It’s all about Image: Bob Dylan und sein Chief Commander

Zwischen dem 5. und 10. Juli 2019 wird Bob Dylan, oder jemand, der ihm ähnlich sieht, noch fünf deutsche Städte mit einem sehr kompakten 20-Song-Set würdigen.

Ein Blick zurück nach Verona, wo am 27. April 2018 in jener poesieerfüllten Arena Dylan & Band als Zugabe „Blowing in the wind“ spielten; also jenen Song, der ihn 1962 berühmt machte und den er seither 1259-Mal live spielte.

Der damals 77-jährige spindeldürre Wuschelkopf aus dem ukrainischen Milieu von Minnesota krähte und keuchte, hackte auf sein Klavier ein und stemmte sich gegen die Apokalypse als wäre die Bühne ein Upperdeck bei Windstärke 13. „How many years can a mountain exist, before it’s washed to the sea?“

Tatsächlich erinnerte er in diesen Momenten an eine andere mythische Gestalt, jenen als glücklich verklärten Sisyphos, der seit Ewigkeiten schon den verfluchten Steinbrocken auf den Berg nahe Korinth hochhievt und gefragt, ob es nicht frustrierend sei, wenn der immer wieder ins Tal rollt, auf altgriechisch antwortet: „Ich habe keine Wahl, weil das ist eben mein Destiny Thing.“

Tell me why!

Wenn man mit einer Frau bei einem Dylan-Abend war, werden oft danach jene Fragen gestellt, die sich ein Mann nicht zu stellen traut. „Warum lacht der nie? Wieso sagt er nicht mal Hallo oder Tschüss? Warum kommt da nichts zu Bush oder Trump? Und wieso tritt der alte Sack überhaupt noch auf, wenn es ihm offensichtlich null Spaß macht? Geld genug hat er doch. Sag mir bitte, warum macht der das, Jahr für Jahr, Tag für Tag, quer über den Globus, tell me why!“

„Darf ich mal wissen bitte, Bob, warum tun Sie sich das an?“, fragte ihn im Jahre 2004 Ed Bradley in der CBS-Sendung „60-Minutes.“

„Nun ja, es geht zurück zu einem, sagen wir mal Destiny Thing. Ich machte einen Deal und es ist eine Ewigkeit her. Und an den halte ich mich. Und zwar bis an mein Ende.“

„Um was ging es genau bei diesem Deal?“

„Um dahin zu gelangen, zu sein, wo ich heute bin.“

„Darf ich fragen, mit wem Sie denn damals verhandelt haben?“

„Mit dem Chief Commander.“

„Ach nee. Und in welcher Welt ist der tätig?

„In dieser Welt, aber auch in jener, die wir nicht sehen können.“

Dylan sagte das ziemlich nachdenklich, ohne den üblichen Hochmut und die Verachtung für das journalistische Fußvolk und man gewann den Eindruck, dass er sich mit jenem Deal oder Pakt eine Last aufgebürdet hatte, deren Gewicht gewaltig unterschätzt wurde. Es ist an der Zeit, sich diese Sache mit etwas Andacht zu betrachten.

Bob Dylan, Robert Johnson und der Chief Commander

Ende 1961 trampte der Abiturient aus dem North Country Richtung New York und selbst diese bescheidene Ortsveränderung kommt im späteren Schilderungen nicht ohne dylaneske Spiralen aus: „Ich hatte keine Ziele und keine Ambitionen. Ich machte mich auf, den Ort zu finden, den ich verlassen hatte. Ich wusste nicht, wo er war, aber ich war auf dem Weg dorthin.“

Auf diesem Weg aus Staub, Tankstellen und Spelunken kreuzen sich zwei mächtige Adern: die Highways 49 und 61, nahe Clarksdale, im Coahoma County mitten im Mississippi-Delta. Und genau hier, ein paar Minuten vor Mitternacht, setzte sich der 20-jährige Hobo mit seiner Wandergitarre auf eine Bank und erwartete das Erscheinen eines Botschafters.

Um das nachzuvollziehen, müssen wir nochmals 40 Jahre zurückreisen, also ins Jahr 1921, wo auf der derselben Bank ein Mann namens Robert Leroy Johnson im fahlen Mondlicht saß.

Schlag zwölf, so betont die Legende, trat aus dem schwülen Nichts ein Fremder vor in einem langen schwarzen Mantel und den Hut tief in die Stirn gezogen. Er streichelte über die Johnsons Gitarre, begann Saite für Saite zu stimmen, spielte mit flinken Fingern ein magisches Blues-Riff, übergab dem Jungspund das frisch beseelte Instrument, verbeugte sich und sagte leise: „Ich habe viele Namen, aber du weißt, wer ich bin. Geh jetzt deiner Wege!“

Johnson stieß einen langgezogenen klagenden Heulton aus uralten afrikanischen Voodoozeiten aus. Tage später frappierte der bis dahin talentlose Barmusikant die Gäste mit noch nie gehörten Intros, wildem Speed, virtuoser Intensität, lakonischen wie brillanten Texten und all dem, was die Seele des Blues ausmacht. Als Keith Richards zum ersten Mal Johnsons Crossroads-Platte aufgelegt hatte, wollte er wissen, wer denn der zweite Gitarrist sei.

In seinen Songs kam er immer wieder auf das Crossroads-Mysterium zurück, auf jene Nacht, die ihm die Seele raubte und dafür Höllenhunde auf den Hals hetzte, die ihn bis tief in die Träume quälten. Sie jagten ihn durch Städte, Betten und die Kneipen des Südens, in den Hades aus Heroin und Schnaps, bis er – so sagt die Legende – von einem eifersüchtigen Ehemann vergiftet wurde und im Alter von 27 Jahren den Betrieb einstellte. 27, damit war er die Nummer 1 im Club der Frühvollendeten. Zurück zu Dylan.

Die Hero’s Journey des Jahrhunderts

Gerade wir in Deutschland pflegen ein sonderbar-nostalgisches Dylan-Bild – reduziert auf die Sechziger und den Jungen mit der Mundharmonika und Lagerfeuergitarre. Martin Walser charakterisierte ihn als „herumirrenden Israeliten“. Man traut ihm zu, dass er die Nächte auf den Kuppeln rasender Güterzüge verbringt, die Tage in billigen Bars und den Rest in Kiffer-WG’s mit hennaroten Landmädchen.

Aus dieser Zeit rührt sein Ruf her als Gallionsfigur der Gegenkultur, einsamer Barde des Friedens und Kämpfer gegen Imperialismus, Diktatur, Heuchelei. Er dient der „We shall Overcome“-Bewegung, dem Love&Peace-Hippietum und einem neupaulinischen Messianismus des Lichts. Und so glaubt man ihm das natürlich gerne, wenn er eines Morgens verkatert Richtung New York trampt mit einem Dollar in der Jacke und dem Wunsch, sich ganz alleine durchzukämpfen, bis man ihm endlich den Literaturnobelpreis zugesteht. Das ist der Stoff für die grandioseste Hero’s Journey des Jahrhunderts.

Im Zuge dieser romantischen Story schlucken wir auch sein mystisch-mysteriöses Destiny&Crossroad-Happening mit jener Entität, die ihm die Saiten stimmte, die Leviten las und den weiteren Weg ebnete.

Die erste Station führte den Nobody in ein New Yorker Edelhospital, vorbei an der Rezeption, hoch im Lift, alle Fluraufsichten ignorierend und direkt ins Zimmer des Folksuperstars Woody Guthrie, der dort im Dämmerlicht liegt, unheilbar an der Huntington-Krankheit leidend. Dylan singt Guthrie mit einer künstlichen Nasalstimme kurz mal dessen Lieder vor und erhält seinen Ritterschlag. So einfach kann das Leben sein, vor allem, wenn man Märchen liebt.

Am folgenden April gibt Dylan dem großen John Lee Hooker eine Art Privatkonzert. Ansonsten tritt er in den Folkbars im Village auf, wo es freien Eintritt gibt und manchmal kaum sieben Gäste herum sitzen.

Das kommerzielle Potenzial der Folkszene

Pächter dieser Bars ist Albert Bernard Grossmann, der 1962 Dylans Manager wird, ein gemütlich wirkender Barracuda, der sich als Freund der neuen Linken ausgibt und früh erkannt hat, welches kommerzielle Potential in dieser Folkszene und ihrer Vernetzung in der Bürgerrechtsbewegung liegt.

Grossmann ist bei Columbia ein wichtiger Mann. Er setzt seinen Edel-Streetworker John Henry Hammond auf den seltsamen jungen Mann an, der nicht singen kann, elendiglich Gitarre spielt, aber das gewisse Etwas zu haben scheint. Im Jahre 1962 geht es eigentlich bei Columbia darum, Musiker wie Pete Seeger, Aretha Franklin, Leonard Cohen, Paul Simon und Janis Joplin langfristig an das Label zu binden.

Noch erstaunlicher ist es, dass Ende 1961 eine große Besprechung Dylans in der New York Times abgedruckt wird, also über einen „complete unknown“, einen College-Jungen aus Minnesota, der noch kein einziges eigenes Lied im Kasten hat.

Der Interviewer ist Robert Shelton alias Robert Shapiro, Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie, zu diesem Zeitpunkt der führende Musikjournalist der USA und enger Vertrauter der Columbia-Krake, sprich ein nebenberuflicher PR-Autor. Die New York Times, bei der Shelton im Brot war, ist im Besitz des Sulzberger-Clans, nebenbei die Gründer der NY Stock Exchange. Es ist keine Verschwörungstheorie, dass die NYT ab 1950 komplett vom CIA kontrolliert sind. Nebenbei: die Musikbars im Village, die von Grossmann gepachtet wurden, waren alle im Besitz von Charlie Rothschild. Vier im roten Kreis, sozusagen.

Das Netzwerk

Gegen alle Proteste und Zweifel im eigenen Haus hält Hammond Bob Dylan am 25. Oktober einen prächtig dotierten 5-Jahresvertrag unter die Nase, ein Vorgang, der vor allem Paul Simon und Lenny Cohen erschütterte. Insider sind sich sicher, dass der Refrain im Lied „The Boxer“, also das lay, lay, lay ein lie, lie, lie ist, ein dezenter Vorwurf der Lügerei und Heuchelei in der 7. Avenue, dem Sitz von Columbia.

Rowland Scherman - U.S. National Archives and Records Administration; Bob Dylan mit Joan Baez March on Washington for Jobs and Freedom, 28. August 1963; Public Domain

Bob Dylan mit Joan Baez beim „March on Washington for Jobs and Freedom“ am 28. August 1963. (Foto: Rowland Scherman, US National Archives; Public Domain)

Hammond produzierte auf die Schnelle das Debutalbum „Bob Dylan“, das zunächst auf keinerlei Resonanz stieß, außer der Tatsache, dass sich das „Blowing in the wind“ 1963 als Plagiat des Studenten Lorre Wyatt erwies (die Behauptung des Plagiats entpuppte sich erst später als unwahr [1]). Das erzeugte heftige Wogen, die aber dadurch geglättet wurden, dass Grossmann dem armen Poeten ein sorgenfreies Leben zusagte.

Kurz ein paar Worte zu Hammond, der sich das Image eines musikbegeisterten Freaks gab: locker, cool und voller Verachtung für Kapital und Profitgier. Sein Großvater war General im Bürgerkrieg und sein Vater US-Botschafter in Madrid. Seine Mutter hieß Emily Vanderbilt Sloane und damit sind wir mitten in einem Netzwerk aus unermesslichem Reichtum, Politik, Militär, Hollywood, Entertainment und den Geheimdiensten angekommen.

Die Vanderbilts sind natürlich eng mit den Rockefellers verbunden, bei denen Dylans Vater Abraham in Hibbing angestellt ist auf mittlerer Managementebene bei Standard Oil. Von wegen Hillbilly, Hobo, Halbwaise….

Machen wir es kurz: Wer sich ein wenig auskennt in dieser gnadenlosen Verwertungsindustrie der USA, weiß, dass Blitzkarrieren wie jene Dylans nur dank mächtiger Kräfte und eingeweihten Regisseuren möglich sind. Aus dem schüchternen und halbblinden Landei wurde in Rekordtempo ein egomanischer Genius gezaubert, der Rimbaud und Brecht zitierte, Dante und die Johannes-Apokalypse, ohne diese Stoffe bis dato gelesen zu haben, wie dies Suze Rotola, seine große Lebensliebe erzählen sollte.

Er selbst schilderte das im Rückblick auf sich selbst so: „Ich weiß nicht, wie ich zu diesen Liedern kam, ich habe nicht die geringste Ahnung. Sie entstanden auf magische Art und Weise. Als ob sie schon da gewesen wären …“

Die Monopolisierung des Bob Dylan

Während Dylan an seinem zweiten Album arbeitete, kümmerte sich Shelton um die Monopolisierung des Shooting Stars. Für die kommenden 20 Jahre dirigierte er im Hintergrund die Presse- und PR-Arbeit und den systematischen Aufbau des Dylan-Image. Der Musiker wurde komplett abgeschottet von Fans, Medien und dem, was man Öffentlichkeit nennt. Nach Belieben streute man irreführende Meldungen, kryptische Statements, richtige wie falsche Fährten – ein Spiel, das Dylan virtuos beherrscht bis in die Jetztzeit.

Ab 1963 sorgte die perfekte Publicity-Maschine dafür, dass kein echt privates Stück nach außen drang. Jedes Detail des Start-ups wurde zum Image und man generierte es cool, genial, geheimnisvoll. Jeder Satz, jedes Album, jedes Zitat diente der Imagepflege und dem Schaffen einer Kunstfigur – ein Modell, das Andy Warhol wenig später für sich und die Factory übernahm.

Bob Dylan kam als Robert Allen Zimmerman zur Welt und ähnlich wie im Falle Schicklgruber erschien dies dem Chief Commander als etwas zu sperrig. Dazu äußert sich der Betroffene angeheitert:

„Auch das hat mit dem Schicksal zu tun. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt meines Lebens als Robert Zimmerman gefühlt. Auch nicht vor meinem ersten Auftritt. Manche Leute werden nun mal mit dem falschen Namen geboren, mit den falschen Eltern, so was passiert eben. Deswegen nannte ich mich Bob Dylan.“

Ab da nutzte Dylan seine Masken und Abspaltungen unter den Flaggen der x-beliebigen Authentizität: „Ich bin nur Dylan, wenn ich es sein muss.“

Zum Thema seiner Neugeburt, Häutung oder Metamorphosen liegen stapelweise Essays, Analysen und Doktorarbeiten vor. Der sinnvollste Hinweis dürfte zum walisischen Poeten Dylan Thomas führen. Und von Dylan Thomas führt ein Weg zu dessen Verleger Victor Benjamin Neuberg, der seinerseits ein intimer Buddy von Aleister Crowley war. Bei diesem strotzt es von Bezügen zur Musikindustrie, diversen Geheimdiensten, sonstigen Schattengewalten und okkulten Logen, deren Magie zum zentralen Energiefeld von Hollywood & Babylon gehört.

Das abgefuckte Business

Grossmann, der Wirtschaft sowie ein paar Semester Kinderpsychologie studiert hatte, nahm Dylan bald völlig unter seine Fittiche, ob als väterlicher Freund, Berater auf Augenhöhe wie am Ende auch als Kuppler der erotischen Belange. Er respektierte seine Künstler als Künstler und bildete eine Ausnahme im sonst eher abgefuckten Musikbusiness. Vor allem aber erkannte er den Wert dieser Folkszene und ihre Echtheit und Wahrhaftigkeit. Und er wusste, dass diese Szene für den sensiblen und widersprüchlichen Dylan die optimale und vermutlich einzige Chance bot.

Mit den Idealen des Folk ließ sich dessen Reputation, Profil, Menschlichkeit und Seriosität definieren. In diesem Hafen ließ sich solide ankern, auch weil die Anti-Haltung Dylan und seinem charmanten Minimalismus entgegenkam. Ohne Verrenkungen ließ sich auf dem Boot der Gegenbewegung segeln. Es brauchte dazu zerrissene Jeans, ein T-Shirt mit Rotweinflecken und ein naives Hippie-Image mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Folkies hatten nichts am Hut mit Hitparaden und Plattenumsätzen. Man inszenierte sich als Working Class Heros, Stimmen des Untergrunds, neomarxistische Kämpfer gegen alles Unrecht und opferte sich auf für die gute wahre Sache.

Was der Mischpoke im Hintergrund noch fehlte, war die überragende Stimme dieser Generation, einen neuen Anti-Weltstar, einen Frontochsen für die bevorstehende und milliardenschwere Corrida des globalen Change. Und den hatte man nun unter Vertrag.

Früh schon hatte Dylan das Spiel durchschaut und dies zwischen den Zeilen seiner grandiosen Songs zwischen 1963 und 65 mitgeteilt, aber jetzt gab es kein Zurück. Wenn man dem Chief Commander zugesagt hat, dann gibt es keine Umtauschoptionen mehr und keine Reklamationen nach reiflicher Überlegung. Das erste Gesetz beim Eintritt in die Logen der Illuminierten lautet: „Liebe ab jetzt niemals etwas oder jemand, dessen Sterben du nicht mitansehen kannst.“

Die bereits erwähnte Suze Rotola, seine Muse und wichtigste Liebe verließ Ende 1964 die gemeinsame Bude und setzte sich nach Italien ab. Sie rettete damit ihre Seele und verhalf der Welt zu einigen der ergreifensten Liebesliedern seit der Zeit des Minnegesangs. Sie meinte rückblickend: „Der Erfolg verwandelte meinen Freund mehr und mehr in einen Egozentriker. Und bei solchen Menschen ist es so, dass sich die Persönlichkeit verändert, sobald sie allen anderen, also den Fans, ein Begriff geworden sind. Sie entwickeln dann eine unkontrollierbare Egomanie. Und so war es auch bei meinem Freund. Es macht Klick und plötzlich konnte er nichts mehr wahrnehmen außer sich selbst und das wurde jeden Tag schlimmer.“

Der Megastar und die CIA

Immer großartiger wurde seine Kunst und Songs mit ungemeiner Schönheit und Tiefe, lyrischer Zärtlichkeit wie Machohärte, mit biblischen Referenzen und Shakespeare hier und Verlaine dort sprudelten wie Wasser aus einer Quelle. Er mischte den Folk mit Blues und Country und öffnete ihm zum Entsetzen der Pietisten den Weg zum Elektrorock. Daneben musste er auch noch leben, Eindrücke sammeln, ins Kino und Theater gehen, Freundinnen und Geliebte glücklich machen, mit Kumpels zechen und halbwegs heile aus der Acid&Speedball-Mühle herauskommen.

Wer anders als die New York Times deklarierte Dylan 1965 zu der markantesten Persönlichkeit unserer Zeit nach John F. Kennedy, worauf Newsweek umgehend titelte: „Bob Dylan ist für die Popmusik das Gleiche ist wie Einstein für die Physik.“

Obwohl Dylan alles tat, um die Welt da draußen zu provozieren, zu konfrontieren oder einfach rund um die Uhr zu verarschen, kam er mit allem davon. Die Medien lagen ihm mit masochistischer Ergebenheit zu Füßen, verspottete Kollegen verzichteten auf Kraftproben und die weltweiten Kritiker entdeckten selbst in leicht banalen Zeilen wie „Lay Lady Lay“ metaphysische Magie. Der Megastar genoss Artenschutz.

Der Deal mit dem Chief Commander garantierte Mister Supercool die absolute Unverwundbarkeit. Und dazu kam die Liason mit der Zauberflöte Joan Baez, der Mona Lisa-Ikone der Counterculture. Sie lagen im Bett und standen auf der Bühne, marschierten in der ersten Reihe bei den großen Demos und mit einem einzigen Befehl hätten die beiden eine weltweit erwachende Generation in die große Schlacht gegen das Böse schicken können

Womit wir bei der Macht wären und ihrem treusten Diener, dem CIA. Ab 1960 liefen verschiedene Operationen an, um diese umtriebige Generation, die wütenden Schwarzen, die neuen linken Intellektuellen und den Sumpf der Kennedys ins Visier zu nehmen. Man kann all das bei Wikipedia nachlesen: Operation Mockingbird, Operation Bluebird, Operation Chaos und den grausamen Spuk der MKULTRA-Programme.

Freiheit und Change als Teil des Mainstream

„The Times are a’ changing“ wurde der Song zum Jahrzehnt und er besang mit genialer Ambivalenz sowohl den Husarenritt der Bürgerrechtsbewegung wie auch das staatlich geförderte Kontrollprojekt. Leuten wie Grossmann war sehr schnell klar, dass man mit Begriffen wie Freiheit oder Change, die alles und nichts bedeuten, die Märkte der Zukunft zunächst schaffen und wenig später auspressen würde. Change, das versprach aus dem Nichts heraus neue Produkte, neuen Absatz, neues Zielpublikum. Je mehr Wechsel auf allen gesellschaftlichen und kulturellen Ebenen bewirkt werden konnte, desto mehr Milliarden würden fließen.

Ironischerweise wurde der Begriff der permanenten Kulturevolution von Mao geprägt. Aber das war völlig egal, denn selbst kommunistische, buddhistische oder offen anarchistische Tools ließen sich lässig in die Pop-Rock-Revolution integrieren. Es wurde eine weltumspannende Maschinerie angefeuert, die als Subkultur gebrandet von Beginn an reinster kommerzieller Mainstream war.

Das Axiom dafür: die industrielle Erzeugung des Produktes Change auf allen Ebenen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Lucy in the sky, Let’s spend the night together, California Dreaming – das war sexy, erregend, inspirierend, jung, frisch. Es entstand rund um Monterrey und Woodstock und wurde mit den Hells Angels in Altamont, der staatlichen Heroinschwemme, den schrittweise programmierten Black Panthern und dem Charles Manson-False-Flag zu Grabe getragen.

Parallel zum kurzen Sommer der Liebe und Anarchie entstand in den USA der späten Sechziger das Fundament dessen, was heute weitgehend abgeschlossen ist: Staaten im Würgegriff der Geheimdienste, die hemmungslose Überwachung und Unterwanderung von allem und jeden, die mediale Konzentration auf eine Handvoll Propagandaverlage, die globale Kapitalisierung und die Machtkonzentration in jener „Deep-State-NWO“.

Dylan spricht das durchaus in seinem Change-Lied an, wenn er ein paar anonyme Figuren hinter dem großen Spinnrad erwähnt. Es ist ein überaus kluges Gedicht, welches, wie so oft bei ihm, verschiedene Lesarten erlaubt. So wie er den Wechsel begrüßt und mitträgt, so warnt er vor der schönen neuen Welt. Die alte Ordnung bricht in sich zusammen, gut, schön und dann? Leere Kirchen, brennende Paläste, geköpfte Könige. Der neue Gott erweist sich als goldenes Kalb, Banken, das große Geld, die freien Märkte, sinistre Orden, gekaufte Politik und die Zeitgeistphrasen der Leitartikler.

Sympathy for the devil

Innerhalb von 14 Monaten erschienen drei neue Dylan-Platten, roh und juvenil, witzig und genial und jede einzelne bildet einen Meilenstein der westlichen Musikgeschichte. Dylan ist spätestens 1966 mit „Blonde on Blonde“ der König des Folk, des Rock, der Poesie und der gesungenen Menschenrechte.

Songs wie „Hard Rain“ oder „Masters of War“ zeigen klare Positionen zu Vietnam, zu Rassismus und der Paranoia nach den Morden an Kennedy und Martin Luther King. Nicht zu vergessen, das Zirkus&Militärmarsch-Lied „Everybody must get stoned“; was bedeuten mag, dass man sich nur noch vollaufen lassen kann oder zum anderen, dass jeder eines Tages gesteinigt wird, ob Präsident oder Poet.

John Lennon 1969 (cropped). (Foto: Joost Evers, Anefo Auteursrechthebbende Nationaal Archief Materiaalsoort)

John Lennon 1969. (Foto: Joost Evers)

Während er durch die Welt tourte, versanken die USA im Chaos: Aufstände, Demos, Schlachten, brennende Städte, Explosionen, Napalm und andere Gifte, Gewalt, Amok, Hass. Mit der Ermordung von Robert F. Kennedy wurde die Traumatisierung des nordamerikanischen Kontinents erfolgreich abgeschlossen. Der Teppich wurde ausgerollt für Nixon, Reagan, Rumsfeld, Kissinger, Bush, Cheney und ihre anonymen Hintermänner.

Der Chief Commander, Abteilung Musik, hatte jetzt eine Menge zu tun. Hunderte von Künstlern schwammen in Ruhm und Geld und durften sogar noch vom Street Fighting und Revolution Nr. 9 schwärmen. Doch nun war Schluss mit dem Anheizen. Die Vorstellung war beendet. Die Stones erklärten mit „Sympathy for the devil“ ihre Kompromissbereitschaft und residierten in britischen Landschlössern, fuhren Jaguar und Rolls Royce, hielten sich sultanische Harems und bestellten ihren Stoff direkt bei den Schweizer Pharmafirmen. Viele andere Bands gaben klug nach und widmeten sich Heavy Metal, Schnulzenmusik, Satanismus oder lösten sich auf.

Wer nicht mitspielte im Zirkus, bekam Steine in den Weg gelegt. Die Etappe der seriellen Flurbereinigung begann in etwa mit Brian Epstein und endete 1980 mit John Lennon. Der 27er-„J“-Loge traten nach Robert Johnson dann Brian Jones, Janis Joplin, Jimmy Hendrix und Jim Morrison bei, sowie Michael Jeffrey, der Manager von Hendrix.

Es mag dabei erstaunen, dass ausgerechnet Rockmusiker, die mehr von Alchemie verstehen als alle Medizinprofessoren der Welt, derart häufig an Überdosen strauchelten. Die Redakteure beim Rolling Stone kamen gar nicht nach mit all den Nachrufen und und vor allem fallen einem Tim Buckley, Jim Croce, Lenny Bruce, vier Jungs von den Grateful Dead, Mama Cass Elliot, Marc Bolan, Gram Parsons, Duane Allmann, Phil Ochs, Bob Marley oder Keith Moon ein – urplötzlich mitten aus dem Leben gerissen, das Herz, die Leber, der Stress oder Crossroads eben, wie ganz konkret im Falle James Dean.

„Ich kam zu nahe ans Licht …“

Dylan hatte zur großen Enttäuschung von Joan Baez und auf Empfehlung Grossmann eine sehr hübsche Frau, das Ex- Model Sara Lownds geheiratet, laut Dylan ein Familienmensch, der nicht dauernd Fragen stellt. Parallel brockte ihm Grossmann für 1965 ohne irgendeine Absprache eine Mammut-Tournee ein. Nun ging es ans Eingemachte, also darum eine scheinselbstständige Fabrik zu werden oder ein kreativer Kopf zu bleiben und seine Menschlichkeit zu bewahren. Das Entweder-oder baute sich in großen schwarzen Lettern auf am Horizont und er begriff: Wer einmal eingecheckt hat in Maggies Farm braucht ein schnelles Pferd.

Am frühen Morgen des 29. Juli 1966 holte er seine reparaturbedürftige 500 CC Triumph Tiger 100 aus der Garage seines Nachbarn Albert Grossmann ab. Hinter dem verkaterten Biker fuhr die schöne Sara. Dann kam noch die Sonne als Zeuge dazu und blendete den Lenker. Es kam zu einem prächtigen Sturz. Sara half ihrem Ehemann in das Auto und fuhr ihn fast zwei Stunden lang über zu dem 50 Meilen entfernten Hausarzt, Dr. Thaler. Danach war er wochenlang verschwunden.

Während die Musikwelt trauerte, betete und rätselte, Fragen stellte und Mutmaßungen formulierte, fütterte sie Dylan mit einer symbolistischen Erklärung: „Ich kam zu nahe ans Licht. Ich war geblendet. Und ich kann mich an nichts erinnern.“ Ein paar Monate später erlitt Vater Abe mit 58 Jahren einen Herzinfarkt. God said to Abraham, give me your son …

Kein Kaiser der Ketzer, kein Erzbischof der Anarchie

Es war eine gefährliche und mörderische Zeit, für Amerika, für die einst so fröhliche Bewegung, für mutige Menschen, für Bob Dylan. Was immer vorfiel an jenem Morgen: Er war dem Tod von der Schippe gesprungen. Spätere Bonmots, wie jenes aus dem Jahre 2006, lassen unklar, wer wen auf die Schippe nimmt: „Wissen Sie, man kann eine Menge lernen aus den großen alten Büchern des Mystizismus. Wenn Sie mich also gerade etwas fragen, dann reden Sie mit einer Person, die schon lange tot ist. Sie befragen einen Menschen, der überhaupt nicht existiert.“

De facto machte er nach 1966 für acht Jahre keine Tournee mehr. Er zog sich zurück, mimte den biblischen Stammesvater, zeugte vier Kinder, lebte kerngesund, führte extrem hässliche Hunde aus, jodelte glockenhell-fröhliche Country-Songs und provozierte seine „linke“ Gefolgschaft mit der Männerfreundschaft zum „rechten“ Country Boy Johnny Cash.

Nie wieder vernahm man von Dylan seither ein politisches Statement, einen Kommentar zu Bush oder Clinton, ein paar Worte zu 9/11 und den amerikanischen Folgekriegen. Er kehrte den Freunden aus der Folk-Szene den Rücken zu und erschien Joan Baez mehr ein Geist denn ein Mensch zu sein. Mit grimmiger Miene ließ er sich von Bill Clinton und Obama Ehren-Medaillen ans Revers heften und ließ sich in Stockholm beim Nobelpreis von Patti Smith vertreten. Ansonsten reist er mit seiner kleinen Band um die Welt, Jahr für Jahr, Tag für Tag, wortlos, stoisch und pünktlich wie ein Schweizer Uhrzeiger. Muss man sich Dylan als glücklichen Menschen vorstellen?

Im Rückblick auf jenen Vorfall, als ihn im Verlauf des „Destiny Things“ die Sonne zu sehr blendete, heißt es in seiner Autobiographie:

„Ich musste es erleben, dass ich zum Oberpopanz der Rebellion ernannt worden war, zum Hohepriester des Protests, zum Zaren der Anders-denkenden, zum Herzog der Befehlsverweigerung, zum Chef der Schnorrer, zum Kaiser der Ketzer, zum Erzbischof der Anarchie, zum großen Zampano. Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte und ich wusste auch nichts über diese Generation. Ich hatte nie die Absicht gehabt, anderer Leute Meinung ins Mikro zu schreien.“

Termine der Never Ending Tour: 5. Juli in Hamburg, 6. Juli in Braunschweig, 7. Juli in Mainz, 9. Juli in Erfurt und 10. Juli in Stuttgart.


Quellen und Anmerkungen

[1] Bob Dylan spielte den Song „Blowing in the wind“ zum ersten Mal im Januar 1963 im britischen Fernsehen. Er spielte den Song auch während seines ersten nationalen US-Fernsehauftritts, der im März 1963 gefilmt wurde. Es war eine Performance, die 2005 auf der DVD-Veröffentlichung von Martin Scorseses Fernsehdokumentation über Dylan „No Direction Home“ veröffentlicht wurde. Eine Behauptung, dass das Lied von dem High School Schüler Lorre Wyatt geschrieben und anschließend von Bob Dylan gekauft oder plagiiert wurde, bevor er berühmt wurde, wurde in einem Artikel in der Zeitschrift Newsweek im November 1963 berichtet. Die Behauptung des Plagiats erwies sich später als unwahr. Mehr zum Thema auf Snopes: Blowin’ in the Wind: Was the Bob Dylan song ‚Blowin‘ in the Wind‘ actually written by a New Jersey high school student? Auf https://www.snopes.com/fact-check/blowin-in-the-wind (abgerufen am 04.07.2019).


Fotos: Richard Mcall (Pixabay.com; Pixabay Lizenz), Rowland Scherman; U.S. National Archives and Records Administration (Dylan mit Joan Baez während des „March on Washington for Jobs and Freedom“, 28. August 1963; Public Domain) und Joost Evers, Anefo Auteursrechthebbende Nationaal Archief Materiaalsoort (John Lennon 1969; CC0 1.0 Universal; Public Domain Dedication)

Reporter und Essayist | Webseite

Wolf Reiser ist Reporter und Essayist und pendelt zwischen München und Athen. Er schreibt für alle nennenswerten Blätter im deutschsprachigen Raum und ist Autor mehrerer Bücher, Hörspiele und Filmskripte. Weitere Informationen unter www.wolf-reiser.de.

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1 Response

  1. Harry H. sagt:

    Hallo, wieso gilt B.D. hier als „ergraute Ikone“? Er war — das stimmt -als genug, um wie vor ihm Grass den Literaturnobelpreis zugesprochen zu bekommen … Gruß, Harry

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