Hubert

Hubert spazierte durch die Tür, gemütlich und locker wie jeden Tag. Er sah sich um und warf seine Tasche auf den nächstgelegenen Sessel. Er räusperte sich und wartete ein wenig. Nachdem nichts passierte, lief eine leichte Röte über sein Gesicht.

„Vielleicht haben sie nicht gehört, dass ich schon da bin“, dachte er und räusperte sich wieder, er krächzte sogar.
Eine junge Frau mit erschrockenem Gesicht steckte ihren Kopf durch die Türspalte:
„Guten Tag!“ sagte sie und rannte dann zum Kühlschrank, um eine grüne Flasche Mineralwasser zu holen. Sie schenkte ein und bot dem leicht kahlen Mann das Glas.

Hubert trank ein wenig von dem erfrischenden Getränk, richtete sich auf und schritt weiter. Seine Schuhe hatten so weiche Sohlen, dass man ihn nie hören konnte. So tauchte er in der Firma immer unerwartet auf. Durch einen schmalen Gang erreichte er die Treppen, die zu seinem Arbeitszimmer führten. Er ging langsam die Stufen hoch. Am Anfang noch etwas träge, in der Mitte locker, dann plötzlich hüpfte er immer höher und höher. Er dachte an Karin, die jederzeit hätte auftauchen können. Das Mädchen erschien in diesem Moment wirklich, aber aus der anderen Richtung, von links.

„Herr Kretsch, die heutigen Anrufe“, sagte sie in einem eigenartig gurrenden Ton. Sie richtete ihren himmelblauen Blick auf den Mann und wartete schüchtern, ratlos. Sie wechselte von einem Bein auf das andere, während der Mann überlegte.
„Legen Sie sie auf meinen Tisch!“ schnauzte sie der Chef an. „Die wichtigsten?“
„Firma Vedron schickt morgen Proben, zwei verschiedene Erdsorten.“
„Welche?“
„Das weiß ich nicht. Wir müssen sie auf Schadstoffbelastung überprüfen.“
„Wie immer.“
„Ja, wie immer.“
„Die Mutter Erde“, sagte der Mann während seine Blicke die Ferne suchten.
„Ja, Herr Chef.“
„Weiter“, befahl Hubert und setzte sich in einen bequemen Sessel, mit dem man sich drehen konnte. Den Sessel hatte er in einem Warenhaus persönlich ausgesucht. Er war silberfarben und hatte die Form einer Muschel.
„Der Thissu ruft am Nachmittag nochmals an, Huk überlegt noch, Puk kommt nächste Woche vorbei“, las Karin aus ihren Notizen auf.
„Sehr hübsch“, sagte Hubert „ich meine, Bingo.“
„Bingo?“
„Ja, Bingo. Gibt es noch etwas?“
„Ja, die Frau vom Dritten.“
„Die mit dem Kinderwagen?“
„Ja, mit dem Roller.“
„Was will sie?“
„Sie beschwert sich wieder.“
„Die da drüben? Mit dem Fahrrad?“
„Ja, die da drüben, dass wir zu laut sind. Sie hat schon die Hausverwaltung angerufen.“
„Und?“
„Die Hausverwaltung hat uns angerufen, dass wir die Geräte leiser schalten müssen.“
„Hm, ich erledige das. Ich mache das sofort. Sie gehen mir auf die Nerven.“
Hubert trat zum Telefon, lockerte seine Krawatte über seinem nassen Hemd. Draußen strahlte die Sonne. Der Mann räusperte und krächzte sogar, bevor er anfing:
„Hallo Hausverwaltung? Hier Hubert und Hubert Umweltschutztechnologie, die Umwelt für die Umwelt, Umweltlabor.“
„Ja, bitte.“
„Hier Hubert und Hubert Logistik. Verstehen Sie mich?“
„Ja, ich verstehe“, antwortete eine ruhige Frauenstimme, „bitte“.
„Ich habe gehört, dass es wieder Beschwerden gab. Eine gewisse Bewohnerin mit Katze wegen Lärm.“ Hubert hob sein Haupt, seine Augen suchten Karin. Das Mädchen hörte dem Gespräch aufmerksam zu, was Hubert sofort veranlasste, noch lauter zu sprechen: „Was ist wieder los?“
„Lieber Herr Kretsch“, sagte die Frau von der Hausverwaltung, „ich bitte Sie, schalten Sie ihre Geräte leiser, die Geräte, für die Sie über gar keine Genehmigung verfügen, und die Lüftungseinrichtungen und die Kühlmaschinen, weil es mehrere Beschwerden über Lärmbelästigung gab. Tagsüber können die Einwohner des Hauses die Fenster nicht aufmachen, es ist ihnen so zu warm.“
Hubert krächzte so laut, dass die Frau das Telefon von ihren Ohren fernhalten musste.
“Schauen Sie!“ fing Hubert an, „ich zahle jetzt 5000 Euro. So viel zahlt im Haus niemand.
Wer hat hier bitte was zu sagen?“ Hier überreichte er das Telefon an Karin, die wiederholte „Wer hat hier was zu sagen?“ und legte dann den schnurlosen Hörer auf.

Der Gebäudekomplex im Hof war nicht sehr attraktiv. Aber Hubert mochte ihn. Es erinnerte an eine industrielle Werkzeugkammer auf etwa 300 qm. Der Mann verliebte sich vor etwa zehn Jahren sofort in den eigenartigen Bau und mietete ihn für sein Labor an. „Eigenartiger Bau“, dachte er.

Gegenüber dieser Einrichtung war das schöne Haus aus der Jahrhundertwende. Die zwei Gebäude hatten einen gemeinsamen Hof, wo die Leute zusammen kamen, wenn sie ihre Fahrräder abstellten oder ihre Müllsäcke wegwarfen. Das Labor und das Haus lagen in der Wiener Innenstadt. Als die Firma immer größer wurde, verwendeten sie immer mehr Strom und Hubert, der mit der Zeit seine Haare verlor und ein wenig übergewichtig wurde, kaufte einen gebrauchten Generator. Ab nun bedeckte Lärm, Krach und Dröhnen die ganze Umgebung. Die Lehrlinge im Labor beschwerten sich über Kopfschmerzen, ein Mitarbeiter klagte über Zuckungen im Gesicht, eine Ingenieurin hatte einen eingezwickten Nerv im Nacken und ein Teil der Bewohner zog aus dem Haus.

„Was stellen sich diese Leute eigentlich vor?“ fragte Hubert wütend. „Kapitalismus ja, Wachstum und Geschäft natürlich. Ich erbringe Leistung und diese hier…“, hier zeigte er auf das Haus und seine Umgebung, „beschweren sich wegen nichts und wieder nichts. Sie schreiben Briefe, sie telefonieren, sie bewegen alles gegen mich. Kurz, sie halten mich auf und hindern mich an der Arbeit.“

Er wischte am Satzende den Schweiß von der Stirn. „Karin, ist es so?“ Das Mädchen ist inzwischen hinausgegangen, aber den Text kannte sie schon von früher, so antwortete sie aus der Küche: „Jawohl, Herr Kretsch, es ist genau so, wie Sie sagen.“

Einige Minuten später läutete das Telefon, dessen Seelöwenton Hubert im Schönbrunner Tiergarten selbst aufnahm. Er war vorigen Sommer einen halben Tag damit beschäftigt.

„Hallo! Hier Umwelt für Sie“, sagte Hubert. Im Hörer ertönte die Stimme von Frau Scholten von der Hausverwaltung, sie war etwas energischer als sonst: „Lieber Herr Kretsch, ich nehme ihr Angebot an. Aber achten Sie auf die Bewohner! Wir sind doch alle Menschen. Leben und leben lassen, das ist mein Motto. Und wichtig ist der Frieden. Frieden, Frieden und noch ein Mal Frieden.“
„Ja Frau Scholten, Frieden auf jeden Fall und Wiederhören.“

Hubert lehnte sich zufrieden zurück. Drehte sich mit dem silberfarbigen Sessel und brummte zufrieden. Dann klingelte er Karin herein, die im Zimmer nebenan Kaffee kochte und Mineralwasser vorbereitete. Hubert hatte eine Handglocke und eine elektrische mit Knopf. Er bestellte Kaffee und Mineralwasser, dann schaltete er die Lüftung im Hof lauter und fing an, mit großer Genugtuung seinen kahlen Kopf zu kratzen. Plötzlich sprang er auf und lief die Treppen runter.

Karin wartete inzwischen oben. Es war schon 17 Uhr vorbei, dann 18 Uhr. Sie zeichnete alle Telefonanrufe auf und erneuerte ihre Schminke. „Azur wie das Blaue des Meeres, Azur wie das Blaue des Himmels über dem Meer“, sagte sie leise und dachte an das Mittelmeer in Italien, wo voriges Jahr Hubert den Sommer verbrachte. Alleine, mit dem großen Strohhut auf dem Kopf. Den Hut hatte Karin ausgesucht und er schickte ihr ein Foto mit Grüßen auf der Rückseite. Auf dem Bild saß er unter einem sehr großen Schirm. Überall waren Schirme, wie im Wald die Bäume standen sie nebeneinander. Hubert hatte eine Sonnenbrille auf und im Hintergrund sah man das blaue Wasser und über dem Wasser den Himmel. Sie öffnete das Fenster.

Der Lärm betäubte ihr Ohr, ihre Schläfen pulsierten und sie hatte das Gefühl, dass ihre Schminke knisterte vom Dröhnen der Lüftungsgeräte und vom Rattern des Generators. Sie schlug das Fenster zu und ging los, um ihren Chef zu suchen.
Im Treppenhaus beschwerte sich ein Lehrling wegen des Lärms, er hätte heute unerträgliche Kopfschmerzen.

„Schäme dich!“, antwortete die Sekretärin. „In deinem Alter habe ich so was nicht einmal bemerkt. Der Chef will es so, verstehst, Lärm, damit das Ganze eine Dinamik hat oder irgendwie so.“

Ein Mädchen aus dem Labor schloss sich ihm an: „Seit dem der Generator da ist, sind die Vögel weggezogen, verwelken die Pflanzen, dichtes Dröhnen überall.“
„Versteh‘ doch “, sagte Karin, die ebenfalls sehr jung war, „das muss aber so sein“.

Sie drehte sich um und ging die Treppen runter, um Hubert zu suchen, der sie manchmal mit seinem Auto nach Hause fuhr.
Aber Hubert war nirgendwo.
„Er ging ohne mich, sagte nicht mal wiedersehen“, dachte sie besorgt und ging in Richtung Maschinenraum, um alles abzuschalten.
„Aber doch nicht“, blieb sie plötzlich stehen, „erst wenn Hubert es sagt. Ich darf allein doch nicht entscheiden, wann der Generator abgeschaltet werden darf. Erst, wenn er das sagt.“

So ging sie wieder hinaus, die Treppen hoch ins Büro und wartete. Um 19 Uhr war sie schon sehr ungeduldig und um 20 Uhr ging sie doch runter nachzuschauen, wo Hubert sei. Sie ging die anderen, die schmalen Treppen runter, es war dunkel hier und sie war schon fast unten angekommen, als sie plötzlich über einen weichen Sack stolperte. Am Beschlag fiel Licht ein und so sah sie, dass Hubert einfach da lag, vor ihren Füßen, mit verrenktem Hals und Beinen, wie eine leblose Stoffpuppe. Am schmerzverzehrten Gesicht sah man, dass er um Hilfe gerufen hatte, anscheinend ohne Erfolg. Unter seinem Körper war ein Stück abgebrochener Teil der Treppe.

„Oh Himmel!“ kreischte Karin, aber das hörte auch niemand, weil der Generator alles übertönte, was in diesem Hof gesagt oder geschrien wurde. Als man die junge Frau fand, war schon Mitternacht. Die Rettung konnte Hubert nicht mehr wach kriegen, er wurde ins Spital eingeliefert. Mittwoch sind Journalisten gekommen sowie ein Kamerateam von dem Umwelt-TV Sender „Greenscreen“.

„So hat er uns verlassen!“ klagte Karin in der Sendung. Als sie das Fernsehteam am Donnerstag im Labor herumführte, musste man den Generator kurz ausschalten, weil die Techniker es anders nicht schafften, das Tonmaterial des Interviews zu sichern. „Er hat mich verlassen, das Labor und den Umweltschutz“, wiederholte Karin noch öfters an diesem Tag. Von der Bezirkszeitung sind auch zwei Herren gekommen und eine junge Aktivistin von einer NGO. Karin schluchzte reichlich, das Interview für Greenscreen ist besonders gut gelungen und ging am Donnerstag auf Sendung.

Noch an diesem Abend übernahm Huberts Sohn Hubertus die Firma und sie hatten keinen ausgefallenen Tag. Hubert wurde am Freitag in der Mittagspause begraben. Die ganze Firma war anwesend. Karin hielt eine schöne Rede, die von Hubertus geschrieben wurde.

Bis 14 Uhr waren schon alle wieder am Platz und die Produktion konnte fortgesetzt werden. Hubertus drehte sich mit dem Sessel, rieb sich die Hände und schaute aus dem Fenster auf den staubigen Hof hinunter. Karin überquerte gerade den Hof und goss die einzige Blume, die noch lebte. Die Szene faszinierte Hubertus so sehr, dass er am nächsten Tag um ihre Hand anhielt. Karin war entzückt und sagte Ja. Das Jahr schlossen sie mit riesigem Gewinn schon im August ab und schmissen die letzte Blume, die inzwischen im Hof verendet war, hinaus. Anfang September fuhren sie dann an den Wörtersee. Hubertus hatte dort ein Haus geerbt. Am Ufer stellten sie fünf Schirme nebeneinander. Sie blieben drei Tage.

„Ich will nach Hause“, sagte Hubertus an einem schönen Sonntagvormittag, „muss wissen, was los ist.“
Sie schossen einige Bilder und machten sich auf den Weg nach Wien, um die Produktion zu überwachen.
Der Himmel glänzte Azur über dem See und Karin nahm Abschied von den Schirmen.
„Oh Gott!“, schrie sie plötzlich auf, „Schau mal Hubertus!“ Der junge Ehemann drehte sich um und trat mit einem Ruck nach hinten, während ein tierischer Schrei aus seinem Hals hervorbrach.
„Grüß Gott!“, sagte ein Mann mit riesigem Strohhut, er nickte und hob die große Kopfbedeckung höflich an.
Während Hubertus und Karin wie versteinert warteten, schritt der Mann mit dem Strohhut davon.
Am Abend sahen ihn Augenzeugen am Flughafen. Er hatte einen eleganten weißen Anzug an und besorgte Tickets nach Libyen.
„War er das?“, fragte Hubertus. „Das war er“, antwortete Karin.
„Wen haben wir dann begraben?“
„Was weiß ich.“
Der Mann mit dem weißen Anzug stieg in die Maschine ein und setzte sich auf seinen Platz. Neben ihm saß ein junger Mann aus Wien, der ihm gerne zuhörte.
„Wie kam es, dass sie im Krankenhaus die Verwechslung nicht bemerkten?“, fragte der junge Mann.
„Rechneten fix damit, dass ich nicht mehr aufwachte und das Personal war heuer besonders knapp.“
„Und dann?“
„Dann dachte ich: schau Hubert, das ist eine einmalige Gelegenheit – und fuhr am nächsten Tag mit meiner neuen Identität, die man mir im Krankenhaus verpasste, zum Wörthersee, noch einmal den Himmel zu bewundern, den See zu bestaunen und damit vom nahe gelegenen Flughafen für längere Zeit von der geliebten Heimat Abschied zu nehmen.“
„Sie sind sehr poetisch“, sagte der junge Mann.

„Ich habe große Pläne“, antwortete Hubert. „Das größte Umweltlabor in Nordafrika, das werde ich aufbauen“, sagte er zum jungen Mann. Dann lehnte er sich zurück, schloss die Augen und in diesem Moment hörte er schon, wie die Generatoren viel lauter, als das Meer je rauschen konnte, dröhnten und die Maschinen ohrenbetäubend ratterten.


Foto: Andrew Teoh (Unsplash.com)

Politikwissenschaftlerin und Germanistin

Eva Horvath-Bentz (Jahrgang 1965) stammt aus Ungarn. Nach der Matura (Abitur) war sie an einer Budapester Sprachschule beschäftigt und unterrichtete Deutsch. 1989 ging sie nach Wien und studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Gleichzeitig arbeitete sie in einem Hort als Erzieherin und leitete Ungarischkurse an der Volkshochschule Hietzing. 2008 schloss sie das Studium ab und ist seitdem freiberuflich tätig.

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