Wahlen zum EU-Parlament: Wenn der Wind sich dreht

Wäre es nicht so verheerend, dann könnte daraus eine gute Satire entstehen. Der Zustand des Staates wie der sie begleitenden Medien lässt allerdings nur einen Schluss zu: Es muss sich etwas ändern, und zwar grundlegend. Doch eines nach dem anderen.

Wahlen zum EU-Parlament

Die Wahlen zum Europäischen Parlament, die im Vorfeld mit einem Kommunikationsaufwand, der seines gleichen sucht, als Schicksalswahl beschrieben wurde, die über Europa entscheide, wobei EU und Europa als Synonym verwendet wurden, diese Wahlen sind von ihrem Ergebnis her sehr vielschichtig. Von ihrer Aussage jedoch nicht. Denn weder die Wahlbeteiligung insgesamt, die immer noch erschreckend gering ist, konnte durch die Existenzfrage verbessert werden, noch gelang es, die Fraktionen, die die Geschäfte führen, zu stärken. Das Gegenteil war der Fall.

Die Kräfte, die die EU und seine Mitgliedsstaaten in den Zustand gebracht haben, in dem sie sich befinden, erlitten massive Verluste.

Die Alternativen, die davon in gewissem Maße beachtlich hinzugewinnen konnten, sind auf der einen Seite die Ökologen und auf der anderen die mehr auf nationale Autonomie setzenden Kräfte. Die Verschiebung der Stimmen wird zu einer fortschreitenden Handlungsunfähigkeit der EU als Organisation führen. Das wird nicht die Arbeit derer sein, die jetzt Zuspruch bekommen haben, sondern sie ist das Resultat derer, die bei der Spaltung der EU ganze Arbeit geleistet haben.

Ihr Wahlkampf war es, der mit einer Arroganz sondergleichen glaubte, ohne ein Bekenntnis zu politischen Zielen auskommen zu können.

Es wurde weder etwas gesagt über die gängige Kredit- und Währungspolitik, nichts über die Programme der Staatssanierung, nichts über eine wachsende bürokratische Zentralisierung, nichts über unterschiedliche Steuersätze innerhalb der EU, nichts über Kapitalakkumulation hier und Schuldenakkumulation dort und nichts über eine aggressive Synchronisierung zu den Osterweiterungsplänen der NATO.

Stattdessen sangen die Protagonisten unter dem blauen Banner mit den gelben Sternen das „Lied an die Freude“ [1] und glaubten, dass alle sentimental und romantisch dieser Idee anhingen, ohne die Gewinner und Verlierer zu sehen.

Überall Feinde

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten hingegen legten die Meisterprüfung zum Staatssender ab, behielten bis in den Morgen ihren chauvinistischen Unterton und hetzten auf alles, was der offiziellen Darstellung der Verhältnisse aus Berlin widersprach.

Demnach sind die Guten, die wahrhaften Demokraten, die Humanisten und die Kämpfer für die Schöpfung in einer zunehmend feindlicher werdenden EU umgeben von üblen Rechtspopulisten, von Linksradikalen, Europafeinden, Klimaleugnern und natürlich Putinverstehern. Das ist so schaurig platt, dass nur noch ein Slogan für die amtliche Kommunikation in Germanistan in Frage kommen kann: Feinde ringsum!

Die Wortgeber aus den etablierten Parteien und ihre Hofsänger in den öffentlich-rechtlichen Erziehungsanstalten sind allerdings gegen eine sich ändernde Welt imprägniert.

Nicht ein Schimmer der um sie herum existierenden Realität dringt zu ihnen durch. Weder im eigenen Land, wo wenige Hundert Meter vom Kanzleramt entfernt Menschen aus den Mülltonnen fressen, noch in Europa, wo griechische Rentner die Herzmittel nicht mehr bezahlen können oder junge spanische Fachkräfte in ferne Länder reisen müssen, um den Kühlschrank überhaupt noch voll zu bekommen.

Wenn der Wind sich dreht

Rechthaberisch und ausgestattet mit einer inquisitorischen, totalitären Logik, haben sie sich zur Wahl gestellt. Und sie haben eine Quittung erhalten, die nicht schwer zu entziffern ist. Das Tragikomische an der Situation ist nur, dass diejenigen, die es betrifft, es nicht mehr sehen. Aber so ist das manchmal, wenn der Wind sich dreht.


Quellen und Anmerkungen

[1] An die Freude ist ein im Sommer 1785 verfasstes Gedicht von Friedrich Schiller. Es wurde unter anderem von Ludwig van Beethoven vertont.

 


Foto: DDP (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

4 Comments

  • Zitat:
    „Demnach sind die Guten, die wahrhaften Demokraten,…“

    Nur die Guten haben ja auch gewählt und sich anschliessend selbst gefeiert. Deshalb müssen Parteien sich gar nicht imprägnieren, denn es hat sich ja nichts geändert. Nur Stimmen sind rotiert und haben den Status quo legitimiert.

  • @sehr geehrte Morgentau,
    Durch sehr großen Zufall habe ich das innige Freiheitsgefühl unseres großen Schillers aufsaugen können, und singe seit Jahren aus voller und friedlicher Kehle den IV. Satz der 9. von Beethoven zum Jahresende für die Besucher der Theater Zwickau und Plauen mit unseren vereinigten Chören, weil “ Seid umschlungen Millionen….“ alles Menschliche in uns ausspricht, weil Egozentrische Persönlichkeiten wie Fettaugen immer wieder nach oben gespült werden, weil Musik und gescheiter Text eine geniale Partnerschaft eingegangen sind.

    Wenn der Wind sich dreht, gibt der wachhabende Steuermann ordentliche Kommandos, wird eine gute Mannschaft die Halse oder Wende hinbekommen. Wind war nie ein großes Problem bei Seeleuten- Flauten dagegen sehr!

    In diesem Sinne Herr Mersmann,
    Die Kraft, die wir alle benötigen, ist reichlich vorhanden.
    Einigkeit und Recht und Freiheit- ihr verwelkt geradezu, wenn euch keiner behütet und pflegt!

    Kräfte bündeln, Freude befeuern, Blicke schärfen, Schwerter zu Pflugscharen!

    Der Damm der Banken hat Risse der Erkenntnis.
    Er wird brechen durch seine eigene Überfrachtung durch blutige Gewinne.

    Wie bei Tannhäuser: “ heraus zum Kampfe mit uns allen…..“

    Bleibt behütet und euch allen eine gute Nacht!

  • schöne metaphern = das imprägnierspray und der sich drehende wind … aber auch die erinnerung an die 60er jahre mit toupierten und allen wettern trotzenden haarsprays für betonfrisuren … eine klebrige, verfilzte modeerscheinung, welche heute nur peinlich und lächerlich ist oder als illustration einer farce dienen kann …

    nur wer den wind fühlt, wird sein drehen bemerken und deuten können … freude über die beweglichkeit der naturkräfte empfinden können und keinerlei (irrationale) angst davor haben, denn es sind nicht die ideologien, die die naturgesetze reglementieren können … die naturgetze reichen sich selbst, wenn man sich als teil ihrer natur verstehen kann …

  • Sind Sie schon öfters, so wie ich, im Sturm im Meer mit einer tollen Mannschaft gesegelt? Wir brauchten nie Imprägnierspray, wir hatten uns und die Natur mit all ihren Gesetzen. …….

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