Das Netz und das wirkliche Leben

Der Kabarettist Georg Schramm [1] in seiner Rolle als Militärkopp war es, der in einem Sketch über die vermeintliche Verweichlichung unserer Tage das Bonmot ins Publikum rief, mit den jungen Leuten heute sei nicht mehr viel los, sie vertrügen nicht einmal mehr Tabletten.

Es handelte sich um eine Anspielung auf den mysteriösen Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel [2], der leblos in einer Badewanne eines Schweizer Nobelhotels gelegen hatte und dessen Todesursache die Mischung von Barbituraten und Alkohol gewesen schien. Natürlich hatte Schramm die Lacher auf seiner Seite. Aber wie es so ist, gutes Kabarett übertreibt skurril, um auf beobachtbare Zustände hinzuweisen.

Werte unter Zugzwang

Die Bilder der heute so gerne diskriminierten alten weißen Männer liegen noch ein bisschen in der Luft. Herbert Wehner [3] sprach von Politikern, die gerne lau baden. Fußballer, die gerade ihr gegenüber mit den Stollen aufgeschlitzt haben, sprechen davon, es handele sich eben nicht um einen Mädchensport. Und Gastronomen berichten darüber, wie sich Männer echauffieren, wenn sie Unisex-Toiletten aufsuchen sollen. Und selbst der homosexuelle und gar nicht alte Außenminister Westerwelle [4] zeterte zu Lebzeiten über spätrömische Dekadenz.

Aber das sind Randerscheinungen. Die Öffentlichkeit wird beherrscht von allen Schattierungen der Diversität, von Appellen an die Toleranz und von der Proklamierung humanistischer Werte.

Gegen all dies ist nichts einzuwenden. Es ist der Ausdruck eines Zivilisationsgrades, der allerdings zunehmend unter Zugzwang gerät. Die Frage, die sich sowohl den Hardlinern verglommener Ideale wie den Befürwortern eines neuen Humanismus stellt, ist die, was denn nun tatsächlich gilt?

Das echte Leben

Klappt man die Displays nach unten, schaltet sein Smartphone aus und geht vom virtuellen ins reale Leben, so lässt sich feststellen, dass alle beschriebenen Phänomene anzutreffen sind. Ich rate dazu, sich in die letzten Bastionen der Dart werfenden, rauchenden Machos zu begeben und den Dialogen in den noch vorhandenen Eckkneipen zu lauschen.

Ich rate dazu, sich in eine Bahnlinie in die Banlieues der Republik zu setzen und sich die Befindlichkeit derer genau vor Augen zu führen, die gesellschaftlich eigentlich gar nicht mehr stattfinden.

Ich rate dazu, in den gediegeneren Stadtteilen in eine Metzgerei zu gehen, in so eine, in der mit Kreditkarte bezahlt wird und die Kundinnen im Pelzmantel über Handy das Aussehen des Tatars beschreiben. Und ich rate dazu, sich in eines der kuscheligen Szene Cafés zu setzen, in denen auf den Tischen das Apple-Logo neben einem Kuchen nach Omas Rezept aufleuchtet und sich anzuhören, wie die Start-ups laufen. Und vielleicht ist es auch noch klug, sich auf dem Wochenmarkt die mögliche und nicht mehr mögliche Mischung der sozialen Klassen genau anzuschauen.

Der Sauerstoff der Realität

Die Quintessenz eines Exkurses ins so genannte richtige Leben wird sein, dass alles, was auf einer sprachlichen und politischen Meta-Ebene im Netz diskutiert wird, in realiter wirklich vorhanden ist, und dass es zwecklos ist, den Diskurs ohne den Sauerstoff der Realität weiter zu führen.

Es kommt darauf an, sich mit dem vor Ort auseinanderzusetzen, was existiert. Alles andere ist die Ermutigung zu Übertreibung und Mutlosigkeit. Denn wer die tatsächliche, physische Resonanz auf seine eigenen Äußerungen nicht wahrnehmen muss, mutiert nur virtuell zum Helden. Egal, welcher Prototypus auch angestrebt wird. Das gilt so für den richtigen Mann wie für die zivilisierte Frau.

Und glauben Sie mir, diesen lupenreinen Gegensatz werden Sie – glücklicherweise – auf ihrer Exkursion nicht finden!


Quellen und Anmerkungen

[1] Georg Schramm (Jahrgang 1949) ist ein deutscher Kabarettist. Nach dem Abitur ging er als Zeitsoldat zur Bundeswehr, fiel wegen „charakterlicher Nichteignung“ beim Offizierslehrgang durch und studierte nach der Militärzeit in Bochum Psychologie. Ab 1883 stand er auf der Bühne, aber erst ab Ende der 80er hauptberuflich als Kabarettist. Von 1976 bis 1988 arbeitetet er als Psychologe in einer Reha-Klinik. 2014 beendete er seine Laufbahn. Seine bekanntesten auf der Bühne verkörperten Figuren sind der Rentner Lothar Dombrowski, der Sozialdemokrat und frühere Gewerkschafter Drucker August und der Presseoffizier Oberstleutnant Sanftleben.

[2] Uwe Barschel (1944-1987) war Politiker der CDU und von 1982 bis 1987 Ministerpräsident Schleswig-Holsteins. Während des Landtagswahlkampfs 1987 trat er aufgrund der „Barschel-Affäre“ zurück. Der Spiegel hatte im September 1987 berichtet, dass aus dem Umfeld der CDU-Regierung versucht wurde, die öffentliche Meinung über den SPD-Kandidaten Björn Engholm zu manipulieren. Am 11. Oktober 1987 wurde Barschel tot in der Badewanne eines Hotelzimmers aufgefunden. Die Umstände des Todes sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Diese Version wurde mehrfach bezweifelt.

[3] Herbert Richard Wehner (1906-1990) war ein Politiker der KPD (1927–1942), später SPD (ab 1946). Von 1966 bis 1969 war Wehner Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, anschließend Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion bis 1983.

[4] Guido Westerwelle (1961-2016) war Gründungsmitglied und von 1983 bis 1988 Vorsitzender der Jungen Liberalen. Von 1994 bis 2001 Generalsekretär und von 2001 bis 2011 war er Bundesvorsitzender der Freien Demokratischen Partei (FDP). Von 2006 bis 2009 war Westerwelle Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion und Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, außerdem von 2009 bis 2013 Bundesminister des Auswärtigen und bis Mai 2011 Vizekanzler.


Foto: Michael Henry (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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