Große Freiheit – Dem Phänomen gefolgt

Beginn mit einer Vorbemerkung: Ich habe das Buch in die Hand genommen und erst wieder weggelegt, als ich es fertig gelesen hatte. Das ist mir seit langem nicht mehr passiert, weder bei Romanen mit Anspruch noch bei skurriler Kriminalliteratur, sondern wenn, dann eher bei einem gut strukturierten und vom Thema her brisanten politischen Sachbuch.

Große Freiheit

Ich erfuhr von Rocko Schamonis [1] neuem Roman Große Freiheit durch ein Radiointerview, das mit ihm darüber geführt wurde. Mir war sehr schnell klar, dass ich es lesen würde, weil dort über eine Zeit berichtet werden würde, so mein Kalkül, die unter der Überschrift Revolte und Aufbruch stand. Und dann noch auf Sankt Pauli, dort, wo eine Parallelwelt existierte und zudem der englische und amerikanische Rock ’n‘ Roll nach Deutschland kam.

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, machte ich etwas, was ich sonst strikt vermeide: Ich sah mir die Rezensionen dazu an und las sehr viel Vernichtendes und Ablehnendes.

Und dann hörte ich noch, wieder im Radio, eine Diskussion von sogenannten Literaturexperten, die nicht viel Gutes an dem Buch Schamonis ließen. Sie monierten vor allem die mangelnde literarische Qualität, die vor allem darin bestehe, dass die Figuren sich selbst nicht reflektierten, dass keine Perspektivenwechsel darin stattfänden und keine kompositorischen Zeitschnitte zu verbuchen seien.

Rotlicht und Freiheit

Also entschied ich mich, mich selbst zu befragen, warum ich Große Freiheit so engagiert in kurzer Zeit gelesen hatte? Es handelt sich um ein Teil des Lebens eines aus der sächsischen Provinz entflohenen jungen Mannes, den es über die Schaustellerei Anfang der 60er Jahre nach Hamburg, genauer gesagt nach Sankt Pauli, verschlagen hat.

Er ist klug, beobachtet alles sehr genau und steigt im Rotlicht Milieu sehr schnell auf. Das ist es! Aus! Doch was ist es, dass das Buch, das ich aufgrund der dargebotenen Erzählweise einfach nicht als Roman bezeichnen würde, so interessant macht?

Nach einem kurzen informatorischen Auftakt, der die Geschichte St. Paulis und den Namen Große Freiheit für die Leserschaft erklärt, entsteht entlang der Geschichte des späteren Kiez Königs Wolli Köhler [2] ein Panoptikum der damaligen Zeit.

Heiermann und Pfund

Es geht um alles, was das Rotlicht Milieu bis heute ausmacht – um Prostitution, um Pornografie, um Drogen, um Gewalt. Es geht um irre Gestalten, die ihr exzentrisches Leben in diesem Milieu ausleben konnten, obwohl sie auf der anderen Seite des Spiegels noch eine kleinbürgerlich miefige Existenz führten. Und es geht auch um einen Ehrenkodex im Milieu und seine exotische Sprache, die sich aus der besonderen Geschichte St. Paulis erklärt. Denn sie basiert auf der Sprache des fahrenden Volkes, des vor allem im westfälischen Münster beheimateten Masematte, welches Begriffe wie Tillen, Lobi, Achiele toff oder Bezeichnungen für Geld wie Zwilling, Heiermann, Pfund, Töfete oder Hügel hervorbringt.

Das Buch berichtet über den Kampf der Behörden gegen die Unzucht und das Aufbegehren der Jugend gegen Pietismus und Stumpfsinn. Es berichtet über den Aufstieg der Beatles in diesem Milieu und es erzählt die weltpolitischen Ereignisse jener Zeit, von Kennedys Präsidentschaft und der Spiegelaffäre.

Und es beschreibt eine Zeit, in der versucht wurde, Große Freiheit neu zu buchstabieren.

Ich glaube, das war es, was mich für das Buch eingenommen hat. Die Selbstreflexion der Protagonisten hätte mich da eher gestört. Ich hab mir einfach die Freiheit genommen, unvoreingenommen einem Phänomen zu folgen.


Informationen zum Buch

Große Freiheit
Seiten: 288
Autor: Rocko Schamoni
Verlag: hanserblau (Berlin 2019)
ISBN: 978-3-446-26256-0


Quellen und Anmerkungen

[1] Rocko Schamoni (Jahrgang 1966) ist ein Autor, Musiker, Entertainer, Schauspieler und Bühnenkünstler aus Hamburg. Auf St. Pauli war er lange Jahre Mitbetreiber des „Golden Pudel Club“. In seinem Roman „Große Freiheit“ ist der ehemalige Pornokinobesitzer, Bordellbetreiber, Zeichner und Dichter Wolfgang „Wolli“ Köhler der Antiheld. Schamoni begleitet ihn bei seinem Aufstieg im Milieu.

[2] Wolfgang „Wolli“ Köhler kam in den 60er Jahren nach Hamburg und arbeitete anfangs als sogenannter „Koberer“. Vor Strip-Lokalen lockte er Kundschaft an. Köhler stieg zum Bordellbetreiber auf und war ein Pionier der Livesex-Shows. 1978 machte ihn der Schriftsteller Hubert Fichte in „Wolli Indienfahrer“ zum Teil der Literatur. 2007 erschien der Dokumentarfilm „Wollis Paradies“ von Gerd Kroske. Es ist eine Skizze des Lebens der ehemaligen schillernden Kiez-Größe, die angeblich sogar den Sozialismus in seinen Bordellen und auf St. Pauli einführen wollte. Wolfgang Köhler starb 2017 im Alter von 85 Jahren.


Foto: Terry Vlisidis (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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