Selektiver Mechanismus: Hongkong und die Gelbwesten

Nichts gegen eine Berichterstattung, die sich mit kritischen Situationen rund um den Erdball auseinandersetzt. Dazu gehören Berichte über Unruhen in Hongkong [1], wo Hunderttausende gegen eine mögliche Auslieferung von Delinquenten an die Volksrepublik China protestieren. Oder die Proteste in Weißrussland [2], wo es zu Zusammenstößen mit der Polizei kam. Oder die Krawalle im krisengeschüttelten Haiti [3].

Die frohe Botschaft

Wer sich für politische Entwicklungen in der Welt interessiert, sollte darüber informiert werden. Was bei den Berichten, die momentan ausgestrahlt werden, immer mitschwingt, ist der leicht erhobene Zeigefinger, der insinuiert, dass hier, im freien Westen, wie er einmal genannt wurde, dies alles unmöglich sei und, so die Botschaft, wir alle froh sein sollen, nicht dort leben zu müssen, wo es zu derartigen Konflikten kommt.

Brisant wird es, wenn die Wahrnehmung kritischer Situationen einem selektiven Mechanismus zum Opfer wird. Und einen solchen Fall haben wir zu konstatieren, wenn die Sprache auf das kommt, was unter dem Begriff der Gelbwestenproteste aus dem benachbarten Frankreich zu berichten wäre. Das findet aber nicht statt. Und wenn, dann sehr rudimentär. Meistens dann, wenn irgendwo etwas zu Bruch gekommen ist, das den Schluss zuließe, man habe es mit einem randalierenden Haufen zu tun, der die Gewalt an sich verherrlicht.

Dass das nicht der Fall ist, sehen jedoch alle Menschen, die sich mittlerweile ihre Informationen auch aus dem Netz holen. Dort ist zu sehen, dass in Frankreich seit Monaten ein Massenprotest zu verzeichnen ist, der sich an den strukturellen Veränderungen des Landes abarbeitet, wie sie in den letzten Jahrzehnten vollzogen wurden. Es sind Landkarten entstanden, auf denen zu sehen ist, dass tiefe Risse durch das Land gehen.

Die Gegensätze

Da gibt es einerseits die geleckten, modernen und komfortablen Zentren der Metropolen, in denen sich nur noch diejenigen aufhalten können, die über die notwendige Liquidität verfügen, um sich den Luxus der metropolitanen Globalisierung leisten können.

Großteile der Bevölkerung sind aus diesen Zentren verdrängt worden und leben an unterentwickelten Rändern, die unter dem Begriff der Banlieues figurieren. Deren Bewohner werden in regelmäßigen Abständen von der politischen Elite als Pack bezeichnet.

Und dann existieren noch die ländlichen Regionen, in denen es keine Krankenhäuser mehr gibt, wohin weder Busse noch Bahnen fahren und wo von Grundversorgung keine Rede mehr sein kann.

Selektiver Mechanismus

Die selbsternannten Qualitätsmedien verwenden darauf keine Mühen. Da sind Weißrussland und Hongkong interessanter, weil damit Ressentiments geschürt werden können. Da der böse Chinese, dort der böse Russe, die für die Konflikte verantwortlich gemacht werden können.

Wenn es jedoch um einen „Hoffnungsträger“ wie Emmanuel Macron geht, dann wird vieles verziehen. Zum Beispiel die Anwendung des Ausnahmezustands, der nach den Pariser Terroranschlägen verordnet wurde und der nun dazu benutzt wird, um die Proteste aus der eigenen Bevölkerung zu kriminalisieren.

Jedes Wochenende kommt es dort zu brutalen Übergriffen auf Demonstranten, Hunderte sind mittlerweile schwer verletzt, weil wie beim Hasenschießen mit Gummigeschossen herumgeblättert wird und viele sind für den Rest ihres Lebens beeinträchtigt.

Da schweigt des Sängers Höflichkeit, weil die Analogie der Politik, die zu all dem geführt hat, auf keinen Fall irgendjemanden in den Sinn kommen soll.

Zur frisierten Berichterstattung gesellt sich nun die selektive. Mechanismen, die bekannt sind aus dem Arsenal diktatorischer Öffentlichkeitsarbeit. Glaube nur niemand an den Regiepulten der Meinungsmache, es fiele keinem auf!


Quellen und Anmerkungen

[1] Zeit Online: Demonstrationen und Barrikaden. Auf https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-06/hongkong-massenprotest-demonstration-gewalt-auslieferungsgesetz-china-fs (abgerufen am 10.06.2019).

[2] Reporter ohne Grenzen: DOSB muss für Pressefreiheit eintreten. Auf https://www.reporter-ohne-grenzen.de/belarus/alle-meldungen/meldung/dosb-muss-fuer-pressefreiheit-eintreten (abgerufen am 10.06.2019; UPDATE [11.06.2019]: Fehlerhaften Link korrigiert).

[3] Euronews: Haiti – Krawalle gegen Korruption. Auf https://de.euronews.com/2019/06/10/haiti-krawalle-gegen-korruption (abgerufen am 10.06.2019).


Foto: Roman Kraft (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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5 Responses

  1. Claus Meyer sagt:

    Es wird immer mit zweierlei Maß gemessen. Es ist aber nicht einzusehen, dass dann diese Informationen als Mainstream verbreitet werden. Es scheint, als ob es in ganz Deutschland,vielleicht ja auch für Europa, nur einen Meinungsbildner gibt.

  2. Morgentau sagt:

    Der Unterschied zwischen „deren“ und „unseren“ Regimen besteht nur in der Fassadenfarbe, mit der die hässliche Fratze des totalitären Staates, spätestens vor jeder Wahlpropaganda, neu übertüncht wird.

    Besonders perfide wird es dann, wenn Florian Schröder und ein deregulierter Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (nun ING Diba-Bankberater), mit ihrem gemeinsamen „Kabarettprogramm“, ein Restpublikum mit leichtem Hang zur Systemkritik komplett lobotomisieren.
    Oder tausende dem Hofnarren Dieter Nuhr mit frenetischem Beifall ihrer eigenen Dekadenz zum Zenit verhelfen.
    Schöner kann man sich einen Sonnenuntergang nicht ausmalen…

    Übrigens, hier der funktionierende Link zu [2] Reporter ohne Grenzen: DOSB muss für Pressefreiheit eintreten:
    https://www.lifepr.de/inaktiv/reporter-ohne-grenzen-ev/DOSB-muss-bei-den-Europaspielen-in-Belarus-fuer-Pressefreiheit-eintreten/boxid/755154

  3. Detlef Wurst sagt:

    Ich habe alles was von den Gelbwesten zu lesen und zu sehen war gepostet mit Bemerkungen wie : ich weine mit euch, danke für euren Mut, was sagt die freie deutsche Presse, Armes Europa, usw.
    Jetzt wurde mir von FB mitgeteilt mein Account von der AFP eingesehen und kontrolliert wird. Seitdem bekommen Freunde keinerlei Mitteilungen mehr und Bilder werden auch nicht mehr angezeigt. Das meiste von den Gilet Jaunes ist von meinem FB Account verschwunden.
    Armes Europa…
    Detlef Wurst

  4. Horst Berndt sagt:

    Lieber Gerhard Mersmann, ich beobachte das Geschehen in Frankreich seit November 2018 sehr genau. Dein kurzer Artikel trifft es exakt und punktgenau.

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