Mediale Berichterstattung – Eine Revue von Katastrophen

Verbranntes Fleisch auf dem Grill als eine der Katastrophen des Tages. (Foto: SJ Baren, Unsplash.com)

In Madeira stürzt ein Bus die Böschung herunter, in Indonesien erdrücken Schlammlawinen ganze Dörfer, in Peru bebt die Erde, in Bangladesch brennen die Sweat Shops, in Peking herrscht der Smog, in Neuschottland verenden die Wale und in Brandenburg brennen die Schweine. Die Nachrichten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, sind eine Revue von Katastrophen.

Katastrophen und Manipulation

Nicht, dass jedes einzelne Ereignis nicht schrecklich wäre und keine lokale Relevanz hätte, doch welche Bedeutung hat es für uns? Warum, so stellt sich die Frage, werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt, die keinen Einfluss auf unser hiesiges Leben haben, systematisch überschüttet?

Entspricht es unserem Naturell, dass wir schlicht scharf sind auf Katastrophen, weil sie unsere wie auch immer pervertierte Libido zum Schwingen bringen, oder steckt etwas anderes dahinter? Oder wäre diese Vermutung bereits wieder eine verschwörungstheoretische Entgleisung?

Aber, bevor es emotional a priori abgleitet, sei die Frage gestellt, warum ein Mensch unserer Zivilisation an Nachrichten interessiert ist!

Es bedarf dabei einer Gegenüberstellung. Idealtypisch müsste das Interesse darin liegen, sowohl über die wichtigen politischen Ereignisse informiert zu sein, Informationen über das Wirtschaftsleben zu erhalten, sich ins Bild über kulturelle und sportliche Entwicklungen setzen zu können und natürlich eine Wetterprognose zu erhalten. Von der Gliederung her geschieht das auch so in den meisten Fällen. Von den Inhalten eher nicht.

Da werden aus Informationen zumeist Empfehlungen und Betrachtungsweisen, deren Konsum empfohlen wird. Es geht nicht um Information, sondern um Manipulation.

Der Abgrund in uns

Auf der anderen Seite existiert etwas in der zu informierenden oder medial zu bearbeitenden Masse, das als die Lust auf Sensation bezeichnet werden kann. Es zu leugnen, wäre Unsinn, denn jede Sensation erregt zum einen Aufmerksamkeit, zum anderen ein ganzes Gemisch von Emotionen, die vielleicht in der technokratisch durchorganisierten Welt im Alltag nicht mehr gelebt werden können.

Zudem hat derjenige, der das mittelbare Entsetzen leben kann, den Vorteil, nicht die unmittelbaren Konsequenzen tragen zu müssen. So ein Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch erzeugt einen Schauder, der vom Kopf herrührt und nicht vom tatsächlich gerochenen verbrannten Menschenfleisch.

Seien wir ehrlich: Der Abgrund schaut auch in uns!

Die Professionalisierung der medialen Katastrophenübermittlung ist die Antwort auf eine Verarmung des Alltags in der technokratischen Zivilisation. Sie nutzt das Bedürfnis, die vermittelte Katastrophe zu erfahren, um etwas Spannung und Abwechslung in das monotone und kulturell unterernährte Leben zu bekommen.

Dass das alles zu einer nicht messbaren Abhängigkeit führt, halte ich für übertrieben, dass es davon abhält, sich mit Überlegungen zu beschäftigen, die etwas verändern können, davon bin ich jedoch überzeugt.

Die Ablenkung von den Verhältnissen

Der Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse sollte den Schlüssel liefern: Wir bleiben dann passiv, wenn das Neue, das wir erfahren, nichts mit unserer täglichen Lebenspraxis zu tun hat. Anders herum, wenn es uns direkt betrifft, denken wir darüber nach und motivieren uns zum Handeln. Und so löst sich der Katastrophenjournalismus auf: Er berichtet über nichts, was wir beeinflussen können. Außer einer kurzen Gefühlswallung bewirkt er nichts. Und das ist das Ziel.

Wenn dann noch das Verhältnis von Nachrichten, die uns wirklich betreffen und Katastrophen, die weit weg sind und andere betreffen, betrachtet wird, dann wird schon deutlich, dass von den ureigenen Lebensverhältnissen abgelenkt wird.


Foto: SJ Baren (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

5 thoughts on “Mediale Berichterstattung – Eine Revue von Katastrophen

  1. jaaaa, das ist etwas dran !

    “nachrichten” und medien liefern sehr weitgehend (nur) “infotainment” mit durchaus ablenkender wirkung, die sehr weitgehend auf emotionales statt rationales setzt, eine medial inszenierte ab-art von “brot und spiele” ad usum populorum …

    frage dabei nur:
    funktionieren die medien so, weil sie absichtsvoll manipulieren (wollen), oder bedienen sie einfach nur (umsatz machen) den natürlichen voyeurismus der massen – “gib dem affen zucker, WEIL er gerne zucker isst, und du dann maximalen profit ziehen kannst” ?

    ich würde eher letzteres als marginalie vermuten, zumal auch journalisten usw nicht explizit dazu ausgebildet werden zu manipulieren, sondern nach der devise: “der wichtigste satz im auch medialen geschäftsleben ist der UM-satz = simpel der profit”

    *
    die semiotische analyse von sog “nachrichten”, zb den tv-nachrichten, IST lustigerweise bereits deren fast komplette de-konstruktion und damit der interpretation als tatsächlich intendiertes “infotainment” = “brot + spiele”, zudem immer mitzudenken: es geht bzgl medien immer um “nachrichten”, diese sind aber stets interpretierte/ vorinterpretierte “informationen”, und darin steckt natürlich, egal ob absicht oder nicht, jede menge an manipulation – wir leben daher auch nicht in einer “informations-gesellschaft”, sondern in einer “nachrichten-gesellschaft” (mit uns vorgesetzten, zu nachrichten vorverdauten informationen) – und auch zu beachten: nicht das “magere” medial vorgesetzte an nachrichten, sondern das sehr viel umfangreichere jeweils medial ausgeblendete wirkt/bedeutet ebenfalls, zb hören wie wochenlang/monatelang nichts zu indien, als gäbe es diesen halbkontinent garnicht, findet dort aber dann ein emotional beteiligungs-fähiges ereignis statt, zb eine bombenexplosion, dann erscheint kurzzeitg eine lawine von indien-nachrichten in den medien, kurz danach verschwindet indien wieder vom medialen radar für lange zeit völlig – die medien steuern die aufmerksamkeits-lenkung ihrer konsumenten, und dies ist, wieder egal ob absicht oder nicht, erneut hochgradig manipulativ

    und, da medien keine “informationen” abliefern, sondern vorverdaute informationen in form “nachrichten selbst erzeugen,
    füttern sie ihre konsumenten mit “babykost” und trainieren ihren konsumenten damit das eigene denken, das eigene autonome denkenkönnen, systematisch ab – so bleiben medienkonsumenten = nachrichtenfresser = “geistige säuglinge auf medialer muttermilch” (was jetzt zunehmend auch aufs internet übertragen wird)

    1. “funktionieren die medien so, weil sie absichtsvoll manipulieren (wollen), oder bedienen sie einfach nur (umsatz machen) den natürlichen voyeurismus der massen”

      “die medien” sind menschen gemacht – ausgesucht werden dafür “GEEIGNETE”, welche selbst dazu ein überproportionales interesse an ihrem EIGENEN umsatz haben, den sie mit den zielen ihrer redaktions-philosophie verbinden … und sich somit freiwillig indentifizieren können (“ungeeignete” werden aussortiert)

      die redaktionen sind ebenfalls mit der politischen agenda engstens verbunden – früher waren das mal luxusreisen und geschenke – oppulente treffen gibt es immer noch … jedoch sind aus den eher “harmlosen” bestechungen und gefälligkeiten wohlgepflegte beziehungen geworden … und die fallhöhe (bis mord) ins existenzielle gestiegen. >>> es läuft fast von allein – wie eine verinnerlichte schlechte angewohnheit (die banalität des bösen – h.arendt)

      und ja! die konsumentenmassen (sind wir auch ein teil davon?!) kaufen freiwillig … um “bedient” zu werden – auf einem niveau, dass genau dadurch immer weiter sinkt … bis es unerträglich für sie selbst wird … gibt es da eine grenze nach unten??? reicht da nur ein SCHOCK für die erkenntnis?

      wir können genau diesen prozeß gerade live erleben …

  2. Moin. Ich habe eben gerade gelernt, dass “wir Menschen nicht nur homo sapiens, sondern mindestens ebenso auch homo ambivalens sind: Widersprüchliche Menschen.” Nun denn, vielleicht bin ich mit meiner Ratio zu einfältig, um diese widersprüchlichen Weisen immer zu verstehen.
    Zu “der Abgrund ist in uns”: Vor einigen Tagen hat Dirk Nowitzki in einem ZEIT-Interview folgendes gesagt: “Diese merkwürdige Sehnsucht nach dem Scheitern zuvor hochgejubelter Menschen ist mir nicht geheuer. Erst feiern die Menschen uns Sportler dafür, dass wir etwas besser können als sie, und sobald die Leute etwas finden, was Grund zur Schadenfreude gibt, stürzen sie sich drauf.”
    Ich denke, das trifft nicht nur auf Sportler zu, sondern darf verallgemeinert werden.
    Letztlich bedienen doch zumindest die privaten Medien ihre Kunden in der Art, dass sie möglichst mehr Resonanz erfahren als die Konkurrenz. Dafür ist oft jedes Mittel recht und entspricht nicht unbedingt dem, was ich unter Qualitätsjournalismus verstehe. Aber Auflagen und Klicks sichern die Einnahmen und die das Überleben auf einem hart umkämpften Markt. Dass dabei auch gehörig manipuliert werden kann, versteht sich von selbst.

  3. Solange nicht einmal hier auf ´Neue Debatte´ alternative Konzepte keine Nachrichten, die es zu berichten lohnte sind, wird sich am Medien-Angebot wohl nirgends Entscheidendes ändern …

    1. Hinweis Admin: In der Rubrik Transformation finden Sie zahlreiche Artikel, Interviews und Videobeiträge zu alternativen Konzepten für einen gesellschaftlichen Wandel, und in der Rubrik Kompass umfassende Analysen über die Systematik von Gesellschaften, Problembeschreibungen und Lösungsansätze.

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