Generationen – Synergie statt Spaltung

Das, was seit langer Zeit nicht zu existieren schien, scheint sich jetzt als Erkenntnis durchzusetzen. Zum ersten Mal nach gefühlten Jahrzehnten meldet sich eine Jugend zu Wort, von der vorher angenommen wurde, sie interessiere sich für nichts und sei politisch einfach nicht zu motivieren.

Die Generationen

Mit ihren Demonstrationen und Kundgebungen unter dem Slogan Fridays for Future wurde bis in Regierungskreise plötzlich deutlich, dass es noch einen Faktor geben könnte, der in der Lage ist, zumindest den Ausgang von Wahlen zu beeinflussen.

Und prompt geschah das: Da kam so ein kleiner Influencer , der sonst für alles Mögliche im berühmten Netz warb, und schmetterte der CDU in einem ausführlich recherchierten Beitrag eine harte Linke an die Schläfe, sodass sie mächtig ins Taumeln geriet [1].

Die Reaktion der Partei sollte nicht dazu führen, was in der saturierten, dekadenten Weise so oft geschieht: nämlich sich über die Dummheit anderer totlachen, sich selbstgefällig auf die Schenkel schlagen und über sonst nichts nachdenken, geschweige denn etwas zu verändern. Denn, das sei angemerkt, Probleme gibt es genug in der Beziehung zwischen Jung und Alt.

Revolutionen und Kämpfe

Technologiehistorisch existiert wohl keine Generation wie die, über deren Schwerfälligkeit heute so gerne gelacht wird, die derartig viele technologische Revolutionen mit betrieben und verkraftet hat. Wer in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhundert ein junger Mensch war, kann den Digital Natives Geschichten von Organisation, Arbeit und allgemeiner Lebenspraxis erzählen, die sich deren Vorstellungskraft entziehen.

Es waren Zeiten, in denen die einfachen Dinge sehr mühevoll waren und in denen das soziale Bewusstsein voll ausgeprägt war. Vieles von dem, was heute gesellschaftlich als gegeben gilt, wurde zeitgleich mit den unzähligen technologischen Revolutionen hart erkämpft.

Besonders diese Generation ist es, die tief gespalten ist über die neue Jugendbewegung, die in erster Linie eine gegen die ökologische Ruinierung aller Lebensverhältnisse in den gesellschaftlichen Diskurs eingetreten ist. Und denen, die es eingeübt haben, über diese junge Generation wegen ihrer Sozialisation in Wohlstand und technisierter Welt zu spotten, sei gesagt, dass die Jungen instinktiv genau den Baustein identifiziert haben, an dem der ganze Wahnsinn des Wirtschaftsliberalismus im Zeichen der Globalisierung illustriert werden kann.

Noch ist alles Schein und Oberfläche, aber schon die ersten Restriktionen gegen den Protest werden zu einer Politisierung führen, die der Tiefe der Analyse nur guttun kann.

Wer jetzt über die zurückgebliebenen, ignoranten Alten oder über die wohlstandsverwahrlosten Jungen fabuliert, hat die Gunst der Stunde nicht begriffen oder arbeitet bereits zielgerichtet auf eine Spaltung hin, die nur den Kräften nutzen kann, die in ihrer grenzenlosen Verwertungsgier alles aufs Spiel setzen.

Falsche Freunde

Wichtig ist die Synergie! Wer weiß, dass ein politischer Kampf von knallharten Interessen auszugehen hat und die Notwendigkeit des organisierten Zusammenschlusses kennt, kann einen unschätzbaren Beitrag leisten. Und wer die virtuellen Pfade der zeitgenössischen Kommunikation beherrscht, kann das harte Argument der Straße in die globalen Kommunikationsnebel pushen.

Beides wird vonnöten sein, wenn es darum geht, einer bloßen Willensbekundung zählbares politisches Gewicht zu verleihen.

Und wer weiß, dass die ersten Profiteure und Protagonisten von Rebellionen zumeist sich sehr schnell als wenig hilfreich bei der Verstetigung der Veränderung erweisen, kann diejenigen, die bereits an einer neuen Vision von Arbeit und Gesellschaft arbeiten, in wunderbarer Weise unterstützen.

Bei allem, was immer auch in der Irritation zwischen Generationen steckt, sie sollten sich nicht spalten lassen. Wer daran jetzt arbeitet, ist kein Freund.


Quellen und Anmerkungen

[1] Rezo ja lol ey (18.05.2019): Die Zerstörung der CDU. Auf https://youtu.be/4Y1lZQsyuSQ (abgerufen am 02.06.2019).


Foto: Olu Famule (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 Comment

  • Wahrscheinlich ging es der Jugend zu gut, dass sie deshalb keine Veranlassung sahen, sich um Politik zu kümmern. Da es jetzt aber echt um ihre Zukunftdaussichten geht, haben sie versucht, Einfluss zu nehmen und siehe da, die Politiker reagieren darauf. Wir können nur hoffen, dass es sich dabei nicht um ein Strohfeuer handelt. Jetzt muss nur noch ein Aufstand gegen das Geldsystem erfolgen, dann ließen sich viele davon abhängige Probleme lösen.

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