Ein Schloss – Teil 2

Wieder stehe ich hier, diesmal nicht von Schwermut an den Boden gepresst, sondern von innerer Angst gejagt. Formloser Angst, die in Wellen durch mich fließt, wie kalte Wasserströmungen durch ein Flussbett. Mal stärker, mal schwächer. Die innere Panik ist das Gegenstück der äußeren Regungslosigkeit. Nur meine Finger in der Jackentasche springen um das Schloss. Befingern es in den immer gleichen Bewegungen: Der Daumen fährt an der geschliffenen Seite auf und ab, während, der Zeigefinger durch den Bügel gesteckt, die anderen Fingern das Schloss umschließen.

Ich bin fast hier her geflohen, ohne wirklichen Grund. Grundlose Angst macht es schmerzvoll. Nicht zu wissen, was die Seele zum Beben, die Hände zum Zittern und den Körper zum Schwitzen bringt, macht Angst. Macht Angst vor der Angst. Wenn sie nicht da ist, denkt der Kopf darüber nach, wann sie wohl wieder kommt. Wann es wieder passiert. Du weißt, dass es wieder passieren wird. Dessen bist du dir vollkommen sicher, aber die Ungewissheit … wann … Und so kommt es wieder; durch die Erwartung dessen kommt es wieder und du denkst: „Na, ich wusste es!“ Und du lernst kaum zu begreifen, dass es Gründe gibt, auch wenn du sie nicht kennst oder verstehst. Noch nicht. Findest nur schwer und, nicht allein, (d)einen Weg dich wieder zu kontrollieren und begreifen. Lernst nur schwer dir zu sagen, dass es okay ist. Findest nur schwer und nicht allein zu de(ine)r Erkenntnis, dass Angst nur ein Gefühl  von vielen in dir ist und die Gefühle nur ein Baustein, aus denen dein Selbst besteht und du der Baumeister dessen. Baumeister des Bildnisses, was allgemein als Seele bezeichnet wird.

Ich bin ruhig, während ich denke. Der Blick war starr bei meinem Eintreffen. Sehr verzerrt auf das Fließen gerichtet und nun wieder beweglich. Sich dieses ängstliche Sein einzugestehen hilft. Es entfesselt dich wieder; ein Stück weit. Es ist eine Sache des Wieder-zu-sich-kommen und Anfreunden mit der Angst. Jedes Mal aufs Neue, von Anfang an, aber mit gleichzeitigem Fortschritt. Jedes Mal etwas schneller, kehrt der Verstand zurück zu den Sinnen. Es ist ein Training. Wenn du dich mit diesem Training in dir selbst bewusst befasst, dann musst du es. Du hast dich nicht dafür entschieden, es wurde über dich bestimmt, von wo auch immer. Es sind Dinge in deinem Leben passiert, die dich zwingen einen bestimmten Weg zu gehen oder stehen zu bleiben. Das kannst du entscheiden. Aber wenn du gehst, dann musst du trainieren. Das wird dir aufgezwungen. Aber es ist zumindest deine Entscheidung, wie du trainierst. Wenn du dich entscheidest, stehen zu bleiben, bestimmt es dich; in allem.

Meine Hände haben sich beruhigt. Sie liegen in meinen Taschen, meine Augen betrachten den Fluss und meine Ohren lauschen den Vögeln. Es war gut hier herzukommen. Ich wende mich zum Gehen, als mir wieder die junge Frau begegnet. Ich habe noch keinen Schritt getan, mich nur auf der Achse gedreht. Sie steht vor dem Rund, wieder die Arme vor der Brust verschränkt und blickt mich an. Wir sehen uns einen Moment in die Augen. Meine Mundwinkel zucken zu einem Lächeln, was sie erwidert und gehen unserer entgegengesetzter Wege.


Symbolfoto: MILKOVÍ (Unsplash.com)

Autorin und Künstlerin bei | Webseite

Alex Ross emi­g­rie­rte aus den schwäbisch-bayrischen Bergen in die Lüneburger Heide. Nach dem Abitur zog sie nach Hamburg, um ein Handwerk zu erlernen. Alex gibt sich als Autorin dem Schreiben hin und als Künstlerin der kreativen Malerei. Ihre Essays unterzieht sie dem Urteil der eifrigen Leserkultur. Sie schreibt über die kleinen Schönheiten und die großen Gemeinheiten des Alltags. Alex lebt im Norden Deutschlands.

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