Gesucht wird Jesus Christus – Realität, Politik und der Flirt mit Gott

Kennen Sie Klaus Günter Karl Nakszynski? Aber Sie kennen den Schauspieler Klaus Kinski? Diesen Rotblonden mit dem irren Blick und den Wutausbrüchen. Wenn Sie ihn kennen, haben Sie Nakszynski gefunden, der Klaus Kinski war [1]. Und dann kennen Sie vielleicht auch Jesus Christus Erlöser, ein Text, aus der Feder von Kinski. Das ist fast 50 Jahre her. In dem Manuskript geht es um Jesus, das Neue Testament, die Kirche, die Herrschaft, die Ordnung, das Establishment und die ganze Verlogenheit, die uns umgibt.

30 Schreibmaschinenseiten soll der Text lang sein, hat Kinski gesagt. Die wollte er in Berlin am 20. November 1971 in der Deutschlandhalle rezitieren; ohne Skript, aus dem Gedächtnis. Eineinhalb Stunden sollte die Performance dauern. Das hat Kinski am Ende auch geschafft. Es gab aber Probleme.

Was passierte damals in Berlin? Die Lust am Spektakel übermannte die Kunst. Ein paar Zuschauer unterbrachen Kinski mit beleidigenden Zwischenrufen. Kinski pöbelte zurück, beschimpfte das Publikum: „Scheiß Gesindel!“

Mehrfach verließ Kinski die Bühne. Die Veranstaltung wurde abgebrochen, ohne offiziell abgebrochen zu werden. Ein Eklat. Gegen Mitternacht kehrte Kinski noch einmal zurück. Vielleicht 100 Menschen hatten auf ihn gewartet. Kinski setzte zur Rezitation an, fühlte sich wieder gestört, unterbrach und begann erneut:

Gesucht wird Jesus Christus …
Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski, 20. November 1971

Was hat das alles mit der heutigen Politik zu tun, mag gefragt werden. Eine ganze Menge, ist die Antwort. Wer im Angesicht gesellschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Dauerkrisen auf den Beistand des Herrgotts setzt, der sollte alles machen, sich vielleicht mal auf eine Couch legen, aber sicher nicht in politischer Verantwortung sein. Sonst ist der globale Norden trotz Raketentechnik, Kernspaltung und Astrophysik ein Fall für das Fegefeuer auf Erden, wo sich Millionen Menschen in den sozialen Brennpunkten der Metropolen, irgendwo in Afrika, Asien oder Lateinamerika oder am Allerwertesten der Welt bereits befinden.

Je mehr Wissen der Menschheit zugänglich wird, desto mehr Menschen schlüpfen in die Rolle eines Giordano Bruno: Sie sehen, sie verstehen und sie begreifen langsam [2], welche Machtstrukturen den Weg ins weltliche Paradies versperren. Wie der Philosoph Bruno, der im 16. Jahrhundert erkannte, was er nicht erkennen durfte, weil er damit die Ohnmacht gegenüber der kirchlichen Macht überwand. Er sah die Unendlichkeit des Universums, in dem es weder Platz für ein göttliches Gericht gibt, noch für ein Jenseits.

Das Modell der gottgewollten Ordnung, aufgebaut auf Unterwürfigkeit gegenüber einem Etwas, der Zuschreibung von Sünde auf das fehlbare Subjekt und der Angst vor Verdammnis, war gefährdet. Die Inquisition verfolgte Bruno als Ketzer. Sicher nicht mit der Absicht, ihn zu ermorden. Die Schmutzarbeit erledigen andere in der Regel. Widerrufen sollte er. Doch wie soll jemand widerrufen, der Erkenntnis erlangt hat und Haltung besitzt? Diese Kombination stellte wiederum die weltliche Ordnung infrage. Denn wer erkennt, der erkennt auch die künstlich erzeugte Ungleichheit der Menschen.

Ich werde von der Polizei gesucht, weil ich in die Welt hinausschreie, dass die bestehende Ordnung untergehen wird. Eine Ordnung, in der Pfarrer Hostien verteilen an Soldaten, die in Vietnam Frauen mit ihren Kindern auf dem Arm abknallen.

Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski, 20.11.1971

Die Gerichtsbarkeit von Rom, ein Machtinstrument weltlicher Ordnung, sah die Gefahr für die eigene Position. Es sorgte für Rechtssicherheit und abschreckende Tatsachen. Sie verbrannte den erkennenden Giordano Bruno am 17. Februar 1600 auf dem Scheiterhaufen.

Die Inquisition war wieder am Zug. Brunos Schriften landeten auf dem Index Romanus, dem Verzeichnis der verbotenen Bücher, diesem Ausdruck höchster Zensur. Sie verblieben dort bis 1966. Der Russe Juri Gagarin hatte da mit dem Raumschiff Wostok 1 die Erde schon umrundet. Die Menschheit war real ins All vorgestoßen, aber noch weit entfernt von dem sich nie erschöpfenden Feld der Möglichkeiten, zu dem Giordano Bruno durch Nachdenken und mit Fantasie vorgedrungen war.

Unzählige Versuche, Wissenschaft und Erkenntnis mit psychischer und physischer Gewalt aufzuhalten, um die eigene Herrschaft abzusichern, sind gescheitert und müssen scheitern. Herrschaft will überdauern, sonst macht sie keinen Sinn, und muss deshalb Stabilität anstreben. Seine Strukturen, einseitig angelegt und unflexibel, verfestigen sich. Das System der Herrschaft wird zunehmend träge. Anpassung wird langfristig zur Unmöglichkeit.

Ich bin nicht der offizielle Kirchen-Jesus, der unter Polizisten, Bankiers, Richtern, Henkern, Offizieren, Kirchenbossen, Politikern und ähnlichen Vertretern der Macht geduldet wird.
Ich bin nicht euer Superstar, der seine Rolle am Kreuz für euch weiterspielt und dem ihr aufs Maul schlagt, wenn er aus der Rolle fällt. Und der euch deshalb nicht zurufen kann: Ich habe eure ganze Show und eure Rituale satt.
Euer Weihrauch ist mir ekelhaft. Er stinkt nach verbranntem Menschenfleisch.

Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski, 20.11.1971

Die Realitäten, die die Subjekte und die Gesellschaften einschließen, verhalten sich dagegen wie Quecksilber. Das Ganze, das soziale System Gesellschaft, ist empfindlich, es strebt auseinander. Gewalt versprengt es in kleinste Teilchen. Sie enteilen in alle Richtungen, ziehen Gefolgschaft und Legitimation aus dem alten System, das früher oder später in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus; außer, es erfolgt Anpassung.

Doch dies scheint für große Gesellschaftseinheiten, die von starren Systemen und ihren inneren Befehlsketten durchzogen sind, in einer sich selbst beschleunigenden und daher verselbstständigenden Wissensgesellschaft mit ihren Technologien ausgeschlossen.

Aber zurück ins Berlin des Jahres 1971. Der Text von Klaus Kinski entstand unter dem Eindruck des Vietnamkriegs, den Gräueln, den Toten, den Morden im Namen der Demokratie. Jesus Christus Erlöser ist wie eine Anklageschrift, die in den 1970er Jahren Gültigkeit besaß für jene Ordnung und ihre Protagonisten, die Indochina in ein Schlachthaus verwandelten.

Ebenso besitzt sie heute Gültigkeit für die Häscher von Julian Assange, die Erkenntnis zu verhindern versuchen. Sie besitzt Gültigkeit für die Drohnenmörder in Washington, die Waffenhändler in Berlin, den Tyrannen in Paris, die Folterknechte in Syrien, und überall für die Schreibtischtäter, die sich in ihren Amtsstuben hinter Paragrafen, Verordnungen und dem Mantra der Pflichterfüllung verbarrikadieren, oder hinter dem Namen des Volkes, so oder so bereit, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Ein Jesus Christus Erlöser kommt da wie gerufen.

Ich ertrage eure heiligen Feiern und Feste nicht länger. Ihr könnt soviel beten wie ihr wollt, ich höre nicht hin. Behaltet eure idiotischen Ehren und Preisungen, ich habe nichts damit zu schaffen. Ich will sie nicht.
Ich bin auch keine Stütze von Ruhe und Sicherheit.
Sicherheit, die ihr mit Tränengas erreicht und mit Gummiknüppeln. Ich bin auch keine Garantie für Gehorsam und Ordnung.
Ordnung und Gehorsam von Besserungsanstalten, Gefängnissen, Zuchthäusern, Irrenhäusern.
Ich bin der Ungehorsame, der Ruhelose, der in keinem Haus wohnt.

Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski, 20.11.1971

Die Bereitschaft des Menschen, sich persönlicher Schuld zu entledigen, indem Verantwortung an jene übertragen wird, die herrschen und beherrschen, oder Verantwortung auf ein Etwas transformiert wird, von dem niemand weiß, ob es dieses Etwas gibt, das in den Weiten des Universums mit binokularen Teleskopen und Erkundungssatelliten bisher nicht zu finden war, ist Ausdruck anhaltender Unmündigkeit. Die wird gepflegt.

Dem Subjekt wird in Theologie, Politik und Recht Autonomie zugestanden, um diese sodann einzuschränken und somit Verantwortung vom Subjekt ins Nichts zu delegieren, durch eine Hilfskonstruktion aus Sünde und Buße: Was für eine Farce.

Die Befreiung von der Schuld, verschoben in der modernen Gesellschaft vom Konstrukt Etwas auf das Ding Recht und den Götzen Technik, lässt die persönliche Verantwortlichkeit endgültig ins Dunkel rücken; niemand ist wirklich verantwortlich im juristischen Hokuspokus, dieser neuen Ersatzreligion, die das Regieren ohne Regierung ermöglicht und sich wie Mehltau über die Gesellschaften legt. Technik sagt an, welche Entscheidung die beste ist, welcher Kalorienverbrauch gerade ansteht, was gelesen werden sollte, wer welchen ökonomischen Wert, wer welchen Preis erzielt: Technokratie und Technologie rücken an die Stelle von Mitgefühl und Sensibilität.

Der Soziologe Zygmunt Bauman (1925-2017) beschrieb diesen Vorgang mit dem Begriff Adiaphorisierung. Er drückte damit aus, dass Technologien den Menschen moralisch gleichgültig machen, ihn sodann abstumpfen und letztlich desensibilisieren.

Alles wird verdinglicht, alles wird verrechtlicht, alles wird Recht. Rauchen und Trinken in der Öffentlichkeit, Essen in der U-Bahn, die Krümmung von Gemüse, Tiere, die in Käfigen vegetieren, die Menschen, denen der Strom abgedreht oder die Wohnung genommen wird oder Regionen, die im Hagel von Bomben in Schutt und Asche versinken. Dies alles ist politisch Notwendig oder vom Recht gedeckt oder von Gott gewollt: je nach dem, welcher Macht noch Gehör geschenkt wird.

Gesucht wird Jesus Christus.
Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen,
Verschwörung gegen die Staatsgewalt.
Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen.
Angeblicher Beruf: Arbeiter.
Nationalität: Unbekannt.
Decknamen: Menschensohn, Friedensbringer, Licht der Welt, Erlöser.

Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski in der Deutschlandhalle, 20.11.1971

Fern aller informellen Werte und Normen, die eine Gesellschaft zusammenhalten, wird objektives Unrecht, zu Recht erklärt. Der Lebensretter findet sich auf der Anklagebank wieder, angeklagt von jenen, die andere im kalten Nass ertrinken lassen.

Da wird dem Kapitän des Rettungsschiffs Sea-Watch „Begünstigung illegaler Migration“ vorgeworfen und Pia Klemp, die Kapitänin der Schiffe Luventa und Sea-Watch 3, die unzählige Menschen aus dem Mittelmeer fischte, soll sich wegen Beihilfe zu illegaler Einwanderung verantworten. Die Ursachen für Flucht, Krieg, Landraub und Vertreibung im Namen des Profits, sitzen nicht auf der Anklagebank, wohl aber Humanismus und Menschenrechte.

Solche und ähnliche Konstruktionen beruhigen die Nerven der passiven Zaungäste. Das Gewissen der Täter wird gereinigt durch die Überreichung von Orden und Friedenspreisen und die Fälschung der Geschichtsbücher.

Die Zeiten haben sich geändert, die Herren gewechselt, die Methoden blieben gleich: Ihre Seelen werden in der Gegenwart weiß gespült in den Parlamenten, in den heiligen Hallen der Hochfinanz und hier und dort durch einen flüchtigen Kniefall in einer Kirche, den Tempeln der alten Macht, inklusive lobender Sätze für das Etwas und den Tanz im Klingelbeutel. Der Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris im April 2019 legt davon Zeugnis ab – ein Fanal für die tief reichende Spaltung der französischen Gesellschaft und den unaufhaltsamen Wandel.

Der Gesuchte ist ohne festen Wohnsitz.
Er hat keine reichen Freunde und hält sich meist in ärmlichen Wohngegenden auf.
Seine Umgebung sind Gotteslästerer, Staatenlose, Zigeuner, Prostituierte, Waisenkinder, Kriminelle, Revolutionäre, ...

Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski in der Deutschlandhalle, 20.11.1971

Der Ablasshandel blüht wie zu Luthers Zeiten, nur die Bezahlung hat sich geändert. Die Absolution wird erteilt gegen Aufmerksamkeit, die härteste Währung in der Kommunikationsgesellschaft. Da wird das Gebet angestimmt, um Realpolitikern zu huldigen, die die Gesellschaften an den Abgrund führen – und für die soll ein Gott einspringen? Hätte man Giordano Bruno nicht zu Asche verbrannt, er würde sich im Grabe umdrehen.

Der Gesuchte gehört nicht der Gesellschaft an. Keiner Partei.
Auch nicht der Partei der Christen. Keiner Kirche.
Auf Parteitagen und Versammlungen findet man ihn nicht. Parolen und Programme sind ihm ein Gräuel.
Er ist weder Protestant noch Katholik noch Neger noch Jude noch Kommunist. Er trägt nie Uniform.
Der Gesuchte betreibt Sabotage an unseren Gesetzen und an unserer Ordnung.
Er predigt die Gleichheit und Freiheit aller Menschen und muss als gefährlicher Anführer bezeichnet werden.
Zweckdienliche Angaben, die zu seiner Festnahme führen, nimmt jede Polizeistation entgegen.

Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski in der Deutschlandhalle, 20.11.1971

Verbleiben wir in der Realität. Wer Wahrheit sucht, ist verdächtig, wer sie ausspricht, der gerät ins Visier der Macht. Wer ihr zu nahe kommt, der wird verfolgt mit den Mitteln des Apparats, wird medial gerichtet, eingekerkert wie Chelsea Manning [3], umgebracht wie Jamal Khashoggi [4] oder endet wie Gary Stephen Webb [5] als Leiche mit zwei Einschüssen im Kopf. Offizielles Ermittlungsergebnis: Suizid.

Die Anbiederung an die Macht schützt vermeidlich, zumindest für den Augenblick. Treffen Macht und Macht zusammen, Religion und Politik, liegt die Formel der anhaltenden Verschwörung sichtbar auf dem Tisch: Halt du sie dumm, ich halt sie arm!

Ich bin auch keine Garantie für Erfolg, Sparbücher und Besitz. Ich bin der Obdachlose, ohne festen Wohnsitz, der immer und überall Unruhe stiftet. Ich bin der Aufwiegler, der Aufrufer, der Aufschrei. Ich bin der Hippie, Gammler, Black Power, Jesus People. Ich will die Gefangenen befreien. Ich will die Blinden unter euch sehend machen. Ich will die Gequälten erlösen. Ich will die Liebe in eure Herzen werfen. Die Liebe, die über alles Bestehende hinausgreift.

Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski, 20.11.1971

Ein Vergleich zwischen dem zur Raserei neigenden Künstler Klaus Kinski und politischen Kunstprodukten wie zum Beispiel Barack Obama, Donald Trump oder Sebastian Kurz verbietet sich aus vielerlei Gründen. An einer Stelle kreuzen sich ihre Personalien dennoch: Keiner von ihnen war oder ist ein Erlöser, alle sind Vorboten der Hölle.

Bei Kinski können die Töchter befragt werden, bei Obama [6] die Hinterbliebenen der Drohnenmorde und die Verkrüppelten, bei Trump die bis zum Hals im Elend steckenden und die unterdrückte schwarze Bevölkerung, bei „Basti, Superstar“ die Ersaufenden im Mittelmeer eventuell.

Dass sich die Abteilung Politik bei dieser Expertise auf die Suche nach Erlösung und göttlicher Nähe begibt, überrascht wenig. Obama wählte die Klagemauer in Jerusalem und eine Zettel, um Weisheit zu finden, Donald Trump ließ sich (medial bedeutsam abgelichtet) von einem Pastor beim Gebet im Oval Office die Hand auflegen [7] und Sebastian Kurz wählte jüngst den Weg auf die Bühne beim Awakening Europe in Wien, um den Schäfchen vom lieben Gott nahe zu sein [8].

Sicher, jeder göttliche Move hat Berechnung. Bei Obama und Trump ist die Nähe zu Gott ein Must-have. Eine in bedeutenden Teilen calvinistisch geprägte christliche Gesellschaft, die materiellen Erfolg als Gottes Bestätigung für die korrekte Lebensführung ansieht, würde keinen Präsidenten im Amt dulden, dem der Heilige Geist den Buckel runter rutschen kann.

Sebastian Kurz muss sich ums Tagesgeschäft kümmern. Nach dem Fiasko der Ibiza-Affäre und seiner Demontage per Misstrauensvotum gilt es für Österreichs Ex-Kanzler, Stimmen aus jeder Ecke zu kratzen für die Neuwahlen im September. Da ist der Berufspolitiker nicht zimperlich. Da gibt es keinen Gedanken, Staat und Religion streng zu trennen, die Realitäten und Sachfragen vor dem Aberglauben zu retten.

Kurz, erst im Mai aus seinem Amt entfernt, empfing die Worte des australischen Predigers Ben Fitzgerald und nahm, der Welt befremdlich entrückt, ein Bad im stillen Massengebet einer evangelischen Gruppierung, die sich in maßloser Selbstüberschätzung als Nachfolger Gottes sieht.

Fitzgerald stellte für Kurz den kurzen Draht zu Gott her: „Vater, wir danken dir so sehr für diesen Mann. Für die Weisheit, die du ihm gegeben hast. (…)“ Die Verquickung von Religion und Politik auf einer Showbühne: Das ist gelebter christlicher Fundamentalismus im 21. Jahrhundert.

Ich will lebendige Menschen aus Euch machen. Unsterbliche. Jesus Christus Erlöser: Klaus Kinski in der Deutschlandhalle, 20. November 1971

Was haben die politischen Wirrungen und Irrungen mit dem Bühnenstück Kinskis zu tun? Löste Kinski lediglich Tumulte im Publikum aus, was die Gazetten füllte, sorgen die Charaktermasken, die dem organisatorischen Überbau ihre Gesichter leihen, für den Zerfall der Gesellschaften. Sie sind die Totengräber sozialer Verantwortung, die als Bande auf eine von Werten befreite Zivilisation den Sargdeckel knallt. Da hilft kein Gott mehr, kein Gebet, da bedarf es weltlicher Jesus Christus Erlöser mit dem Mut zur gesellschaftlichen Totalerneuerung … Eine künstlich auf Heiligkeit aufgepeppte Klimaaktivistin ist damit ausdrücklich nicht gemeint.

Klaus Kinski, Jesus Christus Erlöser komplett. (Quelle: YouTube/Ironleafs)

Quellen und Anmerkungen

[1] Klaus Kinski, eigentlich Klaus Günter Karl Nakszynski (1926-1991), war ein deutscher Schauspieler, der international durch seine Rollen in Edgar-Wallace-Filmen und Italowestern bekannt wurde. Kinski war auf die Darstellung psychopathischer und getriebener Figuren spezialisiert. Künstlerisch sticht seine Zusammenarbeit mit Regisseur Werner Herzog hervor. Herausragend sind die Filme Nosferatu – Phantom der Nacht, Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarraldo. Jesus Christus Erlöser ist eine von Kinski verfasste Rezitation. Sie wurde 1971 in Berlin-West uraufgeführt. Ein Großteil des Textes ist aus dem Neuen Testament übernommen. Behandelt werden das Establishment, Kirchen, Parteien und der Krieg in Vietnam. Der Vortrag beginnt mit den Worten: „Gesucht wird Jesus Christus.“ Pola Kinski beschreibt im ihrem 2013 erschienenen Buch Kindermund, wie ihr Vater sie von ihrem 5. bis 19. Lebensjahr sexuell missbrauchte. 

[2] Giordano Bruno (1548-1600) war ein italienischer Priester, Dichter, Philosoph und Astronom. Seine Naturphilosophie folgend erkannte eine Unendlichkeit des Weltalls und schlussfolgerte, dass es auch unendlich viele Lebewesen auf anderen Planeten im Universum gibt. Er wurde durch die Inquisition der Ketzerei und Magie für schuldig befunden, vom Gouverneur von Rom zum Tode verurteilt und am 17. Februar 1600 von der weltlichen Gewalt auf dem Scheiterhaufen ermordet. Erst 400 Jahre nach dem Verbrechen, am 12. März 2000, erklärte Papst Johannes Paul II. die Hinrichtung sei auch aus kirchlicher Sicht als Unrecht zu betrachten.

[3] Chelsea Elizabeth Manning (Jahrgang 1987) ist eine US-amerikanische Whistleblowerin. Sie war Angehörige der US-Streitkräfte und als IT-Spezialistin tätig. Manning wurde im Mai 2010 unter dem Verdacht verhaftet, Videos und Dokumente kopiert und der Website WikiLeaks zugespielt zu haben. Im Sommer 2013 wurde sie nach einem Teilgeständnis zu einer Freiheitsstrafe von 35 Jahren verurteilt. Durch eine Intervention von US-Präsident Barack Obama wurde Manning ein Großteil der Strafe erlassen. Am 17. Mai 2017 wurde sie freigelassen. Am 8. März 2019 ordnete ein Richter Beugehaft für Manning an. Sie hatte sich geweigert, vor einer Grand Jury zu Wikileaks auszusagen. Mannig befand sich mehrere Wochen in Isolationshaft. Am 16. Mai wurde sie wegen Missachtung des Gerichts wieder inhaftiert. Mit einer Geldstrafe von 500 Dollar pro Tag, nach 60 Tagen 1000 Dollar pro Tag, wollte man ihre Aussage erzwingen. Manning erklärte, sie würde eher verhungern, als ihre Meinung zu ändern.

[4] Jamal Ahmad Khashoggi (1958-2018) war ein saudi-arabischer Journalist. Er lebte seit Sommer 2017 in den USA und war unter anderem Kolumnist der Washington Post. Seit 2. Oktober 2018 galt er als vermisst. Er hatte das Konsulat von Saudi-Arabien in Istanbul betreten und nicht wieder verlassen. Saudi-Arabien gestand etwas mehr zwei Wochen nach dem Verschwinden ein, das Khashoggis an jenem Tag ermordet wurde. Die Leiche blieb verschwunden. Der mutmaßlich verantwortliche für Mord ist nach Einschätzung des US-Senats der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. Einem Gericht wurde er bis heute nicht überstellt.

[5] Gary Stephen Webb (1955-2004) war ein US-amerikanischer Investigativjournalist. 1990 gewann er mit einem Team der San Jose Mercury News für eine Reportage über das Loma-Prieta-Erdbeben in der San Francisco Bay Area 1989 den Pulitzer-Preis. Webb wurde 1996  international bekannt durch seine Artikelserie Dark Alliance. Darin skizzierte und dokumentierte er umfangreich die Verbindungen des US-amerikanischen Auslandsgeheimdiensts CIA zum organisierten Drogenhandel. Große US-Medien führten eine Kampagne gegen Webb, der in der Folge seinen Job bei der San Jose Mercury News aufgab und beruflich nie wieder Fuß fassen konnte. Im Dezember 2004 wurde seine Leiche gefunden. Sein Kopf wies zwei Einschüsse auf. Offiziell wurde der Tod als Suizid deklariert.

[6] Barack Hussein Obama II (Jahrgang 1961) ist ein US-amerikanischer Politiker der Demokratischen Partei. Von 2009 bis 2017 war er der 44. Präsident der Vereinigten Staaten. Am 10. Dezember 2009 wurde Obama der Friedensnobelpreis verliehen. Obama führte die von seinem Vorgänger George W. Bush – dessen Administration hatte nach den mutmaßlichen Anschlägen vom 11. September 2001 den War on Terror (Krieg gegen den Terror) proklamiert – begonnenen Drohnenangriffe in vor allem Afghanistan und Pakistan fort. Mutmaßliche Terroristen wurde mit Hilfe von unbemannten Drohnen im Grenzgebiet beider Staaten aufgespürt und völkerrechtswidrig ermordet. Für seine Handlungen musste sich Barack Obama bis heute vor keinem Gericht verantworten.

[7] Die Welt online (13.07.2017): Gebet im Oval Office – Pastor legt Trump die Hand auf. Auf https://www.welt.de/politik/ausland/article166594384/Gebet-im-Oval-Office-Pastor-legt-Trump-die-Hand-auf.html (abgerufen am 18.06.2019).

[8] Sebastian Kurz (Jahrgang 1986) ist ein österreichischer Politiker der ÖVP (Österreichische Volkspartei). Er war vom 18. Dezember 2017 bis zum 28. Mai 2019 Bundeskanzler der Republik Österreich. Die Bundesregierung Kurz bildete eine Koalition mit der FPÖ. Nach der Ibiza-Affäre wurde die Zusammenarbeit mit der FPÖ beendet. Wenige Tage danach, am 27. Mai 2019, wurde Kurz durch ein Misstrauensvotum des Nationalrates das Vertrauen entzogen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen enthob einen Tag nach dem Misstrauensvotum Sebastian Kurz des Amtes. Bei der kommenden Nationalratswahl, die im September 2019 stattfinden soll, will Kurz als Spitzenkandidat der ÖVP antreten. Im Juni 2019 nahm Kurz in Wien an der Veranstaltung „Awakening Europe“ teil. Die etwa 10.000 Besucher des religiösen Events wurden vom australische Missionar Ben Fitzgerald, der ein Gebet für Sebastian Kurz sprach, aufgefordert, auch in Zukunft für Kurz zu beten.


Foto: Mubariz Mehdizadeh (Unsplash.com)

Gunther Sosna studierte Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaften in Kiel und Hamburg, und arbeitete im Bereich Kommunikation, Werbung und als Journalist für Tageszeitungen und Magazine. Er lebte über zehn Jahre im europäischen Ausland und war international in der Pressearbeit und Werbung tätig. Er ist Initiator von Neue Debatte. Regelmäßig schreibt er über soziologische Themen, Militarisierung und gesellschaftlichen Wandel. Außerdem führt er Interviews mit Aktivisten, Politikern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus allen Milieus und sozialen Schichten zu aktuellen Fragestellungen.

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1 Response

  1. Gut das hier in den Fokus zu rücken – denn schließlich geht es darum, den Finger auf sich selbst zu richten, in den eigenen Fokus zu kommen, der nämlich im Herzen liegt.
    Nur ist „Herz“ ein Wort, dessen Begriff den meisten Menschen eben so fremd ist, wie jener Gesuchte.

    Nur wer sich ein Herz fassen kann, ist überhaupt für Wandel und Veränderung bereit – so wie die Leben von Jesus und Buddha, und viele andere auch, gleichsam selbst Symbole der Wanderschaft sind.

    Wer die Feste – und die findet sich eben ausschließlich im Herz – NICHT in sich selbst findet, braucht sie im Außen. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Macht (=Kontrolle) – oder Unterwerfung (das ewige Kind bleiben, welches sich von den „Strukturen“ der Macht bedienen läßt und diese somit haben will).

    Hervorragendes Bild ist die Kreuzigung Jesu: das Volk plädiert dafür, den „echten Verbrecher“ Barabbas freizulassen !!!

    Der geneigte Leser möge sich hier einmal die Frage stellen: warum das Volk sich so entschied und lieber „den eigenen Erlöser“ sterben lassen wollte …

    Wer das erkennt, erkennt damit auch die Ursache für das heute existierende Machtsystem und warum wirkliche Rettungsaktionen von der Allgemeinheit entweder ignoriert, denunziert oder sonstwie „gekreuzigt“ werden …

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