Linda Moulhem Arous: Die negative Freiheit im System

Frei und gleich sollen wir alle sein, was ich mir durchaus wünschen würde, aber die Realität hat all zu oft gezeigt, dass dem nicht so ist. In meinem neuen Video versuche ich den Unterschied zwischen negativer und positiver Freiheit zu erklären.


Unterdrückung und das gute Leben

Meine Überlegungen sind inspiriert vor allem durch die Theoretikerinnen Iris Marion Young [1] und Martha Nussbaum [2]. Beide beschreiben, was eine faire, gleiche und gerechte Gesellschaft ausmachen sollte.

Young legt den Fokus auf die fünf Formen der Unterdrückung

  • Ausbeutung
  • Machtlosigkeit
  • Marginalisierung
  • Kulturimperialismus
  • Gewalt

Der Staat muss hier für die grundlegenden Bedingungen sorgen, also die Verteilungsgerechtigkeit und die Bedingungen für kollektive Kommunikation und Kooperation. Damit eine Gesellschaft gerecht ist, darf es keine Unterdrückung geben.

Nach Young existiert aber immer mindestens eine unterdrückte und eine privilegierte Gruppe. Sie sieht, dass es zwar formal in den meisten Systemen eine gewisse Gerechtigkeit gibt, in der Realität hingegen existiert diese nicht, weil immer einzelne Gruppen benachteiligt sind.

Positive und negative Freiheit

In Martha Nussbaums „aristotelischen Sozialdemokratismus“ soll der Staat eine aktive Rolle einnehmen, um für das „gute menschliche Leben“ zu sorgen. Jedem muss der nötige Lebensunterhalt zugesichert und zudem nach den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen geschaut werden. Dementsprechend muss es dann zu einer Förderung und Befähigung kommen.

Der Staat stellt eine Regierung über freie und gleichgestellte Bürgerinnen und Bürger dar. Um diese Freiheit und Gleichheit zu erreichen, wird jedem das Nötigste und zusätzlich das, was er oder sie nach Leistung bekommen sollte, zur Verfügung gestellt. Wichtig ist, dass Bedürftigkeit immer über dem Privateigentum steht.

Nussbaums Grundidee besteht darin, den Besitz zu minimieren, denn mehr ist ungleich besser. Gerechtigkeit entsteht hier durch eine gleichmäßige Verteilung und die individuelle Förderung und Befähigung.

Beide Theorien fordern eine Positive Freiheit, welche einen Unterschied zur liberalen Negativen Freiheit darstellt.

Das letzte Wort

Ob es nun Menschen mit Behinderungen, einem Migrationshintergrund, mit „anderen“ sexuellen Orientierungen oder sonst etwas sind oder ob es Altersdiskriminierung oder die Diskriminierung der Frau ist: Der Staat muss hier eine aktivere Rolle einnehmen, damit alle Menschen zu einer gut funktionierenden und gemeinschaftlichen Gesellschaft heranwachsen.

Doch zurzeit sehe ich jeden Tag nur Hass und Gewalt. Ich möchte keine Kinder in so eine Welt setzen …


Quellen und Anmerkungen

[1] Iris Marion Young (1949-2006) lehrte Politikwissenschaft an der University of Chicago. Sie forschte in den Bereichen feministische Sozialtheorie, normative Politikfeldanalyse und zeitgenössische Politische Theorie und verfasste zahlreiche Beiträge über Gerechtigkeitstheorie, Demokratische Differenzierung und internationale Beziehungen.

[2] Martha Craven Nussbaum (Jahrgang 1947) ist eine US-amerikanische Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. In ihren Arbeiten fließen die Philosophie des Aristoteles und der Stoa ein. Nussbaum vertritt die These, dass eine sachgemäße Ethik die Ebene der Emotionen einbeziehen und ihnen einen eigenen Erkenntniswert zuschreiben muss.


Symbolfoto und Video: Charles Etoroma (Unsplash.com) und Linda Moulhem Arous (mit Material von Stern TV, Sendung vom 02.08.2017, RTL)

Studentin der Politikwissenschaften

Linda Moulhem Arous (Jahrgang 1998) studiert Politikwissenschaft, ist aktives Mitglied bei der Partei Die Linke in Hamburg und bloggt auf YouTube.

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