Ein bisschen im Zwergenland des Bisschens

Der Mensch braucht Klartext und Halt, speziell der kleine Mann auf der Straße. Doch alles, was er von denen da oben zu hören bekommt, ist jederzeit und überall „ein bisschen“.

Was sich wie eine kokette Petitesse ausnimmt, ist ein alles durchwucherndes Krankheitsbild der deutschen Verzagung.

Entweder Sie glauben mir das einfach oder Sie hören zukünftig genauer zu. Es vergeht kein Statement, ob Volksvertreter, Experte, Medienschaffender oder Talkgast, in dem nicht das „ein bisschen“ die Rede schmückt.

Jogi Löw [1] fordert Verständnis ein für „ein bisschen einen harten Generationswechsel“. Norbert Röttgen [2] plädiert für ein bisschen mehr Rückgrat gegenüber der Trump Administration. Und aus der SPD ist zu vernehmen, dass es Zeit wird für ein bisschen mehr Radikalität beim Sozialen. Und dass jeder von uns allmählich ein bisschen für das gute Klima tun muss, ist unbestritten.

Öffnen Sie nur eine Stunde ihre Ohren und Sie werden eine ellenlange Liste absurdester Verwendungen dieses schwindsüchtigen Indefinitpronomens [3] zur Notiz bringen.

Ein bisschen könnte man visualisieren als einen winzigen Biss im Sinne des Vorkostens bei Wölfen oder Neandertalern, erst einmal abchecken, ob der saftige Bratenfund keine Falle darstellt.

Lange vor der epidemischen Verwendung trug im Jahre 1982 eine jungfräuliche Erscheinung ein Lied vor. Die damals 17-jährige Nicole [4] begleitete sich auf einer taubenweißen Friedensgitarre und gewann für Deutschland den Grand Prix Eurovision de la Chanson. Ornamentiert von Cruise Missiles und regenbogenbunten Friedensmärschen berührte das Mädchen mit der frohen Botschaft die Herzen von bis heute fünf Millionen Plattenkäufern:

„Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne für diese Erde, auf der wir wohnen. Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude, ein bisschen Wärme, das wünsch‘ ich mir …“

Die Menschheit steht im Moment sicher vor wichtigeren Problemen, als über das bisschen Bisschen nachzudenken. Terror, Migration, Klima, Digitales und klar, logo Bildung und Krieg im Nahen Osten – all das wiegt weitaus schwerer als das inflationäre und sublative „ein bisschen“.

Dennoch lohnt sich ein Zoomen. Ein bisschen heißt nicht viel, also ein klein wenig, etwas mehr als Nichts und auf gar keinen Fall das volle Maß, sprich Klartext, konkretes Bekenntnis, Wille und felsenfeste Überzeugung. Der User des „ein bisschen“ mag keiner Seele wehtun, auch und gerade nicht der eigenen. Er entscheidet sich indessen entschieden für die Unschlüssigkeit, die Indifferenz, das Vage und jederzeit Relativierbare. Ein bisschen hat keinerlei Lust auf Konfrontation. Und es gestattet jede Form von Rückzug oder gar späterer Negation. Alles verliert sich in einem Schwamm aus Nebel und Morast.

Ein bisschen, das ist weit mehr als Sprachverwahrlosung und Ichlosigkeit; es steht für den feigen, verzagten und verängstigten Menschen und für einen politisch korrekt sedierten Volkskörper zwischen Luftballons und Mausefallen.

Das „ein bisschen“ gehört zur Hinterlassenschaft der Merkel-Ära und dieser sprachlosen, wertfreien und abgeduckten Republik. Keiner hat hier noch irgendetwas von Bedeutung zu sagen, aber selbst davor baut sich ein Angstdamm auf. Ach, wie schön wäre doch ein bisschen mehr Zivilcourage und ein bisschen mehr Biss. Ein toxisches Piercing hat sich in den Zungen verheddert, und die erstickten Melodien sagen mehr über dieses Land und seine innere Verfassung aus als soziologische Wälzer und massenpsychologische Analysen.

Knapp zwei Jahrzehnte nach Nicoles Ballade ging es widerwillig um ein bisschen Krieg. Kurioserweise musste das frisch gewählte rot-grüne Salonrebellen-Duo dem amerikanischen Vernichtungstrieb Folge leisten. Frau Albright [5] fragte Joschka spöttisch, ob er denn nie erwachsen werden wolle. Ein Shithole namens Kosovo bot die Chance zur Mannwerdung nebst ein bisschen Uran auf Belgrad, „ein bisschen Freude, ein bisschen Wärme, das wünsch‘ ich mir …“

Ein echter Mann hätte statt ein bisschen eben „Nein!“ gesagt.

Eine Orgie des ein bisschen feiert die GroKo auf ihrem trostlosen Weg hin zur Diktatur des großen Nichts. Täglich erfahren wir das Siechtum der politischen Rhetorik und der medialen Orchestrierung. Und hat mal jemand Klartext von sich gegeben, folgt umgehend die Relativierung. So habe man es nicht gemeint, zudem wurde es aus dem Zusammenhang gerissen und aus Rücksicht auf ein laufendes Verfahren möge man sich schriftlich an die Kanzlei von Franz Kafka wenden.

Wir waten durch ein Disneyland aus Halbherzigkeit und kollektiver Querschnittslähmung.

Sollte ein Herodot [6] im Jahre 2019 durch Deutschland reisen, würde sich seine Reportage lesen wie Gullivers Besuch im Zwergenreich. Und in Briefen an seine Frau würde er bemerken, dass ein schweres Rad der Geschichte über dieses Volk gerollt sein muss, wo sich jeder ständig auf die Zunge beißt, Silben verschluckt und abends ein bisschen über den Durst trinkt.

Andere gehen ein bisschen in sich oder ein bisschen auf Distanz und bekennen, dass sie durchaus ein bisschen an Gott glauben. Industrielle geben zu, dass sie in Sachen Software ein bisschen geschummelt haben oder sich bei der Übernahme von „Roundup“ [7] ein bisschen verspekuliert haben.

Seit mir diese Unart aufgefallen ist, überprüfe ich mich und meine Rede etwas genauer. Das hat mich dann dazu verleitet, dass ich jedes Mal, wenn mir die elende Laber-Formulierung geschieht, 50 Euro in den Strafkarton stecke. Wenn man also auf diese Art bei sich selber beginnt, dann wird man in kurzer Zeit nicht nur ein vermögender Mann, sondern erlangt zudem sprachliche Reife und inneren freien Schwung.


Quellen und Anmerkungen

[1] Joachim Löw (Jahrgang 1960), Spitzname Jogi, ist ein ehemaliger deutscher Fußballspieler und heutiger Fußballtrainer.

[2] Norbert Alois Röttgen (Jahrgang 1965) ist ein Jurist und Politiker der CDU.

[3] Indefinitpronomen (unbestimmte Fürwörter) bilden eine Untergruppe der Pronomen in der Grammatik. Sie können zum Verweis auf Individuen dienen, deren Identität (noch) nicht näher bestimmt ist oder zur Angabe einer unbestimmten Anzahl von Individuen beziehungsweise zu einer Existenzaussage über Individuen.

[4] Nicole Hohloch (Jahrgang 1964) gewann 1982 im Alter von 17 Jahren als Interpretin „Nicole“ mit dem Lied „Ein bißchen Frieden“ den Eurovision Song Contest. Es war der erste Sieg für Deutschland bei diesem Wettbewerb.

[5] Madeleine Korbel Albright (Jahrgang 1937), ist eine US-amerikanische Politikerin der Demokraten. Sie war die erste Frau, die die USA als Außenministerin (1997 bis 2001) vertrat.

[6] Herodot (490/480 v. Chr. bis um 430/420 v. Chr.) war ein antiker griechischer Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler. Cicero verlieh ihm den Beinamen „Vater der Geschichtsschreibung“.

[7] Roundup ist der Markenname einer Serie von Breitbandherbiziden, die vor allem in der Landwirtschaft verwendet werden. Bis zum Jahr 2000 wurde Roundup durch den Erfinder und Patentinhaber Monsanto hergestellt beziehungsweise lizenziert. Monsanto wurde 2018 im Zuge einer Übernahme Teil des Konzerns Bayer AG.


Foto: Jake Davies (Unsplash.com)

Reporter und Essayist | Webseite

Wolf Reiser ist Reporter und Essayist und pendelt zwischen München und Athen. Er schreibt für alle nennenswerten Blätter im deutschsprachigen Raum und ist Autor mehrerer Bücher, Hörspiele und Filmskripte. Weitere Informationen unter www.wolf-reiser.de.

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1 Response

  1. Claus Meyer sagt:

    Ein bisschen
    Als ich darüber ein bisschen nachgedacht habe, stellte ich fest, dass dass das Verhalten und Denken der Menschheit ein bisschen mit „Entarteter Kunst“ zu bezeichnen ist. Wir denken jeden Tag darüber nach, wie wir wohl ein bisschen mehr Geld machen können. Wir denken darüber nach, wie wir noch mehr Maschinen bauen und dabei ein bisschen mehr Digitalisierung schaffen und noch schneller fliegen oder fahren können. Da bleibt natürlich kein bisschen Zeit, um uns für ein menschliches Miteinander und das Miteinander mit der Natur zu kümmern. Aber sehr stolz sind wir, wenn der DAX oder das BIP gestiegen ist. Müssen wir vielleicht doch zur Besserung unsere Psyche untersuchen lassen.

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