14 Merkmale des Urfaschismus nach Umberto Eco

„Faschismus wurde zu einem ‚Allzweckbegriff‘, weil man aus faschistischen Regimen Merkmale eliminieren kann und es trotzdem noch als faschistisch erkennbar sein wird“, schrieb Umberto Eco 1995 [1].

 „Nehmen Sie den Imperialismus vom Faschismus und Sie haben noch Franco und Salazar. Nehmen Sie den Kolonialismus weg und sie haben noch den Balkanfaschismus der Ustascha. Fügen Sie dem italienischen Faschismus einen radikalen Antikapitalismus hinzu, (der Mussolini nie fasziniert hat) und Sie haben Ezra Pound. Addieren Sie einen Kult der keltischen Mythologie und die Gral-Mystik (völlig fremd dem offiziellen Faschismus) und Sie haben einen der angesehensten faschistischen Gurus, Julius Evola.“ [2]

Viele Namen sagen uns heute kaum noch was. Sie sind im Kontext von Umberto Ecos Zeit zu sehen. In der Konsequenz können sich faschistische Regime deutlich unterscheiden.

Was also macht den Kern des Urfaschismus aus?

Umberto Eco, der unter Mussolini aufgewachsen ist, erarbeitete eine Liste von 14 Merkmalen. Es lohnt sich, die einzelnen Punkte mit den Forderungen von Parteien wie der AfD, der FPÖ, dem Front National [3] oder Erdogans AKP zu vergleichen.

1. Traditionenkult: Der Traditionalismus als Gegenbewegung zum Synkretismus (Vermischung verschiedener Religionen, Konfessionen, philosophischer Lehren); „Es kann keinen Fortschritt der Erkenntnis geben, die Wahrheit ist ein für allemal verlautbart.“

2. Ablehnung der Moderne: Trotz Technikverehrung fußt die Ideologie auf Blut und Boden. Im Grunde werden die Aufklärung und die Werte von 1789 abgelehnt.

3. Irrationalismus: „Denken als Form der Kastration.“ Kultur wird verdächtigt, sobald sie kritisch wird. Misstrauen gegenüber dem Intellekt.

4. Ablehnung der analytischen Kritik: Wenn die Wissenschaft mangelnde Übereinstimmung als nützlich ansieht, ist es für den Urfaschismus Verrat.

5. Ablehnung von Meinungsvielfalt und Pluralismus: Die natürliche Angst vor Unterschieden wird ausgebeutet und verschärft. Der erste Appell des Faschismus oder Vorfaschismus richtet sich gegen Eindringlinge.

6. Entstehen durch individuelle oder soziale Frustration: Der Appell an die frustrierte Mittelklasse in einer ökonomischen Krise oder bei politischer Demütigung.

7. Nationalismus: Menschen, die sich der sozialen Identität beraubt fühlen, wird ein einziges Privileg zugesprochen: In demselben Land geboren zu sein. Die Wurzel der urfaschistischen Psychologie ist Verschwörung. Die Anhänger müssen sich belagert fühlen, am besten durch Fremde.

8. Demütigung vom Reichtum und der Macht der Fremden: Damals: „Juden sind reich und haben ein geheimes Netz gegenseitiger Unterstützung.“ Heute: „Flüchtlinge kriegen alles, haben iPhones und haben sich zur ‚Invasion‘ verschworen.“

9. Das Leben ist nur um des Kampfes Willen da: Pazifismus ist die Kollaboration mit dem Feind.

10 Elitedenken: Man gehört dem besten Volk, der besten Rasse an. Der Führer weiß, dass ihm die Macht nicht demokratisch übertragen werden kann, dass seine Kraft in der Schwäche der Masse wurzelt. Jeder Unterführer verachtet seine Untergebenen. Die Folge ist ein massenhaftes Elitebewusstsein.

11. Erziehung zum Heldentum: Ein Held ist in der Mythologie ein außergewöhnliches Wesen. Im Faschismus ist der Held die Norm. Das Heldentum hängt eng mit einem Todeskult zusammen. Der Held im Faschismus sucht ungeduldig den heroischen Tod als beste Belohnung und schickt in dieser Ungeduld gerne andere in diesen Tod.

12. Übertragung des Willens zur Macht und des Heldentum auf die Sexualität: Das ist der Ursprung der Frauenverachtung und der Intoleranz gegenüber ungewöhnlichen Sexualpraktiken (von Keuschheit bis Homosexualität) und die Neigung zur „phallischen Ersatzübung“, dem Spiel mit der Waffe.

13. Selektiver Populismus: Der individuelle Bürger wird durch den Volkskörper ersetzt. Das Nürnberger Reichstagsgelände wird zum Internetpopulismus.

14. Urfaschismus spricht „Neusprache“: Ein verarmtes Vokabular mit Framing und Deutungshoheit. Von „Lügenpresse“ bis „Umvolkung“ werden Begriffe neu etabliert.

Der Urfaschismus ist immer noch um uns, manchmal sehr unscheinbar gewandelt. Es wäre für uns so viel leichter, träte jemand vor und verkündete: „Ich will ein zweites Auschwitz, ich will, dass die Braunhemden wieder durch unsere Städte marschieren.“ Das Leben ist nicht so einfach. Der Urfaschismus kann in der unschuldigsten Verkleidung wieder auftreten. Wir haben die Pflicht, ihn zu entlarven und jedes seiner neueren Beispiele kenntlich zu machen.

Nicht jedes Merkmal trifft auf jede Partei der Neuen Rechten zu und manche widersprechen sich auch, aber die Marschrichtung ist klar erkennbar.

Wohlgemerkt: Diese Gedanken stammen aus einer Rede von Umberto Eco 1995, lange vor dem Wiedererstarken der faschistischen Bewegungen in Europa.


Quellen und Anmerkungen

[1] Umberto Eco (1932-2016) war ein italienischer Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph, Medienwissenschaftler und Zeichentheoretiker (Semiotiker). Durch seine Romane erlangte er Berühmtheit. Das Werk Der Name der Rose erschien 1980. Allein bis 1989 wurden über acht Millionen Exemplare verkauft. 1986 wurde der Roman mit Sean Connery in der Hauptrolle unter dem Originaltitel verfilmt.

[2] Francisco Franco (1892-1975) war von 1936 bis 1975 Diktator des Königreiches Spanien.

António de Oliveira Salazar (1889-1970) war von 1932 bis 1968 Ministerpräsident von Portugal und Staatsführer der autoritären Diktatur des Estado Novo (Salazarismus).

Die Ustascha war ein von Ante Pavelić 1929 im Königreich Italien gegründeter und von ihm geführter kroatischer rechtsextrem-terroristischer Geheimbund. Er entwickelte sich zu einer faschistischen Bewegung. Während des Zweiten Weltkriegs kam es zur Besetzung und Zerschlagung Jugoslawiens. Der Unabhängige Staat Kroatien (Ustascha-Staat) wurde gegründet. Er existierte von 1941 bis 1945. In dieser Zeit kam es zu zahlreichen Massakern, Kriegsverbrechen und Gräueltaten an Zivilisten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Heute wird die Ustascha im Allgemeinen als faschistische Kriegsverbrecherorganisation angesehen.

Benito Amilcare Andrea Mussolini (1883-1945) war ein italienischer Politiker und späterer Diktator. Von 1922 bis 1943 war er Ministerpräsident des Königreiches Italien. Als „Führer des Faschismus“( Duce del Fascismo) und „Chef der Regierung“ (Capo del Governo) stand er ab 1925 in Italien an der Spitze des faschistischen Regimes.

Ezra Weston Loomis Pound (1885-1972) war ein amerikanischer Dichter und Vertreter der literarischen Moderne. Pounds Hauptwerk ist die Gedichtsammlung The Cantos. Er propagierte vor 1914 den Imagismus (bei dem Regeln von Rhetorik und Metrik keine Bedeutung mehr zugestanden werden) und den Vortizismus (dieser wendet sich zum Beispiel gegen realitätsnahe Darstellungen in der Kunst). Von 1924 bis 1945 lebte er in Italien und unterstützte den italienischen Faschismus.

Giulio Cesare Andrea „Julius“ Evola (1898-1974) war ein italienischer Kulturphilosoph, Kulturpessimist, Esoteriker und metaphysischer Rassentheoretiker. Seine Ideen beeinflussten die Neofaschisten und den rechtsextremen Untergrund in Italien, und in den 1980er Jahren die metapolitische gesamteuropäische Neue Rechte.

[3] Front National, im Juni 2018 in Rassemblement National (RN; dt.: Nationale Sammlungsbewegung) umbenannt, ist eine Partei in Frankreich. Sie gehört zum rechten bis rechtsextremen politischen Spektrum. Nach der Parlamentswahl im Juni 2017 ist die RN mit acht Sitzen in der französischen Nationalversammlung vertreten. Vorsitzende der Rassemblement National ist Marine Le Pen. Sie hatte ihren Vater, den Rechtsextremisten und Holocaustleugner Jean-Marie Le Pen 2011 an der Parteispitze abgelöst hat.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Valentin Grünn wurde erstmals im Oktober 2017 von unserem Kooperationspartner Pressenza veröffentlicht. Das Werk wurde von Neue Debatte übernommen. Links und Hinweise wurden aktualisiert und Fußnoten ergänzt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben. Update: Inaktiven Link entfernt am 21.07.2019).

Foto: Umberto Eco 1984 (Rob Bogaerts, Beeldbank Nationaal Archief; Lizenz CC0 1.0 Universell).

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Valentin Grünn (Jahrgang 1966) lebt im Schwarzwald. Er hat die geschäftige Lebensphase hinter sich gelassen und schreibt, um sich dem schwindenden Einfluss von Humanismus und der Menschlichkeit in der Gesellschaft entgegenzustellen. Seinen Frieden findet er in der Meditation und den Bergen beim Hüten von Vieh.

2 Comments

  • Die Liste der faschistischen „FÜHRER ist nicht komplett: Es fehlt Orban, Erdogan und den Chef der in Spanien neu gegründeten „VOX“, Mr. Adobal.

  • Natürlich kann sie nicht komplett sein. Eco hat das 1995 zusammengefasst! Da gab es Organ et al heutigen noch nicht an der Macht!

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