Budenzauber: Zur Ideologie des freien Marktes

13. April 2019 By Gerhard Mersmann

Budenzauber: Zur Ideologie des freien Marktes

Im Moment beginnt es, zu dämmern. So langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass alles viel komplexer ist als gedacht. Und das zum Teil bei denen, die den anderen, die ewig meckern, genau das vorhalten. Denn es stimmt tatsächlich: Alles hängt mit allem zusammen.

Und dennoch kann es manchmal hilfreich sein, irgendwo einen geistigen Anfang zu setzen, um begreifen zu können, wie manche Dinge in Gang kamen und ihren Lauf nahmen.

Das, was so viele Gemüter zu Recht erregt, passiert hierzulande gerade auf dem Immobilienmarkt. Die Preise sind explodiert. Auf der einen Seite werden schöne, glänzende Gewinne erzielt und auf der anderen gibt es immer mehr Menschen, die sich eine einigermaßen passable Behausung nicht mehr leisten können. Doch der überall zu hörende Schrei gegen die bösen Spekulanten und Immobilienhaie greift zu kurz.

Niedrigzins und Immobilienmarkt

Angefangen hat es mit einer gut gemeinten Aktion der Politik. Die wollte nach der Weltfinanzkrise von 2008 vermeiden, dass Währungen crashen und die Inflation explodiert. In der EU erhielt die Europäische Zentralbank (EZB) den Auftrag, Maßnahmen zu ergreifen, die diese Ziele unterstützten. Seitdem haben wir es mit einer konsequent verfolgten Niedrigzinspolitik zu tun.

Geld als monetäres Investment hat seinen Reiz verloren. Die Dimension ist beträchtlich. Kürzlich rechnete ein Durchschnittsmensch von bescheidenem Reichtum vor, dass ihn die finanzpolitische Maßnahme in den letzten zehn Jahren den Gegenwert eines Porsche Cayenne gekostet habe.

Abgesehen von den Zinsverlusten für die viel zitierten kleinen Sparer wurde der Investitionswille insgesamt ausgebremst und hat somit auch zu der Zurückhaltung im Bereich kostspieliger Innovationen beigetragen. Die schärfste Reaktion fand jedoch auf dem Immobilienmarkt statt. Dort war ein Segment, in dem noch die Gewinne erzielt werden konnten, die ansonsten auf dem Geldmarkt existiert hätten. Also gingen die Investitionen dorthin.

Schadensmosaik der Ideologie

Diejenigen, die zur gleichen Zeit diesen Trend in schlimmer Weise nicht auf dem Schirm hatten, waren die Verantwortlichen sowohl für Bau als auch Finanzen, die genau zu dem Zeitpunkt den sozialen Wohnungsbau privatisierten. Sie wollten ihre Haushalte entlasten und verkauften Wohnungen en gros aus öffentlichem Besitz an private Betreiber.

Getrieben wurden sie vor allem von der Doktrin des Wirtschaftsliberalismus und dem Mantra, der Markt werde es schon richten. Damit, welches Wunder, lagen sie falsch. Und, nur für die Bücher, die gegenwärtige Krise auf dem Wohnungsmarkt ist ein weiteres Puzzlestück im Schadensmosaik der Ideologie des freien Marktes, der schon alles richten werde.

Ursächlich sind für die angespannte Lage also die Niedrigzinspolitik der EZB wie auch die Veräußerungspolitik öffentlicher Wohnungsträger auszumachen. Dass diese Entwicklung nicht vorauszusehen war, kann nur bedingt eingeräumt werden.

Kapital will sich immer vermehren

Die Abschottung der Akteure gegen die Erkenntnis, dass die Welt komplexer ist als gedacht, mutet an wie ein Witz. Aber es scheint so zu sein, wie es daher kommt. Es wurde ausgeblendet, dass sich Kapital vermehren will. Und wenn das auf dem Geldmarkt nicht mehr geht, dann eben woanders. In diesem Falle eben auf dem Immobilienmarkt.

Deshalb mutet es vielen der Akteure im Moment an wie ein – im wahrsten Sinne des Wortes – Budenzauber. Und dass der Markt nicht alles richtet, wusste sogar Mutter Teresa.

Bei allem, was jetzt diskutiert wird, um die Lage zu entspannen, darf folglich weder der Geldmarkt und die dort waltende Zinspolitik noch die Rolle kommunalen Wohnungseigentums aus dem Blick geraten.

Wenn der freie Markt große Gruppen von Menschen von den Grundrechten ausschließt, muss die Politik die betroffenen Segmente aus dem Markt herausnehmen. Das ist so bei der Infrastruktur, bei der Bildung – und aktuell beim Wohnen.


Foto: Daniele Levis Pelusi (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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