Europawahl – Mit der Aura tragischer Sektierer

Die Dramaturgie ist gesetzt. Ob das etwas bewirken wird, ist allerdings fraglich. Parallel zu dem von allen Beteiligten engagiert geführten Wahlkampf um Sitze im Europaparlament kommen in bestimmten Sequenzen Prognosen über die zu erwartende Wahlbeteiligung. Als sicher kann dabei nur gelten, dass eine geringe Wahlbeteiligung ein Desaster wäre.

Die selbsterfüllende Prophezeiung

Trotz eines noch nie da gewesenen Aufwandes wäre es ein weiteres deutliches Zeichen für die Abkehr der Wahlberechtigten von dem gegenwärtigen Konstrukt Europa. Die immer wieder eingeblendeten Umfrageergebnisse, die besagen, das Interesse sei gestiegen, könnten sich als ein Produkt der Self-fulfilling-prophecy erweisen.

Sollte nämlich die Wahlbeteiligung signifikant von den Prognosen abweichen, würde sich der Verdacht erhärten, dass die Mainstream-Medien sehr bewusst die Wünsche ihrer Auftraggeber auf die eigene Arbeit abstrahlen lassen. Sicher ist zumindest, dass es bald herauskommen wird.

Analoges gab es bereits, nämlich beim letzten Wahlkampf um die US-amerikanische Präsidentschaft. Dort lag laut den hiesigen Medien Hillary Clinton [1] mit überwältigender Zustimmung vorn. Das Heulen und Zähneklappern war groß, als plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Donald Trump der neue Präsident wurde. Seitdem ist es geraten, bei den Prognosen aus dem beschriebenen Bereich genau hinzuschauen.

Die Europawahl und die Theorie der Verschwörung

Und vielleicht hilft es sogar, die Prognostik mit der Interessenlage der Bundesregierung abzugleichen. Nicht, dass es Spaß machen würde, aber es ist reich an Erkenntnis: Unabhängiger, kritischer Journalismus findet in den großen Häusern nicht mehr statt. Stattdessen wird man in den Noch-Nischen fündig, und da ist es keine gewagte und auch keine interessengeleitete Prognose, ihnen eine größere Zukunft vorauszusagen, als die jetzt bereits beachtliche.

Was jedoch den Niedergang der öffentlich-rechtlichen Anstalten betrifft, so hat der sich in die Politik eingeschlichene Moralismus genauso dazu beigetragen wie die staatszentralistische Vorstellung von Kommunikation gegenüber einer unmündigen Bürgerschaft.

Der Terminus der gelenkten, staatlich organisierten Kommunikation scheint zutreffend zu sein; das in Anwendung befindliche Modell sieht eher aus wie ein Derivat aus sowjetischen Zeiten als die Kontrollidee der vierten Gewalt.

Sollte die Triade aus Self-fulfilling-prophecy, moralischer Überlegenheit und vermeintlichem Erziehungsauftrag gegenüber dem nicht mündigen Volk nicht greifen und es dazu kommen, dass andere Ergebnisse als die gewünschten und beabsichtigten erzielt werden, dann kann es als sicher gelten, dass genau das inszeniert wird, was man den Kritikern in der Regel so gerne vorwirft: die Theorie der Verschwörung.

Moralisten und Sektierer

Sollte die Europawahl ein Debakel werden, kann als sicher gelten, dass irgendwelche russischen Trolle wieder ihre Finger im Spiel hatten, dass es Allianzen von rechten Schmutzfinken gab, die das alles inszeniert haben, und dass in Ungarn oder Polen mit Fake News gearbeitet worden ist.

Nicht, dass das alles nicht an der einen oder anderen Stelle tatsächlich sein könnte. Als exklusiver Grund für eine Absage durch die Wählerinnen und Wähler kann es jedoch auf keinen Fall gelten.

Moralisten sind wie Triebtäter. Und deshalb wird als Erklärung für nicht erzielte Ergebnisse alles bemüht werden, nur eines nicht, und das ist das eigene Tun und Handeln. Denn wer erleuchtet ist, der kann nicht irren. Insofern haben die feurigsten Vertreter der bestehenden Zustände auch eine Aura wie tragische Sektierer.


Quellen und Anmerkungen

[1] Hillary Diane Rodham Clinton (Jahrgang 1947) ist eine US-amerikanische Politikerin der Demokratischen Partei. Dem Senat gehörte sie von 2001 bis 2009 für den Bundesstaat New York an. Anschließend war sie bis 2013 US-Außenministerin in der Regierung von Präsident Barack Obama. Bei der Präsidentschaftswahl im November 2016 unterlag sie dem republikanischen Kandidaten Donald Trump.


Symbolfoto: Mohamed Nohassi (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

7 Comments

  • Demokratie und Kapital stehen im direkten Widerspruch zueinander. Wo das Kapital herrscht, kann keine Demokratie bestehen. Die Macht des Kapitals nimmt immer mehr zu, je länger das heutige Geldsystem existiert, es kann durch nichts korrigiert werden. Da jede Regierung sich diesem System untergeordnet hat, müssen auch sie sich den Wünschen des Kapitals beugen. Weil die gesamte Presse auch abhängig vom Kapital ist, kann die verbreitete Einheitsmeinung nur den Interessen des Kapitals folgen. Es ist also nur eine Scheindemokratie, die den Bürgern vorgaukeln soll, in einer Demokratie zu leben. So kann man die Bürger ruhig stellen, da diese glauben sollen, mit ihrer Wahl irgendetwas mitbestimmen zu können.

    • der begriff „demokratie“ ist äusserst unscharf gehalten, eignet sich dazu, alles mögliche unter diesem dach zu subsummieren, selbst ausgewiesene diktatorische systeme können sich daher noch als demokratien verkaufen. in DE leben wir in einer sog „repräsentativen demokratie“ = einmal gewählte sind dann (nur noch) ihrem gewissen verantwortlich, was bedeutet, dass ihre realen unfähigkeiten zu fähigkeiten umgedeutet werden können, und ihre „gewissen“ davon abhängen, wer jeweils das meiste dafür zahlt.
      dass „wahlen“ grundlegend nicht verändern, ist real schlicht per augenschein erwiesen, was man indes wählen kann, sind die kategorien der jeweiligen kosmetiken am immer gleichen system, das von den eilten zu deren nutzen gesteuert wird.
      „demokratie“ als maske des kapitalismus, und sollte jemals diese maske nicht mehr funktionieren, hat man vor jahren schon vorgesorgt: zb „notstandsgesetze“ = dann würden im extremfall panzer rollen.
      daraus folgt, man kann sich „wählen gehen“ sparen, denn man hat dabei nur die wahl zwischen pest und cholera usw

      ich glaube, es war rosa luxemburgs spruch?: „wenn wahlen wirklich etwas ändern könnten, wären sie verboten“

      und dies gilt auch jetzt wieder, EU wahlen, völlig egal, wer was wählen wird oder nicht, es wird sich absolut nichts ändern !
      die eliten handeln streng und stringent anti-sozial (gegen die interessen der bevölkerungen), und die politiker sind ihre lakaien (ein politiker, der da ausscheren würde, wäre schneller weg vom fenster, als er ins amt kam)

  • Sehr geehrter Herr Mersmann, es erschließt sich mir nicht ansatzweise, warum Sie als studierter Politologe und Literaturwissenschaftler konsequent den komplett falschen Terminus „Europa“ wählen. Der korrekte Begriff EU hingegen taucht nicht ein einziges Mal in Ihrem Artikel auf. Nun sind EU und Europa aber alles andere als Synonyme: Die EU ist nicht Europa und Europa ist nicht die EU! Mehr dazu unten in [1]

    Diese sprachliche Begriffsverwirrung ist umso unschöner, wie ihrer Medienkritik und dem sonstigen Inhalt voll umfänglich zuzustimmen ist. Was Sie so treffend beschreiben wird in der Wissenschaft „Immunisierung gegen Widerlegung“ genannt:
    egal welches Ergebnis sich einstellt, die Moralisten behalten immer Recht.

    Ergo: Inhaltlich würde ich gern mehr von Ihnen lesen. Nur tun Sie sich und der Sache bitte einen Gefallen und sprechen/schreiben zukünftig, wenn es um die sog. Europäische Union geht, von EU und eben nicht um Europa. Vielen Dank!

    [1] Europa ist ein Erdteil, der sich über das westliche Fünftel der eurasischen Landmasse erstreckt. Zu Europa gehören aber auch Nicht-EU-Länder (z.B. Schweiz, Norwegen), außerdem ca. 25% der Landmasse der Russischen Föderation in der etwa 75% der Gesamtbevölkerung des Vielvölkerstaates wohnt.
    Die EU ist ein künstliches wirtschafts- und finanzpolitisches Konstrukt, welches aus der EWG (einer Wirtschaftsgemeinschaft) und dessen Nachfolger, der EG, hervorgegangen ist. Die EU ist zutiefst undemokratisch strukturiert, die nicht davor zurückschreckt, Politik gegen den erklärten Willen der Bevölkerungen (Beispiel Freihandelsabkommen, Austeritätspolitik, Bankenrettung, zusätzl. Militarisierung etc.) zu oktroyieren. Die EU ist aufgrund ihrer Struktur und der Uneinsichtigkeit ihrer z.T. korrumpierten Entscheidungsträger wahrscheinlich nicht radikal (im Sinne von grundlegend) reformierbar. Deswegen und weil die Auswirkungen der EU mittlerweile verheerend und menschenfeindlich sind (Beispiel Griechenland), gibt es immer mehr Menschen, die sich für eine Abschaffung der EU aussprechen.
    Die EU-Schergen möchten sich aber möglichst keiner breiten öffentlichen Kritik ausgesetzt sehen – deswegen versuchen sie unredlich berechtigte Kritik als anti-europäisch zu diffamieren, obwohl sich diese in Wahrheit gegen das undemokratische politische Konstrukt und nicht gegen „Europa“ richtet.

  • Lieber Herr Mersmann, manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass ohne Ihre fast täglichen Artikel, dieser Blog nicht mehr existieren würde. Wunderbar, wie Sie in Kürze Komplexitäten auf den Punkt bringen.

    Zu ihrem obigen Artikel kann ich mir nur wünschen, dass niemand zur Wahl geht, um das Lügenkonstrukt EU bloss zustellen. EU und Europa sind zwei völlig verschiedene Dinge. Beim Letzteren handelt es sich um Menschen/Europäer und es gefällt mir gar nicht, wie lebensfeindliche (EU) Bürokraten dieses multikulturelle Europa zerstören.

  • die, ich nenne es, starke direkte und indirekte „propaganda“ für die wählerbeteiligung an der „europa-wahl“, zeigt direkt im umkehrschluss, dass es probleme gibt, indem die „europa-manager“ ihre felle davonschwimmen sehen, deshalb soll die bevölkerung als nützliche applausaffen aktiviert werden.
    bisher lief es fast umgekehrt, da waren die „europa-manager“ selbstzufrieden damit, dss sich in ihr tun und lassen möglichst niemand aussenstehender einmischte.
    dabei ist die welt doch auch weiterhin weitgehend in ordnung, die eliten machen, was eliten so tun, die politiker als „endzeit-figuren“ verwitzeln das und reden es schön, und die opfer dieses konstruktes,die bevölkerungen, dürfen alle paar jahre mal unter großem medialen pomp zwischen pest und cholera wählen gehen. schöne heile welt !

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