30 Jahre Übereinkommen über die Rechte des Kindes: Flucht und neue Familie

Im November 1989 wurde von den Vereinten Nationen das Übereinkommen über die Rechte des Kindes verkündet. Aus Anlass des 30-jährigen Bestehens beschreiben und erklären wir in einer Beitragsserie die wesentlichen Inhalte dieser Völkerrechtskonvention für die Lebensspanne der Kindheit eines jeden Menschen.

Dies ist dringend nötig, denn die Rechte der Kinder werden auch in unserem Lande von allen Regierungen und Parlamenten weiterhin missachtet und täglich millionenfach verletzt. Dies kann sich nur ändern, wenn diese Rechte Allgemeingut werden und ihre Gewährleistung von uns allen mit Nachdruck eingefordert wird.

In unserem sechsten Beitrag geht es um eine Trennung von den Eltern, eine neue Familie sowie die Rechte eines Kindes als Flüchtling …

Trennung (Artikel 9)

Kein Kind darf gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt werden. Die Trennung eines Kindes von seinen Eltern oder einem Elternteil kann beiden Seiten großes Leid zufügen und einem Kind sein Selbstwertgefühl nehmen, ja seine Seele erkranken lassen. Also niemals eine Trennung, unter keinen Umständen?

Nein, denn es gibt nicht nur Eltern, die ihre Kinder lieben und alles für sie tun.

Es gibt auch Eltern oder Elternteile, die ihre Kinder nicht lieben und ihrer Verantwortung und ihren Pflichten nicht nachkommen können oder wollen. Eltern, bei denen sich die eigene Liebes- und Bindungsfähigkeit durch widrige Lebensumstände nicht ausbilden konnte, oder bei denen sie durch schreckliche Erlebnisse oder Schicksalsschläge, durch Krankheiten oder Abhängigkeiten von Alkohol, Drogen oder Computerspielen abhanden kam.

Es gibt Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, misshandeln und missbrauchen. Es ist furchtbar und „die Hölle auf Erden“ für Kinder, bei bösen Eltern aufwachsen und leben zu müssen.

In solchen Fällen kann nicht nur, hier muss zum Wohl des Kindes sofort eine Trennung von seinem Übeltäter und/oder seiner Übeltäterin erfolgen und das Kind in Sicherheit sein.

Im weiteren ist bei einer Trennung aber allen Beteiligten Gelegenheit zu geben, am Verfahren teilzunehmen und ihre Meinung zu äußern. Dabei muss das Kind die Umgebung, in der es sich wohl fühlen und entwickeln kann, mit entscheiden, in Streitfällen als letzte Instanz bestimmen. Über seinen Kopf hinweg oder gegen seinen Willen darf keine Entscheidung getroffen werden.

Damit dies nicht passieren kann, braucht ein Kind für seinen Schutz und sein Wohl eine professionelle, wenn nötig eigene anwaltliche Unterstützung, welche gegenüber Eltern, Jugendämtern und Gerichten ausschließlich für das Wohl des Kindes eintritt und nur dessen Interessen vertritt.

Dasselbe gilt, wenn die Beziehung der Eltern scheitert und deshalb eine Trennung der Elternteile ansteht.

Kein Kind darf bei einer Trennung seiner Eltern – falls diese nicht in gegenseitigem Einverständnis und Respekt erfolgt – in die Auseinandersetzungen von zerstrittenen Elternteilen hineingeraten und ein „Spielball“ derer Interessen sein.

Nach einer Trennung muss dann aber nicht nur das Recht beider Elternteile, sondern im Besonderen auch das Recht des Kindes, regelmäßige persönliche Beziehungen und unmittelbare Kontakte zu beiden Elternteilen zu pflegen, soweit dies nicht dem Wohl des Kindes widerspricht ermöglicht und verwirklicht werden.

Bei einer Trennung müssen der Schutz, das Wohl, die Interessen und die Meinung des Kindes ausschlaggebend und entscheidend sein, auch wenn eine neue Familie und Umgebung anstehen sollte …

Eine neue Familie (Artikel 20 und 21)

Gunther Moll und Benjamin Moll
Gunther und Benjamin Moll (re.) setzen sich für die Rechte der Kinder ein. (Foto: privat)

Ein Kind, das zu seinem Wohl vorübergehend oder dauernd aus seiner familiären Umgebung herausgelöst werden muss, hat Anspruch auf den besonderen Schutz und Beistand des Staates.

Bei tragischen oder bösen Bedingungen hat sich dieser selbst zu übertreffen. Er muss mit seinen Institutionen an erster Stelle eine neue Familie für das Kind finden und sein Wohlergehen in dieser sicherstellen – neue Eltern für eine Adoption (auch hier gewährleistet der Staat, dass dem Wohl des Kindes bei der Adoption die höchste Bedeutung zugemessen wird) oder eine Pflegefamilie. Dabei benötigt ein Kinder nicht nur eine Betreuung, sondern die besten Lebens- und Entwicklungsbedingungen in der neuen Familie, oft auch zum Nachholen von Sicherheit und Geborgenheit.

Erst wenn dies nicht zu verwirklichen ist, kommt die Unterbringung in einer geeigneten Kinderbetreuungseinrichtung in Frage – geeignet für das Wohlergehen und die Entwicklung des Kindes.

Dabei ist zu beachten, dass Kinder keine „Sache“ sind. Sie dürfen nicht einfach nur untergebracht oder aufbewahrt werden wie ein Gegenstand. Ein Kinder kann höchstens wie ein junger Baum „umgepflanzt“ werden, zu festen, verlässlichen Personen, mit jeder Unterstützung, bester Anregung und sicherstem Halt.

Dazu muss die finanzielle und personelle Ausstattung der Jugendhilfe und aller ihrer Einrichtungen reichlich sein – und nicht nur gerade ausreichend zum „Verwalten“ der Kinder –, damit diese ihre Aufgaben und Pflichten stellvertretend für den Staat in größtmöglichem Umfang zum Wohl eines jeden Kindes erfüllen können.

Dass diese Mittel in unserem Staat so unzureichend sind, ist eines seiner großen „Armutszeugnisse“.

Ein Kind kann aber nicht nur seine familiäre Umgebung, sondern darüber hinaus auch seine Heimat und sein Land verlieren …

Flüchtling (Artikel 22)

Nicht nur Erwachsene, auch schon Kinder allen Alters können auf der Flucht sein, mit und ohne ihre Eltern. Hierbei sind sie – wie in allen anderen Bereichen – mit denselben Rechten wie Erwachsene ausgestattet.

Deshalb triff der Staat geeignete Maßnahmen, um sicherzustellen, dass ein Kind, das die Rechtsstellung eines Flüchtlings begehrt, angemessenen Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung seiner Rechte erhält.

Dabei spielt es keine Rolle, ob sich ein Kind in Begleitung seiner Eltern oder einer anderen Person befindet oder nicht.

Es reicht aber nicht aus, ein Flüchtlingskind zu schützen und ihm zu helfen. Es sind zudem die Eltern oder andere Familienangehörige eines Flüchtlingskinds ausfindig zu machen mit dem Ziel, die für eine Familienzusammenführung notwendigen Informationen zu erlangen.

Dies ist das wichtigste Ziel, die Zusammenführung mit seiner Familie. Denn ein jedes Kind, auch ein jedes Flüchtlingskind, hat das Recht, in seiner Familie aufzuwachsen!

Wenn dies nicht gelingt, muss einem Flüchtlingskind derselbe Schutz wie jedem anderen Kind gewährt werden, das aus irgendeinem Grund dauernd oder vorübergehend aus seiner familiären Umgebung herausgelöst ist.

Die Bedrohungen, Tragödien und Katastrophen in ihrem Heimatland sowie die Belastungen und Ängste auf der Flucht können tiefe Wunden in der Psyche dieser Kinder hinterlassen. Krieg, Terror, Verfolgung und Gewalt können bei vielen ihre Gesundheit nicht nur beeinträchtigt, sondern sogar schon weitgehend zerstört haben. Deshalb bedarf es auch hier der bestmöglichen medizinischen (insbesondere auch kinder- und jugendpsychiatrischen) Versorgung …

Ausblick

Die nächsten Inhalte unserer Serie werden die Sicherheit von Körper und Psyche sowie das Recht auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit sein …


Weitere Teile der Serie

Link zu Teil 1: Die Vorgeschichte

Link zu Teil 2: Die Präambel

Link zu Teil 3: Prinzipien und Wohlergehen

Link zu Teil 4: Mittel und Umfang

Link zu Teil 5: Eltern und Verantwortung

Link zu Teil 7: Sicherheit und Gesundheit

Link zu Teil 8: Mitbestimmung und Freiheit

Link zu Teil 9: Schule, Bildung, Leben


Foto: Sandy Millar (Unsplash.com)

Berater und Buchautor

Benjamin Moll ist aktuell Berater bei einer der weltweit führenden Unternehmensberatungen. In seiner Projektarbeit fokussiert er sich primär auf die Bereiche Social Impact und Nachhaltigkeit. Im August diesen Jahres beginnt er seinen Master of Business Administration an der Columbia University in New York. Gemeinsam mit seinem Vater veröffentlichte er 2012 im Papeto Verlag das Buch „DieKinderwagenRevolution“ und 2016 „Der Umbruch: Wie Kinder, Eltern und Großeltern unser Land veränderten“.

1 Comment

  • Danke für diesen Artikel. Wo ich zusammengezuckt bin, war die anwaltliche Vertretung des Kindes. Sind hier nicht nicht besser z.B. KindergärtnerInnen geeignet, Menschen, die sich mit Psychologie und Soziologie auskennen? Am besten würde ich sogar die Einbeziehung der Familien der Eltern finden, denn die haben oft eine emotionale Beziehung zu den verwandten Kindern.

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