Linda Moulhem Arous – Call of Duty und Syrien


Wie einige vielleicht wissen, kommt mein Vater aus Syrien. Einen nicht all zu unbedeutenden Teil meiner Kindheit verbrachte ich dort. Meine Kindheitserinnerungen: Sommer, Sonne, Strand, Meer, Frieden, Sicherheit und gutes Essen. Als der Krieg [1] begann, war es uns zu riskant und wir warteten bis 2018, um unsere andere Heimat wieder zu besuchen.

Call of Duty

Ich war zwei Mal 2018 in Syrien und habe ähnliche Assoziationen – Sommer, Sonne, Strand, Urlaub, das ganze Paket. Jedoch dieses Mal mit einem bitteren Nachgeschmack. Ich habe viel Leid gesehen: Waisenkinder, Kriegsverletzte, kaputte Häuser. Auch wenn der Krieg fast vorbei ist, sind es zu viele Opfer, um über dieses Thema in der Vergangenheit zu sprechen oder daraus etwas Unterhaltsames zu machen.

Den Entwicklern von Call of Duty war das egal. Ich dachte, ich gucke nicht richtig, aber diesen Herbst kommt die neue Version von Call of Duty raus, welche sich tatsächlich in Syrien abspielt. Es ist falsch einen Krieg, wo tatsächlich noch Menschen sterben, als Schauplatz zu wählen und dann auch noch auf solch eine wertende Art und Weise. Videospiele, ob nun Call of Duty oder ein anderes, sollten nicht für politische Propaganda missbraucht werden.

Noch etwas …

Ich würde sagen, dass ich durch meinen russisch-syrischen Hintergrund einen anderen Blick auf die Welt und die Geschehnisse habe. Meine Intention ist es, Menschen eine linke Alternative zu bieten, ob sie diese annehmen, ist ihnen überlassen. Aber sobald mir nur eine Person wirklich zuhört, habe ich mein Ziel erreicht.


Zum Hintergrund

Call of Duty ist eine Computerspielreihe des US-Unternehmens Activision Publishing Ltd., sie wird dem Genre der Ego-Shooter zugeordnet. Der Spieler übernimmt in Call of Duty in der Regel die Rolle eines Soldaten, der in einem erfundenen oder historischen Kriegsszenario verschiedene Ziele erfüllen muss. Der erste Titel der Reihe wurde im Herbst 2003 veröffentlicht und spielt im Zweiten Weltkrieg. Call of Duty: Modern Warfare soll Ende Oktober 2019 erscheinen. Die neuen Schlachtfelder sind der Nahe Osten und Städte in Europa. In der englischen Beschreibung eines Werbetrailers steht:

„(…) Call of Duty: Modern Warfare verschiebt Grenzen und bricht Regeln, wie es nur die moderne Kriegsführung kann. Die Spieler werden atemberaubende verdeckte Operationen mit einer Vielzahl von internationalen Spezialeinheiten in legendären europäischen Städten und Regionen des Mittleren Ostens durchführen.“

„(…) Call of Duty: Modern Warfare pushes boundaries and breaks rules the way only Modern Warfare can. Players will engage in breathtaking covert operations alongside a diverse cast of international special forces throughout iconic European cities and volatile expanses of the Middle East.“


Quellen und Anmerkungen

[1] Im Zusammenhang mit dem sogenannten Arabischen Frühling kam es Anfang 2011 zu Protesten gegen die syrische Regierung um Präsident Baschar Hafiz al-Assad. Die Regierung ging gewaltsam gegen die Oppositionellen vor. Die Proteste weiteten sich aus und gingen in einen Bürgerkrieg über, an dem sich unterschiedliche bewaffnete Gruppierungen beteiligten. Je länger der Konflikt andauerte, desto stärker wurde die Einmischung internationaler Mächte.

Außerdem beteiligten sich immer mehr ausländische Freiwillige und Söldner am Bürgerkrieg. Die Demokratisierung Syriens, ursprünglich Motivation und Ziel der Opposition, ging verloren. Der Bürgerkrieg wurde mehr und mehr geprägt durch den Kampf aus religiösen und ethnischen Gründen. Der Konflikt, in dem die Truppen der syrischen Regierung durch ausländische Unterstützung die Oberhand gewinnen konnten, ist nicht beendet. Der Regierung werden Menschenrechtsverletzungen, Folter und Kriegsverbrechen vorgeworfen. Die Zahl der Kriegstoten wird je nach Quelle mit etwa 430.000 bis 500.000 benannt. Genaue Zahlen liegen nicht vor.

Laut einem Bericht des UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees; Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) aus dem Juli 2015 flüchteten etwa 7,6 Millionen Menschen innerhalb Syriens, weitere über 4 Millionen Menschen flüchteten ins Ausland. Der Bericht ist auf www.unhcr.org/559d67d46.html verfügbar (abgerufen am 26.06.2019).

Der Syrische Zivilschutz (White Helmets bzw. Weißhelme) soll eine private Zivilschutzorganisation von Freiwilligen und bezahlten Helfern sein. Seit 2013 sind die Weißhelme in den nicht von der Regierung kontrollierten Teilen Syriens aktiv. Westliche Regierungen beteiligten sich an der Finanzierung und Förderung.

In russischen Medien wurde den Weißhelmen unterstellt, sie hätten Rettungsvideos manipuliert und würden mit islamistischen Terroristen zusammenarbeiten. Der russischen Seite wurde vorgeworfen, eine Desinformationskampagne zu führen. Mehr Informationen u.a. in dem SRF Beitrag „Die Weisshelme in Syrien – Retter oder Terroristen?“ auf https://www.srf.ch/news/international/die-weisshelme-in-syrien-retter-oder-terroristen (abgerufen am 26.06.2019).


Symbolfoto und Video: Sarah Kilian (Unsplash.com) und Linda Moulhem Arous

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