Der richtige Zeitpunkt – Don’t Wait Too Long

Eine der Weisheiten, die immer wieder bemüht werden, lautet schlicht, dass alles eine Frage des Zeitpunktes sei. Die schnell Getakteten nennen es Timing. Will heißen, wer zum richtigen Zeitpunkt das Richtige tut und zudem am richtigen Ort ist, hat alles richtig gemacht. Oder anders herum, wer das Richtige zur falschen Zeit macht, kann dennoch scheitern wie derjenige, der das Falsche im richtigen Moment bemüht.

Zu früh, zum richtigen Zeitpunkt, zu spät

Das ist kein geistiges Wirrwarr, sondern eine der spannendsten Aufgaben in der menschlichen Existenz. Oder, wie es César Luis Menotti [1], der Philosoph des argentinischen Fußballs, so wunderbar auf den Punkt gebracht hat:

Im Leben geht es immer um Raum und Zeit. Alles andere ist sekundär.

Nehmen wir diese Fragestellung und deklinieren sie bei der Betrachtung der Felder, in denen wir uns bewegen, durch. Schnell kommen wir zu dem Resümee, dass die These Wucht besitzt. Wenn ich mein bisheriges Leben Revue passieren lasse, komme ich sehr schnell zu Analysen, an deren Ende immer steht: zu früh, genau zum richtigen Zeitpunkt, zu spät.

Ich rate dazu, die Übung zu machen, die Ergebnisse sind bestechend. Und andererseits, auch bei der Betrachtung anderer Themen haben wir es hier mit der alles entscheidenden Dimension zu tun.

Alles zur passenden Zeit

Manche Herausforderungen, die angenommen werden, kommen einfach zu früh, weil bestimmte Erfahrungen noch nicht gesammelt wurden, und die Fehler, die begangen wurden, Kollateralschäden verursachten, die die Vorteile überstiegen. Oder es wurden Aufgaben angenommen, obwohl die eigene Zeit dafür vorbei war und das Bild eines lebenden Anachronismus abgegeben wurde. Das lässt sich verfolgen, im täglichen Leben, und es ist immer gut zu beobachten. Von der Arbeit bis zur Mode. Die Frage ist immer präsent: Passiert da etwas zum richtigen Zeitpunkt oder nicht?

Neben dem besten Material, das wir haben, nämlich dem eigenen Leben, lässt sich die Frage auch an dem abarbeiten, was wir im Allgemeinen die Politik nennen, weil wir alle dabei eine Rolle spielen und alle eine Einstellung dazu haben – selbst wenn wir glauben, wir hätten keine. Aber auch das ist eine.

Und dann beobachten wir einmal die Schlagwörter, die viele von uns bewegen:

Automobilindustrie, Umwelt, Steuerpolitik, Militärpolitik, Internationale Beziehungen, Bildung, Gesundheit, Arbeit, Renten.

Sie sehen, egal was, wir haben dazu eine Meinung und wir wissen, zumindest aus unserer Sicht, ob das Thema zu früh in der Bearbeitung ist, ob anachronistisch damit umgegangen wird, das heißt, ob es zu spät behandelt wird oder ob der Zeitpunkt genau richtig ist, was wiederum heißt, dass sich die richtigen Leute am richtigen Ort zur passenden Zeit damit befassen. Und dann kann kategorisiert werden: Wo ist unsere Gesellschaft Avantgarde, wo ist sie passend in Charge und wo ist sie Antiquität? Das ist spannend, und das Ergebnis ist aufregend. Und wichtig: Ihre Analyse sollte Konsequenzen auf Ihr weiteres Vorgehen haben.

B.B. King, Nina Simone, Madeleine Peyroux

Meine These ist, dass wir kaum Avantgarde sind und in vielerlei Hinsicht Antiquität. Das können wir uns nicht länger leisten. Aber die Muße zur Analyse sollte dennoch sein. Denn die Investition in eine gute Analyse zahlt sich später immer durch einen Moment der Beschleunigung aus.

Als spirituelle Hilfe bei der anzustellenden Überlegung biete ich drei Titel aus der Musik an: Never Make Your Move Too Soon, B.B. King, Just In Time, Nina Simone und Don’t Wait Too Long, Madeleine Peyroux. Sie werden das Unbewusste inspirieren. Viel Erfolg!


Quellen und Anmerkungen

[1] César Luis Menotti (Jahrgang 1938) ist ein ehemaliger Fußballspieler und -trainer aus Argentinien. Als Coach gewann er mit der argentinischen Nationalmannschaft 1978 den WM-Titel im eigenen Land. Menotti distanzierte sich von der in Argentinien herrschenden Militärjunta, die die WM propagandistisch nutzte. In einem Interview soll er (unter Anspielung auf die Junta) gesagt haben: „Meine Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt.“ 


Foto: Miti (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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