Die Aura der Revolution zerfällt im Moment der Etablierung als Marke

Es ist ein altes Gesetz: Das, was als Protest gedacht ist und schockieren soll, muss im Kapitalismus den einzigartigen Augenblick genießen. Denn es dauert nicht lange, und das Verwertungssystem erkennt den Impuls. Würde er abgelehnt und als systemfeindlich bekämpft, gewönne er vielleicht sogar noch an Schärfe. Wird der Impuls jedoch als mögliches Produkt adaptiert, bekommt er schnell den Charakter einer ganz gewöhnlichen Ware und verliert die Kraft der Zersetzung.

Die Revolution als Ware

Der protestative Charakter geht verloren und aus dem einstigen Affront wird ein schickes Ac­ces­soire für den nächsten Prosecco-Konvent. Der Verwertungscharakter der Ware ist die diplomatischste Form, um den Widerstand gegen das bestehende Wirtschaftssystem zu neutralisieren.

Beispiele gefällig? Ja! Unzählige. Ché Guevara [1] existiert ausschließlich noch als Poster oder T-Shirt, die bewaffnete Formation im südamerikanischen Dschungel wird hingegen selten gesichtet. Punk-Outfit wird gelegentlich noch in teuren Londoner Klubs erlebt, allerdings nicht mehr in den Hinterhöfen von Shepherd’s Bush [2].

Die Insignien der Roten Armee sind bei jedem Trödler in Berlin-Mitte zu erwerben, während die ruhmreichen Eroberer der einstigen deutschen Hauptstadt kaum noch in die Geschichtsbücher finden.

Und der Rock ’n‘ Roll ist allenfalls noch etwas für eine Oldie-Party, auf der sich nicht einmal mehr die Teilnehmer an das Rebellische der ersten Rhythmen gegen die reaktionär-kleinbürgerliche Welt dieses Genres erinnern.

Jedes der erwähnten Beispiele hat seine eigene Geschichte: der ideell-epochale Höhepunkt wie der Niedergang im kapitalistischen Warenkonsum. Interessant ist nur, dass der politische Gehalt immer parallel zur erfolgreichen Etablierung als Ware abnahm. Die Aura der Revolution zerfällt im Moment der Etablierung als Marke.

Thunberg als Pop-Star

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wer berät eigentlich Greta Thunberg? Ich möchte nicht in den Kanon derer einfallen, die der jungen Frau ihren Autismus vorhalten oder sie anklagen, weil sie keine wissenschaftliche Debatte führen kann. Was ich jedoch nicht verstehe, ist, dass sie beziehungsweise ihre Berater alles mitmachen, was ihren Gedanken in kurzer Zeit jede Sprengkraft nehmen wird.

Dazu gehört der nicht abgewiesene Status des Kultes, die Etablierung als Pop-Star sowie der Wahnwitz, sie in Talkshows in die abgetakelte Moderatorenszene zu schicken, wo es von Polit-Profis wimmelt.

Die Krönung ist dann noch die Annahme von Preisen wie den der Goldenen Kamera. Die Summe dessen, was alleine in den zwei letzten Wochen in Deutschland gelaufen ist, kann nur lauten, dass die Mobilisierung durch den Namen Thunberg bereits verblasst, weil man die Maskenbildner der Werbeabteilungen aller geübten Meinungsdiscounter an sie herangelassen hat. Greta perdue!

Anonymität als Ausweg

Wer der Prognose nicht glaubt, wird sich noch ein wenig gedulden müssen, um leider zu dem gleichen Fazit zu kommen. Es ist zwar traurig, die beschriebene Tendenz immer wieder bestätigt zu sehen, es ist jedoch auch ermutigend, festzustellen, dass durchaus Lerneffekte existieren.

Nicht alle, die mit kritischen Ansätzen und Impulsen die desaströsen Wirkungen des wütenden Wirtschaftsliberalismus zum Ziel haben, begehen die gleichen Fehler. Sie operieren anonymer und schaffen es, auch ohne die Aufmerksamkeit einer monopolisierten medialen Aufmerksamkeit über längere Zeiträume auszukommen.

Die französischen Gelbwesten sind ein extravagant gutes Beispiel dafür, wie es gelingen kann, nicht in die Falle der rasanten Vermarktung bei gleichzeitiger politischer Entschärfung zu geraten.

Behalten wir auch das im Blick!


Quellen und Anmerkungen

[1] Ernesto „Ché“ Guevara (14. Juni oder 14. Mai 1928 bis 9. Oktober 1967) war Arzt, Autor, marxistischer Revolutionär und Guerillaführer. Ché war von 1956 bis 1959 neben Fidel Castro Comandante der Rebellenarmee der Kubanischen Revolution.

[2] Shepherd’s Bush ist ein Stadtteil von London. Er gehört zum London Borough of Hammersmith and Fulham.


Foto: Wladislaw Peljuchno (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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2 Responses

  1. Uwe Leonhardt sagt:

    Da unsere Augen noch nicht von Gummigeschossen zerfetzt wurden, können wir das genannte im Blick behalten……

  2. Waller sagt:

    Nein, Greta Thunberg ist kein Pop-Star. Genau das nicht! Versetzen sie sich in den aufrichtigsten Menschen, dem ein aufrichtiges Anliegen unter den Nägeln brennt, das einen Zusammenschluss vieler benötigt, um wirksam werden zu können. Würden sie nicht jede Möglichkeit nutzen, ihr Gedanken zu verbreiten? Haben sie Frau Thunberg bei der Verleihung der Goldenen Kamera denn nicht zugehört: „…solange eine Preisverleihung mehr Aufmerksamkeit erreicht, als die Gefahr die uns droht…“. Ich hätte diese Chance genauso wahrgenommen, wohl wissend, dass Umarmungen wie diese zum Erstickungstod führen können – eben nicht müssen.

    Solange die Leitmedien nicht ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen, das Geschehen abzulichten, um den Bürgern eine eigene Meinung zu ermöglichen, solange müssen Gegenpositionen trickreich untergejubelt werden. Ja, im stillen. Aber warum nicht auch im lauten. Hat doch Greta Thunberg ohne Zweifel recht in ihren Aussagen und wie sie diese transportiert, bewegt die Welt, ist wunderbar, ist einmalig, ist ansteckend . . . denn wenn unsere Existenz bedroht ist, müsste sich doch jeder von uns auf den Weg machen, sich einsetzen, sich für den Klimaschutz interessieren.

    In den Köpfen vieler ist jetzt angekommen, was vielleicht anonymer operiert zu spät ankommen würde. Die Gefahr „einer monopolisierten medialen Aufmerksamkeit“ im Auge behaltend, gilt es den Finger auf die uns alle bedrohende Wunde zu halten, still und laut, so wie jeder kann.

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