Ausbruch aus der Stille – Knobelbecher-Zeit

Ausgangspunkt der autobiografischen Erzählung „Ausbruch aus der Stille“ ist Schweden und das Haus, in dem die Familie von Harry „Henry“ Popow wohnt. Henry ist Protagonist der Geschichte.

Der Zweite Weltkrieg tobt. Die Leser erfahren von der Flucht aus Pommern und von der Rückkehr in das umkämpfte Berlin. Als Kind erlebt Henry das Ende des Krieges. Er beschreibt seine erste Begegnung mit den Russen, die Teilung Deutschlands und das Einleben in eine neue Gesellschaft. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit ihren Widersprüche und ihrer besondere Rolle im Kalten Krieg wird ihn prägen.

Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland stellt eine weitere Zäsur dar. Bei Henry kommt keine rechte Freude über die Wiedervereinigung auf. Der „freie Westen“ entpuppt sich – wie nicht anders erwartet – als Diktatur des Kapitals. Versuche, in der Welt des Geldes beruflich Fuß zu fassen, scheitern. Die Suche nach Stille und die Verdrossenheit über den politischen Abgesang führen Henry und seine Frau nach Schweden. Aber nach neun guten Jahren kommen sie zurück …

Knobelbecher-Zeit

[…] Was ist also zu tun? Das wissen sicherlich die da oben. Henry denkt an die großen Zusammenhänge noch nicht. Jetzt ist er auf den nächsten Augenblick fixiert. Was wird ihn erwarten, den Ahnungslosen?

Es ist der 23. November 1954. Erfurt. Ein Jüngling, schmal, etwas blass, knapp 18 Jahre alt, im hellen und dünnen Sommermantel, ein kleines Köfferchen in der Rechten, meldet sich an einem Kasernentor. Dann ist er drin. Noch weiß er nicht, dass ein Rückzug nicht mehr in Frage kommen wird, selbst bis zum ersten Ausgang werden Wochen vergehen. Eine Schule für zukünftige Offiziere – sie wird ihn und all die anderen Schüler festhalten für drei Jahre, soviel ist klar.

Am nächsten Tag geht es bereits in die B/A- Kammer, das heißt Bekleidung und Ausrüstung. Henry sieht die Knobelbecher und ihm zieht sich das Herz zusammen. „Die sollen nun mein Schuhwerk sein, diese klobigen Dinger“, denkt er. Damit nicht genug. Die von der Aufnahmekommission haben wegen der „Militärgeologie“ kaum merklich gegrinst. Ja, bei den Pionieren, da beschäftige man sich mit so etwas, aber dazu wiederum sei er zu schwach gebaut, solle er doch allgemeiner Truppenkommandeur werden, da habe man Befehlsgewalt über alle, über die Infanterie, die Flugzeuge und über die Schiffe, und einer der Offiziere breitet weit die Arme aus …

Dem sensiblen jungen Mann wird beinahe schwarz vor Augen, über andere herrschen, das will er ja gar nicht. Er spürt, da kommt was auf ihn zu. Doch nun ist es wohl zu spät. Soll er sich zurückziehen? Feige und kleinmütig? Zurück in den Betrieb, der ihn so „patriotisch“ verabschiedet hat? Der ihm das restliche Gehalt von November, etwa 50 DM, erlassen und ihm eine gute Beurteilung mitgegeben hat?

„Nach Aussagen des Leiters der Außenstelle kann seine Arbeit mit sehr gut bewertet werden“, so steht es in dem Papier. Nein, ausgeschlossen. Er wird, er muss sich durchbeißen. Sich abhärten, sich standhafter machen. Bedenkt er, dass sich hinter ihm mit dem Kasernentor auch seine noch nicht einmal gelebte Jugendzeit schließt, nahezu eingegrenzt und beschnitten wird? Nein, das erscheint ihm nicht wichtig genug. Und so soll’s denn sein … Henry stürzt sich in die Zeit der Fußlappen und der Stiefel. Aus dem im Sternenbild Schütze geborenen soll nun ein echter Schütze werden.

Erfurt. Ende November. Henrys 18. Geburtstag. Vormittags werden die Offiziersschüler mit einem H3A (im Volksmund nennt man diesen Lastkraftwagen „Konsumwagen“, weil er nur für einfache Transporte geeignet ist) zum Schießstand gefahren. Vor der Vereidigung und dem ersten Wache schieben ist eine Grundübung mit dem Karabiner zu schießen. Der Chef der Schule, Oberst, ein kräftiger untersetzter Mann, ist persönlich erschienen. Er steht vor der angetretenen Front und zeigt auf seine rechte Schulter, hier, da habe Gott ein Loch gelassen, dort müsse man den Kolben des Karabiners stramm einziehen. Sehr amüsant und witzig. Einfach toll. Etwas billig das Ganze. Henry denkt sich sein Teil. Der Herbstnebel drückt außerdem aufs Gemüt.

Am späten Nachmittag sitzen ein paar Kumpels mit Henry – u.a. Waldemar – auf Holzkisten in der HO-Verkaufsstelle der Schule und stoßen mit Sekt an, den Henry von seinem letzten Taschengeld spendiert hat. Seine Mutter schickte ihm einen Brief: „Wir gratulieren Dir von ganzen Herzen und wünschen viel Freude und Erfolg für Deine Zukunft. Vor allem bleib uns recht gesund, und lass niemals Kopf hängen … Wie es ist bei Euch Essen?“

Anfang Dezember. Die Ausbildung hat begonnen. Mal draußen, mal drinnen. Die Holzschemel in der rechten Hand und Abmarsch in die nicht sehr warmen Garagen, wo die Schüler Lektionen über Taktik, u.a. über das Thema „Angriff“ und „Verteidigung“ – mal unter normalen, mal unter atomaren Gefechtsbedingungen – hören.

Henry hat manchmal sein kleines Bild vor Augen, dass er seit Kindheitstagen in sich trägt: Das Haus am Fluss, eine grüne Wiese. Idylle. Menschen, die zufrieden und bescheiden leben, einfach gut miteinander sind. Jetzt erhält sein Traumbild ganz langsam Tiefe und Weite, eben Profil. Mit Zugewinn an Wissen in der Dialektik, der Geschichte und der Politik und Militärpolitik.

Der erträumte Humanismus – er bekommt langsam Konturen, Vortrag für Vortrag, Seminar für Seminar. Erkenntnisse, die ihn mitunter innerlich erschrecken, aber auch befriedigen, da Logik dahintersteht und ein Schuss guter Hoffnung für die Zukunft, da Kriege nie mehr sein sollen. Aber der Offiziersschüler – den anderen geht es nicht anders – ist oft müde, sitzt meistens in den hinteren Reihen, der Kugelschreiber rutscht nicht selten über das Blatt zum unteren Rand, hinterlässt verdächtige Krakel …

Dann endlich – der erste Ausgang! Aber nur in der Gruppe und nur nachmittags zum Fußballspiel. Was die da auf dem weiten Feld so treiben, das kann dem Henry gestohlen bleiben. Spaziert viel lieber umher im Stadion und glotzt unbeholfen, um irgendwo ein paar Mädchenbeine zu erspähen. Beinahe hätte er nicht mitgedurft. Besitzt nur braune Halbschuhe, wo doch schwarze Vorschrift sind. Kurzerhand hat er sie mit schwarzer Schuhcreme „eingefärbt“, was am Kontrolldurchlassposten aber nicht auffiel …


Ausbruch aus der Stille (Cover: Harry Popow)

Informationen zum Buch

Ausbruch aus der Stille – Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten
Autor: Harry Popow
Erscheinungsdatum: 18. Februar 2019
Sprache: Deutsch
Seiten: 500
Verlag: epubli Berlin
ISBN: 9783748512981


Foto: Oziel Gómez (Unsplash.com) und Harry Popow

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