Briefe zur Beförderung des Menschseins – Erster Brief: An uns alle!

Unsere Welt wird immer deutlicher von der allgemeinen Krise der kapitalistischen Wirtschaftsweise geprägt. In kurzer Zeit aufeinanderfolgend erscheint sie in vielen Varianten, in Wirtschafts- und Finanzkrisen, Staatskrisen, Strukturkrisen, humanitären Krisen, Terrorkrisen und so weiter, und so weiter, und so weiter.

Wir alle stehen vor der gewaltigen Herausforderung, das Leben in unserem Ökosystem Erde und unser menschliches Dasein in solidarischem Zusammenwirken vor dem Verfall zu bewahren.

Es ist an der Zeit zu fragen, was ist das Menschliche. Es ist an der Zeit, den Blick auf das uns allen nur einmal gegebene Dasein zu richten.

Man braucht nur die Nachrichten eines Tages im Zusammenhang zu betrachten, um festzustellen, dass unsere Gesellschaft einem Zustand immer näher kommt, in dem die einen nicht mehr so weiter machen wollen wie bisher und die anderen nicht mehr so weiter machen können.

Da aber zu viele der einen verunsichert, orientierungslos, angsterfüllt, hasserfüllt, gewalttätig oder desinteressiert sind, und in sozial schlimmen Verhältnissen leben, während die anderen mit der Macht des Geldes, mit Konsumterror, Medien-Manipulierung, ideologischer Indoktrination, Gewaltherrschaft, Kriegstreiberei, Bürokratie, Scheindemokratie und vielem mehr noch über starke Machtinstrumente verfügen, wird das Engagement derjenigen, die sich dieser Situation bewusst sind, immer wichtiger.

Die gegenwärtig größte Bedrohung unseres Daseins ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wie auch die des Ökosystems Erde.

Weder die Arroganz verantwortlicher Politiker oder Global Player noch eigene Interessen einzelner Staaten oder Wirtschaftsgemeinschaften sind die tiefgründigen Ursachen für den eskalierenden Verfall des Ökosystems und der unser Menschsein ausmachenden Werte.

Durch die kapitalistische Wirtschaftsweise wird alles Zwischenmenschliche auf Ware-Geld-Beziehungen reduziert. Deshalb ist hier nicht das Wohl der Menschen das Maß für die politischen Entscheidungen. Doch das Maß für politische Entscheidungen müsste selbstverständlich das Wohl aller Menschen sein und es darf keinesfalls dem geldwerten Vorteil der Finanzwirtschaft entsprechen!

Lassen wir uns das nicht mehr gefallen und sagen es wie Bertolt Brecht im Lied von der Einheitsfront:

„Und weil der Mensch auch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern. Er will unter sich keinen Sklaven sehn und über sich keinen Herrn.“

Uns Menschen ist vieles möglich, wir besitzen Hände zum Arbeiten und zum Streicheln, in unseren Hirnen können wir uns unserer Gefühle gewahr werden, wir können Erkanntes durchdenken und verstehen, unsere Gedanken austauschen und gemeinsam etwas unternehmen. Wir können verändernd wirken.

Ein Mensch kann und muss essen, trinken und atmen, er wächst und entwickelt sich zeitlebens. Auf Grundlage des genetischen Codes und des modifizierenden Einflusses seiner Umwelt wird er zum denkenden und schöpferischen Wesen. Er kann auf Umweltreize reagieren und sein Leben eigenwillig selbst gestalten. Wir Menschen müssen um unserer Selbsterhaltung willen vernehmen, verbrauchen und verändern. Wir können bezweifeln und begreifen, begehren und benutzen, beenden und bewahren.

Im gesellschaftlichen Für- Mit- und Voneinander streben wir nach Anerkennung, spielen um unser Glück und sind neugierig auf das Erleben des nächsten Tages.

Gleichgültig, mit welchen konkret individuellen Merkmalen Menschen ausgestattet sind, sie können in jedem Fall mittels Sinnesorganen Kontakt zur Umwelt aufnehmen. Alle haben sie die ererbten Fähigkeiten, sich im aufrechten Gang fortbewegen, mit ihren Mitmenschen ins Gespräch kommen und im Zusammenwirken von Händen und Hirnen, kreativ schaffend für sich sorgen zu können.

Wir Menschen, sowohl individuell als auch in Gesellschaft, können mit unseren Vorurteilen bewusst umgehen. Wir müssen auf dem Weg durchs Leben lernen und versuchen, zu erkennen, wo die akzeptablen Grenzen des Tolerierens anders denkender, anders fühlender und anders handelnder Menschen liegen, und dass es innerhalb dieser Toleranz in jedem Fall eine gemeinsame Basis geben muss, menschenwürdig miteinander umzugehen.

Jeder Mensch kann und muss sich bilden, sich das ihm gemäße, das von ihm nutzbringend zu bearbeitende zu Eigen machen und nach Vervollkommnung streben. Die Menschheit kann und muss sich, um überleben zu können, als unbedingt notwendigen Teil eines sich entwickelnden Weltganzen begreifen.

Die unser Menschsein ausmachenden Wesenszüge ermöglichen es uns, alles für unser Dasein Notwendige und alles Mögliche, das uns unsere Wirklichkeit zur Gestaltung eines erfüllten Lebens bietet, zu erkennen, und wir sind in der Lage, im zwischenmenschlichen Dialog zu sinnvollem Zusammenwirken zu gelangen.

Wir brauchen eine demokratische Grundordnung, die es allen ermöglicht, am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen und Entscheidungen zur Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflussen zu können.

Dazu möchte ich uns alle mit meinen „Briefen zur Beförderung des Menschseins“ aufrufen.

Frank Nöthlich


Foto: Lucrezia Carnelos (Unsplash.com)

 

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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1 Response

  1. Claus Meyer sagt:

    Die kapitalistische Wirtschaftsweise ist eindeutig das Ergebnis des heutige Geldsystems. Je länger dieses System ohne größere Störung andauert, desto stärker wirkt es sich auf das Miteinander im negativen Sinn aus. Die Macht des Kapitals ist so groß geworden, dass Proteste im Ansatz unterdrückt werden. Leider haben sich Regierungen so vom Kapital abhängig gemacht, dass von dort keine Änderung zu erwarten ist. Die Einschränkungen der Normalverbraucher sind noch nicht groß genug, um mit größeren Revolutionen zu rechnen. Die direkte Demokratie zusammen mit dem Vollgeldsystem und dem bedingungslosen Grundeinkiommen wäre der Weg zu einem sorgsamen Umgang mit Natur und Erde, das dringend in Angriff genommen werden muss.

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