Emojis und Fragmente: Ein Plädoyer für die humane Erzählung

29. März 2019 By Gerhard Mersmann

Emojis und Fragmente: Ein Plädoyer für die humane Erzählung

Ein Mantra, das sich verbreitet hat, lautet, die Welt sei zu komplex geworden, als dass sie einfache Antworten zulasse. Dagegen ist generell nichts zu sagen, denn jede Erscheinung, die mit unterschiedlichen Kausalitäten verbunden ist, sich in einem Netz von Interdependenzen [1] befindet, muss gründlich analysiert und differenziert beurteilt werden. Was nicht dazu passt, ist die Tendenz der zunehmenden Verarmung der Texte.

Mangelnde Struktur und Ordnung

Nicht, dass es auch Texte gäbe, die schwer zu lesen oder gar unlesbar sind. Es sind jedoch zumeist Konvolute mangelnder Struktur, die als Symptom einer wachsenden Unfähigkeit gelten müssen, gut strukturierte, gedanklich geordnete und sprachlich interessante Schriftstücke zu verfassen. Der Rückschluss ist beklemmend:

Die Welt wird komplexer und die Fähigkeit, sie darzustellen, schwindet.

Die Suche nach Ursachen ist nicht schwer. Immer weniger wird von den Menschen, die in den komplexen Strukturen tätig sind, verlangt, dass sie in der Lage sind, die besagten Zusammenhänge schriftlich darzustellen. Stattdessen hat sich ein Modus breitgemacht, der gerade auf die unzulässige Vereinfachung abzielt.

Statt wohldosierter Sätze sind Skizzen, Bilder oder einfache Formeln gefragt, die die besagte Komplexität vereinfachen sollen. Dass gerade diejenigen, die sich auf die Komplexität der Welt berufen, genau dieser Fährte folgen, macht sie nicht glaubwürdiger.

Fragmente und Emojis

Ist es tatsächlich so einfach, die Reduktion der verschriftlichten Komplexität auf die zunehmende Kommunikation im Maschinenmodus zurückzuführen? In Ansätzen sicherlich.

Wenn bereits junge Menschen, die erlernen sollten, mit welchen geistigen Werkzeugen sie die Welt erfassen und mit denen sie sich ausdrücken können, nicht mehr darin gefordert werden und es stattdessen zum Alltagsmodus gehört, in fragmentierten Sätzen, gespickt mit Emoji, zu kommunizieren, kann nicht vorausgesetzt werden, sich mit komplexen Texten auseinanderzusetzen zu können.

Es geht hier nicht um die Hegelsche Rechtsphilosophie [2], aber ein Roman wie Umberto Ecos Foucaultsches Pendel [3] sollte es schon sein. Und diejenigen, die den politischen Diskurs via Amt führen, sollten auch das können, aber auch noch mehr.

Plädoyer

Neben der abnehmenden Sprach- und Schreibkompetenz ist zudem zu beklagen, und das ist interessanterweise ein breiter Konsens, dass es dem gesellschaftlichen Diskurs an Narrativen mangelt. Es geht darum, dass Geschichten gewoben werden, die von allen verstanden werden und die die Probleme fokussieren, an denen sich eine Gesellschaft abarbeitet.

Politische Kommunikation kann nur dann gelingen, wenn alle wissen, worüber geredet wird und wenn sich ein gemeinsamer Wille entwickelt, an einer Strategie zu arbeiten. Es bedarf der Fähigkeit, diese Geschichten zu weben. Mit bloßen Statistiken und Grafiken ist das nicht zu leisten.

Die hohe Kunst der Erzählung ist es, anhand einfacher Dinge und Begebenheiten die Komplexität der menschlichen Existenz zu verdeutlichen

In der Vergangenheit konnten das einige. Das ganze Ensemble der europäischen Realisten gehörte dazu, ebenso die großen russischen und amerikanischen Erzähler. Sie trugen dazu bei, den Menschen sowohl ihre Epoche zu erklären, ihnen zu verdeutlichen, worauf es ankam und was dem Gestaltungswillen der Menschen unterlag, als auch zu beschreiben, welche menschlichen Aporien nicht einfach durch welche Maßnahmen auch immer aufzulösen sind. Sie trugen dazu bei, auch die politische, die gesellschaftliche Kommunikation in ihren Kultur- und Zivilisationsräumen aufrechtzuerhalten.

Erzählung

Bis auf wenige Ausnahmen sind diese Erzähler von der Bildfläche verschwunden. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Politik. Es ist an der Zeit, dem restringierten [4] Maschinencode wieder etwas entgegenzusetzen. Es ist ein Plädoyer für die humane Erzählung.


Quellen und Anmerkungen

[1] Der Begriff Interdependenz steht für wechselseitige Abhängigkeit (Dependenz). “Soziale Interdependenz” bedeutet, dass Menschen aufeinander eingestellt und angewiesen sind in ihrem Dasein. Beeinflussen sich ökonomische Variablen wechselseitig, wird in der Wirtschaftstheorie ebenfalls von Interdependenz gesprochen.

[2] Zur Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie ist eine Schrift von Karl Marx aus den Jahren 1843 und 1844. Sie besteht aus einer Kritik des Hegelschen Staatsrechts, die 1927 erstmals veröffentlicht wurde.

[3] Ein Foucaultsches Pendel ist ein langes, sphärisches Pendel mit einer großen Pendelmasse. Durch dieses lässt sich ohne Bezug auf Beobachtungen am Himmel die Erdrotation nachweisen.

[4] Restringieren bedeutet einschränken beziehungsweise beschränken.


Foto: Fausto García (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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