Die Ernüchterungsanstalt

Das Deutsch-Abitur zwingt Schüler, Gedichte schnell zu verstehen, nicht aber, die Sprache auf sich wirken zu lassen und sie zu fühlen. Allein die Fähigkeit, ein Gedicht in zuvor auswendig gelernte Strukturen pressen zu können, entscheidet darüber, ob jemand laut Zeugnisnote dazu imstande ist, einen Zugang zur Poesie zu finden. Jene, die nicht in Worte fassen können, welche Gefühle die Verse in ihnen auslösen, gelten als „unlyrisch“, als „unkreativ“. Dabei ist es vollkommen absurd und gegen die Natur der Poesie, sie in begrenzter Zeit und in Zahlen erfassen zu müssen.

Das gesellschaftlich anerkannte Stockholmsyndrom, das die meisten Studienanfänger mit Stolz vor sich hertragen, nennt sich Abitur. Die „Allgemeine Hochschulreife“.

Die zeitlich langwierigste Prüfung in dieser Reihe ist die Deutsch-Abitur-Prüfung. Wer sie mit null Punkten absolviert, erhält die allgemeine Hochschulreife nicht. Selbst wenn er in allen anderen Fächern mit einer Eins bestanden haben sollte.

Während beispielsweise im Mathe-Abitur das gesamte „Schülervieh“ durch den gleichen Fleischwolf aus Zahlen und Variablen gekurbelt wird, können sich die Abiturienten bei der Deutsch-Prüfung für eine Schlachtbank ihrer Vorliebe entscheiden. Sie erhalten entweder einen Sachtext, einen dramatischen oder einen lyrischen Text. Den ausgewählten müssen sie dann analysieren.

Wir wollen heute einmal einen Blick auf die Prüfung mit einem lyrischen Text, also einem Gedicht werfen. Hier wird die Absurdität unseres Schulsystems, respektive des Glaubens daran, deutlich. Als Prämisse gilt: Man könne Lyrik in Zahlen erfassen und analysieren wie einen Programmiercode.

Die Prüfungssituation

Zur Deutsch-Abitur-Prüfung muss man nicht nur sein gepauktes Wissen über Stilmittel, Reimformen und Metren, außerdem Nervennahrung und genug zu trinken mitnehmen. Auch ausreichend Sitzfleisch ist gefordert. Diese Prüfung dauert sage und schreibe fünf Stunden. Eine Zeitspanne, die erst einmal zäh klingt – doch während dieser Prüfungszeit befindet man sich, so scheint es, auf einem anderen Planeten, auf dem die Uhren schneller gehen.

Um Punkt 9 Uhr gibt die Lehrkraft das Signal, die Bögen aufzublättern. Ein synchrones Rascheln erfüllt für zwei Sekunden den Raum, Füller werden gezückt, wie Soldaten ein Gewehr entsichern, und los geht es! Der Feind befindet sich auf dem weißen Blatt. Es ist ein Gedicht eines namhaften Lyrikers der letzten hundert Jahre, das vom Kultusministerium auf die Schüler losgelassen wird.

Jede Strophe ist eine Staffelformation, die zerlegt werden muss. Metrum erkennen und dokumentieren. Stilmittel herausfiltern. Interpretieren, „was der Autor uns damit sagen möchte“. Das Ganze zu Beginn mit der Illusion, fünf Stunden wären reichlich Zeit. Diese Illusion weicht aber sehr schnell dem immer lauter werdenden Ticken der Uhr, die die bedrohlich näher rückende Abgabe unentwegt ankündigt.

Weiterschreiben! Weiterdenken! Vom Denken verursachte Rauchschwaden über den Köpfen, blaue Blutlachen und -flecke auf dem Notizzettel und an den Fingern. Trümmerhafte Überreste der Nervennahrung liegen als Brösel auf dem Tisch verteilt. Das Wasser aus den Wasserflaschen wurde unlängst in Schweiß umgewandelt, der von der Stirn heruntertropft, zwischen den Fingern klebt und sich mit jeder weiteren halben Stunde vermehrt.

Und dann kommt der Abgabezeitpunkt. „Bitte aufhören, zu schreiben!“, sagt die Lehrkraft mit kalter Stimme. Füller fallen wie Patronenhülsen auf die Schreibpulte.

Was hat’s gebracht?

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob durch eine solche Stresssituation junge Menschen für die Literatur begeistert werden konnten oder sich doch viel eher sagen: „Nie wieder rühre ich so ein Scheißgedicht an!“

Der abschreckende Effekt dürfte oftmals überwiegen. Jene, die sich bereits vor der Oberstufe für deutsche Literatur begeistern konnten, dürften beim Deutsch-Abi lediglich mit dem Kopf schütteln und sich danach wieder dem ungezwungenen Lesegenuss hingeben.

Poesie kann man nicht messen!

Warum werden die Abiturienten so drangsaliert? Warum merkt niemand, dass die rationale Analyse eines Gedichtes in den Schulfabriken unseres Systems eine Zumutung ist? Allerdings eine, die zu einem System passt, das auf Gewinnmaximierung und Profit aus ist! Warum hat so etwas überhaupt noch Platz in unserer durchrationalisierten Gesellschaft? Will man etwa Alibi-mäßig noch den Schein aufrechterhalten, dass es in unserem derzeitigen System nicht ausschließlich um den Nutzen geht?

Ist Literatur die letzte kulturelle Bastion in unserem Schulsystem, in dem Musik- und Kunstunterricht sukzessive abgebaut werden? Einfach, weil sich dieser Bereich – abgesehen von der großen Liga, in der Konzerne Profit daraus generieren können – auf dem Markt nicht verwerten lässt?

Ein Industriesoldat und Schreibtischknecht benötigt schließlich diesen ganzen kreativen Firlefanz nicht, damit die Kapitaleigner durch den Mehrwert seiner Lohnarbeit saftige Gewinne einfahren können.

Wenn wir das voraussetzen, entlarvt sich jene letzte kulturelle Bastion des Schulsystems – die Literatur und speziell die Lyrik, beziehungsweise das, was wir für sie halten, – als ein rational-verkrüppeltes Abbild des Originals.

Was soll das bedeuten? Die Poesie ist nahezu unbändig. Das Dressieren mit Verstand, das Einhegen in für Schüler erdachte Bewertungsschemen und die Drangsalierung durch Zeitdruck (in der Prüfung) entfremdet dieses Wesen von seiner ursprünglichen, lebendigen Natur. Ähnlich wie ein in der Wildnis lebender Elefant, der eingefangen und gequält wird, damit er sich später so ruhig verhält, dass Touristen auf seinem ruhigen (und verbogenen) Rücken reiten können. Er ist dann zwar immer noch ein Elefant, aber in seinen Ketten, Leinen und durch die ihn umgebenden Schlagstöcke so traumatisiert, dass sein früheres Selbst bis zur Unkenntlichkeit entfremdet ist.

So wird auch im Deutsch-Abitur den Gedichten ein System-Korsett übergestülpt, welches mit Kategorien bestückt ist, deren unterschiedlich ausfallende Parameter entsprechend der „Schüler-Leistung“ am Ende darüber Zeugnis ablegen, wie gut der oder die Schüler/in das Gedicht verstanden hat. Mit Betonung auf Verstand! Muss ja auch. Welche Gefühle ein Gedicht beim Leser hervorgerufen hat, lässt sich nicht messen und schon gar nicht beurteilen. Aber wie jemand ein Gedicht fühlt, ist doch das einzig Ausschlaggebende! Was um alles in der Welt bringt es, wenn man ein Gedicht zwar verstanden, es aber nicht gefühlt hat? Wenn es einen kalt lässt?

Hätten die großen Schriftsteller des angelsächsischen und zentraleuropäischen Kulturraumes gewollt, dass man ihre Schriften rational versteht, hätten sie Bedienungsanleitungen und keine Gedichte geschrieben.

So wird die Gefühlsachterbahn, deren Gleise sich durch die Verse schlängeln, zu einer zweidimensionalen Game-Map – wie bei einem Super-Mario-Konsolenspiel – platt getreten. Der Schüler darf dann wie der kleine Italiener mit der roten Kappe über Schluchten und Hindernisse springen, um damit das richtige Metrum zu erkennen. Gleichzeitig muss er so viele silberne Stilmittel-Abzeichen und goldene „Was-will-uns-der-Autor-damit-sagen?“-Coins einsammeln, damit er am Ende der Strophen-Levels ein möglichst gutes Ergebnis erhält.

Das Deutsch-Abitur verlangt von Schülern, Poesie mittels ihrer linken Gehirnhälfte zu analysieren. Diese linke Hälfte ist für Logik, Verstand und Sprache zuständig, während die in unserer Kultur schwächer ausgeprägte rechte Gehirnhälfte der Sitz unseres Gefühlslebens ist. Diese Polung der menschlichen Gehirnhälften fand auf kollektiver Ebene vor mehreren zehntausend Jahren statt und vollzieht sich bei jedem Einzelnen noch heute im Kindesalter [1].

Mit unserem Verstand können wir analysieren und teilweise – das muss man ehrlicherweise sagen – zu wirklich interessanten Gedankengängen und Sichtweisen auf ein Gedicht kommen. Aber irgendwie, ja irgendwie verbleibt da noch so ein Rest, den wir mit unserem Verstand nicht erfassen können, nicht wahr? Der Theaterwissenschaftler Prof. Dr. Jens Roselt formulierte diese Erkenntnis zwar im Bezug auf das Betrachten eines Theaterstückes, aber seine Worte lassen sich auch wunderbar auf das Rezipieren eines Gedichtes anwenden:

„Das Wort ‚irgendwie‘ wird in die Rede gestellt wie ein Leuchtturm an die Küste, es macht darauf aufmerksam, dass jenseits des festen Ufers der Worte noch etwas vorkommen kann, dass es einen Horizont gibt, an dem etwas auftauchen und verschwinden kann, und dass bei diesen Operationen stets mit Schiffbruch zu rechnen ist.“ [2]

Es gibt dieses Unbeschreibliche. Man liest Verse und fühlt, was sie bedeuten. Aber man kann es nicht in Worte fassen. Aber zu schreiben: „Ich bin sprachlos“, oder: „Mir fehlen die Worte“, wird im Deutsch-Abitur wohl keine Punkte bringen. Alles muss erfasst und messbar gemacht werden. Sonst gibt es Punkteabzug. Was gefühlt wird, kann nicht gezählt werden.

Betrachten wir das doch einmal am eher kontemporären Beispiel dieser Zeilen eines Casper-Songs [3]:

„Suchte nächtelang alles im Nichts /
finde Nichts in Allem“

Eine wahre Goldgrube an Stilmitteln, schätze ich! Tatsächlich fallen mir die Begriffe für jene Stilmittel, jetzt gerade, wo ich dies schreibe, nicht ein. Ist das schlimm? Nein! Denn ich weiß – ja, mehr noch – ich fühle, was damit gemeint ist. Ich kann es nachempfinden! Was spielen die Mittel da noch für eine Rolle, wenn der Zweck erfüllt ist? Wenn der Verfasser imstande war, beim Adressaten etwas auszulösen? Vielleicht sogar die beabsichtigte Reaktion?

Aber vielleicht wollte der Verfasser auch etwas ganz anderes auslösen – das ist natürlich reine Spekulation. Genau wie die Frage, ob bei Schriftstellern der Romantik die rechte Gehirnhälfte dominanter gegenüber der linken gewesen ist, und ob sie deswegen so gefühlvoll schreiben konnten. Aber apropos Spekulation …

Die Interpretationen sind frei!

Mit jedem Wort, das ein Poet zu Papier bringt, entflieht ein Geist aus der Flasche, der gegenüber jedem Menschen eine neue Gestalt annehmen kann, so ähnlich wie ein Irrwicht oder ein Boggart [4]. Zu einer neuen Interpretation zu kommen, ist überhaupt nichts Verwerfliches. Im Gegenteil! Durch neue Interpretationen oder die (Neu-)Kontextualisierung in jeweiligen Zeitepochen, können Werke – ob nun Lyrik oder aufgeführte Dramen – sich mannigfaltig und mit immer neuen Facetten präsentieren.

Problematisch – um nicht zu sagen: „verwerflich“ – wird es dann, wenn Lehrkräfte oder das Kultusministerium sich anmaßen, eine oder wenige bestimmte Interpretationsmöglichkeiten als die einzig richtigen festzulegen. Damit beanspruchen sie die totalitäre Deutungshoheit über das geistige Eigentum des meist verstorbenen Verfassers.

Die Schüler müssen also ein Gespür dafür entwickeln, welche Deutung die Lehrkraft für richtig hält und diese dann – manchmal auch entgegen der eigenen Gefühle – suchen, formulieren und niederschreiben.

So mancher munkelt, dass es in einigen Schulgebäuden des Nachts spukt, dass Geister verstorbener Schriftsteller durch die leeren Korridore schweben und sie mit wehleidigem Heulen und Wimmern erfüllen:

„Hört auf damit! Das habe ich mir nie und nimmer dabei gedacht, als ich das geschrieben habe! Ihr interpretiert da viel zu viel rein, Leute! Und diese ganzen Stilmittel haben sich von selbst im Schreibfluss ergeben. Ich habe mir nicht darüber den Kopf zerbrochen, was das beim Leser auslöst. Hört bitte endlich auf damit, meine Gedichte für diesen Schwachsinn zu missbrauchen! Dann kann ich auch endlich in Frieden ruhen!“


Quellen und Anmerkungen

[1] vgl. Gruen, Arno (2013) „Dem Leben entfremdet – Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden“, S. 25-29.

[2] siehe Roselt, Jens (2004) „Kreatives Zuschauen – Zur Phänomenologie von Erfahrungen im Theater“, in: Theaterdidaktik. S. 50.

[3] siehe Casper (2017): „Flackern, Flimmern“.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Tiere_der_Harry-Potter-Romane#Irrwichte

[5] Persönliche Anmerkung: Ich hatte im Deutsch-Abitur 3 Punkte (Note 5).


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Nicolas Riedl erschien auf Rubikon – Magazin für die kritische Masse und wurde von Neue Debatte übernommen. Das Werk ist unter einer Creative Commons Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen darf es verbreitet und vervielfältigt werden.


Foto: Thought Catalog (Unsplash.com)

Nicolas Riedl, Jahrgang 1993, ist Student der Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen. Er lernte fast jede Schulform des deutschen Bildungssystems von innen kennen und während einer kaufmännischen Ausbildung ebenso die zwischenmenschliche Kälte der Arbeitswelt. Die Medien- und Ukrainekrise 2014 war eine Zäsur für seine Weltanschauung und -wahrnehmung. Seither beschäftigt er sich eingehend und selbstkritisch mit politischen, sozio-ökonomischen, ökologischen sowie psychologischen Themen und fand durch den Rubikon zu seiner Leidenschaft des Schreibens zurück. Soweit es seine technischen Fertigkeiten zulassen, produziert er Filme und Musikvideos. Er ist Mitglied der Rubikon-Jugendredaktion und schreibt für die Kolumne „Junge Federn“.

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6 Responses

  1. Wolf-Dieter sagt:

    Werfen wir einen längeren Blick auf die Situation: Deutsch, Schriftliche Abiturprüfung, Analyse eines Gedichts.

    Erstens, die Prüfung fußt auf dem vorangegangenen Deutsch₋Unterricht. Das Curriculum ist ebenso vorgegeben wie die Abitur₋Aufgaben. Der Prüfling sollte nicht überfordert sein.

    Zweites, zur „Freiheit der Interpretation“: das, was der Prüfer anschließend bewertet, ist nicht die „korrekte Auslegung“ des Textes. Sondern er bewertet Herangehensweise bei der Interpretation. Denkerische Selbständigkeit. Stil.

    Nein, ich stimme nicht überein. Die Deutsche Sprache ist das eigentliche Wesen unserer Kultur. Deutsch ist vollkommen zu Recht ein Schlüsselfach beim Abi.

    • Gerhard Kugler sagt:

      Ich stimme dem Autor nicht ganz zu, aber auch nicht dem Kommentator. Gefühl und Verstand sind und sollten nicht sauber getrennt werden. Gefühl enthält oft eine Ganzheitlichkeit der Auffassung. Doch man wird als Schüler gezwungen, die Auffassung (des Lehrers?) nachzubeten. Es ist schon gut, dass man dem Gefühl, der Ganzheitlichkeit nachgeht, um auch Mitteilbares daraus zu holen. Doch der Kommentator übergeht die Kritik an der Abi-Prüfungs-Situation, die das Ganze stört.
      Warum soll man Gedicht-Auffassung überhaupt prüfen und den weiteren Ausbildungsweg davon abhängig machen? Der Stress fördert die Abneigung oder die Nachbeterei. Wenn Schüler dazu aufgefordert würden, ihre verschiedene Auffassung zu verbalisieren, könnte man vielleicht mehr Interesse fördern.
      G.K.

      • Wolf-Dieter sagt:

        Vielleicht hat sich das Schulwesen seither geändert. Mein Abi war 1973. Meine Schulleistung war durchwachsen, meine Abi-Note mittelmäßig, und einige Lehrer mochte ich nicht – aber ich hatte nie das Gefühl, etwas nachbeten zu müssen. – Ok, als ich einmal Hermann Hesse mit Karl May auf eine Qualitätsstufe stellte, wurde es brenzlig … je nun. Aber das war eine Ausnahme.

        Und um mich zu wiederholen, geprüft wird nicht die Gedicht-Auffassung, sondern Herangehensweise, Eloquenz, Stil.

        Wenn der Stress zu Nachbeterei führt – im Deutschunterricht! – dann ist das Abitur nicht auszustellen. Dann ist er – pardon – nicht reif.

        • Gerhard Kugler sagt:

          Weshalb sollte man ihm denn dann das Abi verwehren? Vielleicht will er was Technisches studieren oder Arzt werden. Auch vom Arzt erwarte ich nicht Eloquenz, sondern Einfühlung. Wie soll man die prüfen?
          In meinem System gäbe es ohnehin keine Abi-Prüfung mehr: https://neue-debatte.com/2017/12/30/schluss-mit-pauken-und-noten-teil-1-der-gegenwaertige-zustand-des-bildungssystems/ und folgende.
          Traditionelle Prüfungen prüfen mehr die Stress-Resistenz. Die lernt man nicht durch harte Stress-Konfrontation, sondern nur durch fein abgestimmte Übungen. Aber Stress ist nicht gleich Stress. Den Prüfungs-Stress brauchen nur wenige Berufe. Viele brauchen ruhige Ausdauer, Darbietungs-Fähigkeiten, fokusierte oder ganzheitliche Aufmerksamkeit, ein Gespür für die eigene Balance zwischen Anforderung und Rückzug usw. Sollte man das auch alles prüfen?
          G.K.

  2. Uwe Leonhardt sagt:

    Ich hatte nicht viele gute Lehrer in der DDR. Doch alle meine Deutschlehrerinen hatten nach teilweise harten Auseinandersetzungen irgendwann Respekt vor uns wenigen Unangepaßten bekommen und gaben uns auf ihre begrenzte Weise immer wieder die Chance in der Sache.
    Wenn man klar war und nicht hin und her schwamm, belohnten die Lehrerinnen unseren Mut zum eigenständigen Denken und Handeln, ja sie schützten uns sogar vor politischen Anfeindungen. Wir wurden fast so etwas wie Verschworene und entwickelten im Laufe der Jahre Sympathien für einander. Die Prüfungen waren fair.
    Heute herrschen andere Verhältnisse in den Schulen. Meine Tochter ist selbst Grundschullehrerin mit Montesorie Diplom und kann in der jetzigen freien Schule herrlichen Unterricht ( also nicht Frontal ) geben.
    Ihr größtes Problem sind nicht Lehrstoff oder gar die Kinder, sondern manche extremen Eltern.
    Doch ich bin jetzt abgekommen von der Sache mit dem Gefühl in den Prüfungssituationen. Ich denke, daß die Lehrer in der Regel vor allem auch bei Interpredationen eher die Herangehensweise des Prüflings bewerten.
    Ausreißer hat man überall im Leben.
    Wir dürfen generell nicht den Fehler machen, schlimme Fälle zu verallgemeinern. Die meisten engagierten Lehrer dürften einfach auch Opfer des manchmal überholten Schulsystems sein. Hier gehört langsam alles im Lande auf den Prüfstand. Die Empathie, das Mitnehmen der Schwächeren, ( wir wurden erst ab Klasse 9 getrennt ) hatte vielen von uns Ossis Kraft in der Klasse untereinander gegeben. Es gab Patenschaften zwischen starken und schwächeren Schüler aber keine Gleichmacherei. Nachhilfeunterricht wie heute war uns ziemlich fremd. Wenn, dann paukten wir als Kumpels und gingen hinterher z.B. mit den Mädels gemeinsam Fußball bolzen.
    U.L.

  3. zivilistin sagt:

    Mein Abi leigt schon viele viele Jahre zurück und ich habe damit manches interessante Fach studiert. Deutsch habe ich noch heute als kastrophal in Erinnerung. Einmal habe ich es geschafft, bei einem Lehrer, der mir heute noch ein Kuriosum ist – er war nicht autoritär, eher lieb, aber respektiert – die Lektüre der Kurzgeschichte ‚Als es geschehen war‘ (Hiroschima) durchzusetzen. Danach das obligate: ‚Stilmittel ?‘ Damit macht man jede Geschichte kaputt. Dank Dirk Pohlmann meine ich auch wieder den Autor zu wissen, der einzige Deutsche Hiroshima Überlebende, und der war bei der Niederschrift gewiß nicht mit ‚Stilmitteln‘ beschäftigt. Zwei mal hatte ich eine eins in Deutsch, das eine mal war es eine Vorgangsbeschreibung, ich habe das Aufpumpen des Fahrradreifens gewählt, das andere mal waren es Brecht’s Verfremdungseffekte. War leicht, denn da ging’s logisch zu, richtig war die Sprache, die ihrem Gegenstand exakt folgte.

    Den lokalen Dialekt habe ich in der 13. Klasse gelernt, die Mitschüler begannen ihre Antworten ‚Ei do geh ich her…‘ blieben aber in der Bank sitzen und kein Satz des Geschichtslehrers war vollständig, Subjekt, Prädikat oder Objekt, eines fehlte immer, außer mir fiel das aber niemand auf, oder störte jedenfalls keinen.

    Gedichte sind mir noch heute zuwider, weil mit der Hochglanzverpackung jeder Mist verkauft wird. Darum habe ich mich eine Zeit lang auf Schüttelreime spezialisiert, wie

    Der Chicken Döner macht die Dicken schöner.

    Ein Gedicht habe ich zwischenzeitlich auch verfasst, das jedenfalls Goethes lahme Wipfel hinter sich läßt.

    Auch bezüglich der griechischen Jamben ist mir zwischenzeitlich einiges klar geworden, ob man’s Reim nennt, ist unwichtig, aber es ist gesprochene Sprache, die dem Rhytmus des Gehens und der Atmung folgt, was die Griechen auf ihren Bühnen unter freiem Himmel getan haben. Völlig absurd, das stillsitzenden Kids im Klassenzimmer vermitteln zu wollen.

    Und die Allgemeine Hochschulreife, da sie angesprochen wurde. Soweit es um Logik ging, gab es des öfteren das Problem, daß die Lehrer meine Frage nicht verstanden haben. Unlängst habe ich einen jungen Afghanen auf seinem Weg zum Psychiater getroffen, er hat sich über das Trauma seiner Kindheit mit Mathe gerettet und wurde aktuell von der Deutschen Bank ausgenutzt, er kannte das Problem, wir haben beide gelacht. Ich habe ihn wohl zur Umkehr bewegt, einfach, weil ich ihm klar gemacht habe, daß die Menschen, bei denen er Verständnis sucht ihn nicht verstehen KÖNNEN, ganz abgesehen von der Frage, ob sie es wollen.

    So habe ich also der Schule wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Flugzeuge haben mich damals interessiert, zwei Fachzeitschriften hatte ich aboniert. Aus heutiger Sicht muß ich sagen, daß an dem ganzen Naturwissenschaftlichen Gymnasium kein Mensch war, mit dem ich mich darüber hätte unterhalten können, geschweige denn, der mich hätte prüfen können !

    Und das oben angesprochene Nachbeten, war doch üblich: ‚ Sage es mit eigenen Worten ! ‚ Heute sage ich sogar: Eine gründliche Gehirnwäsche am Anfang, und täglich Weichspülen mit ARD reicht für den Rest des Lebens. Übrigens habe ich einige junge Hirnwaschfrauen besonders schlimm in Erinnerung, denen genügte nicht das repetieren eines Stoffes, die hatten wirklich missionarischen Eifer, wollten einen nach ihrem Bilde zurechtkneten.

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