Frankreich: Die intellektuellen Verbündeten der Gelbwesten

Gelbwesten und Barrikaden in Paris. (Foto: Koshu Kunii, Unsplash.com)

In Frankreich sind derzeit vielschichtige gesellschaftliche Prozesse wirksam. Es bewegt sich etwas, das sich einige bekannte Persönlichkeiten, kritische Intellektuelle, Autoren, Philosophen, Soziologen und politische Aktivisten schon lange erhofften: ein Aufstand der „unterdrückten Massen“.

Das Projekt der Französischen Revolution ist nie wirklich in Vergessenheit geraten. Es trägt zum positiven Kern des nationalen Selbstverständnisses bei, wie auch die aktuell 5. Republik sich immer noch grundsätzlich auf die Basisideen der Revolution von 1789 zu berufen versucht.

Trotzdem sind beziehungsweise wurden diese Grundlagen nach und nach, wie überall im Westen, in das genaue Gegenteil dessen verkehrt, was Mann/Frau sich von einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft und einer relativen Ordnung gewünscht hätte.

Macron und die Gelbwesten

Präsident Emmanuel Macron hat entgegen seinem Wahlversprechen, „weder links noch rechts“ zu sein, im Grunde massiv das neoliberale Projekt der autoritären Rechten umgesetzt. Seine „strahlenden“ Reformen haben dazu beigetragen, die Profite der Kapitalseite zu erhöhen und Steuergeschenke an die führende Oberschicht zu verteilen.

Sein recht verlogener, einseitiger und monologischer Diskurs trat auch in der „Grand Débat“ – der großen Debatte zur Problematik rund um die Gelbwesten – zutage. Macron, als Feudalist verschrien, nutzte die Diskussion vorrangig, um sich unter dem Beifall der Systempresse in stundenlangen Reden als Europa-Wahlkämpfer in Szene zu setzen, und dabei insbesondere alle wichtigen Themenbezüge der protestierenden Bevölkerungsteile auszuklammern oder diese weich zu reden.

Diese Taktik blieb nicht jedem verborgen und der Kurs wird auch nicht von jedem aus der Mitte der Gesellschaft getragen.

Im Folgenden sind einige markante Denker und Intellektuelle aufgeführt, die nicht erst seit gestern gegen das bürgerliche, randfeudale Herrschaftssystem agieren beziehungsweise dazu grundlegende Vorarbeit geleistet haben. Und die sich weiterhin bemühen, die „Aufständischen“, die inzwischen allerlei negative Etiketten aufgedrückt bekommen haben, die von Rechtspopulisten bis Antisemiten und Rassisten et cetera reichen, zu unterstützen.

Der Philosoph

Michel Onfray (Jahrgang 1959) ist ein früherer Sekundarstufenlehrer und wichtiger Intellektueller, der bereits im Vorfeld der Unruhen den latenten Hass Macrons spüren durfte. Dieser versuchte ihn und ein paar andere Schriftsteller als unerwünschte, altmodische und retrograde Denker öffentlich herabzuwürdigen.

Onfray, der inzwischen hauptsächlich als Schriftsteller tätig ist, verließ 2002 den Staatsdienst. Seitdem beschäftigt er sich vor allem mit der Geschichte der Philosophie Frankreichs. Im Rahmen der von ihm gegründeten freien Volksuniversität Caen konnte er seine Sichtweise im öffentlichen Rundfunk (France Culture) ausstrahlten beziehungsweise verbreitete, bis ihm die Lizenz dafür entzogen wurde.

Michel Onfray hat bisher etwa 100 Bücher geschrieben: Traktate, Ethikkonzepte, Novellen, Essays und gesellschaftliche Analysen. Er ist selbst, obschon ein inzwischen wohlhabender Bürger, immer bereit gewesen, die realpolitisch Unterdrückten in Schutz zu nehmen und zu verteidigen. Vor ein paar Monaten fing er damit an, satirisch angelegte Schmähreden auf Macron zu veröffentlichen, was ihm vom Establishment und den führenden Systemjournalisten, auch als „chiens de garde“ (Kettenhunde) bekannt, ernstlich übel genommen wurde.

Dies sind beste Vorausetzungen, um sich weiterhin systemkritisch zu engagieren, was Onfray auch unermüdlich und aktiv tätig macht.

Der Blogger

Étienne Chouard (Jahrgang 1956) ist eigentlich Techniklehrer und war schon lange vor den Unruhen ein bekannter Verfassungskritiker und Blogautor, der es schon 2005 als Gegner des EU-Referendums geschafft hatte, einige seiner Texte bis in die nationalen Systemmedien zu befördern.

Chouard verteidigte schon damals ein allgemeines Losverfahren, das er für die paritätische Besetzung des Parlaments vorgeschlagen hatte. Er ist nach und nach zu einer der führenden Säulen der theoretischen Fraktion der Gelbwestenbewegung geworden. Chouard gilt als Vater des „RIC“, einer grundlegenden Verfassungsreform (ebenso als Grundlage zur neuen 6. Republik gedacht), die darauf abzielt, der Bevölkerung in allen wichtigen Fragen zum Land, zur Verwaltung, der Gesetzgebung et cetera erweiterte Mitspracherechte zu verschaffen. Etwas, das in konservativen, politischen und wissenschaftlichen Kreisen auf Unverständnis bis Abscheu stieß und bisweilen auf grotesken Widerstand, der auch vor groben Verleumdungen seiner Person nicht haltmachte.

Zumeist gelassen und ruhig verteidigt Étienne Chouard in unzähligen – auch von kritischen Medien (die es noch gibt) realisierten – Sendungen seine Standpunkte. In Frankreich gibt es (noch) in den öffentlichen und privaten Medien Plattformen und beliebte Publikumsformate, die sich in profunder Diskussion gründlich mit Konzepten und Büchern der heimischen Intellektuellen beschäftigen.

Chouard diskutiert sein Verfassungsmodell in der Tiefe und erklärt dazu übergreifend ebenso Probleme der sozialen Schieflage und Missstände, die erheblichen Brennstoff für die Proteste der Gelbwesten darstellen. Dazu gibt er bisweilen in polemischer Absicht seinen tieferen Überzeugungen Ausdruck, um Personen wie Präsident Macron sein Misstrauen zu bescheinigen, das bis zur tiefsten Verachtung reicht.

Der Professor

Thomas Porcher (Jahrgang 1977) ist diplomierter Ökonom, Uni-Professor und früherer Karatekämpfer mit schwarzem Gürtel. Er ist Mitglied einer kritisch gesinnten Gruppe von Ökonomen, die sich darin versucht, eine erweiterte kritische, sozio-ökonomische Sicht auf die wirtschaftliche und soziale Situation Frankreichs und Europas medial darzustellen und dem Mainstream etwas gegenzuhalten.

Porcher ist überzeugter EU-Kritiker, der es etwa vermisst, dass Frankreich als wirtschaftlich zweitstärkste Nation in Europa nicht ihr Gewicht entsprechend einsetzt, um der EU mehr Zugeständnisse und nationale Freiheiten abzuringen.

Er ist ebenso vehementer Kritiker (und hat dazu auch ein Buch verfasst) von Macrons Reformen, die er kundig und fundiert in vielen Punkten widerlegt. Er greift zum Beispiel den Ausverkauf der französischen Staatsgüter an, der Gasgesellschaften und der Flughäfen von Paris und anderer staatlicher Unternehmen. Fachlich stimmig kritisiert Porcher, dass es keine ökonomische Einbahnstraße gibt. Es müsse kontrovers diskutiert werden, um die bestmöglichen Wege auszuloten.

Trotz seiner nationalen Überzeugungen ist Porcher eher ein klassischer Linksliberaler alter Schule etwa im Stil von Adam Smith.

Seine erweiterte Systemkritik entzündet sich gleichfalls an den steuerlichen Vergünstigungen für die reiche, elitäre Oberschicht, die Macron sofort zu Beginn seines Mandats umgesetzt hat. Milliarden Euro wurden dadurch in die Taschen der Reichen und Industriellen aus der besitzenden Oberklasse befördert. Gleichzeitig wurde für drastische Einsparungen bei den Sozialausgaben und den strukturellen Maßnahmen für die arbeitende Mittel- und Unterschicht gesorgt.

Der Punk

Francois Bégéaudeau (Jahrgang 1971) ist ehemaliger Lehrer der Sekundarstufe. Er stammt aus dem Arbeiter- und kommunistischen Milieu, ist Schriftsteller, Romanautor, (2008 ausgezeichnet bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme) und Essayist.

Seine Anfänge liegen in der Musik. Bégéaudeau war Sänger der Punkrockgruppe „Zabriskie Point“. Seine Sicht auf die Gesellschaft ist tief geprägt von einer sowohl kapitalkritischen wie anti-bürgerlichen Grundhaltung, zu der auch sein neustes Buch „Geschichte deiner Dummheit“ passt.

Es ist eine deutliche Absage an das bürgerliche Milieu. Bégéaudeau betont mit gezielter Breitseite deren perfiden Eigennutz, leitet daraus deren Hauptschuld am Staatsversagen ab, und führt dies in vielfältigen Kapiteln, die auch bisweilen autokritische Momente haben, aus. Bégéaudeau legt besonderen, fast pedantischen und trotzdem verständlich formulierten Wert auf gelehrte, ausgewählte Sprachformen, mit denen er seine Haltung und Kritik an den herrschenden Verhältnissen herleitet. Eine Kritik, die er sprachlich brillant ausführt.

Wegen seiner inhaltlichen Stärken und der noblen Ausdrucksfähigkeit wird Bégéaudeau auch von vielen sensibilisierten Teilen der einfachen Bevölkerung enorm geschätzt und manchmal sogar bewundert. Bégéaudeau sieht sich unter anderem als Verteidiger der Gelbwesten-Ideale und betrachtet die Abwehr seiner Kritik am Bürgertum als Ausdruck der Unfähigkeit eben dieses Bürgertums, sich das eigene Versagen einzugestehen.

Bégeaudeau ist nach meiner Ansicht in seiner Art einer der wichtigsten neuen französischen Denker. Im Gegensatz zu den alten Philosophen wie zum Beispiel Gilles Deleuze betrachtet er das System nicht ausschließlich in Hinsicht auf die Kritik an dem etwas vage gefassten Begriff des „Kapitalismus“ und dessen diffusen Problemlagen, die teilweise schwer fassbar und dadurch ebenso schwer angreifbar sind, sondern bietet eine konkrete Alternative, indem er eine Stufe niedriger beginnt und die Bourgeoisie frontal angeht. Jene, die in ihrer Haltung und Machtposition als Mittelsmänner und Mittelsfrauen der großen Kapitalinteressen angesehen werden können.

Diese Vorgehensweise bietet eine erheblich bessere Ausgangslage, um in konstruktiver, geraffter Hinsicht gesellschaftliche Veränderung anzustreben. Und um nicht wie gewöhnlich in vagen, zu allgemeinen Positionen stecken zu bleiben und zu versanden. All dies, weil Bégeaudeau die internen gesellschaftlichen Strukturen auf seine Art viel besser und spektakulärer offenlegt, die sonst schlichtweg beiseitegeschoben und ausgeklammert wurden.

Die Soziologin

Monique Pinçon-Charlot (Jahrgang 1946) ist Soziologin und Autorin (gemeinsam mit ihrem Mann Michel Pinçon) vielfältiger Arbeiten zum kapitalistischen System, Hierarchien und Systemzusammenhängen, und darin Kritikerin der herrschenden bürgerlichen Machtverhältnisse, die sie etwa in ihren Schriften „Hollande, Präsident der Reichen“ und in der Folge „Macron, Präsident der Ultra-Reichen“ ausführlich dargelegt hat.

Sie versteht es, in sachlicher und reflektierter Art und Weise ihre Positionen selbst gegenüber systemtreuen Journalisten überzeugend darzulegen. In ihrer Arbeit ist ebenso deutlich erkennbar, dass ein Aufbruch der unterlegen Teile der Bevölkerung stattfinden musste, den sie begrüßt, inhaltlich trägt und fachlich unterstützt.

Monique Pincon-Charlot und ihr Mann haben im Kern sehr ausführliche und gute Basisarbeit geleistet, um intensiv die ausbeutenden Strukturen des Verwertungskapitalismus in Frankreich mit dessen verschiedenen Ebenen aus Politik, zuarbeitenden Medien und dem industriellen Vermögen dahinter zu beschreiben und deren Strukturen offen zu legen.

Der Shootingstar

Und dann wäre da noch Juan Branco: Jahrgang 1989, Jurist, Wissenschaftsjournalist und ein „Shootingstar“ der intellektuellen Szene. Er schreibt für Le Monde Diplomatique, war schon mit Anfang 20 Anwalt von Julian Assange und „WikiLeaks“ und in jungen Jahren strategischer Mitarbeiter im französischen Innenministerium.

Er wendete sich nicht nur vom bürgerlichen Milieu ab, sondern distanzierte sich extrem von denjenigen, die in ihm und in seinem enormen Potenzial weitere, hochwertigen Stützpfeiler des herrschenden Systems zu finden erhofft hatten, um nun der Gegenseite zuzuarbeiten.

Branco bezieht in Debatten, Interviews und Konferenzen konträre Positionen zum System und ist ein erbitterter, wenn auch humanistisch geprägter Verteidiger der Gelbwesten, von denen er einige juristisch berät. Macrons Lebenslauf kennt er im Detail (unter anderem durch seine Erfahrungen aus den inneren Strukturen der Macht). Außerdem verfügt Branco über ein extrem fundiertes Insiderwissen. Dies sind die Grundlagen für ein analytisches Buch zu Macron und den Hintergründen der aktuellen politischen Situation in Frankreich, dass Branco verfasst und veröffentlicht hat. Das Werk wurde nicht nur vielfach gelobt, sondern wird in kritischen Kreisen als äußerst fundierte Quelle der aktuellen Systemkritik angesehen.

Eine Bilanz

Die Auflistung zeigt, dass Branco, Pinçon-Charlot, Bégéaudeau und andere nicht nur Systemkritiker sind, sondern echte Kämpfer, die für einen Systemwechsel eintreten. Vergleichbare Personen müssten in Deutschland gesucht und gefunden werden. Aber wo?

Meiner Ansicht nach kommt die Avantgarde des fundierten, antikapitalistischen Widerstands derzeit eher aus Ländern wie Frankreich (auch Italien et cetera), denn dort wird eine erneuerte Gesellschaftskritik nicht nur formuliert, sondern – historisch in harten Straßenkämpfen erprobt – in konventionellen Medien und ebenso alternativen Publikationen kompromisslos durchgefochten. Dies geschieht in einer Bandbreite, Diversität, Radikalität und mit begründeter Schärfe, von der Mann/Frau in „Gier-Money“ derzeit kaum etwas bemerkt, und nur davon träumen kann, auch angesichts der völlig abgeschlagenen „Linken“, die als Amtspartei sicherlich nicht den schärfsten Widersacher der „reGIERenden“ Bürgerlichkeit darstellt …


Foto: Koshu Kunii (Unsplash.com) und

Grafikdesigner, Illustrator, Autor und Karikaturist bei | Webseite

Brent Yves Debecker (Jahrgang 1958) stammt aus Münster. Mit 14 ging er nach Frankreich und besuchte die Schule. Nach dem internationalen Abitur ging er Ende der 70er Jahre nach Brüssel und studierte Industriedesign, Innenarchitektur und Kommunikationsdesign. 1983 zog er nach Mannheim und schloss an der Fachhochschule das Studium als Kommunikationsdesigner ab. Seit dieser Zeit ist er als Grafikdesigner, Illustrator, Autor und Karikaturist tätig. Karikaturen und Texte veröffentlicht er in alternativen Verlagen. Im Selbstverlag erschien der Band "Lost In Ger-Money".

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