Wie WhatsApp und Co. unser Denken, Fühlen und Miteinander verändern

Smartphone. Das Denken und Fühlen verändert sich. (Illustration: Geralt, Pixabay.com; Creative Commons CC0)

Der Schriftsteller Gottfried Benn [1] sinnierte „Das Wort ist der Phallus des Geistes“. Doch was, wenn das Wort immer mehr an Kraft verliert?

Als soziale Wesen können wir, um die Worte von Paul Watzlawick [2] zu verwenden, „nicht nicht kommunizieren“. Jedes Verhalten, jede Geste, jedes Wort ist mit Bedeutung geladen.

So vielfältig die Formen von Kommunikation sind, so vielfältig ist auch die Verbreitung von Kommunikationsmedien. War es zu Anfang der Menschheitsgeschichte die mündliche Überlieferung, die sich durch die „face-to-face“-Interaktion kennzeichnet, so wandelte sich diese – insbesondere durch die Erfindung des Buchdruckes durch Johannes Gutenberg [3] ab 1450 – zum gedruckten Wort, was mit dem Aufkommen der Massenmedien die sogenannte „quasi-mediatisierte“ Interaktion, das Monologisieren und somit das asymmetrische Kommunikationsverhältnis zu Gunsten der medialen Öffentlichkeit verstärkte.

Mit dem Aufkommen des Internets und dem Beginn der digitalen Transformation erlebte die Kommunikation eine weitere Änderung: ein zunehmend symmetrisches Verhältnis zwischen den Kommunikationspartnern („mediatisierte Interaktion“) sowie die Popularität bildhafter Darstellungen, wie Fotos oder Emojis.

Obschon diese neuen Kommunikationsformen den Prozess der Kommunikation vereinfachen und beschleunigen, die Welt – in den Worten des Kommunikationstheoretikers Marshall McLuhans [4] – zu einem „global village“ schrumpfen lassen, jeder mit jedem in Echtzeit von jedem Ort des Erdballes in Kommunikation treten kann, verändert zugleich diese vernetzte Kommunikation die menschliche Individualität und dementsprechend zwischenmenschliche Beziehungen.

Durch die digitale und insofern fehlende „face-to-face“-Interaktion gehen Informationen verloren, die wesentlich durch Gestik oder Mimik transponiert werden; Ironie, Sarkasmus, Enttäuschung sind schwer medial zu vermitteln. Einerseits weiß man – aus psychologischer Sicht –, dass körperliche Präsenz Voraussetzung für das Aufkommen von Intimität darstellt, was durch häufigen Kontakt bewerkstelligt wird und was Psychologen den „mere exposure“-Effekt nennen; andererseits verfestigt der regelmäßige physische Kontakt die zwischenmenschliche Bindung, wie etwa neurowissenschaftliche Studien zur Synchronisation von Gehirnwellen während eines tiefen Gesprächs von Freunden darlegen.

Je öfter wir uns physisch mit jemandem treffen und je verbundener wir mit jemand sind, desto eher verstehen wir uns ohne Worte, nehmen den Anderen mittels unseres „leiblichen Vermögen“ wahr, um eine Begrifflichkeit des französischen Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty [5] zu verwenden.

Weil die digitale Kneipentour mit Freunden im Chatroom trotz fehlender körperlicher Präsenz einfacher mit einem hyperindividualistischen Lebensstil zu vereinbaren ist, der eigene Zeitplan ohne Kompromissbereitschaft bei den eigenen Aktivitäten eingehalten werden kann, das Basteln am optimalen Selbst nicht vernachlässigt werden muss, verzichten viele freiwillig und gerne auf das Treffen im lebenswirklichen Café.

In der vernetzten Kommunikation gleicht jeder dem anderen

WhatsApp, Twitter und Instagram bieten neben der – wie der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman [6] es nannte – „Exterritorialität“ die Möglichkeit ein wesentlich breiteres Publikum zu erreichen. Durch die Ungebundenheit an Zeit und Raum können jederzeit viele „Freunde“ kontaktiert werden. Kurzfristig gesehen und für bestimmte Lebensbereiche, wie etwa bei Job, losen Bekanntschaften, erzwungenen Familienauseinanderkünften, kann diese „exterritoriale“ Kommunikation durchaus eine Entlastung darstellen, indem berufliche Netzwerke und alte Bekanntenkreise gepflegt werden oder emotionale Sehnsüchte befriedigt werden.

Problematisch wird es jedoch, wenn diese Form der zwischenmenschlichen Kommunikation freiwillig, weil durch ihre Anzahl von Vorteilen heimtückisch verführerisch wirkend, oder von außen aufgezwungen, Oberhand im zwischenmenschlichen Miteinander nimmt. In Wirklichkeit isoliert, wähnt sich ein jeder durch seine Zugehörigkeit zu facebook, Twitter und Co. einer Gemeinschaft verbunden, in der nach dem US-amerikanischen Soziologen Mark Granovetter [7] sogenannte „weak ties“ (oberflächliche Beziehungen) dominieren. Diese fördern zum Beispiel konformistische Verhaltensweisen; um in den Worten des Literaturwissenschaftlers Rüdiger Safranskis [8] zu sprechen: „Die Vernetzung jeder mit jedem ist die große Stunde des Konformismus“.

Je mehr wir vernetzt, also digital kommunizieren, desto a-individueller und einsamer werden wir in Wahrheit, weil der Reichtum einer Beziehung, der notwendig ist sich als Individuum zu erfahren gleichzeitig mit Armut an Beziehungen einhergeht. Beides, viele Beziehungen gepaart mit echten, tiefgreifenden Gefühlen für den anderen und resultierender Selbsterkenntnis, sind unvereinbar.

Die digitale Kommunikation fördert ökonomische Beziehungen – auch in Liebe und Freundschaft

Vielleicht zeigt auf kognitiv-individueller Ebene der Trend von der sogenannten „deep attention“, der Aufmerksamkeit sich über einen längeren Zeitraum auf eine Sache zu fokussieren, hin zur „hyper attention“, der schnell wechselnden Aufmerksamkeit zwischen unterschiedlichen Aufgaben, dass die meisten heute nicht mehr imstande sind, zu fokussieren, zu konzentrieren und zu lieben.

Für sie muss Friedrich Schillers [9] Ansicht zur Freundschaft, „Glücklich“ glücklich!/Dich hab‘ ich gefunden,/Hab‘ aus Millionen dich umwunden,/und aus Millionen mein bist du.“, als utopisch-romantische Belustigung klingen. Pragmatisch und selbstschutzfördernd ist dieser Standpunkt allemal, fördern doch die gesellschaftspolitischen Bedingungen solch ein distanziertes Verhältnis zu Schillers Ansicht, seinen Mitmenschen und den eigenen Gefühlen, gefördert durch gegenwärtige Lebensbedingungen. „Wenn Bindungen durch flüchtige Begegnungen, durch jederzeit beendbare ‚One-Night-Stands‘ ersetzt werden, muß man die Folgen, die das eigene Handeln für andere haben könnte, nicht mehr einkalkulieren“, sei Baumann wiederholt zu erwähnen.

Denn wo keine bis oberflächliche Gefühle und rein sexuelle Anziehungskräfte im Spiel sind, ist es zum einen ökonomischer in Beziehungen ein- und auseinanderzugehen, es gilt ein – wie die Soziologin Eva Illouz [10] es bezeichnete – „emotionaler Kapitalismus“, der „das emotionale Leben (…) der Logik ökonomischer Beziehungen und Austauschprozessen unterwirft.“; zum anderen muss in solchen Beziehungen weder Verantwortung für sich noch für den anderen übernommen werden, von etwaigen moralischen Eskapaden bis hin zu emotionalen Verletzungen, was bis zum „Ghosting“ kulminieren kann, einem abrupten Beziehungsende ohne Abschied, wie ein Geist.

Reflexhaftes Denken wird gefördert

Ebenso wie diese Begünstigung der zwischenmenschlichen Oberflächlichkeit werden in Zeiten von Instagram und Snapchat, durch die zunehmende Geschwindigkeit, bildhafte Kommunikationsformen präferiert. Sie sind einfach und schnell herzustellen, komplexe Sachverhalten können leicht und eindeutig verstanden werden.

Nicht umsonst sagt der Volksmund, dass „ein Bild mehr sagt als tausend Worte“. Das Bild ist anschaulich, konkret, zeigt dem Empfänger, wie es ist und übernimmt ihm die Möglichkeit der frei-individuellen Imagination, da das Bild einer Dogge im Gegensatz zum Wort „Dogge“ keine Interpretationsräume offen lässt, wie „Ist mit „Hund“ eine Dogge, ein Pudel oder doch ein Chihuahua gemeint?“.

Diese semantische Ambivalenz wird direkt unterminiert und lässt somit keinen Raum für kognitive Uneindeutigkeiten zu. Emotionalitäten werden hingegen evoziert, was eine emotionale Verarbeitung kommunikativer Inhalte erleichtert und fördert. Die Kraft der Bilder ist groß, zu oft wird sie größer als die Kraft des Wortes.

Die zunehmende Bevorzugung von Kurznachrichten und Abkürzungen im digitalen Bereich unterstützen diesen semantischen Bedeutungsverlust, da sie zu einer Verkürzung im Denken führen, oder in den Worten des Kritischen Theoretikers Herbert Marcuse [11], ein „eindimensionales Denken“ fördern. Nicht das Reflektierende, sondern das Reflexive bestimmt somit die digitale Kommunikation, sodass bei häufiger Anwendung diese emotionale Verarbeitungsstrategie zur dominanten wird – auch im wirklichen Leben, in der „face-to-face“-Interaktion. Neben reflexhaften, automatischen Verhaltens- und Denkweisen, wie die vorwiegende Verwendung von Stereotypen und Vorurteilen auf individueller Ebene, bekräftigen emotional hervorgerufene Radikalisierungen Entwertungen gegenüber Andersdenkenden und –meinenden.

Wie jede neue Kulturtechnik, verändern auch die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten unser Denken, Fühlen, Handeln und demgemäß zwischenmenschliche Beziehungen. Wer diese nicht unhinterfragt übernimmt, nicht jeden kleinsten Fortschritt mit offenen Armen begegnet, sondern sich Kants [12] Credo annimmt „seines eigenen Verstandes zu bedienen“, der kann Vor- und Nachteile digitaler Kommunikation sowie ihren Einfluss auf sich selbst und auf andere Mitmenschen abwägen und darauf aufbauend sein Nutzerverhalten bestimmen – gesetzt man weiß, was für einen im Leben wichtig ist: Nur „Ich“ oder auch „der Andere“?

Augustinus [13] könnte hier weiterhelfen: „Gehe nicht nach draußen, in dich selbst kehre zurück; im Inneren des Menschen wohnt die Wahrheit.“

Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Trilogie zur Denkfabrik. Teil 2 folgt in Kürze …


Quellen und Anmerkungen

[1] Gottfried Benn (1886-1956), bekannt vor allem als deutscher Dichter und Essayist.

[2] Paul Watzlawick (1921-2007), österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler.

[3] Johannes Gutenberg (um 1400-1468), Erfinder der Druckerpresse.

[4] Marshall McLuhan (1911-1980), kanadischer Kommunikationstheoretiker.

[5] Maurice Merleau-Ponty (1908-1961), französischer Philosoph.

[6] Zygmunt Bauman (1924-2017), polnisch-britischer Soziologe.

[7] Mark Granovetter (Jahrgang 1943), amerikanischer Soziologe.

[8] Rüdiger Safranski (Jahrgang 1945), deutscher Literaturwissenschaftler.

[9] Friedrich Schiller (1759-1805), bedeutender deutscher Dramatiker und Lyriker.

[10] Eva Illouz (Jahrgang 1961), Soziologin in Israel.

[11] Herbert Marcuse (1898-1979), deutsch-US-amerikanischer Philosoph aus der Schule der Kritischen Theorie.

[12] Immanuel Kant (1724-1804), deutscher Philosoph der Aufklärung.

[13] Augustinus von Hippo (354-430), Kirchenlehrer und Philosoph.


Illustration: Geralt (Pixabay.com; Creative Commons CC0)

Deborah Ryszka (Jahrgang 1989), M. Sc. Psychologie. Nach universitär-berufspsychologischen Irrwegen in den Neurowissenschaften und Erziehungswissenschaften nun mit aktuellem Lager in der universitären Philosophie. Sie versucht sich so weit wie möglich der gesellschaftlichen Direktive einer hemmungslosen öffentlichen Selbstdarstellung bis hin zur Selbstaufgabe zu entziehen. Mit Epikur ausgedrückt: „Lebe im Verborgenen. Entziehe dich den Vergewaltigungen durch die Gesellschaft – ihrer Bewunderung, wie ihrer Verurteilung. Lass ihre Irrtümer und Dummheiten und gemeinen Lügen nicht einmal in der Form von Büchern zu dir dringen.“

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