebte. Zudem war da eben dieses Paradies auf Erden, überall wuchernde Botanik, saftige Früchte und heiteres Getier und keinerlei Notwendigkeit für spirituelle Blähungen oder soziale Panikschübe.

Der Teufel trug Schlange

„Nun geht und lebt, nur um eines bitte ich euch: Hände weg von den Früchten des Baums inmitten von Eden“, hatte sie der Schöpfer eindringlich gewarnt, denn dieser Gesetzesverstoß bedeute ihren Tod. „Ihr zwei Süßen, macht was aus diesem Geschenk des Lebens, macht, was ihr wollt, was euch Spaß macht und sinnvoll erscheint. Liebt euch, malt Bilder, erfindet etwas, eine Sprache etwa, aber nochmals: Lasst die Finger von dieser Frucht, denn sie ist giftig und verboten.“

Der Teufel trug Schlange und ermunterte das Paar, kaum dass sich Gott abgewendet hatte, zu etwas mehr Ungehorsam: Es ginge dem Alten nur um die Macht seines Throns. Ein Biss genüge, um gottgleich zu werden und über Gut und Böse zu herrschen für alle Zeit. Und dann standen sie plötzlich nackt neben dem Feigenbaum und lernen kennen, was Scham und Sünden bedeuten, Schuld und Strafe.

Das Rebellenduo lieferte auch gleich das klassische Muster im Umgang mit Verantwortung ab. Adam beschuldigte Eva und Eva die Schlange. Während auf dem Boden der angebissene Zankapfel vermoderte, erfuhren die vorbestraften Nudisten das Urteil der Erbsünde. Die Frau soll unter Schmerzen gebären und der Mann – Adam wurde 930 Jahre alt – im Steinacker wühlen, bis auch er sich in Staub verwandelt. Ob damit gemeint war, dass wir der großen Erkenntnis niemals gewachsen sein werden und für alle Zeiten zu minderbemittelt sind, mit der allumfassenden Einsicht in das Wesen des Universums umzugehen, bleibt Gottes Geheimnis. Das wiederum bedeutet frei nach Magritte [1] nichts, und zwar genau deswegen, weil es ein Geheimnis ist. Darüber später mehr.

Der Apfel ist wieder da

Auch bei Homer [2] spielt das archaisch-verfluchte Obst eine wichtige Rolle, denn der Apfel der Zwietracht bildet den Auslöser für den Trojanischen Krieg. Und plötzlich war der Apfel wieder da: Frisch und magisch und frech drehte sich das Apple-Logo im Juli 1968 auf den Plattentellern und die betreffende Single hieß „Hey Jude“. Bei dem Apfel handelte es sich um einen gelbgrünen Granny Smith mit einem kerzengeraden Stiel am Kopf.

Auf den sogenannten B-Seiten der Beatles-Schallplatten ist dieser Apfel in der Mitte durchgeschnitten und man ahnt geradezu sein hartes Fleisch und das säuerliche Aroma. Und die Beatles hatten in jener Zeit einige Gründe mit dem Biss in einen sauren Apfel zu kokettieren – angesichts des skrupellosen Verhaltens ihres Managements.

Fast jede Single der vier Arbeiterjungs aus Liverpool war ein Mega-Hit geworden, ihre Konzerte waren weltweit ausverkauft und die Hysterie der Fans führte zu jener Beatlemania, deren Bilder wir ja alle kennen. Die englische Königin hatte sie mit einem Orden bedacht. und als am 25. Juni 1967 ihre Friedenshymne „All You Need Is Love“ via Satellit zeitgleich in 31 Länder übertragen wurde, und dabei fast eine halbe Milliarde Menschen erreichte, war dies der Zenit einer schwindelerregenden Karriere.

Hinter den Kulissen regierte das kommerzielle Chaos. Und ausgerechnet der Drogentod ihres langjährigen Geschäftsführers Brian Epstein zwei Monate später kam ihnen zu Pass, um aus alten Verträgen und Verpflichtungen auszusteigen. Ein frischer grüner Apfel symbolisierte Emanzipation und Neustart und die Gründung einer eigenen Plattenfirma. Der Apfel kündigte vom Zauber des Anfangs und stand für den Mut von jetzt an das kommerzielle und künstlerische Wirken in die eigenen Hände zu nehmen.

Apple – Das Imperium der Utopie

Am 7.12.1967 ging Apple so richtig an den Start. Der Eröffnungsabend in der flippig-psychedelischen Boutique in der Baker Street wurde von einem gigantischen Medienhype begleitet, der Verkehr kam zum Entsetzen der benachbarten Geschäftsinhaber stundenlang zum Erliegen, die Londoner Schickeria trat sich in endlosen Warteschlangen die Füße platt, der BBC-Kommentator fiel im Gedränge in Ohnmacht. Die Elite der angelsächsischen Rockszene bestaunte die allerneueste Mode, Accessoires, Kunstobjekte und sonstigen Schnickschnack.

Die Security der Hell’s Angel fügte sich nahtlos in den ganzen Wirrwarr aus Paradiesvögeln, Nachteulen, Gauklern und LSD-Verkäufern ein. Letztere waren als Stimmungsbringer auch nötig, denn in Ermangelung einer Schankgenehmigung gab es nur riesige Mengen Apfelsaft.

Tagelang war das Ereignis in den Schlagzeilen. Die vier Beatles machten an jenem Abend aber auch klar: hier wird nicht bloß irgendein weiteres Plattenlabel gegründet, sondern es geschieht etwas ganz Neues. Unter dem Dach von Apple Corps gab es zunächst Apple Records, dann Apple Films, Apple Publishing und mit Apple Electronics die mit Abstand wahnwitzigste Abteilung des Utopie-Imperiums.

Die zu diesem Zeitpunkt aktuelle Platte – es handelte sich um die Magical Mystery Tour – wurde mit einem Boten im schneeweißen Dienst-Mercedes zum Buckingham Palace geliefert. Handsignierte Exemplare gingen an Mao Tse-Tung, Indira Gandhi und Fidel Castro. Was an dem Projekt neu war, erklärten die vier Apple-Vorstandsbosse einem staunenden Publikum: Der Granny Smith soll paradiesische Zustände ankündigen und, so John Lennon, „für ein System stehen, in dem Leute, die z.B. einen Film drehen wollen, nicht mehr jedem Wichtigtuer mit Krawatte und Hut in den Hintern kriechen müssen.“

Und Paul Mc Cartney ergänzte: „Da wir glücklicherweise finanziell unabhängig sind, geht es uns nicht vornehmlich um Profit. Wenn also einer mit einer klasse Idee zu uns kommt, dann sagen wir: Okay, guter Mann, hier ist das Geld. Fangen Sie einfach an. Und dann lassen wir den Kreisel sausen und hoffen das Beste.“

Der veräppelte Herr

Apple – das sollte schlicht und einfach das Gegenteil eines Kommerzunternehmens sein, eine Art kommunistische Kunstkolchose, ein ganz neues und anderes Experiment, eine Provokation und ein fröhliches, dynamisches und demokratisches Abenteuer auf spielerischer Basis.

Natürlich galten dem Logo des Apfels immer wieder Fragen bei den Pressekonferenzen. Je nach Lust und Laune stand der Apple für das A im Alphabet oder für Adam, den von Eva Verführten. In Wahrheit entlehnte sich Paul McCartney genau dieses Motiv bei einem Bild des belgischen Surrealisten Rene Magritte, welches bei seinen Eltern zu Hause an der Wand hing und den Titel „Der Sohn des Menschen“ hatte.

Man sieht dort einen Mann in steifer Haltung unter bewölktem Himmel vor einer Mauer. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug, darunter ein weißes Hemd mit zugeknöpftem Kragen, eine sehr korrekte Krawatte und den bei Magritte häufigen Bowlerhut. Sein Gesicht ist von einem grünen Apfel verdeckt, einem Dauerbrenner in Magrittes Werk.

Im Jahre 1963 wurde er von seinem Mäzen zu einem Selbstporträt überredet, ein Auftrag, der ihm mit der Zeit wachsende Gewissenskonflikte bereitete. Als er das (89 cm auf 116 cm große) Gemälde ein Jahr später beendet hatte, nutzte er den Apfeltrick, um sich von der eigenen Bloßstellung zu erlösen. So bleibt es den Betrachtern überlassen sich das Gesicht des veräppelten Herren vorzustellen.

„Dann beißen Sie doch zu!“

Ohnehin kann sich jeder Gedanken machen über Sinn und Unsinn im Surrealismus und sich fragen, wieso Magritte keine Wassermelone oder ein Feigenblatt über das Gesicht gemalt hat.

Magritte, erklärter Kommunist und Feind der bürgerlichen Spießerwelten, kommentierte das in einer seiner seltenen Statements: „Der Apfel verdeckt das Sichtbare, in diesem Fall das Gesicht jenes Mannes. Alles, was wir sehen, verbirgt ja etwas anderes. Und es gibt eine Faszination für das, was verborgen ist und was uns das Sichtbare nicht zeigt. Es gibt in uns einen Konflikt zwischen dem Sichtbaren, das verborgen ist und dem Sichtbaren, das vorhanden ist.“

Der Leser versteht in etwa, dass der mattgrüne Apfel eine Art Maske des Künstlers darstellt und damit wohl auch ein Geheimnis. Aber welches, und was soll es bedeuten? Dazu Magritte: „Es bedeutet gar nichts, da ein Geheimnis nichts bedeutet, denn es ist nicht erkennbar.“ In der Tat: Es gilt den Abbildungen zu misstrauen und ebenso unserer Wahrnehmung. „Das ist kein Apfel“, sagte er immer wieder im Bezug auf das Bild, und wenn jemand verwundert reagierte, forderte er ihn auf: „Dann beißen Sie doch zu!“

Der „Sohn des Menschen“ wurde Zigtausende Male reproduziert und fand unter anderem in dem Film „Die Thomas Crown Affäre“ aus dem Jahre 1999 Verwendung, in einem Musikvideo von Michael Jackson und in einer Folge der Simpsons Show und zierte zudem eine Luxusserie von Samsonite Koffern. Viele Kunstexperten sind zudem der Überzeugung, dass Magritte, der 1967 starb, dank der emblematischen Nutzung eben des Apfels die Brücke zur Pop-Art gebaut hatte und somit direkt zu Warhol [3] führt und dessen penetranter Verwendung immer gleicher Labels und Symbole. Der „Sohn des Menschen“ als Original wurde das letzte Mal öffentlich 2001 in Montreal gesehen.

Das Experiment Apple

Wenden wir uns aber wieder den Beatles und ihrem Apple-Experiment zu. Die gerufenen Geister ließen nicht lange auf sich warten und aus der ganzen Welt eilten Talente und Dilettanten aller Disziplinen an die Themse, um sich kreativ auszutoben. Die Spesenabrechnungen der Mitarbeiter wuchsen in astronomische Höhen und in allen Kanälen rauschte der ungebremste Geldabfluss.

Bald war klar, dass diese Internationale der Irren hauptsächlich Konflikte, unendlich viel Geduld und eine Menge Verantwortung verursachten. Das war nun das genaue Gegenteil dessen, was sich die Beatles vom zukünftigen Leben erträumt hatten. Schon wenige Monate nach der Firmengründung fand sich der harte Kern in Indien wieder, um dort im Ashram des Bhagwan [4] in die Transzendentale Meditation eingeführt zu werden.

Während sie dann im Juli 1968 zurück in London das legendäre 30-Songs-Konzeptwerk „The White Album“ (es gilt als das fünftbeste Album aller Zeiten) einspielten, musste als Erstes die bankrotte und fast nur noch von Langfingern frequentierte Boutique geschlossen werden. Nach heutigem Kurs lagen allein deren Verluste bei 3,5 Millionen Pfund.

Bei den anderen Sparten sah es nicht minder düster aus. Im Herbst konstatierte John Lennon: „Ich musste mit ansehen, dass sich jede Menge Kameraden auf unsere Kosten ein sehr schönes Leben gemacht hatten.“

Der Apfel als Fallobst

Kurz vor der Pleite schnappte man sich den Manager Allen Klein von den Kollegen der Rolling Stones. Der zwergenhafte Bilanzexperte bewies von der ersten Sekunde an seine ganze Größe im radikalen Konsolidieren.

Auf den kurzen Sommer der Anarchie folgte der Kahlschlag der eiskalten Nüchternheit. Als Erstes wurden die alten und meist unfähigen Kumpels und Schulfreunde entsorgt, die an den Hebeln gesessen hatten und nach und nach die unrentablen Branchen abgesägt. Den einzigen Profit erzielte Apple – sinnigerweise – mit dem Nr. 1 Hit von Mary Hopkins mit dem Titel: „Those Were The Days“.

Der Apfel war zum Fallobst geworden und dort gärte er gewaltig weiter. Es ging um viel Geld, um die Einflüsterungen der diversen Musen und um wachsende Differenzen bezüglich der künstlerischen Ausrichtung.

Im April 1970 trennte sich die größte Band der Welt. Am Ende klagte jeder gegen jeden, dann wurde Klein 1973 mit einer millionenschweren Abfindung in die Wüste geschickt und die Karten neu gemischt.

Kühle Routine

Schritt für Schritt wurde Apple zu einer straff geführten Rechteverwertungsgesellschaft für die vier Superstars umgewandelt. Die Firma residiert heute am Ovington Square im Londoner Stadtteil Kensington. An der blank polierten Gegensprechanlage ist ein kleiner grüner Apfel abgebildet unter dem „Apple Corps Ltd.“ steht. In dem Olymp der Pop-Mythologie verwaltet eine Handvoll Mitarbeiter die Geschäfte des Verwaltungsrats, bestehend aus den Witwen Yoko Ono und Olivia Harrison sowie Paul McCartney und Ringo Starr.

Man kümmert sich dort mit kühler Routine um die Abwicklung von Anthologie-Veröffentlichungen, Filmbearbeitungen und Soundtrack-Rechten. Fragen werden nicht beantwortet. Interviewwünsche enden im Nichts. Der Wert, welcher vornehmlich auf dem Kompositionswerk des Songwriter-Duos Lennon/McCartney beruht, soll angeblich bei gut einer Milliarde Dollar liegen.

Und wenn wir schon beim Geld sind: Man darf nicht unterschlagen, dass Apple von Beginn an ein Steuersparmodell war. Da mochte man noch so sehr von der paradiesischen Unschuld schwärmen und dem romantischen Idyll von Peace & Love. Bei einem Spitzensteuersatz von damals gut 90 Prozent im Königreich [5] kann man das auch ein wenig nachvollziehen.

Steuern zu sparen – das wäre nun ein prima Stichwort, um sofort den Bogen zu der anderen Apple-Fraktion zu schlagen, jener in Cupertino, im Tal des Silikons. Doch zuvor möchte ich ein paar persönliche Worte an Sie richten.

Ingenieursästhetik und digitale Demütigungen

Wie bei vielen Vertretern meiner Generation bildete der Mord an John Lennon im Jahre 1980 den endgültigen Abschied vom Mythos Beatles. Sicher mochte man auch Sir Paul und Ringo. Das waren nette Kerle, tolle Musiker, aber Ob-La-Di, Ob-La-Da und Yellow Submarine und Yesterday – da fehlt es irgendwie an Tiefe, Schärfe, Mut und vor allem Genie. Und so wie die Beatles in den Achtzigern nach und nach den Radarschirm verließen, verschwanden auch generell die Kassetten und Vinylplatten aus den Regalen.

Im Jahre 1982 tauchte die erste Compact Disc auf und begann ihren Triumphzug. Diese Innovation betraf zunächst den heiteren Freizeitsektor und führte hin zum Walkman, einem Top-Symbol der Achtziger. Doch auch auf dem beruflichen Gebiet überschlugen sich jetzt die Dinge. Wir damals noch jungen Autoren erlebten zunächst die Umstellung von den vierfarbigen mit Tipp-Ex betupften Durchschlägen hin zu diesen viereckigen Plastikdisketten. Dafür musste man neues und teures Equipment kaufen und sich mit exotischen Begrifflichkeiten vertraut machen: Computer, Laufwerk, externe Drucker nebst nervigen Handbüchern.

Kaum war diese Kröte geschluckt, kamen eben jene CD-Scheiben in Mode mit noch mehr Speicher und dazu kamen Brenner und blitzschnelle Übermittlungsoptionen. Parallel erschienen Tools wie BTX, Mini-Discs und immer neue Produkte wie Laser, Tintenstrahl, Modems.

Erste Computermagazine erschienen auf dem Markt und anstelle inhaltlicher Debatten über journalistische und literarische Fragen wurde man immer häufiger in lästiges High-Tech-Fachgesimpel verwickelt. Blasse wie blasierte Nerds machten sich in den Redaktionen breit und ihr großkotziger Fachjargon brachte eine Art Ingenieursästhetik in die einst gemütlichen Schreibstuben. Wie viele Kollegen amüsierte ich mich lange Zeit über die modernistische Begrifflichkeit der jungen Leute und war mir insgeheim mit hemingwayscher Idiotie sicher, dass der Spuk bald ein Ende haben würde und ich meine Texte wieder mit der klapprigen Olivetti-Reiseschreibmaschine tippen und in kleinen Papierstapeln abliefern könnte.

Doch dies war ein großer Irrtum und nur der erste in einer langen Serie digitaler Demütigungen. Ohne auf die schmerzlichen Details der Zwangsheirat mit dem PC-Zeitalter einzugehen, wurde von mir an einem bestimmten Tag eine Entscheidung verlangt, um in diesem Leben halbwegs überdauern zu können. Vergleichbar mit der kindischen Wahl in den Siebzigern, nämlich für die Beatles oder die Stones zu sein, ging es jetzt um ein unausweichliches Entweder-Oder, nämlich die Frage: Apple oder Microsoft?

Ein Mann für Apple

Da ich wie gesagt nichts am Hut hatte mit dem Digitalen und auch nicht die geringste Ahnung bezüglich Vor- und Nachteile dieser Modelle und Systeme, entschied ich mich – vermutlich in einer Zehntelsekunde – natürlich für Apple. Denn dieser dort abgebildete Apple erinnerte mich nun mal an meine Jugend, an Tänze, Küsse, Streiche und Räusche, an Hey Jude und Revolution No. 9 und an Lennon, die Love-Ins, Give Peace A Chance und an gewichtige Teile meiner biografischen Identität.

Und so stand ich eines Tages in der überteuerten Computerboutique und war der Meinung, mit dem Scheck dem Beatlesreich die Treue zu halten. Allemal bin ich seither ein Apple-Mann, der mit zelotischer Ahnungslosigkeit Unsummen für die durchaus verführerischen Produkte ausgibt.

Den kennen Sie vielleicht: kommt jemand in den Apple-Store und will den neuesten Mac. Der Verkäufer bedauert. Es sei nichts Neues herausgekommen. Schade, meint der Kunde, aber dann gebe ich Ihnen das Geld einfach so.

Immer wieder stellt sich mir die Frage auf, ob diese halluzinierende Clique um Steve Jobs nur mich alleine durch diese Logonutzung aufs Kreuz gelegt hat. Haben die sogenannten Garagenbastler aus Kalifornien ganz bewusst im Beatles-Garten und seinem Millionenpublikum gewildert? Und was wäre geschehen, wenn Apple Inc. ersatzweise Peaches heißen würde oder Banane?

Bite into an apple!

Natürlich wurde Steve Jobs im Gründungsjahr von Apple Inc. 1976 des Öfteren gefragt, ob er einen gigantischen Copyright-Betrug begangen hatte. Ebenso natürlich wurde ein solcher Verdacht empört zurückgewiesen und durch wechselnde Geschichten entkräftet. In seinen Hippiejahren, so erzählte der dogmatische Vegetarier, habe er regelmäßig auf einer Obstfarm im Bundesstaat Oregon gearbeitet und dort vornehmlich Apfelbäume beschnitten.

Zudem halte er seit seiner Kindheit strenge Obstdiäten ein, speziell mit Äpfeln. Demzufolge sei es mehr als naheliegend, dass er auf diese Idee kommen musste. Öfters schilderte er eine Version der Namensfindung unter großem Zeitdruck. Kollegiale Vorschläge wie „Matrix“ oder sperrige Neologismen wie „Executek“ missfielen ihm, und als quasi in letzter Sekunde aus der Runde qualmender Köpfe das Wort „Apple“ ertönte, willigte er ein. Der Name klinge freundlich und schwungvoll, würde dem Thema Computer die Schärfe nehmen und zudem stünde man damit vor Atari [6] im Telefonbuch.

Gegen einen weiteren Verweis verwehrte sich Jobs sehr energisch. Der Vater des digitalen Zeitalters, der britische Mathematiker und Logiker Alan Turing wurde durch das Entschlüsseln des deutschen Enigma-Programms [7] im Jahre 1943 zu einer kriegsentscheidenden Figur. Nach dem Krieg war er tief in die computergestützten Belange der britischen und amerikanischen Geheimdienste involviert. Er starb 1954 unter ungeklärten Umständen. Die offizielle Suizid-Version: er habe vor der Einschlafen in einen mit Zyankali vergifteten Apfel gebissen, der am Morgen unter dem Bett gefunden wurde.

Das kalifornische Apfel-Logo war bei der Firmengründung 1977 zunächst schwarz und wies als einziges Unterscheidungselement am Kopf ein rechtsdrehendes Blatt auf. Da es aber zu oft mit einer Kirsche oder Tomate verwechselt wurde, gestaltete Designer Rob Janoff das Symbol zunächst regenbogenbunt und auf der rechten Seite angebissen. Der dazu passende Slogan lautete: Bite into an apple! Bite und byte – das bot immerhin ein kesses Wortspiel und zugleich eine Anspielung auf den biblischen Biss.

Die Vertonung des ewigen Friedens

Schon wenige Monate später erhob Apple Records Klage gegen Apple Computer wegen Markenmissbrauch. Der erste Prozess zog sich bis ins Jahr 1980 hin und Gerüchte waren im Umlauf, die von einer Kompensation in Höhe von 200 Millionen US-Dollar zu berichten wussten. Im Urteil war zudem die Bedingung enthalten, dass sich die Computerleute für alle Zeit aus dem Musikgeschäft heraushalten mussten.

Als diese Klausel bei der Einführung von iTunes verletzt wurde, fielen im Jahre 2003 weitere 26,5 Millionen Dollar an. De facto hatten transatlantische Anwälte und Richter richtig viel Arbeit, denn es jagten sich ab jetzt Klagen, Zurückweisungen, Berufungen und außergerichtliche Einigungen. Erst 2010 kehrte Ruhe ein.

Ein Jahr vor seinem Tod erklärte Steve Jobs: „Wir lieben die Beatles und es war schmerzlich, mit ihnen über diese Marke im Widerspruch zu stehen.“ Und Paul McCartney fügte hinzu: „Wir sind enorm glücklich, die Musik der Beatles bei iTunes zu sehen. Es ist fantastisch, dass unsere Songs nun mit so viel Liebe in der digitalen Welt behandelt werden.“

Quasi als Vertonung des ewigen Friedens durfte die Apple-Gemeinde bei der pompös inszenierten Präsentation des iPhone 8 vor zwei Jahren ein feierliches „All you need is love“ hören und sich zudem von der innovativen Gesichtserkennung und der ersten Apple-Pay-Kontofunktion überzeugen.

Apple und eine hypnotisierte Weltsekte

In drei Jahrzehnten wurde hier in Kalifornien eine bizarre Symbiose aus Religion und Datentransport geschaffen. Ein genialer, cholerischer und größenwahnsinniger Rollkragen-Guru (nach seinem Tod im Jahre 2011 fand man 5000 in seinem Haus) bastelte aus aufgemotzten Minicomputern und funkelnden Mobiltelefonen Hightech-Reliquien und Fetischobjekte für eine hypnotisierte Weltsekte.

Mit esoterisch aufgeladenen Slogans wie „Think Different“ verwandelte der selbst erklärte Apostel die halbe Welt in gläubige Jünger. Der Aura von Apple haftet heute so viel Magie, Erlösung und Goldkalbmacht an, dass Weltfirmen wie Disney, Hollywood und sämtliche Geheimdienste um Termine betteln.

Und selbst ansonsten sehr kluge Menschen beten diese kalten Maschinen und Apparate förmlich an und fiebern wie Geisteskranke der nächsten Produkteinführung entgegen. Ein paar adrett designte und zusammengelötete Platinen üben für zigmillionen Menschen mehr Hoffnung und Strahlkraft aus als alle Kirchen und deren Botschaften.

Apple gehörte Ende 2018 zu den wertvollsten Firmen der Welt oder in nackten Zahlen ausgedrückt: 125 Millionen iPods und über 2 Milliarden iTunes-Songs verkauft, 135.000 Mitarbeiter weltweit, Börsenwert über 930 Milliarden US-Dollar, Umsatz 265,6 Milliarden Dollar, Nettogewinn 58 Milliarden. Und trotz Steuerbetrug, abenteuerlichen Berichten aus dem Innenleben der Krake und Snowdons Enthüllungen [8] über CIA und NSA immer noch mit einem sauberen Image versehen.

Garagenfreaks und Erlösungsversprechen

Über Adam, Eva, die Schlange und die Vertreibung gibt es Abhandlungen talmudischen Umfangs. Fakt ist: Der Apfel wurde angebissen und jeder von uns zahlt die Folgekosten dieses Exils.

Die Apple-Gründerväter und die erste Generation wollten ein weltweites Net spannen, sämtliche verfügbaren Daten und Informationen sammeln und verknüpfen und jedem Besitzer eines Geräts das universale Wissen anbieten. Das erklärte Dogma ist die uferlose Öffnung der menschlichen Möglichkeiten, eine Art Allwissenheit und die nüchterne Verzifferung, Steuerung und Programmierung des Weltgeschehens. Dagegen nimmt sich die Alexandrinische Bibliothek aus wie ein vergessener Müllsack.

Doch wir müssen uns die Sache mit den langhaarigen Garagenfreaks genauer betrachten, die uns gerne als freischaffende Künstler verkauft werden, als Vertreter einer unterdrückten Minderheit und als hyperdemokratische Vorkämpfer für eine neue bunte globalisierte Weltordnung.

Hinter der potemkinschen Parolenwand entdeckt man bald die PR-Kunst der emotionalisierenden Image-Maschine, des genialen California-Style-Marketings und eines hohlen David-Goliath-Pathos. Man spürt zunächst nur, dass auch in diesem Apple-Paradies einiges nicht stimmt. Die Marke Apple wird ständig neu aufgeladen mit einer radikalen Change-Ideologie, mit einem messianischen Erlösungsversprechen und einem elitären Freiheitsbehaupten.

Die Bibel von Steve Jobs

Es gab schon vor den Prism-Enthüllungen von Edward Snowdon genügend Hinweise auf die führende Rolle des CIA innerhalb dessen, was man heute KI nennt und früher mit Big Brother, Orwell und Huxley umschrieb. Ebenso liegt es offen zutage, wie der Geheimdienst schon ab 1960 die sogenannte Gegenkultur infiltriert hatte. Und auch das LSD, welches in der Rock- wie Computerszene als bewusstseinserweiternd und göttlich beworben wird, entstammte den MK Ultra-Folterlabors des militärischen Komplexes.

Immer wieder liest man von weiteren staatlichen Fraktionen wie Rockefeller Stiftung, Stanford, NASA, DARPA, ARPA und der US Air Force, die auf dem Gebiet der Big IT und elektronischen Kybernetik eng verwoben sind mit New Age-Vertretern, dem Esalen Institut [9], den Plattenlabeln, Hollywood, kabbalistischen Orden und anderen pseudoreligiösen Gesellschaften.

Stets geht es um die optimale Programmierung der neuen Menschheit wie auch um die Ver- oder Beseelung der Maschinen. Jeder Bond-Film beschäftigt sich mit dieser Transformation des Menschen zu einem kreativen Übermenschen wie es auch der Aktivist Stewart Brand in seinem Whole Earth Catalog [10] machte, ein Magazin, welches Steve Jobs zu seiner Bibel erklärte.

„Pray!“

Im elektrofaschistischen Utopia ging es darum, alles zu sammeln, jeden Gedanken zu speichern, die ganze Welt aufzusaugen, das gesamte Weltwissen bis hin zum Vorhersehbaren anzuhäufen, sprich den göttlichen Code zu entschlüsseln, die maximale Supervision zu ergattern, die gesamte Komplexität der Welt und des Universums in die große Maschine zu pressen und diese natürlich zu monopolisieren.

Firmen wie Apple spielten hierbei die Rolle der Distribution von Milliarden Endgeräten, die in den letzten Winkeln der Welt akustisch wie optische Vollzeitbetreuung garantieren. Und auch jene Rolle des surrealen Think-Different-Marketings inklusive der Kunst diesen diabolischen Hegemonialwahnsinn als Anti-Establishment-Aktion anzupreisen.

Steve Jobs, ein despotischer Choleriker, hatte von Beginn an die Medien im Griff. Er wurde von der Elite-Mischpoke umschwärmt und verklärt und selbst sachliche Artikel über Applet-Tools lasen sich wie Fanpost. Mit der Einführung des Desktop-Publishing war Apple ohnehin so etwas wie ein unsichtbarer Bestandteil aller großen Redaktionen und Verlage. Als die Firma 1997 eine Krise durchlebte, veredelte man das klassische Logo mit einem Dornenkranz und der Parole „Pray!“

In Cupertino hatte man zu keinem Zeitpunkt ein Problem damit, dank virtueller Realitäten diesen Gott endlich abzuservieren und ihn durch einen allsehenden und allwissenden iGod zu ersetzen.

Populärer als Gott

Im Jahre 1966 ließ John Lennon in einem Interview den flapsigen Satz fallen, dass die Beatles populärer als Jesus seien. Das führte zu Massendemos, Unruhen und verbrannten Plattenbergen. Sowohl der Vatikan wie auch der Ku-Klux-Klan protestierten, in vielen Ländern landeten die Songs auf dem Index, serienweise wurden Konzerte abgesagt und am Ende des Jahres entschieden sich die vier Männer, nie wieder live aufzutreten. Nicht wenige sahen in Lennons Blasphemie den Anfang vom Ende der Beatles.

Die Top-Apple-Logenbrüder in ihren Hightech-Tempeln des Silicon Valley sind sich sehr wohl darüber bewusst, dass sie mittlerweile sogar populärer als Gott sind. Oder Golem, wie man es nimmt. Auch deswegen halten sie es für eine Zumutung, irgendwelche Steuern zu entrichten. Wer das Universum beherrscht, lässt die globalen Finanzämter für sich arbeiten, anstatt sie zu bezahlen.

Vermutlich waren wir noch nie so nahe am Ziel, in Gottes Nähe den Flur zu beackern. Die Schlangen sind vergiftet und der Baum der Erkenntnis ist von den Agenten einer fremden Macht abgeerntet. Kommen wir durch die Hintertür ins Paradies zurück?

Mit kalter Distanz betrachtet, nimmt sich die Hybris der Datenkrake fast so aus wie ein Rachefeldzug, bei dem es darum geht, diesem alttestamentarischen Gott beizubringen, dass er überflüssig ist, durchschaut und entmystifiziert. Bald wird die Künstliche Intelligenz eigene neue Menschen aus der Pandorabüchse entlassen, die uns ihr reproduziertes Leben einhauchen und die entzückenden High-Speed-Robots auch ganz ohne Schmerzen gebären.

So gehen wir sehenden Auges in diese schöne neue Welt, und singen: „Na, na, na, nananana … Hey Jude, don’t carry the world upon your shoulder, for well you know that it’s a fool who plays it cool, by making the world a little colder …“


Quellen und Anmerkungen

[1] René François Magritte (1898-1967) war ein belgischer Maler des Surrealismus.

[2] Homer gilt als frühester und bedeutendster Dichter der Antike, aber seine Existenz ist nicht sicher. Von Homer sind weder das Geburtsdatum, noch der Tag seines Todes bekannt. Auch nicht, ob die ihm zugeschriebenen Werke wie zum Beispiel die Odyssee, die die Abenteuer des Königs Odysseus und seiner Begleiter thematisiert, wirklich von ihm sind. Es wird vermutet, dass Homer, wenn es ihn gegeben hat, entweder um 850 v. Chr. oder in der Zeit des Trojanischen Krieges (etwa um 1200 v. Chr.) lebte.

[3] Andy Warhol (1928-1987) war ein US-amerikanischer Künstler, Verleger, Filmemacher und Mitbegründer der amerikanischen Pop Art. Er begann seine Karriere in den 1950er Jahren als Grafiker und Illustrator für Mode-, Hochglanz- und Lifestylemagazine. Warhol hinterließ ein umfangreiches Gesamtwerk. Es reicht von einfachen Werbegrafiken bis zu Gemälden, Filmen, Objekten und Büchern. Außerdem war er aktiv als Musikproduzent.

[4] Rajneesh (1931-1990), auch bekannt als Acharya Rajneesh, Bhagwan Shree Rajneesh und Osho, war ein indischer spiritueller Guru, Mystiker, Philosoph und Anführer der religiösen Rajneesh-Bewegung.

[5] Die Einkommensteuer wurde im Vereinigten Königreich im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Der Spitzensteuersatz gipfelte während des Zweiten Weltkrieges bei 99,25 %. Unter Margaret Thatcher wurden die Einkommensteuersätze in den 1980er Jahren reduziert. Der Eingangssteuersatz wurde bis 1988 auf 25 % gesenkt und der Spitzensteuersatz auf 40 % begrenzt.

[6] Atari ist eine Unternehmens- und Produktbezeichnung mit wechselnden Namensträgern im Bereich Unterhaltungselektronik und Computerspiele. Das US-amerikanische Unterhaltungselektronikunternehmen Atari Inc. wurde am 27. Juni 1972 gegründet und gilt bis in die Gegenwart als technologische Keimzelle und Vorreiter vieler Entwicklungen der Kommunikationsbranche.

[7] Die Enigma ist eine Rotor-Schlüsselmaschine, die im Zweiten Weltkrieg von Wehrmacht, Polizei, Geheimdiensten, diplomatischen Diensten, SD, SS, Reichspost und Reichsbahn zur geheimen Kommunikation eingesetzt wurde. Die Alliierten konnten der maschinellen Verschlüsselung mit maschineller Entzifferung begegnet und die Kommunikation knacken.

[8] Edward Joseph „Ed“ Snowden (Jahrgang 1983) ist ein US-amerikanischer Whistleblower und ehemaliger CIA-Mitarbeiter.

[9] Das Esalen Institute, allgemein Esalen genannt, ist ein gemeinnütziges amerikanisches Retreatzentrum und eine intentionale Gemeinschaft in Big Sur, Kalifornien, die sich auf humanistische alternative Bildung konzentriert. Das Institut spielte eine Schlüsselrolle in der Human Potential Bewegung, die in den 1960er Jahren begann.

[10] Stewart Brand (Jahrgang 1938) ist ein kalifornischer Aktivist, Autor, Entrepreneur und Mittler zwischen der Hippieszene von San Francisco und der Hacker- und Cyberkultur des Silicon Valley. Brand initiierte 1966 das Trips Festival, war zwischen 1968 und 1972 Herausgeber des Whole Earth Catalog und gründete 1984 die erste Online-Community The Well. Der Whole Earth Catalog enthielt Essays, Beiträge und vor allem Produktbewertungen. Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf Alternativpädagogik, Selbstversorgung, Ökologie, Holismus und dem Selbermachen (Do it yourself).


Foto: Jake Davis (Unsplash.com)

Reporter und Essayist | Webseite

Wolf Reiser ist Reporter und Essayist und pendelt zwischen München und Athen. Er schreibt für alle nennenswerten Blätter im deutschsprachigen Raum und ist Autor mehrerer Bücher, Hörspiele und Filmskripte. Weitere Informationen unter www.wolf-reiser.de.

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