Pride – Eine traurige Geschichte, mit Witz erzählt

Kürzlich war da wieder so ein Hinweis, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Mir wurde der Film „Pride“ empfohlen, es sei eine typische britische Low-Budget-Produktion mit skurrilen Figuren und viel Witz.

Solidarität als Motiv

An einem dieser Abende, wo die Flügel etwas hängen, sah ich ihn mir an. Schon nach wenigen Sequenzen war klar, dass die Beschreibung sehr oberflächlich war, denn es handelte sich um eine sehr ernsthafte Geschichte. Während des Bergarbeiterstreiks macht sich eine Gruppe Londoner Lesben und Schwule auf, um die Kumpels einer walisischen Zeche bei ihrem Kampf gegen die Massenschließungen im Bergbau zu unterstützen.

Ihr Motiv ist einfach und zutreffend: Was wir, so die Aktivisten, bis heute an Diskriminierung erlebt haben, erleben die Kumpels nun. Deshalb sind wir solidarisch.

Ein Großteil der Handlung setzt sich mit der Wirkung der gesellschaftlichen Diskriminierung per se auseinander. Innerhalb des walisischen Ortes, in der die Zeche steht, herrscht ein kruder Konservatismus, der schlimmer ist als im relativ offenen London. Es entflammt ein wilder Kampf darüber, ob die Bergleute die angebotene Solidarität und die gesammelten Gelder überhaupt annehmen sollen.

Letztendlich entsteht das Bündnis und einer der Protagonisten auf der Bergarbeiterseite versichert bei einer Grußadresse während eines Charity-Events in einem Londoner Club, dass, sollte sich die Notwendigkeit ergeben, die Kumpels auf die Seite der Lesben und Schwulen stehen.

Pride ist Geschichtsunterricht

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Trotz großer Gesten der Solidarität gehen die Bergarbeiter irgendwann in die Knie und beenden ihren langen Streik und der Feldzug des Thatcherismus gegen die organisierte Arbeiterbewegung in Großbritannien schreitet voran.

Allerdings resultiert aus dem im Film geschilderten Bündnis das politische Ende der gesetzlichen Verfolgung von Homosexualität. Letztendlich auf Initiative der Bergarbeitergewerkschaft ringt sich Labour nach mehrmaligen gescheiterten Versuchen dazu durch, im Parlament für die Aufhebung der Kriminalisierung zu votieren, was die Gesetze zu Fall bringt.

Neben dem geschilderten Sachverhalt reiht sich – und insofern war der Hinweis doch zutreffend – der Film ein in eine ganze Gruppe von Low-Budget-Produktionen, die den wohl grausamsten Nachkriegsklassenkampf in Europa zum Thema haben. Pionier unter diesen Filmen, die mit wenig Geld die Geschichte dieses aussichtslosen Kampfes genauso schildern wie den Lebenswillen, den Humor und die Chuzpe derer, deren Welt heute nicht mehr existiert. Brassed Off, der Film, der die Geschichte einer Bergmannskapelle zum Thema hatte, kann als Pionier in dieser Abteilung des modernen Geschichtsunterrichts gelten.

Das Sozialgefüge als Trümmerhaufen

Pride ist zu empfehlen, weil der Film noch einmal die Geburtsstunde des Neoliberalismus im Europa der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zeigt: Das rigorose Vorgehen der britischen Premierministerin Margaret Thatcher gegen eine der am besten organisierten Arbeiterklassen Europas, was letztendlich zu deren Niederschlagung beitrug.

Unter der Aufkündigung des gesellschaftlichen Konsenses leidet die britische Gesellschaft bis heute – und spürbarer denn je. Es sollten in Europa noch viele Figuren folgen, die nach der Partitur Thatcher spielten und die dazu beitrugen, das europäische Sozialgefüge in einen Trümmerhaufen zu verwandeln.

Wer sich den Film ansieht, erlebt die Geburtsstunde des Wirtschaftsliberalismus in England und Europa noch einmal hautnah. Es ist eine traurige Geschichte, mit Witz erzählt.


Foto: Jason Leung (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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