Von Tirana bis Washington: Das Jonglieren mit den Werten

Diese bunte Treppe führt nicht zu Werten, aber zum Wasser. (Foto: Samuel Zeller, Unsplash.com)

Es gibt Situationen, in denen das angemessene Vokabular sehr lange auf sich warten lässt. Meistens passiert so etwas dann, wenn das zu Beschreibende für denjenigen, der es beobachtet, absurd, widersinnig oder auch ekelhaft erscheint.

Die Machtinteressen

Die These sei aufgestellt, dass die mentale, kulturelle und die beschriebene politische Krise auch damit zusammenhängt, weil die Momente, in denen es den Betrachtenden einfach die Sprache verschlägt, signifikant zugenommen haben.

Das Gute, auch das sei einmal erwähnt, ist die Tatsache, dass es immer noch genügend Menschen gibt, die so etwas wie eine formale Logik besitzen. Sie sind in der Lage, Dinge zu beschreiben, sie zu vergleichen und Folgerungen zu ziehen.

Dies scheint diejenigen, die von Machtinteressen angetrieben und bestimmt werden, nicht mehr sonderlich zu stören. Und genau darin liegt das Problem. Der flächendeckende Protest wird mit einer Intensität vorbereitet, der seinesgleichen suchen wird.

Die Opposition

Um ein Beispiel anzuführen, das aktuell und noch nicht in allen Medien und Foren durchdekliniert wurde. Gestern demonstrieren in der albanischen Hauptstadt Tirana viele Tausend Menschen gegen die Regierung. Der große Zorn einer wachsenden Oppositionsbewegung nährt sich aus einer immer noch bestehenden undurchsichtigen Bürokratie, die vor allem durch den Gedanken der Korruption definiert wird.

Insofern handelt es sich dabei um eine gute und nachvollziehbare Sache. Dass diese Bewegung ihre strahlende Zukunft immer mehr mit einer EU-Mitgliedschaft verbindet, ist ein Illusionsfaktor. Die Beseitigung der Korruption kann, wenn überhaupt, nur aus eigenen Anstrengungen geschehen. Und das Dumme bei der Sache ist die Anerkennung der bestehenden Regierung von EU und den USA.

Am Rande der erwähnten Demonstration kam es übrigens vereinzelt zu sogenannten Ausschreitungen zwischen Sicherheitskräften und Protestierenden. Das Bemerkenswerte daran ist der Kommentar der US-amerikanischen Botschaft in Albanien: Das Agieren der Opposition sein nicht angemessen, da sie als eigenes Ziel die Stärkung der Demokratie anstrebe.

Die Aggression

Zum gleichen Zeitpunkt wurde bekannt, dass in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington die Stadtwerke der venezolanischen Botschaft erst die Elektrizität und dann das Wasser abgedreht haben. Zudem wurde Menschen, die die Botschaft betreten wollten, um damit ihre Unterstützung zu demonstrieren, gewaltsam daran gehindert. Es handelt sich dabei um eine gravierende Verletzung internationaler Konventionen und ist Teil einer aggressiven Interventionspolitik gegenüber einem souveränen Staat.

Die anderen Maßnahmen, die sich direkt gegen venezolanisches Territorium richten, seien hier nicht noch einmal erwähnt. Und ein Kommentar, ob es sich dabei um die Stärkung der Demokratie handelt, erübrigt sich von selbst.

Die offene Chuzpe [1], mit der die jeweiligen Interessen in den Rahmen von Demokratie, Menschen- oder Völkerrecht gestellt werden, hat durch die Vorgehensweise ihre Wirkung eingebüßt. Das Bedauerliche daran ist der Gewichtsverlust der Argumente, die sich tatsächlich auf Ideen wie Menschenrechte, das Völkerrecht oder die Demokratie berufen.

Die Werte

Das Wichtige dabei ist, zu durchschauen, dass diejenigen, die die mit den zitierten Begriffen assoziierten Werte für sich beanspruchen, das Gedankengut ad absurdum führen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Sie jonglieren mit den Werten, um das Publikum vom wahren Geschehen abzulenken.

Die viel beklagte Krise der Werte westlicher Staats- und Rationalitätsgedanken ist nicht durch irgendwelche amoklaufenden Individuen aus den Rändern der Gesellschaft bereitet worden, wie immer wieder suggeriert wird, sondern durch das Handeln der politisch Verantwortlichen.

Wer sich ständig auf das Völkerrecht in einem Fall mit erhobenem Zeigefinger beruft und im anderen Fall nur arrogant mit den Schultern zuckt, hat sich das Recht erworben, als Ursache für den Verfall genannt werden zu dürfen.


Quellen und Anmerkungen

[1] Chuzpe ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit.


Foto: Samuel Zeller (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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