Die EU – Gesichter einer Diktatur

Konsum und Wachstum sind in der EU zentrale Themen. (Foto: The Creative Exchange, Unsplash.com)

Hast du dich schon einmal gefragt, warum es Geflügelbetrieben erlaubt ist, frisch geschlüpfte Küken aus wirtschaftlichen Gründen zu schreddern? Hast du dir schon einmal die Frage gestellt, warum sich die meisten Menschen lieber mit Videospielen und billiger Unterhaltung im Fernsehen befassen als zum Beispiel mit dem enormen Artensterben? [1]

Arten, die seit vielen Millionen Jahren unsere Welt durch ihre Anwesenheit bereichert haben, verschwinden für immer, weil wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen.

Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, warum Politiker über Demokratie, Werte und Verantwortung sprechen, während sie sich gleichzeitig an Kriegen beteiligen und Waffendeals genehmigen? Mit deutschen Waffen werden zum Beispiel gerade im Jemen Menschen massakriert – Männer, Frauen und Kinder [2]. Wie ist all dies möglich?

Die Konditionierung der Gedanken

In Kürze werden sich europaweit Millionen Menschen an den EU-Wahlen beteiligen, in der Erwartung, mit ihrer Stimme etwas zu verändern. Viele werden EU-affine Parteien wählen, hauptsächlich in der Hoffnung, dadurch einen weiteren „Rechtsruck“ zu verhindern. Sie sehen in der Europäischen Union eine zwar verbesserungswürdige, jedoch die einzig legitime Instanz für ein gemeinsames und friedliches Europa. Andere hingegen setzen auf nationalistisch gesinnte Parteien, ebenfalls in der Hoffnung, dass diese Veränderungen bringen werden. Beide Seiten täuschen sich jedoch gewaltig.

Die Wählerinnen und Wähler sind sich in der Regel nicht bewusst, welcher gigantischen Konditionierung sie tagtäglich ausgesetzt sind. In welchem Ausmaß diese Konditionierung angewandt wird, zeigt die Kontroverse um ein Manual von Elisabeth Wehling [3].

Die Dame – eine Expertin für Framing, das heißt einer seit Jahrzehnten angewendeten Technik, die Menschen gedanklich in bestimmten „Rahmen“ zu halten – hatte von der ARD 120.000 Euro für die Ausarbeitung eines Framingprogramms erhalten [4]. Es war ein ziemlicher Skandal, zumindest für jene, die nicht gerade mit Germany’s Next Topmodel oder The Voice of Germany beschäftigt waren.

Spätestens seit Edward Bernays ist die gedankliche „Erziehung“ der jeweiligen Bevölkerung fixer Bestandteil der meisten Regierungen dieser Erde [5].

Mit Framing-Techniken wird der Hochzuchtkonsument geistig konditioniert, während er durch billige Unterhaltung und Konsum bei Laune gehalten wird. Tiefere politische Inhalte werden kaum wahrgenommen, stattdessen wird ein Personenkult installiert und auf diesen fokussiert. Der einzelne, von der Plakatwand grinsende Politiker ist das Ausschlaggebende, nicht das Parteiprogramm.

Die neoliberale Ideologie

Doch was genau macht jetzt eine EU so gefährlich? Warum sollte sie nicht weiter gelebt und unterstützt werden? Präsentiert sie sich doch ständig als ein die Nationalstaaten und damit die Gefahr von weiteren Konflikten hinter sich lassendes Demokratieprojekt allererster Güte. Die Wahrheit ist: Die EU ist absolut antidemokratisch. Sie ist ein autoritärer Suprastaat [6], und das war von Anfang an so geplant.

Als Ende der 1940er Jahre von Leuten wie Friedrich August von Hayek oder Milton Friedman die Mont Pèlerin Society – ein gigantisches neoliberales Netzwerk – ins Leben gerufen wurde, war der Grundstein für das, was wir heute fälschlich als friedlichen, sozialen Binnenmarkt betrachten, gelegt [7].

Die Wirtschaft wurde zum Heiligen Gral allen Strebens erhoben und der Mensch quasi zum Homo oeconomicus, also zum einzig der Wirtschaft und damit wenigen Kapitaleignern dienenden Objekt degradiert. In den darauffolgenden Jahrzehnten nahm diese Ideologie eine Eigendynamik an, und als sich Margaret Thatcher 1975 mit Hayek traf, waren dessen Ideen bereits fest in ihren politischen Willen eingebrannt.

Auch Ronald Reagan, von 1981 bis 1989 Präsident der USA, und andere vor allem konservative Politiker, fühlten sich dieser Ideologie verpflichtet. Der Neoliberalismus, um ihn beim Namen zu nennen, trat fast unbemerkt seinen Siegeszug an.

Die Konzerne und ihre Think Tanks

Die Neoliberalen taten in weiterer Folge alles, um Europa ihren endgültigen Stempel aufzudrücken. Als die EU konkret Formen annahm, waren sie es, die maßgeblich über die Strukturierung dieses Staatenbundes wachten. Sie diktierten ihre Vorstellungen und schafften es, dass die EU nach ihren Richtlinien Gestalt annahm.

Konzernchefs wie Pehr Gyllenhammar (Volvo) oder Wisse Dekker (Philips) diktierten der EU ihren Willen und drohten dabei sogar, einen Abzug von Konzernen zu organisieren, sollte die EU nicht auf ihre „Vorschläge“ eingehen. Wisse Dekker tat dies bereits 1985. Gemeinsam mit Gyllenhammar und Jérôme Monod verfasste er später das Papier Reshaping Europe – ein Plan mit dem Ziel, den Lobbys und Konzernen innerhalb der EU noch mehr Macht zu überlassen. Getroffen hat man sich unter anderem im European Roundtable of Industrialists (ERT), eine von vielen Lobbyorganisationen [8].

Der ERT ist dabei bei weitem nicht die einzige Organisation seiner Art. Eine weitere, sehr einflussreiche Lobbyvereinigung ist die Association for the Monetary Union of Europe, kurz „AMUE“. Aber es geht noch weiter. Insgesamt sind es Tausende (!) Think Tanks, Stiftungen, Beratungsunternehmen, Wirtschaftsunternehmen und Lobbyistenverbände, die enormen Einfluss auf die alltägliche Politik Brüssels ausüben. Man kann sogar so weit gehen, ihnen die wahre Macht in der EU zu attestieren.

Der Einfluss dieser Einrichtungen ist mittlerweile so stark, dass sogar die World Health Organization (WHO) zu 80% von privaten Stiftungen finanziert wird. Allen voran von der Bill und Melinda Gates Stiftung.

Daran wäre ja grundsätzlich nicht allzu viel auszusetzen, würde das Geld nicht zu einem guten Teil aus Gewinnen durch die Beteiligung an Konzernen wie Coca Cola, Pepsi Co, Unilever, Mondelez, Tyson Foods, Anheuser Busch, Pernod, Novartis oder Pfizer stammen. Das tut es aber. Nun kann sich jeder ausrechnen, dass sich die WHO den eigenen Geldhahn abdrehen könnte, würde sie zum Beispiel die genannten Konzerne und deren zum Teil sehr ungesunde Lebensmittel kritisieren [9].

Aber auch Präsidenten lassen ihre Politik gerne von Lobbyistenverbänden, Konzernen, Think Tanks und Privatpersonen lenken. So geschehen etwa 2008, als die Wallstreet quasi das gesamte Kabinett von US-Präsident Barack Obama zusammenstellte. Wikileaks hatte die entsprechende E-Mail veröffentlicht [10].

Was bei Obama Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Citigroup, UBS, Google und Microsoft erledigten, übernahm bei Donald Trump die Heritage Foundation, ein weiterer Think Tank, der für seine mehr als bedenklichen Ansichten bekannt ist: die Förderung konservativer Politik auf der Grundlage der freien Marktwirtschaft, des minimalen Staats, der individuellen Freiheit, traditionellen amerikanischen Werten, und einer starken nationalen Verteidigung. Doch nun zurück nach Europa.

Die EU und der Autoritarismus

Schrittweise wurden in den vergangen Jahrzehnten totalitäre Mechanismen installiert und den marktradikalen Protagonisten wurde weitere Macht übergeben:

1993 – Maastrichtvertrag; 2007 – Vertrag von Lissabon (in dem unter anderem klar geregelt ist, dass die EU-Regierungen bei Aufruhr auch die Todesstrafe anwenden dürfen); 2012 – Fiskalpakt. Sozialreformen, wie etwa in Griechenland oder Italien, werden von der EU nicht geduldet [11].

Die Regierungen werden mit Strafzahlungen belegt und unter Druck gesetzt. Demonstrationen, wie beispielsweise in Spanien oder Frankreich, werden mit großer Brutalität regelrecht niedergeprügelt.

Die EU ist auch unter anderem deshalb kein demokratisches Projekt, weil sie die Gewaltenteilung nicht einhält: Auf EU-Ebene korrelieren Exekutive und Legislative [11].

Die Politik der EU ist in bester neoliberaler Manier gekennzeichnet von Deregulierung der Märkte, Marktkonformität, Privatisierung, Verringerung der Staatsquote und privater Renditeerwartung. Wie bereits erwähnt, werden die Menschen, aber auch die Tiere sowie die gesamte Umwelt nur noch an ihrem Marktwert gemessen.

Weiterhin wird Steuergeld in die marode Wirtschaft gepumpt, um das fast heilige Wirtschaftswachstum noch irgendwie, wenn schon nicht aufrecht, so wenigstens am Leben erhalten zu können. Der zum Egoisten erzogene Mensch soll im Wettbewerb das einzig legitime Organisationsprinzip menschlichen Handels sehen.

Die Überwachung nimmt zu. Ganz langsam und schrittweise, werden totalitäre Maßnahmen ausprobiert, ohne von den Massen als solche erkannt zu werden [12]. Am Ende führt diese Art Politik entgegen allen demokratisch-menschlichen Versprechen direkt in einen Autoritarismus, den niemand haben wollen kann, außer natürlich die paar wenigen, die davon profitieren [13].

Pest und Cholera

Wer nun aber die nationalistisch gesinnten Parteien und Strömungen als Ausweg oder gar Rettung sieht, geht ebenfalls einer Täuschung auf den Leim.

Parteien wie die FPÖ oder die AfD sind genauso Diener des Großkapitals und arbeiten unter marktradikalen Gesichtspunkten und Prämissen. So unterstützt etwa ein August von Finck (8,6 Milliarden US-Dollar Privatvermögen) seit langem ultrakonservative Parteien, zuletzt auch massiv die AfD, einhergehend mit Beteiligungen an Konzernen wie Shell, Allianz oder Nestlé. Mehrere AfD-Politiker sind Mitglieder bei der Friedrich August von Hayek Gesellschaft und der gleichnamigen Stiftung [14]. Hier schließt sich der Kreis.

Der große Unterschied und gleichzeitig der Grund für die Kontroversen ist der, dass die sogenannten „Rechtspopulisten“, trotz Verwendung des gleichen spätkapitalistischen Betriebssystems, der Globalisierung trotzen und gewisse neoliberale Agenden, wie zum Beispiel Gender-Mainstreaming, nicht mitmachen wollen.

Mit ihrem Rückgriff auf die vermeintliche Sicherheit innerhalb der Nationalstaaten stehen sie den Globalisierern in Brüssel im Weg. Die Wähler werden getäuscht und die Zuwanderung als großes Problem präsentiert, dessen „Lösung“ angeblich wieder mehr Wohlstand bringen soll. Die Rechnung kann aber nicht aufgehen, und so sehen wir uns abschließend mit der Wahl zwischen Globalismus und Nationalismus, zwischen autoritaristischen und faschistischen Tendenzen, oder kurz, zwischen Pest und Cholera konfrontiert.

Neue Wege gehen

Wer beides nicht haben möchte, sollte vielleicht andere Wege gehen, zumal der Einfluss des Wählers auf die EU-Politik ohnehin gleich null ist, da andere entscheiden, wie ich anschaulich gezeigt habe.

Die EU ist, genauso wie der Nationalismus, keine Lösung. Sie hat letzteren mit ihrer neoliberalen Ausbeuterpolitik überhaupt erst möglich gemacht. Es wird daher nichts bringen, die EU nur verbessern zu wollen. Sie gehört ersetzt durch ein Konzept, welches dem Neoliberalismus als Ganzes den Kampf ansagt.

Die Werkzeuge dazu finden wir in uns selbst: Friedfertigkeit, Dialogbereitschaft, ein verändertes Konsumverhalten, die Unterstützung von Postwachstumskonzepten sowie das aktive Leben von Subsistenz, Suffizienz und Gemeinschaftsprojekten könnten eine wahre Alternative darstellen [15].

Und nicht zuletzt sollte man seine Stimme auf der Straße erheben. Denn es heißt nicht umsonst: Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.


Quellen und Anmerkungen

[1] https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/artensterben-uno-bericht-beschreibt-dramatischen-verlust-der-artenvielfalt-a-1265482.html

[2] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/ruestungsexporte-nach-saudi-arabien-brandbrief-aus-grossbritannien-an-deutschland-a-1253997.html und https://www.n-tv.de/wirtschaft/Deutsche-Waffen-werden-im-Jemen-eingesetzt-article20875756.html

[3] https://netzpolitik.org/2019/wir-veroeffentlichen-das-framing-gutachten-der-ard

[4] https://deutsch.rt.com/gesellschaft/84817-teures-ard-manual-auch-institut-scheint-geframed

[5] https://www.nzz.ch/gesellschaft/der-heimliche-verfuehrer-ld.1403103 und https://www.anti-spiegel.ru/2018/27-000-menschen-arbeiten-im-pentagon-daran-die-offentliche-meinung-in-der-welt-zu-beeinflussen

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Supranationalität

[7] https://kenfm.de/die-mont-pelerin-gesellschaft-geheimloge-der-marktradikalen-und-neoliberalen

[8] https://www.youtube.com/watch?v=dWp9PM6yzZM

[9] https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/bill-gates-who-am-bettelstab/-/id=660374/did=20217116/nid=660374/quq2l9/index.html

[10] https://www.heise.de/tp/features/Wikileaks-Enthuellung-raeumt-letzte-Zweifel-aus-3359325.html

[11] https://www.rubikon.news/artikel/die-anti-demokratie

[12] https://www.rubikon.news/artikel/die-propaganda-wahl

[13] https://www.rubikon.news/artikel/die-demokratur

[14] https://www.rubikon.news/artikel/die-schein-alternative

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Atlas_der_Globalisierung


Foto: The Creative Exchange (Unsplash.com)

Kaufmännischer Angestellter

Thomas Weiss (Jahrgang 1974) ist ein Tierrechts-, Menschenrechts- und Friedensaktivist aus Österreich. Zu seinen Interessen zählen Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte, Literatur, Zeichnen, Kreativität, Musik, Botanik und Selbstversorgung sowie die vegane Idee. Weiss ist verheiratet, hat eine Tochter und arbeitet als kaufmännischer Angestellter. Er lebt in Wien.

6 thoughts on “Die EU – Gesichter einer Diktatur

  1. Tja, aber was nützen solche Artikel, wenn ein Grossteil meint, ihr Gewissen mit Wahlen reinwaschen zu können. Ich tippe mal, bei der sündhaft teuren Wahlpropaganda, die da betrieben wird, um diesem Wahnsinn irgend einen Hauch von Legitimation zu suggerieren, werden gut 60% vom Brainstorming nichts mitbekommen und sich gegenseitig noch auf die Schulter klopfen. Den häufigsten Spruch, den ich hörte war, ich weiss überhaupt nicht wen ich wählen soll, aber gar nicht wählen geht ja auch nicht. WARUM NICHT? wenn es doch nur Pest und/oder Cholera gibt?!

    1. es gibt die Parteien am Rande mit durchaus demokratischen Programmen (z.B. Diem25 und ökolinkx). Warum nicht sie mit einer Stimme stärken? Pest und/oder Cholera sieht anders aus…

      1. 2/3 der Griechen stimmten 2015 gegen das Referendum der EU und damit für einen evtl Grexit. Varoufakis (Diem25) trat daraufhin zurück und fiel seinem Volk in den Rücken. Tsipras und das griechische Parlament stimmte dann für das Referendum und den Ausverkauf der Griechen.

        Jutta Ditfurth (ökolinkx) die die BDS-Bewegung als antisemitisch diffamiert und Montagsdemos als rechtspopulistisch abtut, sind u.a. genau die Gründe weshalb man nicht wählen sollte.
        Denn jede Stimme legitimiert die antidemokratische EU.

        Nur die EU-Kommission entscheidet über Gesetze, Parlament und Bürger haben kein Stimmrecht!
        Nun, die Wahl ist vorbei. Fast 60% (Brainstorming) Wahlbeteiligung und die CDU ist wieder ganz vorne mit dabei. Auch die AfD. Tja, wenn Wahlen etwas bewirken würden, dann hätten wir nicht immer Pest und Cholera. ;-)

        Für Europa! Inoffizieller Wahlwerbespot Europawahl 2019
        https://www.youtube.com/watch?v=LPJkHmgR6a0

        Dazu empfehle ich KENFM Me, Myself and Media 51 zur Europawahl. Das Video wurde auf youtube gesperrt, deshalb dieser Link.

        https://www.bitchute.com/embed/ZVclaDbuGdAB/

Wie ist Deine Meinung? Schreibe einen Kommentar!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.