Eine Politik freier Gestaltung?

Es ist eine alte soziologische Theorie, die besagt, dass sich die Akteure innerhalb eines sozialen Systems gegenseitig in ihrer Wahrnehmung in Bezug auf das Gesamtsystem bestärken.

Eine triviale Erkenntnis

Dass eine solche Gruppe tatsächlich auf die Idee kommt, Handlungsweisen und Funktionsmechanismen des eigenen Aktionskreises grundlegend zu hinterfragen, ist eher eine Seltenheit. Letzteres hängt dann davon ab, ob das System groß genug ist, um längst Sub-Systeme entwickelt zu haben. Dann sind differenziertere Wahrnehmungen durchaus möglich, jedoch nicht zwingend. Die Regel bleibt jedoch bestehen. Die Akteure haben eine ähnlich geartete Sinnstiftung und identische Verhaltensmuster.

Gut zu beobachten ist das immer vor Wahlen. Da treten diejenigen, die aus dem laufenden Geschäft der Politik erneut um ein neues Mandat werben, so auf, als befänden sie sich in ihrer Alltagsroutine. Dass sie dadurch Befremdlichkeiten auslösen könnten, kommt ihnen nicht in den Sinn. Und genau darin besteht das Dilemma.

Was im kollegialen Austausch unter Parlamentariern normal erscheint, muss sich nicht mit der Lebenswelt derer decken, die das Mandat vergeben. Es handelt sich dabei um eine triviale Erkenntnis, die allerdings von den meisten Politikern nicht mehr geteilt wird.

Politik und Gestaltung

Der gegenwärtige Europa-Wahlkampf wie die vielen parallel laufenden Kommunalwahlkämpfe dokumentieren zum Teil in erschreckender Weise, inwieweit sich das Denken, Sprechen und Fühlen auf der einen Seite von dem der anderen entfernt hat.

Da werden vermeintliche politische Debatten geführt, im Technokratenjargon, ohne Bezug auf die praktischen Probleme da „draußen“. Es geht um Zuordnung zu formaler Logik oder auch nicht, und es geht vor allem um Regelungen.

Der Paradigmenwechsel von einer freien Politik der Gestaltung zu einer formalen Problemlösung via Verordnung wird bei jedem Aspekt, um den es geht, deutlich. Dem zugrunde liegt der Irrschluss, dass ein Problem dann gelöst ist, wenn ein geregelter Umgang damit gewährleistet wird. Das ist Bürokratendenke, die so weit von den Bedürfnissen der Menschen entfernt liegt, wie der Mars vom Hermannsdenkmal.

Technokratische Makulatur

Die Erhöhung der Rüstungsausgaben um x Prozent des Bundeshaushalts löst nicht die Frage von Krieg und Frieden, konkrete Emissionsgrenzen lösen nicht die Frage nach dem Stopp der Erderwärmung, ein festgesetzter Mindestlohn verhindert nicht die fortschreitende Spreizung der sozialen Schere und die Anzahl der Windmühlen ist kein Indikator für eine Energiewende. Alles, was die politische Diskussion dominiert, ist technokratische Makulatur und hat nichts mit der politischen Lösung brisanter Fragen zu tun.

In diesem Glauben jedoch werden die Debatten unter den Mandatsträgern geführt. Dabei bemerken sie nicht, dass ihnen schon lange kaum noch jemand zuhört. Und fallen dann die Wahlergebnisse nicht so aus, wie erhofft, dann liegt das natürlich nicht am eigenen Verhalten in der jüngsten Vergangenheit, sondern es ist das Werk von arglistigen Verschwörungstheoretikern, Populisten oder am besten gleich den Russen.

Nichts geht über stabile Feindbilder. Das Interessante dabei ist wiederum, dass ein Konsens darüber besteht, wer an der stärker werdenden Krise des politischen Systems eigentlich Schuld trägt. Es sind die Genannten und niemand innerhalb des geschlossenen Kreises käme auch nur auf die Idee, das eigene Denken und Handeln in einen ursächlichen Zusammenhang damit zu bringen.

Die Probleme sind längst identifiziert. Und diejenigen, die den Auftrag haben, sie zu lösen, reden in einer fremden Sprache darüber, wie die Ursachen zu konservieren sind. Was spannend bleibt, sind die Ergebnisse.


Foto: Modern Affliction (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Ein Gedanke zu “Eine Politik freier Gestaltung?”

  1. ´Nichts geht´ – ohne Ende…

    Wird´s nicht langsam fad?

    Was kann und soll den werden und wie? – dazu ein paar Anregungen…

    20.3.2019 gw/ … in ein n e u tragendes Morgen … | MANIFEST einer E U – BÜRGERIN
    https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/03/20/in-ein-n-e-u-tragendes-morgen-manifest-einer-e-u-buergerin/

    3.4.2019 gw/ Globalisierung endlich aufräumen !
    https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/04/03/globalisierung-endlich-aufraeumen/

    6.4.2019 gw/ WIE GEHT PLANETEN-TAUGLICHKEIT & MENSCHHEITS-KULTUR IM 21. JH. ?
    https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/04/06/wie-geht-planeten-tauglichkeit-menschheits-kultur-im-21-jh/

    8.4.2019 gw/ … endlich genau hinsehen! JEDER STEUER-STAAT: eine ABSURDITÄT !
    https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/04/08/jeder-steuer-staat-eine-absurditaet/

Wie ist Deine Meinung zum Thema?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.